Die letzten Tage
des Eispalastes
(Leseprobe aus: Eros, Roman, 2006, DuMont)
Stellen Sie sich eine kurzgeschorene, sehr gepflegte Wiese vor. Darauf ein
Pavillon im pseudochinesischen Stil, darunter eine sehr gepflegte deutsche
Familie im Sonntagsstaat: Der Vater, die Mutter, ich, etwa dreizehn Jahre alt,
und meine Schwestern, die Zwillinge, drei Jahre jünger.
Dahinter ein großes Haus, eine große weiße Villa im Sonnenlicht. Es ist hell,
eine fast gleißende Helle umgibt jene Menschen. Man sitzt um einen runden
zartgrünen Marmortisch. Darauf stehen sechs Eisbecher mit Zitroneneis. Es sind
sechs Stück, weil Keferloher zu Gast ist.
Keferloher war es, der in dieser Sekunde unserer Allacher Villa, der riesigen
weißen Jugendstilvilla im Norden Münchens den Namen Eispalast gab, scherzhaft,
an jenem Augustnachmittag, an dem er mit meinen Eltern im Gartenpavillon
Zitroneneis zu sich nahm und die Farbe dessen, was er aß, verglich mit der
Farbe dessen, was er in der Sonne leuchten sah.
Eispalast! rief ich, trunken von dem schönen Wort, und meine schwesterlichen
Papageien griffen es mit ihren grellen Stimmchen auf: Eispalast! Eispalast!
Cosima und Constanze hießen sie, benannt nach Komponistenwitwen. Ich nannte sie
meistens Coco Eins und Coco Zwei.
Keferloher war damals geschäftsführender Direktor in den Fabriken meines
Vaters, Fabriken für Metallverarbeitung und Vulkanisiermaschinenbau, die ein
Jahr nach Kriegsbeginn auf die Produktion von Rüstungsgütern aller Art
umgestellt worden waren. Mein Vater betrat die Gebäude so selten wie ungern,
ausschließlich zum Zweck der Repräsentation. Das Wort Fabrikbesitzer klang ihm
verhaßt, als Beruf gab er stets, sogar bei den Behörden, Architekt an. Ohne je
irgendwo ein Diplom abgelegt zu haben. Dennoch zu Recht. Wenn jemand für die
Architektur gelebt hat, war es mein Vater; die Frage, ob er Talent besaß oder
nicht, rückt in den Hintergrund vor so viel Passion. Er entwarf Kirchen,
Brücken, Parkanlagen... Alles für die Schublade. Oder für eine ferne Zukunft
– nach dem Krieg.
Im Eispalast waren eine Köchin, zwei Putzfrauen, ein Diener, ein Gärtner und
drei Erzieher angestellt. Kein Chauffeur. Das lohnte sich nicht. Papa fuhr immer
selbst, wenn er fuhr, auch wenn das unsere Mutter entsetzlich fand. Mama litt
unter gelegentlichen Ohnmachtsanfällen. Niedriger Blutdruck. Das war ihr
peinlich, aber ansonsten ging es uns gut, mustergültig gut. Ein viertes Kind
hätte ihr das Mutterkreuz beschert; sie legte keinen Wert darauf.
Es ging uns so gut, daß Papa in jedem Jahr Familienfotos knipsen ließ und
diese, wie Kunstwerke gerahmt, an die Wendeltreppe zum ersten Stock nageln
ließ. Wir waren, glaube ich, tatsächlich eine Art symbolbefrachtetes Kunstwerk
für ihn, und wenn eines von uns Kindern sich nicht kunstgerecht gebärden
wollte, tadelte er es mehr aus ästhetischen denn aus pädagogischen Motiven.
Meine Schwestern bekamen Klavierunterricht. Ich, weil ich mich wenig musikalisch
gezeigt hatte, mußte die Posaune erlernen, ein Instrument, welches mein Vater
als “auch mit geringer Neigung bald beherrschbar” ansah. Wenigstens ein
Instrument zu beherrschen, sei für jeden Kulturmenschen Bedingung. Ebenso legte
er Wert auf alte Sprachen sowie eine fundierte theologische Ausbildung. Nicht,
weil er sehr gläubig gewesen wäre, sondern weil er die Theologie für den
Nährboden eines, so drückte er sich aus, höheren philosophischen
Auseinandersetzungswillens mit der Welt ansah, ähnlich heutigen Eltern, die
ihre Kinder wieder zum Konfirmationsunterricht schicken, nur um sicherzustellen,
daß aus ihnen später gute Atheisten werden.
Unser Familienleben wurde von meinem Vater raffiniert durchdacht, von meiner
Mutter loyal unterstützt. Was sie nicht begriff, machte sie durch Gehorsam und
Hingabe gut. Oft beobachtete ich Papa, wie er die Stirn senkte und, von der
Auffassungsgabe seiner Gattin frustriert, Ablenkung in einem Teppichmuster
suchte, wie er dann Trost dadurch empfing, daß jenes geborene Freifräulein von
Hohenstein, ein solches war meine Mama, keiner Anordnung zu widersprechen wagte.
O ich begriff, welche Anstrengung meinen Vater jenes Dasein als Oberhaupt einer
mustergültigen Familie kostete, begriff auch, welchen Stolz er am Ende eines
Tages neben sein Kissen bettete, er, dieser gebildete, künstlerisch veranlagte
Mensch, der nach schlichten Prämissen alles Wesentliche geschafft hatte, der
reich war, geachtet und geschmackvoll, der die Pflicht zum Nachwuchs in Einklang
gebracht hatte mit einem Leben in geheimer Überhöhung. Gut, natürlich lüge
ich hemmungslos, natürlich begriff ich es damals nicht wie heute, natürlich
war ich ein undankbarer Pimpf, der sich unreine Reime auf alle Dinge erlaubte
und feist in unbewußtem Wohlstand dahinlebte.
Meine Schwestern hatten Glück. Sie wären geistig ernsthaft nur ausgebildet
worden, wäre mir etwas zugestoßen. So konnten sie dumm bleiben und sich an
vielerlei kleinen Dingen freuen. Mein Vater machte keinen Hehl aus seiner
Geringschätzung des weiblichen Geschlechts, jedoch tat er es als etwas
Bedauernswertes ab, was geändert werden müßte, wenn es denn je geändert
werden könnte.
Insofern war er mit seiner Gattin recht zufrieden. Zeigte keine Ambition, ihr
mehr zuzumuten oder beizubringen als nötig. Mich dagegen behandelte er wie
seine liebste Rippe, aus der sein Ebenbild geschnitzt werden müßte. Weihte
mich ein in die Mysterien germanischer Hochkultur - was ich damals, unter uns
gesagt, todlangweilig fand.
Was mir mein Vater vor allem beibringen wollte, war eine Form der Würde, die in
der Größe erhaben, in der Not stoisch reagierte, und immer um die eigene
Wirkung mehr bewußt war, als um das eigene Wohlergehen, ganz und gar auf
Äußerlichkeit bedacht, so, als sei der Mensch nichts, ohne Menschen, die ihn
beurteilten. Alles, was mein Vater tat, tat er wie unter Beobachtung einer
strengen Jury, die Haltungs- und Charakternoten vergab. Individualität schien
ihm etwas zu sein, dem man sich erst nach der Vorstellung, quasi in seinen
Privaträumen hingeben durfte, selbst dann nicht unkontrolliert. Vielleicht bin
ich zu hart im Zusammenreimen meiner Erinnerungen, aber mir meinen Vater
ausgelassen vozustellen, von reiner, lärmender Freude beseelt, dazu reicht
meine Phantasie
nicht hin. Ich glaube, er litt daran, daß er nie auf eigenen Füßen stehen
mußte, daß er von der Wiege auf in eine Ordnung hineinwuchs, die zu verweigern
es keinen vernünftigen Grund gab. Er mußte nie etwas aus sich machen, mußte
nur zum bereits Vorhandenen passen, eine ihm angewiesene Leerstelle ausfüllen.
Dies tat er mit Glanz und Bravour, und erst als seine Welt aus den Fugen geriet,
fand er sich vor Entscheidungen gestellt, mit denen sein Denken nicht mehr
zurecht kam.
Von seinen architektonischen Entwürfen wurde so gut wie nichts verwirklicht,
was nichts besagt, da es ihm um die Realisierung seiner Ideen ja gar nicht ging.
Seine Kreativität begnügte sich mit Papier, Rechenschieber und Bleistift. Mir,
im Gegensatz zu den Papageien, zeigte er manchmal die Skizze eines Theaters,
einer Parkanlage, einer Gartenbrücke. Ich war alt genug, um zu begreifen, daß
ich diese Dinge noch nicht begreifen mußte, ja durfte, daß ich sie
ausschließlich zu sehen bekam, um auf meinen Vater stolz zu sein, nicht, um
über sein Werk ein Urteil abzugeben.
Mein Vater war ein Humanist und überzeugter Deutscher. Den Nazis gegenüber
keineswegs von blinder Hingabe, dennoch aufgeschlossen, überrascht von ihren
Erfolgen. Das deutsche Reich in den Grenzen von ‘42 nötigte ihm Vergleiche
mit Rom unter Traianus ab. Er fand das auf gewisse Weise großartig, einmal
äußerte er, sinngemäß, die Deutschen gäben dem Wort Geschichte seine alte
Wucht und Dimension zurück.
Nun ja. Ich übte Posaune. Sehr ungern. Meine Mutter sagte mir, daß es nun mal
so sein müsse. Weil es eben ist, wie es ist. Damals klang das logisch. Die
Posaune besitzt den Vorteil, daß man lesen kann, während man bläst.
Einmal wurde ich beim Lesen vor lauter Posaunespielen ohnmächtig. Die Papageien
rannten in mein Zimmer, nahmen mir das Buch weg, ich kam wieder zu mir, rannte
ihnen hinterher. Unten an der Treppe stand mein Vater, mit dem Buch in der Hand.
Es war Justine, vom Marquis de Sade. Ich hatte das Buch aus seinem Giftschrank
gestohlen. Nun – er hätte mich nie geschlagen. Leibliche Berührung war ihm
immer etwas unangenehm. Er verschloß das böse Buch im Giftschrank und redete
zwei Wochen nicht mit mir. Vielleicht hatte er Angst vor einer Aussprache. Ich
hätte ihn schließlich fragen können, weswegen er dieses Buch besaß.
Mama zeigte Sorge, daß ich von ihr die Neigung zur Ohnmacht geerbt hätte, und
ich mußte fortan nicht mehr so viel Posaune üben. Aber mit De Sade war's aus.
Mir blieb nur ein medizinischer Atlas, mit dem Schemen eines weiblichen Körpers
darin, der Harnröhre und Leber in derselben Farbe darstellte. Zwei Wochen
später dann sagte mein Vater zu mir:
“Denk daran, daß du ein Deutscher bist. Dürer schaut auf dich herab!” Und
er zeigte auf einen Druck in der Diele, Dürers Selbstbildnis, mit langem Haar,
ich glaube, es war ein Ersatz, weil er Jesus nicht so ganz leiden konnte. Dürer
schaut auf dich herab! Das wurde irgendwann, selbst für meine flachen
Schwestern, zum geflügelten Wort, über das man heimlich lachte, beim Lachen
aber Scham empfand und Verbotenheit. Wie man irgendwann aufs Feld geht und ruft:
Gott, du bist ein blöder alter Gauch!
Und kein Blitz fährt hernieder, weil Gott gerade nicht hingesehen hat. Dürer
dagegen sah immer herab.
Daß ich von drei Privatlehrern unterrichtet wurde, war schlimm und langweilig
genug, aber zu allem Übel war es meinem Vater eingefallen, mich, gegen meinen
Willen und ohne Angabe von Gründen, vor der Hitlerjugend zu bewahren.
“Hast du eine Ahnung”, fragte er, “was ich unternehmen mußte, um dir das
zu ersparen?”
Ich begehrte patriotisch auf, wollte Pimpf sein und in Zelten schlafen,
liederschmetternd den Wimpel meines Fähnleins durch Wotans dunkle Wälder
tragen. Und ein Fahrtenmesser haben. “Ich will aber! Alle sind dabei!”
Er duldete keine Diskussion, schob mich in die Arme meiner Mutter, die mir
dringend riet, zu schweigen, es sei nun einmal, wie es sei, und nichts, was ich
täte und sagte, könne die Entscheidung meines Vaters noch ändern.
“Glaub mir”, sagte sie stets, “ich kenne ihn länger als du.”
Sein Steckenpferd war romanische Architektur, speziell jene in Oberbayern, ich
glaube, er träumte davon, daß die Architektur irgendwann einmal neoromanische
Züge tragen könnte, und er dann ihr staatsbeauftragter Experte und
oberpriesterlicher Baumeister werden würde – eine Verrücktheit? Gewiß, aber
in Anbetracht der Machtverhältnisse schien überhaupt nichts verrückt genug,
um nicht eine gewisse dunkle Hoffnung zu erlauben. Vielleicht stießen die Nazis
bei ihm deshalb auf Duldung – sie ließen so gut wie alles als möglich
erscheinen, hatten die Welt aus der Bahn geworfen, ein simples Faszinosum des
Neuen, das im Rückblick meist unterschätzt wird. Ich glaube, wer damals
dachte, der Faschismus sei zwar etwas zu Verurteilendes, sei aber von solch
überwältigender Kraft, daß er die Welt in den nächsten Jahrzehnten
beherrschen werde, dem kann man nicht plump Dummheit vorwerfen. Wenig hätte
gefehlt, und der Lauf der Geschichte hätte demjenigen Recht gegeben. Zu
glauben, das Gute habe aus sich selbst heraus siegen müssen, ist Idiotie.
Zur Leibesertüchtigung spielte ich Tennis, dreimal die Woche, mit Volker, dem
erstgeborenen Sohn Keferlohers. Er war vier Jahre älter als ich und deshalb als
Auskunftsstelle in geschlechtlichen Fragen ungeeignet. Ihm war anzusehen, daß
er mit mir Tennis spielen mußte, weil sein Papa der Vize von meinem war. Wir
spielten schweigend, jeweils eine Stunde pro Tag. Ich habe im Leben nichts
Blöderes gemacht, wenigstens nicht so regelmäßig.
Volker ist später an der Ostfront gefallen.
Der Krieg kam uns näher. Meine Erinnerungen nehmen zu. 1944 weiß ich noch ganz
gut.
Im März wurde das Residenztheater total zerstört, im April Sankt Bonifaz, mit
der romanischen Basilika Zieblands, die meinem Vater als Muster historischen
Bauens gegolten hatte. Sowie die neuromanische Maximilianskirche, das Hauptwerk
des Freiherrn Heinrich von Schmidt. Sogar die Details sind mir noch geläufig.
Jedesmal weinte Papa. 1944. Das erste Jahr der Furcht. Vorher war es
ein wirklich toller Krieg, ich würde lügen, wenn ich behauptete, es anders
empfunden zu haben. Und nun: Phosphor, Feuer, Schrecken. Gelbe, graue, schwarze
und braune Schwaden verdüsterten tagelang den Himmel. In nächster Nähe:
Straßen, übersät von Splittern und Trümmern. Der Brandgeruch, der Brand- und
Mauerschutt in hohen, stinkenden Haufen. Juni und Juli lag der
Angriffsschwerpunkt im Norden der Stadt, BMW wurde schwer getroffen, trotz
künstlichen Nebelschutzes, die in Allach liegenden Werke von BMW und
Krauß-Maffei erlitten leichtere Treffer. Mitte Juli brannte der Chinesische
Turm im Englischen Garten, danach erwischte es den Tierpark Hellabrunn. Viele
Tiere starben, Zebras, Antilopen, Büffel, Rentiere, Kamele, Bären und Hirsche.
Fast alle Münchner Schulen waren beschädigt. Mein zuvor beargwöhnter
Privatunterricht stand nun außer Frage. 1944 war das Jahr des stärksten
Flakfeuers. Das hellklingende Surren der anfliegenden Maschinen verdichtete sich
zu einem ungeheuren Brausen, die zweite Welle, die dritte, vierte. Von nun an
gab es Bomben mit Zeitzündern, die in die Häuser einfuhren, in halber Höhe
des Hauses oder im Schutt des Einsturzes steckenblieben und dort erst nach
sechzig bis achtzig Stunden explodierten. Ich wurde religiös. Ich betete zum
Führer, bestraf sie! Ich hatte nie zum Führer gebetet, aber der Haß, den ich
beim Anblick der halb zerstörten Stadt empfand, trieb mich dazu, den meines
Glaubens Einzigen anzubeten, der die Macht besaß, solche Verbrechen zu
bestrafen. Nebenbei: Krauß-Maffei überstand den Krieg fast unversehrt. Möchte
man nicht glauben. Und, stellen Sie sich vor, was heute kaum noch jemand weiß:
Im Sommer, bis Mitte September, beinahe übereinstimmend mit den Sommerferien,
gab es keinen einzigen Angriff. Die Menschen entspannten ein wenig. Dann flogen
sie wieder, die Mustang, Lightning, die viermotorigen Stirlings, Mosquitos,
Halifax und Lancasters, die Briten kamen in der Nacht, die Amis, mit ihren
B17-Fortresses und B-27 Liberators, am Tag.
Wir verzärtelten Eispalastbewohner hatten gelernt, mit Volksgasmaske,
Feuerpatsche, Löscheimer, Einstellspritze und Verbandskasten umzugehen, wenn
nicht in der Praxis, so zumindest in der Theorie. Am nordwestlichen Ende von
Allach lag ein Standort der schweren Flakartillerie, mit viel Hitlerjugend im
Einsatz, als Meldegänger, Helfer der Feuerschutzpolizei und was weiß ich noch
alles. Mir blieb das Meiste erspart.
Und ich begegnete Sofie zum ersten Mal.
Man hörte von Norden die ersten Einschläge, danach erst die Alarmsirenen, so
spät war's inzwischen in Deutschland. In unserer Straße lebten viele, die in
den Werken meines Vaters arbeiteten. Diese Straße besaß nur einen einzigen
Luftschutzkeller. Meiner Mutter war das gar nicht recht. Mir schon. Inzwischen
mochte ich den Luftalarm.
Luftalarm bedeutete, es würde eine Möglichkeit geben, Sofie nahe zu sein.
Von nun an war alles anders. Wenn ich die Sirenen hörte, zuerst war es ein auf-
und abschwellender Heulton von einer Minute Länge, später zwei auf- und
abschwellende Heultöne von insgesamt acht Sekunden Dauer, eine höllische
Musik, aber, wissen Sie was:
Mein Herz juchzte, und wenn es abend war, juchzte es noch lauter, quiekte wie
ein glückliches Schwein, denn – wir würden vermutlich die ganze Nacht im
Luftschutzkeller verbringen, ich oben auf dem Stockbett, mit anderen Kindern aus
meiner Straße, und wenn ich es ein bißchen arrangierte, würde ich mit ihr,
meiner Geliebten, die ganze Nacht in einem Bett zubringen. Welcher
Vierzehnjährige kann das von sich behaupten! Wenn eine Bombe in der Nähe
explodierte, würde ich einen Vorwand haben, Sofies Hand zu halten. Sie gehörte
zu einer jener Familien in unserer Straße, die nicht arg viel zu verlieren
hatten, die umso inniger um jenes Bißchen beteten. Ich wünschte mir jede Nacht
einen Bombenhagel. Oh, wie ich sie liebte! Wie man eben liebt, wenn man es nicht
gewohnt ist. Nicht? Sie kennen das? Natürlich. Heute scheint mir, es war da
plötzlich eine Liebe in mir, vielmehr der Wille zur Liebe, der, nachdem er sich
in mir eingenistet hatte, nach einem Opfer Ausschau hielt, nach dem erstbesten
hübschen Mädchen, kann schon sein, nicht? Plötzlich wollte ich nicht mehr zur
HJ. HJ – das war für Kleinkinder. Ich hatte ein Ziel, einen Sinn, ein, wenn
auch noch vages Gefühl.
Ich erinnere mich an jene Nächte so gut. Meine Mutter, die sich unwohl fühlte
zwischen den einfachen Menschen und nicht reden wollte, mein Vater in stoisch
ausdrucksloser Haltung. Wir Kinder, in Schuhen und voller Bekleidung, mein
Herzschlag, ferne Bombeneinschläge, die schlafende Sofie – Sie war so jung
und schlank, hatte schon sichtbare Brüste, und ihr Haar, damals mußte es
heißen: ihr Zopf – ihr rotbrauner Zopf reichte bis zum Steiß hinab.
Ihr Körper war ein Zauberbild aus wundervollen Biegungen. Dieser riesige,
zugleich bodenlos lächerliche Zauber der ersten Verliebtheit.
Wenn Haut zu leuchten beginnt, nur weil sie über den Schädel eines Mädchens
gespannt ist, an dem prima vista nichts auszusetzen ist. Diese austauschbare
Verliebtheit, die irgendeine Dahergelaufene trifft, sich aber zu solch maßloser
Intensität aufschwingen kann und Ekstase – und man Erwachsene für verblödet
oder tot hält, weil sie über einen dümmlich grinsen und offensichtlich keine
Ahnung von der Liebe haben. Wenn sie schlief, suchte ich nach abgefeimten
Tricks, wie ich mir eine Berührung erschleichen könnte, ohne den Verdacht zu
erregen, verliebt zu sein. Sie kennen das? Na, wer nicht? Es gab auch
ausgedachte Tricks für künftige gemeinsame Bäder im Fluß, gemeinsame Duschen
oder Neumondwanderungen im Wald.
Der Traum, einmal ihre nackten Schultern zu sehen. Aber wir, ihre Schultern und
ich – gingen ja nicht einmal ins Kino zusammen. Wir lagen zwar des öfteren in
einem Bett, aber, so blöd es klingt, nah kamen wir uns nie. Ich summte
Liebeslieder, lautlose Liebeslieder, deren Text ich vergessen habe, sang in mich
hinein, nächtelang, wurde nicht müde, meine Liebe mit Liedern zu preisen, es
war, wie es sein soll, und ich träumte, ganz Deutschland würde explodieren,
nur wir zwei lägen, lebendig verschüttet, irgendwo in restwarmer Asche, die
Luft ginge uns aus und ich spendete ihr meinen letzten Atem in einem langen Kuß
– solches Zeug, ich nehme nichts davon zurück, nein, es war gut so und
herrlich.
Ich werde Ihnen Sofie nicht genauer beschreiben. Beschreiben Sie sie, aber so,
daß jeder sich angesprochen fühlt. Sie war ja nichts Besonderes, damals
bestimmt nicht. Außer für mich.
Sie müssen Farben für Sofie finden, wie kein Maler sie je angerührt hat.
Müssen Wörter finden, die Götter den Dichtern nur in stillsten Stunden
übereignen, und Sie müssen, ach nein, es ist alles Unsinn, was ich sage,
Vermessenheit, nein, schreiben Sie, eine schöne sehr junge Weiblichkeit,
punktum, jeder soll sich genau jene vorstellen können, die er für die
Schönste hält, einen gewissen Zauber kann man nur teilen, mitteilen, indem man
Feinheiten verschweigt, sehen Sie mich nicht so herablassend an, ich weiß, Sie
werden das gut machen, ja.
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