aus: Der schöne Hauptmann
(Leseprobe aus: Der schöne Hauptmann,
Roman, 2001, FVA)
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Die Kanzleien der Räte sowie fast
alle Säle unseres Stockwerks im Gebäude des Alten Palastes sind bis zu einer Höhe von
anderthalb Mann mit Holz verkleidet, mit Eichenholz wohlgemerkt. Nichts von den
Imitationen, die sich häu?g in öffentlichen Gebäuden ?nden, hinter deren
repräsentativer Fassade sich Scheußlichkeiten aus Pressspanplatten oder Holzimitat
verbergen. Da ich selbst in einem alten Haus aufgewachsen bin, war ich Konsolen mit
eingeschnitzten Verzierungen und Anrichten mit aufragenden Säulen, die Leuchten
stützten, gewohnt, ebenso, nächtens den Holzwurm in meinem Zimmer schaben zu hören, ein
Geräusch, das tief in meine Seele drang. Ich war vollkommen eins mit diesen alten Dingen
und von Natur aus allem modischen Firlefanz abgeneigt. Der schöne Hauptmann hingegen, von
dem ich nicht einmal wusste, wo er aufgewachsen war, kannte wahrscheinlich keine alten
Häuser mit dem Buffet der Großmutter als Mittelpunkt.
Während er mir nun in seiner Uniform so frisch gegenübersaß, legte er eine
Unbekümmertheit an den Tag, als hätte er im Staatsrat das Licht der Welt erblickt. Es
war eine Umgebung wie für ihn gemacht... Neugierig wie ich bin befragte ich ihn zu seiner
Herkunft. Er sagte mir, er stamme aus einer Kleinstadt in Lokris und sei in sehr jungen
Jahren mit dem Vorhaben zu studieren nach Athen gekommen.
"Und wie sind Sie dann Berufssoldat geworden?", fragte ich. "Seit
Generationen gibt es in meiner Familie einen Zweig von Verwandten,
mütterlicherseits", begann er zu erzählen, "die zuerst im Heer ihren
Grundwehrdienst leisteten und sich danach fest verp?ichteten. Keiner hatte freilich die
Kadettenakademie besucht. Ich kam jedenfalls von klein auf in unserem Haus mit Menschen in
Uniform in Berührung und hörte Gespräche über Kasernen mit. Obwohl diese Menschen an
ihre Disziplin gebunden waren, strahlten sie einen besonderen Glanz aus und genossen
größere Freiheit, so schien es mir; ihr Auftreten ähnelte dem der Helden in den
Büchern. Wir hatten zu Hause jedenfalls auch die Bücher von Penelope Delta Über das
Vaterland und In der Zeit des Bulgarentöters, die müssen mich wohl ebenfalls beein?usst
haben." Er sprach gelassen und sah mir mit dieser entwaffnenden Aufrichtigkeit in die
Augen, die ihm eigen war.
"Es trug auch der Umstand bei", setzte er fort, "dass ich den Beruf meines
Vaters - er war Agraringenieur - für nicht besonders einträglich hielt. Für die
Juristerei, die mir meines Erachtens gelegen hätte", - und an der Stelle wanderte
sein Blick rasch über eine Reihe von bestimmten Bänden auf meinem Bücherregal -,
"fand ich zu Hause nicht genügend Unterstützung."
Unwillkürlich warf auch ich einen Blick auf diese Bücher und erinnerte mich, dass ich
als Jugendlicher das Verlangen verspürt hatte, Verse zu schreiben, was ich auch tat und
manchmal, ich gesteh's, heute noch tue, natürlich ohne ein wirklicher Dichter zu sein.
Der Hauptmann besaß die Neigung zur Juristerei, und sein Gesicht war ein Gedicht. Dies
ist eine Gnade der Natur, die dem Menschen nur für eine gewisse Spanne Zeit zuteil wird,
und er trug sie leichtfertig in den Kasernen herum.
"Also ist Ihre Berufswahl ein Werk des Zufalls?", fragte ich.
"Nicht direkt", beeilte er sich stolz und etwas schroff zu verneinen, "ich
erwog das Für und Wider und sah ein, dass ich in einer Familie mit fünf Kindern einen
Kompromiss ?nden musste, und da ich damals auf die Ermunterungen meiner Freunde hörte,
von denen sich die einen im Korps der städtischen Polizei und die anderen in der
Luftwaffenakademie eingeschrieben hatten, entschloss ich mich, die Kadettenakademie zu
absolvieren."
"Alle Ihre Freunde tragen also Uniform?", fragte ich ziemlich überrascht,
allerdings mit einem Schuss Ironie, die ich mir nicht verkneifen konnte.
Er sah mich an wie ein Schüler, der den Sinn der Lehrerworte zu erraten und korrekt zu
antworten sucht.
"Die meisten", sagte er. "Wissen Sie, für einen Jugendlichen, der aus der
Provinz nach Athen kommt, ist es schwer, sich zu orientieren. Außerdem gibt es keinen
großen Spielraum an Möglichkeiten. Oft ?ndet man sich irgendwo wieder und hat
ursprünglich ganz etwas anderes im Sinn gehabt."
Ich nickte zustimmend. So war es. Und sein Tonfall klang zum ersten Mal wehmütig, was ihm
selbst anscheinend nicht bewusst war.
"Und wie die Dinge so liegen", sagte ich, "wird es immer schwieriger für
junge Menschen, beru?ich Fuß zu fassen, je mehr die Provinz nach Athen drängt. Es ist
aber auch für unsereinen schwer, euch einen Weg zu erschließen."
Er sah mich mit seinen leuchtenden Augen an, ohne Reaktion, als beträfe ihn diese
allgemein gehaltene Bemerkung nicht, da er den entscheidenden Schritt, eine Karriere zu
wählen, ja schon getan hatte.
"Aber wir kommen nun besser zur Sache", forcierte ich unser Gespräch, da mir
eine Bereitschaft zum Plaudern an uns aufgefallen war, "dazu, was Sie wirklich
beschäftigt."
"Ja genau, zur Sache", wiederholte er, und als wäre er aus einem Traum erwacht,
richtete er sich in seinem Sessel gerade auf und schob seine Mütze von einem Knie aufs
andere.
"Wie lange sind Sie schon in der Armee?"
"Die Akademie habe ich 1948 abgeschlossen. Ein Jahr lang diente ich als Leutnant,
1949 war ich Oberleutnant und 1952 wurde ich Hauptmann. Letztes Jahr wurde ich zum Major
vorgeschlagen, und eigentlich sollte meine Beförderung schon erfolgt sein."
"Aber rücken Sie nicht alle zwei Jahre vor?", fragte ich ihn.
"Normalerweise braucht man zwei bis drei Jahre, um die ersten Ränge zu durchlaufen,
und sechs bis sieben Jahre bis zum Hauptmann", erwiderte er, "aber es gibt auch
Zeiten, in denen man innerhalb eines Jahres oder weniger von einem Dienstgrad zum anderen
aufsteigen kann. So habe auch ich ein Jahr lang als Leutnant gedient; übrigens war auch
mein Studium an der Akademie nach den damaligen Gep?ogenheiten einjährig."
"Ja gut", sagte ich, als hätte ich mir einen kleinen Gedichtvortrag angehört.
"Ich habe mir Ihren Personalbogen angesehen und ihn aufmerksam studiert. Es gibt
sichtlich nichts zu bemängeln, zumindest nichts Konkretes, was Ihrer Beförderung
hinderlich sein könnte."
Ich zog ein Blatt aus seiner Akte hervor, die ich vor mir hatte, setzte meine Brille auf
und las laut vor:
"Gebildet, tapfer und ehrbar. Zeichnet sich durch übergenaue Einhaltung der Regeln
des militärischen Lebensalltags aus."
"In allem Spitze", sagte ich scherzend, "bis hin zur Disziplin!"
Er blickte mich ernst an.
"Das ist die of?zielle Version", sagte er, "es ist aber noch anderes im
Umlauf." Er nahm aus der Außentasche seiner Jacke ein sorgfältig zusammengefaltetes
Schriftstück und zeigte es mir.
Es trug die Überschrift "Im Laufe des Quartals hinzugekommene Notizen" und war,
so weit ich sehen konnte, in Kategorien unterteilt: "Persönliche Begabungen, Talente
des Of?ziers", "Allgemeiner Eindruck von dem Of?zier",
"Verwaltungskenntnisse der Vorgesetztenstufe", "Ergänzende
Bemerkungen" und eben "Im Laufe des Quartals hinzugekommene Notizen".
Jede dieser Kategorien war in mehrere Paragraphen unterteilt, die sich auf die
"moralischen und psychischen Vorzüge", den "beru?ichen Wert", die
"Führungsqualität", die "Gesundheit und die körperliche
Widerstandsfähigkeit" und anderes mehr bezogen. Es gab auch noch Fragen wie:
"Ist er loyal gegenüber der gesetzgebenden Gewalt? Ist er geschwätzig? Neigt er zum
Aufschneiden und Lügen?"
Ich erinnere mich deswegen so genau, weil die Fragen von einprägsamer Pedanterie und
ebensolcher Naivität waren. Ich weiß nicht, wie diese Dinge heute gehandhabt werden - du
weißt es wahrscheinlich -, aber um den Anforderungen dieses Fragebogens zu genügen, muss
der Anwärter, so stelle ich es mir vor, durch ein Aussonderungsverfahren nach dem
anderen, was mich an alte Getreidesiebe denken lässt, mit denen man früher die Spreu vom
Weizen trennte.
Ich hatte mich in diese Flut von Phrasen vertieft, als er sich zu mir beugte und mit dem
Finger auf eine Notiz zeigte, die unter "Ergänzende Bemerkungen" stand:
"Neigt zu Diskussionen, die mit der Eigenschaft als Berufsof?zier nicht vereinbar
sind; hat die Tendenz zur Fraktionsbildung; in seinem Gefühlsleben unbeständig."
Und es folgte anderes dergleichen, dessen ich mich jetzt nicht mehr entsinne.
"Aber sagen Sie, basieren die Beförderungen nicht auf dem Personalbogen? Dieses
Papier hier", ich wedelte mit dem Schriftstück vor seiner Nase herum, "welche
Rolle spielt das?"
"Es enthält anscheinend alles Entscheidende", sagte er, "vor allem die
geheimen Informationen - nennen wir sie so."
"Und ist das eine geheime Information?"
Er sah mich an, bevor er antwortete.
"Auf eine bestimmte Art, ja. Sie werden sich fragen, wie es in meine Hände gelangt
ist."
"Schön", sagte ich etwas ungeduldig, "gehen wir nicht weiter darauf ein.
Aber sagen Sie mir bitte, führen Sie tatsächlich Debatten - und wenn ja, welcher
Art?"
In seinem Blick schien sich die Morgensonne widerzuspiegeln.
"Als Grieche debattiere ich über Themen, die jeden Bürger und jeden Soldaten dieses
Landes betreffen. Ich bemühe mich, die Diskussionen auf einen engen Kreis von Kameraden
zu beschränken."
"Und sind Sie sicher", fragte ich, "dass all Ihre Kameraden
vertrauenswürdige Menschen sind?"
Er richtete sich stolz auf.
"Es sind junge Burschen, mit denen ich die Akademie absolviert habe und nun Karriere
mache."
Er begann mir einige Namen aufzuzählen.
Ich unterbrach ihn mit einer Handbewegung.
"Aber Sie haben mir nicht gesagt, was genau Sie diskutieren", sagte ich mit der
Andeutung eines Lächelns, um ihm Mut zu machen, "vielleicht gar über Politik?"
Er runzelte die Stirn. Eine Wolke huschte über seine Augen, um sich gleich wieder zu
ver?üchtigen und der Sonne der Zuversicht zu weichen.
"Angelegenheiten, die mit der allgemeinen Lage zu tun haben. Ich glaube, dass auch
das, was über die engen Grenzen der Politik hinausgeht - zumindest wie sie die Zeitungen
festlegen -, zu den Interessen eines Of?ziers gehören sollte."
Seine ansonsten so feste Stimme schwankte.
Ich nahm meine Lesebrille ab, die mir unbemerkt auf die Nasenspitze geglitten war, und
blickte ihn eine Weile schweigend an.
"Ganz recht - und wie Recht Sie haben. Vielleicht machen aber gerade diese Interessen
Sie in den Augen der Vorgesetzten zu jemand Lebhaftem und Undiszipliniertem,
um mich nur auf die Urteilsbegründung des Rates zu beziehen, der diese
Beförderungshemmung verfügt hat?"
Er sah mich an, verwundert wie ein Kind, dem man es zum Vorwurf macht, dass es sich
stundenlang in sein Spiel vertieft.
"Aber welcher Mensch hat denn keine Interessen, besonders dann, wenn er jung ist? So
manche, die das Gegenteil behaupten, sind entweder vor ihrer Zeit gealtert oder..."
"...oder befassen sich mit gewissen anderen Dingen", sagte ich, nicht wissend,
wie ich zu dieser Aussage kam.
Er sah mich mit seinen tiefsinnigen und klugen Augen an.
"Sie wollen damit wohl sagen", bemerkte er, "dass die Vorgesetzten dazu
neigen, den Jüngeren mit Argwohn zu begegnen."
Ich wusste selbst nicht genau, was ich damit hatte sagen wollen. Ich ließ ihn seinen
Gedanken zu Ende führen.
"Sie, die Vorgesetzten nämlich", fuhr er mit erhobener Stimme fort, "haben
ihrer Meinung nach tausenderlei Gräuel überstanden, während wir unverbraucht und
unerfahren sind. Sie halten uns für reichlich unbedarft."
Wieder veränderte er die Lage seiner Mütze.
"Aber das ist doch klar", antwortete ich, "das ist mehr oder weniger
überall so, nicht nur in der Armee. Und vergessen Sie nicht, dass die Menschen, von denen
Sie reden, einen Krieg besonderer Art erlebt haben", - ich nannte ihn nicht
Bürgerkrieg, denn dieses Wort hatte noch keinen Eingang in den allgemeinen Sprachschatz
gefunden, vermied aber die Bezeichnung Banditenkrieg* - "der, wenn wir auch die
Besatzungszeit dazurechnen, ungefähr ein Jahrzehnt andauerte. Vielleicht befanden ja auch
Sie sich schon an vorderster Front. Wenn ich nicht irre, haben die Akademieabgänger des
Jahres 1948 an den Feldzügen teilgenommen."
"Ja, das stimmt", sagte er, "ich habe Kameraden, die in Grammos und Vitsi
gekämpft haben. Mich hielt eine Krankheit hinter der Front fest."
Plötzlich hatte sich seine Miene verdüstert.
Ich vermied es, ihn danach zu fragen, was für eine Art Krankheit das gewesen sei.
"Sind Sie nun völlig gesund?"
Sein Gesicht strahlte wieder. Dieses Strahlen, dachte ich, kann gar nichts anderes als
gute Gesundheit bedeuten.
"All diese Menschen", fuhr er, meine Frage umgehend, fort, "die im Krieg
gekämpft haben, die besonders sind parteilich an die Armee gebunden, nennen wir es so.
Das gilt aber nicht für uns jüngere Of?ziere, die sich ahnungslos und schlecht
vorbereitet in den Bergen befanden. Ich versichere Ihnen, diejenigen meines Jahrgangs, die
an den Feldzügen teilnahmen, wollen - soweit sie überlebt haben -, vergessen. Sie haben
dort Schlimmes gesehen und erlitten. Jener Kampf aber betrifft uns nicht. Das gehört
alles der Vergangenheit an."
Sein stolzer und fest auf mich gerichteter Blick ging durch mich hindurch und verlor sich
allmählich irgendwo hinter dem offenen Fenster, wo ein Lüftchen die Baumwipfel zum
Erzittern brachte.
Ich wandte ein, dass diese Vergangenheit zu jung sei, um einen nicht zu beein?ussen, und
das glaube ich jetzt, da ich dir die Geschichte erzähle, viele Jahre später also, immer
noch. Besonders aufgrund der Erfahrungen, die ich mittlerweile gesammelt habe. Ich glaubte
mich damals selbst über jeden Argwohn erhaben. "Vielleicht bedeutet aber genau
dieser Standpunkt für Ihre Vorgesetzten, dass Sie eine konkrete Ideologie ablehnen?"
Er sah mich entgeistert an.
"Glauben Sie etwa, dass ich kein Patriot bin?"
Er war blass geworden, und das verstärkte die eindrückliche Wirkung seiner
tiefgründigen, dunklen Augen, als ginge das Jugendliche in ihnen urplötzlich verloren
und als zeige er sich in einem reiferen Alter. Wie wird wohl, so fuhr es mir durch den
Kopf wie ein Blitz, dieses schöne Gesicht in einigen Jahren aussehen?
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