Iris Anna Krah-Mack

Aus der Dämmerung heraus
(Er-Fahrung in fünf Akten)

Prolog

am Strand 
erfuhr ich 
von den Gestrandeten 
wo sonst 

ich lebe, du lebst, er, sie, es lebt! 
Schul -Wissen 
Erinnerung an Erinnerungen 
in Büchern gelesen 
gesellschafts - konform 

am Strand 
erfuhr ich 
mich 
wo sonst?

Erster Akt

Gefangenschaft

Der Dämmerung zugeneigt 
Verbrachte ich meine Tage im Zwielicht 
Hinter geschlossenen Läden 
Fühlte ich mich sicher 
Der klare Tag, die Farbenpracht 
Eines Waldes mit vorgelagerter Wiese 
Erschreckte mich 

Zu schön, zu farbig, zu wirklich 
Floh ich den vermuteten Schmerz 
Zukünftig vermuteten Verlustes 
Floh in meine graue Welt 
In die Zwischenräume meiner Seele 
Die, von Furcht geschüttelt 
Weder den Aufstieg wagte 
Noch dem Licht ganz entsagen wollte 
Um im dunkel der Nacht 
Schutzlos 
Den schwaren Pferden zu begegnen.

In der Grauzone der Gefühle 
Immer auf dem Zaun 
Verbrachte ich zählbare Jahre 
Verbrauchte ich alle Kraft im Stillstand.

Neben mir floß die Zeit 
Leben und Sterben trieb mal sanft 
Mal hochaufschäumend wild 
Auf ihren Wellen

Und ich stand.

Mit dem Rücken gegen den Strom 
Stand ich und maß meine Kraft 
Im Widerstand gegen das Leben

Erstes Intermezzo

Sich fürchten in der Dämmerung 
Mich fürchten in der Dämmerung 
Ich fürchte mich in der Dämmerung 
Ich fürchte mich vor mir 
In der Dämmerung 
Manchmal 
Manchmal nicht

Zweiter Akt

In die Freiheit geworfen

In die Freiheit geworfen 
Haßte ich sie und den Werfer 
Mein Rütteln an Ketten war 
Zu meinem Entsetzen 
Erfolgreich 

Ich  trieb besinnungslos 
Vom Schock gelähmt 
Im Strom 
Durchmaß alle Biegungen 
Hing mal am wurzeligen Felsen 
Stürzte einen Wasserfall hinunter 

Und überlebte 

Ich erwachte - 
Und lebte.

Fand mich in ruhigerem Wasser 
Und schöpfte mal wieder 
In grandioser Verkennung der Wirklichkeit 
Neue Hoffnung 

In Erwartung 
Ewiger Ruhe im Strom 
In Erwartung 
Der Sicherheit sonnengetränkter Wiesen 
Fand mich das Entsetzen der eigenen Schuld 

Schutzlos - 
Preisgegeben dem Gift und dem Terror 
Meiner selbst 
Starb ich im seichten Wasser

Zweites Intermezzo

Die Käfigtür ist offen 
Ein Schritt, ein Sprung 
Und schon liegst du auf der Schnauze 

Es ist schwer 
Das Gleichgewicht zu halten 
Wenn dich der Himmel 
Noch zu Boden drückt

Dritter Akt

Mit offenen Augen gehen

Nichts hat sich verändert 
Ich nicht 
Und schon gar nicht die Welt 
Dieselben Fallen 
Dieselben Freuden 

Mit geöffneten Augen sehe ich die Fallen 
Auch am Ende der Welt 
Klar, durchsichtig, bodenlos 
Und nehme die Freuden 
Die mich dicht umgeben 
Kaum wahr 
Schiebe sie mit nachlässigem Schulterzucken 
Weit weg von mir 
Weil ich die Kraft doch brauche 
Für kommendes Leid 

Mit geöffneten Augen stehe ich neben mir 
Und schaue mir zu, wie ich mich quäle 
Schritt für Schritt 

Dann - 
Ohne Vorwarnung 
Sind die Schritte leicht 
Ich wage kaum zu atmen 
Will festhalten an diesem Augenblick 
Im Wissen, daß ich ihn lassen muß 
Ihn lassen kann.

Drittes Intermezzo

Der Strand liegt verlassen im Möwengeschrei 
Spuren ziehen am Wasser entlang 
Bestärken die Einsamkeit, die Vergänglichkeit 
Des Augenblicks, der nicht verweilt 

Der Strand liegt verlassen im Möwengeschrei 
Nächtliche Finger berühren schon 
Die grünenden Wasser der Seele der Welt 
Schmecke das Salz in der Luft!

Vierter Akt 

Teilnehmen

Aufwachen und die Regentropfen genießen 
Am verhangenen Himmel 
Die Schatten von Grau bis Lila bewunder 
Aufstehen, Regenschuhe anziehen 
Den Morgen draußen empfangen 

Die stille, innere Ruhe 
Beschwingt die Schritte 
Schenkt ein aufmerksames Auge 
Auch für die Blumen und Sträucher 
Die im Regen blühen 
Und frisch gewaschen 
Mir einen guten Morgen wünschen 

Das Bedürfnis nach Macht 
- geboren aus der Einsamkeit - 
Hoch über den Wolken 
Nicht greifbar 
Nicht faßbar 
Nicht berührbar zu sein 
Verblaßt 
Gegen die Dichte des Lebens 
Die mir auf dem Boden der Welt 
Entgegenblüht

Viertes Intermezzo

Sonnenlicht hat sich in mir entzündet 
Strahlend fließen Farben in den Tag 
Bunte Märchenschlösser nicken weise 
Denken, daß ich sie noch mag.

Fünfter Akt 

Den Zauber des Lebens erfahren

Der Alltag holt oft noch Kummer für mich bereit 
Geschmackvoll dargeboten zwischen den Früchten 
Des Selbstmitleids. 
Nur manchmal greife ich noch 
In den gefüllten Korb 
Der so bequem meiner Angewohnheit 
Nahe steht. 

Die Körbe der Freude 
Erscheinen oft unscheinbar - 
Gering, gegen die gewaltige Lust am Leiden 
Entfalten sie ihren Zauber erst 
Wenn ich mich einlasse 
Auf das Spiel der Wellen 
Mich hochtragen lasse zu den Gipfeln 
Wo die Zeit still steht 
Mich fallen lasse 
In die Täler meiner selbst - 
Wenn ich lebendig, wach 
Mit allen Sinnen 
Am Leben beteiligt bin 
Behutsam und zärtlich 
Die Früchte genieße 
Die Kraft meiner Begeisterung 
Offenhalte und weiterreiche.

Epilog

es ist erlaubt 
ins Leben zu treten 
die freie Luft zu atmen 
zu sterben 
wenn dem Leben genüge getan 
und zwischendurch 
den Rasen zu betreten.

  
(1985)

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