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Unsterbliche Geschichte
(Leseprobe aus:
Unsterbliche Geschichte,
Roman, 2000, Ammann -
Übertragung Kathrin
Liedtke und Milka Vagadayová).
Erstes Buch
DER SCHIMPANSE
1
Die Stimme meines Herrn
Geboren wurde ich, wenn Sie das wirklich hören wollen, meine Herren, geboren
wurde ich in der Nacht vom 31. Dezember 1899 auf den 1. Januar 1900, und mein
Vater war der Sohn eines orthodoxen russischen Priesters und meine Mutter eine
Deutsche (ihren Eltern – und später ihrem Bruder – gehörte ein großes Gut in
Landskron am Fuße des Adlergebirges). Ich wurde zu Hause geboren, damals machte
man das noch so. Meine Hebamme war Magda, eine Ungarin aus Preßburg. Meine
Geburtsstadt Brünn. Die genaue Stelle dann ein Bett, eine Pritsche im dritten
Stock eines großen Mietshauses in der Ferdinandstraße (später Masarykstraße,
noch später Hermann-Göring-Straße und noch später wieder Masarykstraße und noch
später Straße des Sieges und dann kurz wieder Masarykstraße und dann wieder
lange Zeit Straße des Sieges und heute wieder Masarykstraße).
Jede Geburt ist, falls Sie das nicht wissen sollten, meine Lieben, für alle
Beteiligten auch ein Zirkus von Emotionen. Die Hebamme hielt mich und schrie
etwas auf ungarisch und slowakisch. Mutter versuchte, mich anzusehen, und obwohl
man sie daran zu hindern versuchte und mit aller Gewalt ins Bett zurückdrückte,
stützte sie sich auf die Ellenbogen, richtete sich auf wie eine Kobra und
murmelte einen Augenblick hastig etwas auf tschechisch und gleich darauf wieder
auf deutsch. Vater kniete auf dem Boden, und er, der es mit dem Glauben bisher
nicht so genau genommen hatte, betete jetzt auf russisch, und in diesen großen
orthodoxen Strom, der sich aus ihm herauswälzte, flossen auch tschechische Sätze
wie Vegetationsinselchen, die von der Flut mitgerissen wurden. Um das Bett herum
standen auch unsere amerikanischen Gäste, die zufällig dazugestoßen waren, denn
sie waren gerade mit dem Schiff von den Niagara Falls gekommen und vom Hamburger
Hafen mit der Eisenbahn angereist, sie brachten uns Bären- und Bisonfell und
standen jetzt da wie die drei Könige aus der Neuen Welt, und es waren auch
wirklich Könige, drei Indianerhäuptlinge (das erkläre ich Ihnen gleich), und sie
murmelten wiederum etwas in einer Indianersprache. Und in dieses Sprachengemisch
drang die ausgelassene Fröhlichkeit des Maskenumzugs, der über die
Ferdinandstraße zog. Inmitten des nächtlichen Brünns explodierten
Champagnerflaschen, spielte eine kreischende Kapelle, brannten viertausend
Lichter wie Augen von zweitausend Eulen, und die als Tiere verkleideten Menschen
knurrten, bellten, miauten, grunzten, wieherten, iahten, meckerten, blökten,
krähten und muhten. Mein Leben hatte begonnen, und es begann ein neues
Jahrhundert.
Aber ich möchte das Wichtigste natürlich nicht unterschlagen: In dem Moment, da
ich geboren wurde, hörte ich trotz all dieses Lärms um mich herum deutlich
jemandes Stimme, der mich schon ungeduldig erwartete. Und diese Stimme, meine
Täubchen, konnte nur ich hören, und sie war wie eine gestraffte Angel, die mich
hartnäckig aus der Gebärmutter zog, die Stimme meines Herrn, und kaum daß ich
mich nach draußen durchgeschlagen hatte, antwortete ich ihm mit einem
sehnsuchtsvollen Schrei und wußte schon gleich in diesen ersten Momenten, wie er
jetzt irgendwo weit weg, himmelweit weg wußte (naja, um nun nicht zu
übertreiben, so weit wiederum auch nicht), daß ich gerade geboren wurde.
Im Gegensatz zu mir war er schon das zwölfte Jahr auf der Welt und beobachtete
aus der Ferne die Vorbereitungen zu meiner Empfängnis (er kroch meinen Eltern in
die körperlichen Gelüste und stichelte sie von weitem permanent an und kiebitzte
ihnen ständig da hinein: Nun macht! Worauf wartet ihr? Und was machst du da,
Herrgott noch mal! Zieh's jetzt nicht aus ihr raus! Jetzt mußt du's drinlassen!
Du willst der Sohn eines orthodoxen Popen sein, wenn du nicht einmal weißt, daß
es Sünde ist, zu unterbrechen?! Also, stoß zu, siehst du! Ahhh, das ist
Seligkeit, was?), und als es endlich zur Empfängnis gekommen war, streckte er
wiederum aus der Ferne ein unsichtbares Stetoskop aus, das auf eine lange Stange
gesetzt war, und horchte, ob ich zu hören war, und als ich schließlich geboren
wurde, freute er sich wahnsinnig und packte die Schneiderpuppe (er war der Sohn
eines Hofschneiders) und wirbelte mit ihr durch die Werkstatt, während seine
Eltern zur selben Zeit am Wiener Hof (in der Hofburg) am königlich-kaiserlichen
Ball anläßlich der Begrüßung des neuen Jahrhunderts teilnahmen.
Bis hier, meine Herren, lief also alles kolossal. Unsere Begegnung als
unsterbliche Liebende des bevorstehenden Jahrhunderts (Petrarca und Laura im
Atomzeitalter, Tristan und Isolde in den Zeiten der Küchenroboter, Sputniks,
Computer und Holocausts) war also feierlich vorbereitet. Auf der einen Seite
durch unsere furchtbare Triebausstattung, die fähig war, auch eine kosmische
Rampe kurz vor dem Raketenstart rhythmisch zu erschüttern, und auf der anderen
Seite durch die Liebe bis in den Tod. Von Anfang an wußten wir voneinander, und
die gewaltige gegenseitige Anziehung, die lediglich mit dem mächtigen Sog des
Golfstroms zu vergleichen ist, sollte unsere rechtzeitige Begegnung
gewährleisten, dieses verblüffende, lediglich mit der Entdeckung der
Molekülstruktur der DNA vergleichbare Ereignis.
Aber der Zufall ist ein Esel, wie Sie schon ahnen werden. Drei Tage nach meiner
Geburt kam der zwölfjährige Bruno Mlock von einem Besuch bei seinem Onkel Mosche
Bajles zurück, er kehrte heim in die Leopoldstadt, aber anstatt daß er schön bis
zur Reichsbrücke gegangen wäre, wollte er eine Abkürzung über die zugefrorene
Donau nehmen; weil es jedoch schon spät am Abend und der Herrgott hoch und die
Wiener Straßenbeleuchtung noch weit war, fiel er in dieser Dunkelheit in ein
Loch, das Wiener Hechtjäger ins Eis geschlagen hatten. Und sofort riß ihn die
Strömung mit sich, und ich hörte, wie er vor Wasser keine Luft mehr bekam, schon
eingemauert unter dem Eis, an das von unten seine Nägel kratzten wie in den
Deckel eines gläsernen Sargs, ich hörte in meinem Kopf dieses furchterregende
Kratzen, als drehte sich mir dort Edisons Phonograph, aber ich lag machtlos da,
in Windeln und Decken gewickelt und dazu noch mit einem Wickelband verschnürt,
und einen Augenblick später verstummte dann Brunos verzweifeltes Kratzen in
meinem Kopf vollständig, als löschte der Küster auf dem Hauptaltar alle Kerzen,
und es war dunkel und still, still und dunkel.
Und so endete alles, noch bevor es hatte beginnen können. Die Triebausstattung
verfehlte augenblicklich ihren Zweck und tobte nur noch wie wild geworden, von
der Liebe bis in den Tod blieb nur der Tod (in den kalten und feuchten Tiefen
des Grabes rauften die Hechte wie tollwütige Hunde um Brunos Silberknöpfe), und
gerade begann das Jahrhundert, das für mich lediglich eine ewige Trauerfeier für
Bruno werden sollte.
Aber dann geschah
plötzlich etwas Merkwürdiges.
Und darum geht es auch, meine goldigen Schätze, in meiner folgenden Erzählung.
2
Aus der Familiengeschichte
Einen Großteil
meiner Kindheit verbrachte ich in Landskron, wo mein Onkel Helmut Sammler ein
großes Gut besaß, mit ausgedehnten Ländereien und Wäldern, durch die man laufen
und noch weiter laufen und zwei drei Stunden laufen und sich verirren konnte,
ohne jemals ans Ende zu gelangen.
Die Eltern meiner Mutter (Walter und Alma Sammler) vermachten den großen
Familienbesitz ihrem erstgeborenen Sohn, Onkel Helmut, der seine drei
Geschwister (darunter meine Mutter) nach genau berechneten Anteilen, die einen
bestimmten Prozentsatz des Familienvermögens betrugen, auszahlte. Das war damals
gang und gäbe, der Besitz durfte nicht auseinandergerissen werden, und so
übernahm der Erstgeborene das Gut, und Mutter brachte ihren Anteil auf die Bank.
Außerdem schickte uns Onkel Helmut jeden Monat – bis ins Jahr 1945 hinein, als
er das Gut verlor – einen großen Essenskorb aus Landskron, so daß ich bis zu
meinem fünfundvierzigsten Lebensjahr nicht wußte, was Hunger und Not ist.
Dafür winkte uns von der Familie väterlicherseits absolut nichts, ja, weniger
noch als das: nictozestvo i niscenskaja nisceta, wenn Sie verstehen, was ich
meine. Vater war nämlich der Sohn eines armen orthodoxen Popen, der nach dem Tod
seiner Frau einem mystischen Wüten verfiel, das ihn zu einer der damaligen
Sekten hätte führen können, den Geißlern, den Unsterblichen oder den Skopzen,
tat es aber nicht, sondern er ging statt dessen, sieh mal einer an, seinen
eigenen Weg, er packte auf einmal seinen Popen-Laden zusammen und zog durch die
Ukraine und durch Galizien und weiter in den Süden der österreich-ungarischen
Monarchie bis nach Triest und von dort weiter nach Italien. Er wanderte in einem
Wohnwagen umher, auf den ein riesiger Christus Pantokrator, Vsedjerzitel, der
Allherrscher, gemalt war, mit einem strengen, durchdringenden Blick, vor dem es
kein Verbergen gab, seine Rechte erteilte den Segen, und die Linke hielt den
geöffneten Kodex empor, und drinnen im Wagen, hinter Christi Rücken, schrien
Großvaters hungrige Kinder. So war aus Großvater ein Zigeuner-Pope geworden, der
von der Vision eines orthodoxen Amerika getrieben wurde und auf dem Weg über
Europa seine Kinder streute (zwischen Proßmeritz und Oleksowitz verstreute er
meinen Vater), und in Italien schiffte er sich mitsamt seinem Wohnwagen ein und
setzte über in die ersehnte Neue Welt. Am Himmel malten Blitze Drudenfüße und
Symbole von Tarotkarten sowie einen aus dem Wasser emporsteigenden Ziegenbock,
den Antichristen, aber auch eine Himmelsleiter, von der Mönche in den Schlund
des Meeresdrachen Bythios Drakon herabfielen, und aus dem Meer tauchten
Wasserdämonen und Meeresungeheuer auf, bereit, auf Befehl die italienische
Nußschale samt Großvaters Wohnwagen zu vertilgen, aber der Befehl wurde stets
rechtzeitig widerrufen, so daß mein Großvater in Amerika ankam. Dort machte er
sich schleunigst daran, die Ureinwohner auf kirchenslawisch anzusprechen, und er
wurde tatsächlich der erste orthodoxe Bischof aller nordamerikanischen und
kanadischen Indianer, von Alaska bis an die mexikanische Grenze, und auf sein
Geheiß fuhr im Jahre 1897 eine indianische Abordnung nach Petersburg (sie kamen
auf Schlitten und Schneeschuhen über den zugefrorenen finnischen Meerbusen
angereist), um dem orthodoxen Zaren ihre Aufwartung zu machen. Sie überbrachten
ihm nicht nur die obligatorischen Bären- und Bisonfälle, sondern auch das
Angebot, der große Häuptling aller übriggebliebenen und verwaisten
Indianerstämme zu werden, insbesondere der Dakota, Delawaren, Shoshoni, Apachen,
Irokesen, Omaha, Navajos, Shawnee und Ojibwa, von den Cherokee ganz zu
schweigen, aber Väterchen Zar verschmähte dieses großzügige Angebot, und so
blieb er mit seinem Romanowschen Allerwertesten auf der Scholle von Zarskoje
Selo kleben und beschwörte damit alle Katastrophen herauf, die ihn dann dort in
den folgenden zwanzig Jahren auch heimsuchten einschließlich der Herrschaft der
Antichristen, von denen der eine, Lew Dawidowitsch Bronstein, sogar die zynische
und ketzerische Frechheit besaß, sich unseren Familiennamen – Trotzkij –
anzueignen und ihn als seinen revolutionären Namenszusatz zu verwenden.
An meinem Vater war jedoch überhaupt nichts Popenhaftes mehr, es sei denn, ich
würde seine Vergötterung der Technik für so etwas halten. Er war ein
begeisterter Edisonianer und hatte sein ganzes Leben lang das Bedürfnis, sich in
der Nähe von etwas aufzuhalten, das funkelte, lärmte und rauchte. Er begann zwar
als Schlosser – auf seinem Firmenschild prangte ein ungesattelter Schlüssel, auf
dem ein Reiter wie auf einem wilden Mustang saß –, aber schon sehr bald sattelte
er aufs Feuerroß um und verdiente sich seine Sporen bei der Nordbahn des Kaisers
Ferdinand, wo er lange Zeit mit der berühmten Lokomotive Komet II. fuhr.
(Jawohl, meine Herren, damals wurden Lokomotiven noch getauft und bekamen
Namen!) Meiner Mutter begegnete er allerdings erst auf der Strecke Prag–Olmütz,
als sie mit ihrem Bruder Joachim nach Brünn fuhr, der zu der Zeit schon
Kapuzinermönch in einem Alpenkloster unweit von Salzburg war (seinen gesamten
Anteil am Landskroner Besitz, das dürfte Sie wohl interessieren, hatte er dem
Kapuzinerorden übertragen, und so wanderte jeden Monat auch ein Landskroner
Proviantkorb in das Bergkloster, aber Onkel Joachim hat davon nie auch nur ein
kleines gebratenes Rebhuhn gesehen).
Aber noch bevor mein Vater meiner Mutter begegnete, trafen Mutter und ihr Bruder
Joachim auf den als Radek der Kolporteur bekannten Anarchisten. Er verteilte im
Zug die achte Nummer des anarchistischen Arbeiterblatts. Er hatte aber meinen
Kapuziner-Onkel noch nicht ganz bemerkt, da fingen seine Augen an zu glühen,
weil er sich vermutlich des vierten anarchistischen Gebots des Fürsten Kropotkin
entsonnen hatte (Klerikern aller Art sollst du eins aufs Maul geben!), und er
legte das Zeitungspaket zur Seite und stürzte sich auf meinen Onkel mit der
Absicht, ihm die Kapuze über die Augen zu ziehen und ihn auch sonst gut
durchdacht zu erniedrigen. Da war er aber schlecht beraten, denn der Kondukteur
rannte sofort zu meinem Vater und berichtete ihm, daß sich im dritten Abteil des
zweiten Waggons Radek der Kolporteur befinde und dort einen Mönch grob
erniedrige, ohne auf die anwesenden Damen Rücksicht zu nehmen. Mein Vater tat
das, was man in solchen Fällen ganz selbstverständlich zu tun pflegte. Er
brachte die Maschine zum Stehen (will heißen, er führte einige Handlungen aus,
die zum Anhalten der Maschine notwendig waren, aber der Bremsweg der Lokomotiven
war damals lang wie ein Kometenschweif, und für diese Zeit übernahm dann der
Heizer die Verantwortung) und ging mit einer Eisenstange bewaffnet in den
zweiten Waggon, drittes Abteil. Kaum hatte Radek der Kolporteur ihn bemerkt,
ließ er von dem Mönch ab, warf die Zeitungen aus dem Waggon und sprang
hinterher, und von den aus den Fenstern lehnenden Passagieren beobachtet,
kullerte er den Bahndamm hinauf, als wäre er von einer anarcho-syndikalistischen
Kraft angetrieben. Vater richtete einige entschuldigende Worte an Joachim (er
fühlte sich nämlich für die Ordnung im ganzen Zug verantwortlich), schenkte
Mutter ein galantes Lächeln, wobei er es nicht versäumte, auch mit ihr ein paar
Worte zu wechseln, und kehrte erst dann zurück auf die Lokomotive, er nickte dem
Heizer zu, und die große, schwere Maschine mit dem trichterartigen Schornstein
und der langen Waggonkette setzte sich langsam wieder in Bewegung.
An jenem Tag passierte nichts Wichtiges mehr. Was sich dann in den folgenden
Wochen auf der Strecke Prag– Olmütz zugetragen hat und schließlich auch zu
meiner Geburt führte, ist wohl so offensichtlich, daß ich es mir ersparen kann.
3
Im Ägäischen Meer
Meine erste Erinnerung stammt aus der Zeit, als ich drei Jahre alt war. Es ist eine Untersee-Erinnerung.
Also, meine
Teuersten, wie ich schon erwähnt habe, waren wir dank der Eltern meiner Mutter,
den Sammlers aus Landskron, wirtschaftlich gut abgesichert. Und vielleicht hätte
es sich von unserem Anteil am Sammlerschen Vermögen, der in einem soliden
Bankhaus angelegt war, hören Sie, vielleicht hätte es sich ganz gut leben
lassen, ohne daß man auch nur einen Finger dafür hätte krümmen müssen.
Besonders, wenn wir die Landskroner Lebensmittelkörbe in Betracht ziehen. Daraus
geht hervor, daß es vollkommen überflüssig war, daß Vater als Lokomotivführer
arbeitete und ausgerechnet diesen harten und unerbittlichen Dienst verrichtete,
diese elende Schufterei, in der die härteste Zucht herrschte und die die
Fähigkeiten eines Stiers, eines Adlers und eines Bandwurms erforderte, wie Vater
zu sagen pflegte. Eines Stiers wegen der herkulischen Kraft, die man auf der
Strecke unter Beweis stellen mußte, denn allein die Handhabung aller Schieber,
Zugstangen, Kupplungen und Hand- und Saugluftbremsen brachte einen ins
Schwitzen, und von Zeit zu Zeit hörte irgend etwas auf zu funktionieren, und man
mußte Ersatzmechanismen benutzen, wenn Sie mich verstehen, meine Lieben, und
wenn gar Felsblöcke auf den Schienen lagen, die dort von fanatischen Gegnern des
technischen Fortschritts immer wieder hingeworfen wurden, mußte Vater zu einer
riesigen Brechstange auf dem Tender greifen, mit der er so gewandt wie ein
Dirigent mit dem Taktstock umzugehen wußte, und manchmal war es nötig, die
umgekippte Lokomotive wieder zurück auf die Räderchen zu stellen. Er konnte aber
ebensowenig ohne die Fähigkeiten eines Adlers auskommen, denn er mußte die ganze
Strecke permanent wie von einer riesigen Höhe herab überblicken und dabei,
aufgepaßt, alle Details sehen, besonders dort, wo sie sich jäh hinter einen
Felsvorsprung wand. Und da habe ich noch nicht einmal von den Fähigkeiten eines
Bandwurms gesprochen, das heißt, wenn es notwendig war, in den Schlund der
Dampfmaschine zu schlüpfen und sich durch ihre metallenen Gedärme zu irgendeinem
lärmenden inneren Defekt durchzuwühlen.
Damit will ich sagen, liebe Freunde, daß Vater sich ruhig eine gemütlichere
Arbeit hätte gönnen können, zum Beispiel im Kontor eines großen K.u.k.-Amtes
Klinken putzen, in die staatlichen Spucknäpfe spucken und nur mit einem
Beamtengehalt nach Hause kommen. Das hätte ihn jedoch nicht nur zu Tode
gelangweilt, was ich wohl nicht weiter erklären muß, sondern er hätte es für
unmoralisch gehalten. Ja, Sie haben richtig gehört, für unmoralisch. Das
Sammlersche Vermögen war nämlich seiner Überzeugung nach nicht dazu da, uns ein
Lotterleben zu ermöglichen, sondern es war ganz der Zukunft zugewandt wie die
ägyptische Sphinx dem Sonnenaufgang. Es sollte für den Fall da sein, daß sich
etwas Schlimmes ereignete. Und natürlich war es auch als Mitgift für mich
gedacht.
Ich bin jedoch ledig geblieben und habe das ganze Jahrhundert über kein einziges
Mal an Heirat gedacht. Naja, gedacht schon, wenn ich ehrlich bin, aber immer nur
an die Hochzeit mit meinem toten Bruno Mlock. Gelegentliche Liebhaber, wenn es
das ist, was Sie wissen wollen, gelegentliche Liebhaber hatte ich unzählige. Ich
könnte eine ganze Armee aus ihnen rekrutieren, wenn auch eine merkwürdige Armee,
sicher, deren General ein waschechter General wäre (der sich seine Sterne und
Orden bei den tschechoslowakischen Legionären im Ersten Weltkrieg verdient hat)
und der letzte Fußsoldat vielleicht der Krüppel Toni, der nicht deshalb ein
Krüppel war, weil ihm etwas gefehlt hätte, sondern weil ihm im Gegenteil etwas
zuviel gewachsen war, er hinkte auf drei Beinen, die sich gegenseitig im Weg
waren und übereinander stolperten, durchs Leben, und nur, wenn Toni irgendwo
regungslos stand, stand er so, wie es kein Zweiter auf der Welt vermocht hätte.
Von der Armee der Gelegenheitsliebhaber werden Sie aber kaum etwas erfahren. Ich
werde nur ab und zu einen erwähnen, seines guten Naturells oder eines anderen
exzentrischen Zuges wegen. Ich schäme mich nämlich für meine furchtbare
Triebausstattung, die ihre Wirkung ohne Bruno vollkommen verfehlte und sich nur
wütend und leer mit gelegentlichen Liebhabern entlud (um sich dann und wann
dennoch auf die Schnelle mit Bruno zu treffen, unter überaus merkwürdigen
Umständen, aber haben Sie keine Angst, Sie werden es nicht verpassen, denn darum
geht es doch in meiner Erzählung).
Weil ich also nie geheiratet habe, ist aus dem Sammlerschen Vermögen nie meine
Mitgift geworden, und es hat den Ersten und den Zweiten Weltkrieg in Ruhe
überdauert, bis sich dann im Jahre 1945 schließlich etwas Schlimmes, etwas
Schicksalhaftes ereignete, worauf das Vermögen, wie es scheint, ein halbes
Jahrhundert regungslos gewartet hatte, um dann innerhalb einiger Tage vollkommen
in den Wind geschossen zu werden. Im Juni 1945 wurden meine Eltern nämlich in
die »wilde Abschiebung« der Deutschen eingereiht, was natürlich ein
schrecklicher Irrtum war, denn sie waren keine Nazis, und Vater war doch Russe.
Wenn es soweit ist, werde ich Ihnen schildern, wie ich alles getan habe, was in
meiner Macht und in der Macht des Sammlerschen Besitzes stand, um diesen Irrtum
zu korrigieren, und wie es schließlich ausgegangen ist. Bis dahin ist es aber
noch ein weiter Weg, denken wir vorerst nicht daran, jetzt bin ich drei Jahre
alt, und Vater entscheidet sich zum ersten- und gleichzeitig zum letztenmal, in
den Sammlerschen Goldhaufen zu greifen.
Er greift aber nicht besonders tief, keine Angst, er taucht nicht bis zum
Ellenbogen ein, sondern gräbt nur an der Oberfläche. Bis nach Triest fuhren wir
nämlich mit der österreichischen Eisenbahn (der berühmten Südbahn, der
Staatsbahn Wien–Triest), und die war für uns als Familie eines
Maschinenzugführers ganz kostenlos. Nachdem wir die Grenze der Monarchie
passiert hatten, fuhren wir dann ans Ägäische Meer auf die griechische Insel
Kreta.
Warum gerade Kreta? Vater hatte nämlich beschlossen, mir mit drei Jahren das
Schwimmen im Meer beizubringen. Und die Ägäis schien ihm ein würdiger Ersatz für
das Schwarze Meer zu sein, wo er es im selben Alter gelernt hatte. Abgesehen
davon, daß beide Meere durch den Bosporus und die Dardanellen miteinander
verbunden sind (schauen Sie nur im Atlas nach, meine Käferchen).
Vater hat mir einmal erzählt, daß ihn, als er drei Jahre alt war, sein Vater mit
nach Sewastopol genommen hat. Am nächsten Tag in aller Frühe, es herrschte noch
tiefe Dunkelheit, habe er ihn dann geweckt und aus der Stadt hinausgeführt bis
ans Ufer des Schwarzen Meeres. Mein dreijähriger Vater trippelte neben seinem
riesigen Vater her, und als weit draußen im Meer ein roter Klecks zu brennen
begann, waren sie am weißen Strand angelangt, und Vaters Vater zog Stück für
Stück seine Popenkluft aus, die Soutane, den violetten Gürtel, die
Priesterkappe, und nahm dann meinen kleinen Vater an die Hand und ging mit ihm
immer näher an die große, den weißen Sand ableckende Meereszunge heran.
Von Triest fuhren wir wohl mit einem italienischen und dann vielleicht auch mit
einem griechischen Schiff weiter. Es war eine lange Reise, aber ich erinnere
mich an nichts mehr, mein Gedächtnis entzündet sich erst unter der
Meeresoberfläche in irgendeiner Bucht von Kreta, es leuchtet Auge in Auge mit
einem großen Meeresfisch auf, der mich verblüfft, verwundert und überrascht
anschaut, während ich wie ein gedoptes Seepferdchen an ihm vorbei in die Tiefe
sinke, und Vater hält mich derweil an einer Leine, er kniet am Ufer und schaut
mir nach, wobei er sich mit der Hand gegen die ägäische Sonne abschirmt. Er
lehrte mich nämlich nicht nur schwimmen, sondern auch tauchen, und so stieg ich
mit der Leine am Bein bis auf den Grund hinab, ich fiel wie ein Seeigel, wie ein
Seestern in die bunten Teppiche hinein, aus denen verzweigte Burgen mit Drusen
von Türmchen und Zinnen wuchsen, und ich ging unglaublich lange durch diese
abgedunkelte und zugleich merkwürdig beleuchtete Welt, in der Erinnerung kommt
es mir jetzt so vor, als wäre ich ganze Monate lang gegangen, Vater lockerte die
Schnur, und ich schlug mich durch den Unterseedschungel und ließ Luftblasen nach
oben steigen wie ein echtes und ordnungsgemäß patentiertes Trebitscher
Sprudelwasser. Wenn Sie das Glück haben, daß sich schon mit drei Jahren eine
riesige Meeresmuschel vor Ihnen öffnet, die das ganze Universum mit all seinen
Galaxien und Gottheiten in sich birgt und aufdringlich nach Fisch stinkt, wenn
Sie dieses Glück haben, dann bleibt es bis an Ihr Lebensende bei Ihnen, wo immer
sie auch hinfahren, es wird Sie Hand in Hand begleiten, weil das Ägäische Meer
ein nicht endender, nicht erlöschender beweglicher Feiertag ist.
Moment noch, Moment, ich bin noch nicht fertig. Tatsächlich ist es so, daß das
einzige, woran ich mich wirklich erinnere, das erstaunte, überraschte und
verdutzte Fischauge ist, dem ich auf dem Weg in die Tiefe begegnete. Alle
anderen Erinnerungen spiegeln sich nur in diesem Auge, sie sind darin wie in
einem Panorama-Guckglas. Erinnerungen an die Meeresbucht, an die Küste und ganz
Kreta, aber auch an die Berge von Kreta, bestehend aus den Gebirgen Dikte, Ida,
Levka Ori und den Weißen Bergen (dabei habe ich diese Gebirge nie sehen können,
denn wir kamen weder mit dem Flugzeug noch einem Ballon oder einem Luftschiff
nach Kreta, sondern auf dem Seeweg, und das nicht einmal mit einem Schiff, wovon
ich Sie gern überzeugt hätte, sondern in der Eierschale eines mythologischen
Vogels, den die Griechen abgeschossen und dessen Nest sie dann ausgenommen
hatten, ehe weitere Ungeheuer mit Vogelkörpern und Fuchsköpfen ausschlüpfen
konnten), aber auch an die ganze Insel, die an der einen Seite mit Olivenbäumen
und Stechpalmengebüsch und an der anderen wiederum mit Platanen bewachsen ist
und hoch im Ida-Gebirge ein strenges und geheimes, sorgfältig in die Felswände
gehauenes großes Felskloster in sich birgt, mit allem, was dazugehört: dem
Konvent, den Mönchszellen und dem Dormitorium, einem Ambitus, Kreuzgang sowie
Lavatorium, dem Refektorium, der Klosterbibliothek und einem erhaben durch das
Felsmassiv gleitenden mächtigen Kirchenschiff. (Und erst jetzt, halten Sie sich
fest, meine Täubchen, erst jetzt fällt mir nämlich ein, daß sich mein Vater,
wenn wir schon mal in dieser Gegend gelandet, wenn wir da schon hingeraten
waren, möglicherweise zum heiligen Berg Athos begeben hat, wo vielleicht schon
sein Vater haltgemacht hatte, bevor er sich zu seiner indianischen Mission
einschiffte.) Mit dem großen Abstand der Jahre ist es mir gelungen, in einer
englischen naturgeschichtlichen Enzyklopädie jenen Fisch aus der Tiefe des
Mittelmeers zu finden, dem ich als Dreijährige ins Auge geschaut habe. Er heißt
Regalecus Banksii und ist etwa drei Meter lang, auffallend geflammt und flach.
Auf dem Kopf erhebt sich ein Büschel aus sehr langen Strahlen, und gleich
darunter sitzt das Auge, stets erstaunt, verblüfft und verdutzt.
Rezension I Buchbestellung I home III10 LYRIKwelt © Ammann Verlag