Aus der
Dämmerung heraus
(Er-Fahrung in fünf Akten)
Prolog
am Strand
erfuhr ich
von den Gestrandeten
wo sonst
ich lebe, du lebst, er, sie, es lebt!
Schul -Wissen
Erinnerung an Erinnerungen
in Büchern gelesen
gesellschafts - konform
am Strand
erfuhr ich
mich
wo sonst?
Erster Akt
Gefangenschaft
Der Dämmerung zugeneigt
Verbrachte ich meine Tage im Zwielicht
Hinter geschlossenen Läden
Fühlte ich mich sicher
Der klare Tag, die Farbenpracht
Eines Waldes mit vorgelagerter Wiese
Erschreckte mich
Zu schön, zu farbig, zu wirklich
Floh ich den vermuteten Schmerz
Zukünftig vermuteten Verlustes
Floh in meine graue Welt
In die Zwischenräume meiner Seele
Die, von Furcht geschüttelt
Weder den Aufstieg wagte
Noch dem Licht ganz entsagen wollte
Um im dunkel der Nacht
Schutzlos
Den schwaren Pferden zu begegnen.
In der Grauzone der Gefühle
Immer auf dem Zaun
Verbrachte ich zählbare Jahre
Verbrauchte ich alle Kraft im Stillstand.
Neben mir floß die Zeit
Leben und Sterben trieb mal sanft
Mal hochaufschäumend wild
Auf ihren Wellen
Und ich stand.
Mit dem Rücken gegen den Strom
Stand ich und maß meine Kraft
Im Widerstand gegen das Leben
Erstes Intermezzo
Sich fürchten in der Dämmerung
Mich fürchten in der Dämmerung
Ich fürchte mich in der Dämmerung
Ich fürchte mich vor mir
In der Dämmerung
Manchmal
Manchmal nicht
Zweiter Akt
In die Freiheit geworfen
In die Freiheit geworfen
Haßte ich sie und den Werfer
Mein Rütteln an Ketten war
Zu meinem Entsetzen
Erfolgreich
Ich trieb besinnungslos
Vom Schock gelähmt
Im Strom
Durchmaß alle Biegungen
Hing mal am wurzeligen Felsen
Stürzte einen Wasserfall hinunter
Und überlebte
Ich erwachte -
Und lebte.
Fand mich in ruhigerem Wasser
Und schöpfte mal wieder
In grandioser Verkennung der Wirklichkeit
Neue Hoffnung
In Erwartung
Ewiger Ruhe im Strom
In Erwartung
Der Sicherheit sonnengetränkter Wiesen
Fand mich das Entsetzen der eigenen Schuld
Schutzlos -
Preisgegeben dem Gift und dem Terror
Meiner selbst
Starb ich im seichten Wasser
Zweites Intermezzo
Die Käfigtür ist offen
Ein Schritt, ein Sprung
Und schon liegst du auf der Schnauze
Es ist schwer
Das Gleichgewicht zu halten
Wenn dich der Himmel
Noch zu Boden drückt
Dritter Akt
Mit offenen Augen gehen
Nichts hat sich verändert
Ich nicht
Und schon gar nicht die Welt
Dieselben Fallen
Dieselben Freuden
Mit geöffneten Augen sehe ich die Fallen
Auch am Ende der Welt
Klar, durchsichtig, bodenlos
Und nehme die Freuden
Die mich dicht umgeben
Kaum wahr
Schiebe sie mit nachlässigem Schulterzucken
Weit weg von mir
Weil ich die Kraft doch brauche
Für kommendes Leid
Mit geöffneten Augen stehe ich neben mir
Und schaue mir zu, wie ich mich quäle
Schritt für Schritt
Dann -
Ohne Vorwarnung
Sind die Schritte leicht
Ich wage kaum zu atmen
Will festhalten an diesem Augenblick
Im Wissen, daß ich ihn lassen muß
Ihn lassen kann.
Drittes Intermezzo
Der Strand liegt verlassen im
Möwengeschrei
Spuren ziehen am Wasser entlang
Bestärken die Einsamkeit, die Vergänglichkeit
Des Augenblicks, der nicht verweilt
Der Strand liegt verlassen im
Möwengeschrei
Nächtliche Finger berühren schon
Die grünenden Wasser der Seele der Welt
Schmecke das Salz in der Luft!
Vierter Akt
Teilnehmen
Aufwachen und die Regentropfen genießen
Am verhangenen Himmel
Die Schatten von Grau bis Lila bewunder
Aufstehen, Regenschuhe anziehen
Den Morgen draußen empfangen
Die stille, innere Ruhe
Beschwingt die Schritte
Schenkt ein aufmerksames Auge
Auch für die Blumen und Sträucher
Die im Regen blühen
Und frisch gewaschen
Mir einen guten Morgen wünschen
Das Bedürfnis nach Macht
- geboren aus der Einsamkeit -
Hoch über den Wolken
Nicht greifbar
Nicht faßbar
Nicht berührbar zu sein
Verblaßt
Gegen die Dichte des Lebens
Die mir auf dem Boden der Welt
Entgegenblüht
Viertes Intermezzo
Sonnenlicht hat sich in mir entzündet
Strahlend fließen Farben in den Tag
Bunte Märchenschlösser nicken weise
Denken, daß ich sie noch mag.
Fünfter Akt
Den Zauber des Lebens erfahren
Der Alltag holt oft noch Kummer für mich
bereit
Geschmackvoll dargeboten zwischen den Früchten
Des Selbstmitleids.
Nur manchmal greife ich noch
In den gefüllten Korb
Der so bequem meiner Angewohnheit
Nahe steht.
Die Körbe der Freude
Erscheinen oft unscheinbar -
Gering, gegen die gewaltige Lust am Leiden
Entfalten sie ihren Zauber erst
Wenn ich mich einlasse
Auf das Spiel der Wellen
Mich hochtragen lasse zu den Gipfeln
Wo die Zeit still steht
Mich fallen lasse
In die Täler meiner selbst -
Wenn ich lebendig, wach
Mit allen Sinnen
Am Leben beteiligt bin
Behutsam und zärtlich
Die Früchte genieße
Die Kraft meiner Begeisterung
Offenhalte und weiterreiche.
Epilog
es ist erlaubt
ins Leben zu treten
die freie Luft zu atmen
zu sterben
wenn dem Leben genüge getan
und zwischendurch
den Rasen zu betreten.
(1985)
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