Immer feste druff von Maegie Koree, 1997, Droste

Maegie Koreen

Wer schmeißt noch heute ihren Lehm?
(Leseprobe aus „Immer feste druff – Das freche Leben der Kaberettkönigin Claire Waldoff“, 1997, Droste Verlag)

Das von Claire Waldoff geschaffene Genre der frechen Göre und der von ihr verkörperte Typus der emanzipierten Frau gehören heute zum Standardrepertoire des Kabaretts. Die jungen „frechen Frauen“ schreiben das Erfolgsrezept der beobachteten oder am eigenen Leib erfahrenen Frauengeschichten in Szenen und Sketchen mit femininer Selbstironie fort.

Claires Repertoire wurde zum Programmbestandteil vieler Bühnen sowie Sendungen von Radio und Fernsehen. Das Zentrum dieser Aktivitäten ist natürlich Berlin. Dort kann man die Volkslieder der Waldoff bis heute auf einer der vielen großen und kleinen Bühnen hören. Den Mittelpunkt bilden dabei der „Friedrichstadt-Palast“.

Am 27. April 1984 wurde der Neubau des „Friedrichstadt-Palastes“ an der Friedrichstraße 107 eröffnet. Neben dem großen Saal mit 1889 Plätzen verfügt der Palast auch über eine kleine Revue. Vor dem Eingang zur „Kleinen Revue“ steht eine bronzene Büste von Claire Waldoff, 1986 von dem Bildhauer Reinhard Jacob geschaffen. Zum Repertoire der „kleinen Revue“ gehörten von Anfang an Programme von Ringelnatz, Georg Kreisler und natürlich ein Waldoff-Abend.

Aber auch ihre Geburtsstadt hat durch alle Jahrzehnte immer wieder an Claire Waldoff gedacht. Seit 1977 ist im Stadtbezirk Neustadt ein Teilstück der Dessauer Straße in Claire Waldoff Straße umbenannt worden. Zu ihrem 100. Geburtstag ehrte Gelsenkirchen seine Kohlenpottpflanze mit einer Revue im „Musiktheater im Revier“, Premiere war am 29. August 1984. Auf einer improvisierten Foyerbühne verschaffte das Manuskript des Hamburgers Ralf Eberhard Moldenhauer einen Blick in die Kabarettgeschichte, die im Falle der Waldoff eine seltene Verbindung zwischen Berlin und Gelsenkirchen zieht. Nahezu zwei Stunden reihten Angele Durand, Sonja Hörbing und Rainer Günther mit Bernhard Stengel am Klavier und unter der Regie von Peter Kupke einen Waldoff-Hit an den anderen. Dazu spielte die Souffleuse Stephanie Wink Mundharmonika und Schifferklavier. Das Fernseh-Programm des WDR sendete am 23. Oktober 1984 Auszüge der Aufführung...

... Zwischen 1987 und 1988 entwickelte sich in Leserbriefen der örtlichen Zeitungen (anlässlich des 30. Todestages) das Waldoff-Bewußtsein in Gelsenkirchen weiter. Das „Musiktheater“ wollte keine Todestage, sondern lieber Geburtstage feiern. Der Dachpublizist i.R. Kurt G. Elerd erinnerte an alte Bestrebungen, zu Ehren von Claire Waldoff einen Baum zu pflanzen. Der Lokalredakteur Hans-Jörg Loskill vermutete, dass ein Waldoff-Programm in Gelsenkirchen jederzeit „ein Renner“ sei, und die Chansonsängerin Maegie Koreen forderte einen Claire-Waldoff-Preis und Wettbewerb zur Bewahrung und Weiterentwicklung des volkstümlichen Chansons.

Aus dieser Stimmung heraus entstand die von Maegie Koreen ins Leben gerufene „Claire-Waldoff-Bühne“ mit der Spielstätte in einem ehemaligen Night- und Discoclub eines Hotels in Gelsenkirchen. Die Programmpremiere fand am Donnerstag, dem 1. Juni 1989, statt. Für mehr als zwei Jahre wurde die „Claire-Waldoff-Bühne“ zu einem Begriff für erstklassige Kleinkunst. Der Erfolg der Bühne stabilisierte das Waldoff-Bewußtsein in Gelsenkirchen.

Ihr zweijähriges Jubiläum feierte die „Claire-Waldoff-Bühne“ vom 21. bis 23. Juni 1991 mit einer großen Varietè-Revue, die an drei Tagen jeweils 450 Zuschauer sahen. Presse, Rundfunk und Fernsehen berichteten...

... Ein Auftritt ohne Glitter und optische Gags, aber nach Meinung der Presse das schönste Geschenk für die „Claire-Waldoff-Bühne“, die leider achtzehn Monate später vor dem Landgericht in Bochum zu einem Streitfall wurde. Das Hotel wollte die Bühne ohne Maegie Koreen weiterführen. Das Gericht widersprach dem gastronomische Vorhaben. Seit dieser Zeit ist die „Claire-Waldoff-Bühne“ eine Reisebühne...

... Zum 111. Waldoff-Geburtstag lud Maegie-Koreen zu einem Drei-Tage-Programm als Erinnerung an die Volkssängerin nach Gelsenkirchen ein. Die Veranstaltungen fanden im futuristisch anmutenden „Wissenschaftspark“ gegenüber der Claire Waldoff Straße statt. Im Mittelpunkt stand das neue Programm der Koreen: „Aus dem Leben einer geliebten Radautüte“.

Zeitungen, Radio und Fernsehen berichteten wieder ausführlich über Gelsenkirchens berühmtem Exportartikel. Die Medien hoben besonders hervor, dass Maegie Koreen eine Claire-Waldoff-Bronze-Statuette, geschaffen von der Leipziger Bildhauerin Hanna Studnitzka, der zechengesellschaft Dahlbusch überreichte, die das Kunstwerk in ihrem Hause in der Nähe der weltberühmten „Dahlbuschbombe“ aufstellte, um damit Claires Verbundenheit zum Ruhrgebiet und zum Leben der Bergleute zu bekunden. Die Statuette zeigt pointiert und differenziert die Haltung und Persönlichkeit einer Frau und Chansonette, voller Menschlichkeit mit rauer Kehle und einem aggressiven Gemüt, die das Leben und die Erotik mit einer unerbittlichen Nüchternheit ohne Umwege schilderte und dadurch zu einem Sinnbild ihrer Zeit wurde.

Claire Waldoff war nie die Nachtigall, sondern blieb immer der Straßenspatz, der für oberflächliche Zuhörer eine ständige Unbekümmertheit verbreitete. Die feineren Ohren erkannten aber bald die Tränen in ihrer heiseren Stimme. Weil sie auf der Höhe des Lebens nie seine Tiefen vergessen hat, konnte sie mit ihren volkstümlichen Kabarett-Chansons über Jahrzehnte neue Feuer entfachen.

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