Fallschirmseide von Irina Korschunow,1990 HoCa/btb

Irina Korschunow

Fallschirmseide
(aus: Fallschirmseide, Roman, 1990, Hoffmann & Campe)

Martin Cramme war noch nicht neunzehn, als er im Wald von Hannoversch Münden liegenblieb, müde und zufällig, während der Rest der Kompanie den amerikanischen Panzern entgegenmarschierte. Und zufällig fand ihn Hertha Oelschläger, die ihn im Keller versteckt über das Kriegsende brachte, ihn hochpäppelte und weiterschickte. Wohin? Seine Eltern lagen unter den Trümmern von Magdeburg, er brauchte nicht nur eine neue Heimat, sondern auch Trost. Aber Trost und Hilfe brauchten in dieser Zeit viele, die Frauen ohne Männer, die Mütter ohne ihre Söhne. Doch das Leben ist ein Netz aus Zufällen, zum Guten oder zum Bösen. Für Martin Cramme hatte die gute Fee die ersten Maschen geknüpft, und sie klöppelte weiter - zunächst eine Bleibe in Wolfenbüttel im Haus von Dr. Beyfuhr, dann traf er Dora, entdeckte sein Organisationstalent auf dem Schwarzen Markt, fand die Fallschirmseide in der alten Ziegelei, und alles nahm seinen wundersamen Lauf. Blusen aus Fallschirmseide - der Nachkriegshit. Zuerst ein Wohnstuben-, dann ein Waschküchenunternehmen, schließlich über die Stunde Null hinaus die florierende Firma DoMa-Textil. Ein Aufstieg wie aus dem Bilderbuch der neuen Republik. Vergessen die Zukunftsträume im Keller von Hertha Oelschläger - lernen, studieren, Philosophie, Literatur. "Eigentlich wollten wir doch...", sagte Dora noch manchmal zu Martin, aber der Rest blieb ein Lächeln, mit dem man einer alten Illusion hinterherwinkt. "Wir haben uns durchsetzen müssen", erklärte Martin später Verena und Julian, den Kindern des Wirtschaftswunders, in Gelsenkirchen-Buer, wo inzwischen zweihundert Näherinnen für seinen Reichtum arbeiteten. "Eure verdammte Härte!" antwortete Julian, und nur Dora ahnte, daß ihr Sohn einen anderen Weg gehen würde, einen, den auch sie viel lieber gegangen wäre.

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