Satanstage von László Krasznahorkai, 2007, Ammann

László Krasznahorkai

Das Netz zerreisst
(Leseprobe aus:
Satanstango, Roman, 2007, Ammann - Übertragung Hans Skirecki).

Es war nicht leicht. Seinerzeit hatte sogar sie zwei Tage gebraucht, bis sie endlich herausfand, wohin sie die Füße setzen, woran sie sich festhalten und wie sie sich durch das auf den ersten Blick hoffnungslos eng scheinende Loch pressen mußte, das sich an der Rückseite des Hauses unter dem Vordach befand, wo ein paar Bretter fehlten; jetzt dauerte es freilich nur noch eine halbe Minute: Mit gewagten, aber geschickt abgestimmten Bewegungen sprang sie auf den mit einer schwarzen Plane abgedeckten Holzstapel, hielt sich an der Dachrinnenhalterung fest, steckte das linke Bein in die Öffnung und bewegte es seitwärts, dann kroch sie mit dem Kopf voran in einem Schwung hinein, stieß sich mit dem anderen Bein ab und stand auch schon in dem einst für Tauben abgetrennten Teil des Dachraums, in diesem ihrem Reich, dessen Geheimnis sie allein kannte; hier brauchte sie nicht die unerwarteten und unverständlichen Attacken ihres Bruders zu befürchten, und daß sie durch längere Abwesenheit nicht den Argwohn der Mutter und der Schwester weckte, die ihr – wenn es herauskäme – diese Ausflüge erbarmungslos verbieten würden (und dann wären alle weiteren Anstrengungen vergeblich), darauf achtete sie instinktiv. Aber jetzt zählte das nicht! Sie zog sich die nasse Trainingsjacke aus, zupfte ihr Lieblingskleid, das rosafarbene mit dem weißen Kragen, zurecht, setzte sich vor das Fenster und hörte mit geschlossenen Augen bibbernd und sprungbereit zu, wie der Regen auf die Ziegel prasselte. Mutter schlief unten im Haus, die Schwestern waren heut auch zum Mittagessen nicht heimgekommen, so schien es fast sicher, daß man sie am Nachmittag nicht suchen würde, höchstens Sanyi, von dem sie nie wußte, wo er sich gerade herumtrieb, und der deshalb immer unverhofft auftauchte, als forschte er auf dem Einödhof nach der Erklärung für irgendein verborgenes Geheimnis, das nur so – mit einem plötzlichen Überraschungsangriff – aufzudecken wäre. Eigentlich hätte sie kaum einen Grund zu Befürchtungen gehabt, denn letzten Endes suchte man sie nie, im Gegenteil, eher gebot man ihr streng, sich fernzuhalten, besonders wenn ein Besucher im Haus weilte, und das geschah oft. So geriet sie ins Niemandsland, konnte sie doch nicht beiden Aufforderungen zugleich Folge leisten: weder in der Nähe der Tür bleiben noch sich allzuweit entfernen, denn sie wußte, daß sie jederzeit gerufen werden konnte (so: »Lauf und hol eine Flasche Wein!«, oder: »Bring mir mal drei Päckchen Zigaretten, Kossuth, vergißt du es auch nicht, mein Kind?«), und wehe, sie war ein einziges Mal nicht zur Stelle, dann würde man sie endgültig aus dem Haus jagen. Denn nur das blieb; die Mutter nämlich hatte sie, nachdem sie im gegenseitigen Einverständnis aus der Hilfsschule in der Stadt zurückgeholt worden war, für die Hausarbeit eingespannt, doch in der Furcht vor Schelte zerbrachen die Teller auf dem Fußboden, blätterte das Email von den Töpfen, blieb das Spinngewebe in den Ecken hängen, war die Suppe ohne Geschmack und der Paprikasch versalzen, bis sie schließlich die einfachsten Aufgaben nicht mehr erledigen konnte und aus der Küche verscheucht werden mußte. Fortan verrannen ihr die Tage in verkrampftem Warten, sie verzog sich hinter die Scheune oder unter das Vordach hinterm Haus, wenn es regnete, denn von dort aus hatte sie die Küchentür so im Blick, daß sie von drinnen zwar nicht gesehen werden, aber beim ersten Ruf zur Stelle sein konnte. In der ständigen Wachsamkeit geriet bald die Ordnung ihrer Sinnesorgane aus den Fugen: Ihr Sehvermögen beschränkte sich fast ausnahmslos auf die Küchentür, diese jedoch nahm sie mit ungeheurer Schärfe, mit beinahe schon reißendem Schmerz wahr; an ihr erfaßte sie alle Einzelheiten gleichzeitig, oben die beiden schmutzigen Scheiben und den mit Reißzwecken befestigten Spitzenvorhang dahinter, unten die angetrockneten Schlammspritzer, die waagrechte Linie der Klinke, kurz, das ganze alarmierende Netz der Formen, Farben und Linien; in der in Stücke zerfallenden Zeit nahm sie auch die verschiedenen Zustände der Küchentür wahr, die jeweils von einem anderen Grad der Gefahren und Möglichkeiten kündeten. Wenn die Tür sich jäh bewegte, kam rundherum alles in Schwung: die Mauer des Hauses oder die Krümmung des Regenabflusses lief an ihr vorbei, das Fenster flitzte davon, zur Linken schwammen der kleine Stall und der vernachlässigte Blumengarten vorüber, der Himmel über ihr setzte sich in Bewegung, der Boden unter ihren Füßen rannte weg, und schon stand sie vor der Mutter oder der Schwester, ohne daß sie hatte sehen können, wie die Küchentür sich öffnete, auf einmal stand sie vor ihnen. Die Sekunde, bis sie den Blick senkte, genügte, sie zu erkennen, mehr brauchte sie nicht, und von da an und noch lange danach schien die undeutliche Gestalt der Mutter oder der Schwester wie hineingenagelt in den Raum voller zappelnder Gegenstände, blicklos nahm sie wahr, daß diese dort sind und sie hier ist, ihnen gegenüber, unten, und sie wußte auch, daß die drei sie so sehr überragten, daß das Bild, falls sie jemals zu ihnen aufblickte, vielleicht zerspränge, da ihr offenkundiges Recht, derart aufzuragen, so ins Auge sprang, daß allein schon der Anblick es zerstören mochte. Die bis dahin brausende Stille hielt nur bis zur bewegungslosen Tür an, dort nun mußte sie warten, bis durch den pulsenden Lärm der gereizte Befehl der Mutter oder der Schwestern zu ihr drang (»Da bleibt einem ja das Herz stehn! Was rempelst du mich an? Du hast hier nichts zu suchen! Los, geh spielen!«), bis der Lärm sich mit der Entfernung abschwächte – während sie zur Scheune oder unters Vordach zurücklief – und der Erleichterung wich, denn was unterbrochen worden war, konnte nun seinen Fortgang nehmen. Von Spielen konnte natürlich nicht die Rede sein; nicht daß sie nicht eine Haarpuppe, ein Märchenbuch oder eine Glasmurmel zur Hand gehabt hätte, Dinge, mit denen sie – falls ein Fremder auf dem Hof erschien oder die drinnen einen kontrollierenden Blick auf sie warfen – den Anschein aufrechterhalten konnte, sie spiele unbeirrt weiter; doch wegen der unablässigen Bereitschaft hatte sie nicht den Mut und seit einiger Zeit auch nicht mehr die Kraft, sich in irgendein Spiel zu vertiefen. Das fiel ihm nicht allein deshalb schwer, weil die dazu geeigneten Dinge den jeweiligen Launen ihres Bruders unterworfen waren, der gnadenlos bestimmte, was sie wie lange behalten durfte, sondern weil sie gleichsam pflichtgemäß spielte, zum Selbstschutz, um den Erwartungen der Mutter und der Schwestern gerecht zu werden, die – und das wußte sie sehr wohl – lieber duldeten, daß sie sich Spiele suchte, die »nicht ihrem Alter gemäß sind«, als die Schande zu ertragen, daß sie (»wenn sie könnte!«) Tag für Tag »krankhaft herumschnüffelt und uns ständig belauert«. Nur hier oben, im einstigen Unterschlupf der Tauben, fühlte sie sich in Sicherheit; hier mußte sie nicht spielen, hier gab es keine Tür (die hatte Vater im Vorgriff auf ein Vorhaben, das nun ewig im dunkeln bleiben würde, zugenagelt), durch die jemand hereinkommen, und kein Fenster, durch das jemand hereingucken könnte, und an dem vorspringenden Dachfenster für die Tauben hatte sie selbst mit Reißzwecken zwei aus einer Illustrierten herausgerissene farbige Bilder angebracht, damit die Aussicht schöner wurde: Das eine zeigte eine Küstenlandschaft mit untergehender Sonne, auf dem anderen war ein schneebedeckter Gipfel mit einem lauschenden Hirsch im Vordergrund zu sehen ... Das alles war jetzt natürlich nicht mehr wichtig! Von der Bodentreppe her zog es, sie fröstelte. Sie betastete die Trainingsjacke, aber die war noch nicht getrocknet, deshalb breitete sie einen ihrer wertvollsten Schätze, eine aus dem hinten in der Küche gelagerten Plunder gerettete weiße Spitzengardine, über sich, das war immer noch besser als hinunterzugehen, die Mutter zu wecken und um trockene Sachen zu bitten. Daß sie so mutig sein würde, hätte sie sich einen Tag vorher noch gar nicht vorstellen können: Wäre sie gestern so naß geworden, hätte sie sofort die Kleidung gewechselt, denn sie wußte, wenn sie krank und ins Bett gesteckt würde, könnte sie nicht umhin zu weinen, und das würden Mutter und die Schwestern nicht ertragen. Aber hatte sie gestern früh auch nur ahnen können, daß sie sich wie bei einer Explosion, bei der nicht etwas einstürzt, sondern entsteht, am Abend geläutert und mit dem Glauben an eine verlockende Würde schlafen legen würde? Vor einigen Tagen schon war ihr aufgefallen, daß mit ihrem Bruder etwas nicht stimmte: er hielt den Löffel anders als sonst, schloß die Tür anders, schreckte auf dem eisernen Bett in der Küche neben ihr hoch und grübelte den ganzen Tag über irgendwas nach. Gestern war er nach dem Frühstück zu ihr in die Scheune gekommen, aber statt sie an den Haaren hochzuziehen oder – was noch schlimmer war – stumm hinter ihr stehenzubleiben, bis sie losheulte, hatte er einen halben Riegel Schokolade aus der Tasche gezogen und ihn ihr in die Hand gedrückt.

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