Scherbentanz
(Leseprobe aus:
Scherbentanz, Roman, 2002, Frankfurter
Verlagsanstalt).
Es war ein heißer Sonntag.
Ich lag im Schatten der Birken und zählte die noch verbleibenden Tage.
Eins, zwei, drei, vier.
Eine Pflanze wuchs nur wenige Zentimeter neben der Stelle, auf die ich mich
gebettet hatte. Später las ich, daß sie Sonnentau heißt, sehr selten vorkommt
und in feuchten Lößböden lebt. Da sie nur zur Mittagszeit ihre winzigen
Sternblüten öffnet, muß es etwa ein Uhr oder vielleicht auch halb zwei
gewesen sein.
Ich hörte das monotone Sägen eines Rasenmähers von der Festung herüberwehen, kümmerte mich aber nicht darum. Der Sonnentau hatte einen Käfer gefangen. Es war aber wohl schon einige Tage her. Bis auf kleine Chitinreste war er völlig verdaut. Die Pflanze schien ausgehungert. Ich wartete darauf (und gebe zu, daß hier eine perverse Häufung vorliegt), daß sie Appetit auf jene Schnake bekäme, die wiederum ihren Appetit an mir zu stillen suchte.
Das alte Lied der Nahrungskette.
Der munter summende Darwinist merkte daher gar nicht, daß plötzlich ein Geräusch
verlorenging. Erst als Mama den Rasenmäher fünf Meter an mir vorbeischob und
auf das Seeufer zustapfte, ohne ihren Schritt zu mäßigen, ja eigentlich erst,
als sie das Gerät mit finalem Schwung in das Gewässer rollte, wo es nach
kurzer Strecke im Schlamm steckenblieb und träumerisch sank, wurde mir klar, daß
sein Motor schon Minuten zuvor verstummt war.
Käthe rieb sich zufrieden die Hände.
Dann verschwand sie wieder aus meinem Gesichtskreis.
Der Sonnentau, die Schnake und ich blieben zurück.
Der See gurgelte.
Ich stand auf und schritt nach oben, durch knirschendes, von Staub und Hitze
gekalktes Gras, das mir bis hoch an die nackten Waden reichte. Ich trug nichts
außer einer selbstgeschneiderten Chino und einer weißen, zum T-Shirt
gestutzten Gardine.
Als ich den Rasen am Fuße der Festungsmauern betrat, bemerkte ich zuerst nur
seine Unversehrtheit. Doch dann, ich stand unmittelbar davor, sah ich das
riesige Hakenkreuz, das exakt ins Grün hineingefräst worden war, sechs Meter
im Quadrat, bedeckt von geköpften Grasbüscheln und allerlei flüchtendem
Getier.
Käthe saß wenige Schritte daneben in ihrer Grube und betrachtete ihr Werk.
In der Festung drüben öffnete sich ein Fenster im ersten Stock, und als ich
aufblickte, erspähte ich Stiefis aufgerissenen Mund, dem man auf die Entfernung
nicht ansehen konnte, ob er irgendwas stammelte, es schien aber nicht so zu
sein.
Die Fragen, die ich doch nicht hätte beantworten können (Wieso paßt du nicht auf deine Mutter auf? Wie ist sie an den Rasenmäher gekommen? Warum geben wir dem Gärtner Urlaub, ausgerechnet jetzt, jetzt, jetzt?), umging ich, indem ich wieder in den See hineinstakste. Ich hievte die Maschine aus dem Schlick und brachte sie an Land. Dann schüttete ich Wasser aus dem Motor, auch klebrigen Fischlaich, und riß mehrmals vergeblich an der Anlasserleine. Niemand, nicht einmal ich selbst, schenkte meinem Tun Beachtung.
Gerne wäre ich zum Sonnentau zurückgekehrt. Vermutlich zog er soeben die Schnake hinab auf den Blattgrund, da sie, wegen meiner Abwesenheit betrübt, durch den Tumor meines Blutes besoffen, die Beherrschung verloren hatte, hineingerast war in die knallroten, kölbchenartigen Verdickungen der Blattränder, die sich nun um sie einrollten, sie zu zersetzen begannen, sie und ihre Leukozyten, das heißt meine, wenn man es genau nimmt.
Und während ich diesen umständlichen Gedanken nachhing, die so gar nicht zur Mittagshitze passen wollten, befand ich mich schon wieder auf dem Weg zum väterlichen Rasen, unbewußt dorthingetrieben, vielleicht schon in der Spur jenes Verhängnisses, das am Ende auf uns warten sollte, bereit, uns alle zu verschlingen.
Von weitem konnte ich erkennen, daß inzwischen Zitrone aufgetaucht war. Sie war in der Festung gewesen, hatte sich gebadet womöglich, anders konnte ich mir ihren Turban nicht erklären. Sie goß eine Fontäne hilfloser Gesten auf Käthe, die vor ihr sitzen blieb und nicht sehr benetzt schien. Zitrones Stimme war hell und traurig zugleich.
"Ich verstehe Sie nicht, Frau Solm. Was sind Sie für
ein Mensch?"
"Ich bin Schatzsucherin."
"Ja, aber Sie haben doch etwas in den Rasen gemäht."
"Der Garten sieht sowieso furchtbar aus."
"Aber jetzt sieht er noch ein bißchen furchtbarer aus."
"Wollen Sie etwa sagen, ich bin schuld?"
"Es geht nicht um Schuld hier! Es geht um das Verstehen!"
"Meinen Sie, ich verstehe nichts vom Mähen?"
"Frau Solm! Sie haben ein Hakenkreuz in den Rasen gemäht!"
"Immerhin haben Sie es erkannt! So schlecht kann ich also gar nicht gemäht
haben!"
Drüben, auf der Freitreppe der Festung, hatte sich der Rest meiner Familie
versammelt und starrte herüber. Man war gerade vom Mittagstisch gerissen
worden. Einige Servietten baumelten aus Hosen. Keiner machte Anstalten, die Bühne
zu betreten. Mama erhob ihre Stimme und schrie meinem Vater, der sich nur kurz
und kauend zeigte, wütend etwas zu.
"Warum rufen Sie so was?" fragte Zitrone. "Herr Solm tut Ihnen
doch nichts! Oder Frau Solm!"
"Das ist nicht Frau Solm! Das ist höchstens Frau Solm Zwei!"
"Warum rufen Sie es?"
"Warum nicht?"
"Es ist nicht schön!"
"Darum ruf ich's ja, weil es nicht schön ist!"
"Es ist falsch!"
"Oh nein, es ist richtig!"
"Frau Solm!"
Käthes leeres Gesicht füllte sich mit etwas. Sie kletterte aus dem Erdloch.
Ihr Körper knarrte. Die zitternde Hand fuhr über den Schlund ihrer Augen,
schaufelte Erdkrümel hinein, beschirmte dann den Blick, und mit einer Stimme,
die ich mir von ihr leihe, wenn ich konzentriert bin, beschrieb sie ihren
Schwiegervater, den sie "SS-Solm" nannte. Wegen ihrer fehlenden Zähne
klangen die drei Zischlaute beinahe versöhnlich.
Sie wirkte im Profil ganz vernünftig (also aus meiner Sicht), frontal wahrscheinlich weniger (also aus Zitrones Sicht).
Sie sagte, daß SS-Solm höchster HJ-Führer im Baltikum
gewesen sei und Stiefellecker Heydrichs und seine Frau so oft geschwängert
habe, bis diese das Mutterverdienstkreuz in Gold bekam, allerdings posthum (sie
sagte nicht "posthum", sondern benutzte ein Wort, das ich nicht
wiedergeben möchte), da die Gute nach dem fünften Kind vor Erschöpfung
verblutet sei, und Mama sprach sehr schnell, als hätte sie Angst, man könne
sie unterbrechen, aber Zitrone hörte nur zu, und an der Freitreppe blickten
alle besorgt in die Lüfte, als ein Flugzeug in mittlerer Höhe Richtung
Frankfurter Flughafen kroch.
Von dort oben sah unser Rasen wahrscheinlich ziemlich verboten aus.
Stiefi tippelte panisch ins Haus zurück. Mein Bruder trat
zwei Schritte zur Seite, griff zu seinem Handy und versuchte in den nächsten
Minuten, per Telefon einen neuen Rasenmäher zu kaufen.
Aber es war ja Sonntag.
Meine Mutter blickte nicht ein einziges Mal hinüber. Sie benutzte ein matschiges S nach dem anderen, hechelte ihre Tirade, ohne Atempause, um ihrem Schwiegervater, meinem Opapa, jenen Tod zu wünschen, der schon vor Jahren eingetreten war, was sie womöglich gar nicht wußte.
"Das Schwein hat mir vorgeworfen, ich würde meine
Kinder nicht akademikergemäß erziehen! Akademikergemäß! Was sagst du dazu,
Jesko? Habe ich dich etwa nicht akademikergemäß erzogen?"
"Ich weiß nicht, Mama!" sagte ich.
"Du weißt es nicht?"
"Nein!"
"Wieso weißt du es nicht?"
"Ich bin kein Akademiker!"
Stiefi kam wieder aus dem Eingang gerannt. Unter ihren
Armen klemmten Berge bunter Tischdecken. Sie eilte zu Saddam und Khomeini,
verteilte die Wäsche. Alle drei stürmten den Rasen und begannen hastig, das
Hakenkreuz mit belgischen Spitzen-, profanen Wachstuch-, maßvollen Leinen- und
feierlichen Weihnachtstischtüchern zu kaschieren.
Am Ende hätte uns jeder Pilot, der das Grundstück überflog, ein
faschistisches Picknick zugute gehalten.
Doch dann brachte der Chauffeur eine Sense.
Später sah ich, wie Ansgar vor Zitrone kniete, die weitab
im Gras saß. Er löste ihren Turban und trocknete mit dem Handtuch ihre
Kopfhaut, als wäre sie ein wertvolles, fünftausend Jahre altes ägyptisches
Pergament, das von Pharaonenstaub gereinigt werden müßte. Sie hatte die Augen
geschlossen. Seine Lippen schlichen sich auf ihre, und er rieb ein wenig stärker,
so daß womöglich ein paar Hieroglyphen abgeschmirgelt wurden, aber ihr schien
es nichts auszumachen.
Ich ging ins Tantenhaus.
Als Zitrone kam, waren ihre Haare knochentrocken.
"Das war schlimm heute", sagte sie erschöpft.
Ich saß am Piano.
"Wie war denn dein Großvater wirklich?"
Ich klimperte ein Largo aus dem Klavierkonzert G-Dur.
"Oder hat sie sich das auch nur ausgedacht?"
"Frag meinen Bruder!" sagte ich und spielte weiter.
"Er hat gemeint, ich soll dich fragen!"
"Das ist Tafelmusik", behauptete ich. "Von Georg Philipp
Telemann."
Mich traf ein längeres Schweigen.
"Vielleicht hast du recht. Es geht mich nichts an", sagte sie schließlich.
Ich nickte und begann eine erbärmliche Let-it-be-Impro, obwohl ich die Beatles
nicht besonders mag.
"In meiner Familie", fuhr sie fort, "würde man anders damit
umgehen!"
"Mit was?"
"Mit allem!"
"Ist es eine erfolgreiche Familie?" fragte ich.
"Was ist eine erfolgreiche Familie?"
"Eine erfolgreiche Familie ist eine erfolgreiche Familie!"
Sie starrte mich an.
Offensichtlich hatte ich mich nicht klar genug ausgedrückt.
"In einer erfolgreichen Familie", setzte ich erklärend nach,
"gibt es keine Krankenschwestern. Und Müllmänner auch nicht."
Ich habe keine Ahnung, warum ich so bin. Ich wollte es nicht an ihr auslassen.
Vielleicht lag es an den Beatles. Als sie schon im Bett lag und noch was las mit
Hilfe eines Lämpchens nördlich ihrer Haare und Mama keinen Muckser mehr von
sich gab, trat ich ohne anzuklopfen in Zitrones Zimmer. Sie hat so eine
bestimmte Art, die Seiten ihres Buches umzublättern, noch während man
eintritt, und es wird dir klar, daß du unerwünscht bist, du mußt nur schauen,
wie sie jede einzelne Seite zerreibt, zwischen Daumen und Zeigefinger, so als würde
sie prüfen, ob es wirklich Papier ist. Ich blättere meinen Seneca ganz anders
um, ein bißchen so, wie ich Marie-Lous Glamour umblättere, ich gebe es zu. Sie
liest jedoch weder das eine noch das andere. Sie liest eher Bücher, die
"Geh, wohin dein Herz dich trägt" heißen, oder "Grüble nicht,
liebe!".
Ich blieb vor ihrem Bett stehen. Sie ist kein Typ, der "Raus!" oder "Verpiß dich!" sagen kann, wenn man mit gesenktem Haupt vor ihr aufkreuzt. Irgendwann sah sie auf, ließ das Buch sinken (mit rotem Drachen) und strich über die langen Härchen auf ihren Unterarmen, die sich immer wieder aufrichteten.
Ich schlug vor, ihr das Blut-und-Boden-Mosaik zu zeigen.
Das Blut-und-Boden-Mosaik liegt auf der anderen Seite der Festung, in der
Luxusabteilung unseres Gartens, die wir selten betreten.
Zitrone fragte, was ein Blut-und-Boden-Mosaik überhaupt sei.
Es sei ein Hinweis darauf, sagte ich, wie eine erfolgreiche Familie damit
umgeht.
Mit was?
Mit allem.
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