Fehlt denn jemand von Doris Konradi, 2005, Tisch7-Verlag

Doris Konradi

Maartens Tag
(Leseprobe aus: Fehlt denn jemand, Roman, Seite 33-40, 2005, Tisch7-Verlag)

Juliane schreckte aus dem Schlaf. Sie hatte geträumt, wieder diesen Traum geträumt. Sie versuchte sich im abgedunkelten Raum zu orientieren. Die Jalousien hatten sich verhakt und ließen den Blick auf ein hellgraues Stück Himmel frei. Sigi schlief noch. Sie stand auf und sortierte heruntergefallene Kleidungsstücke auf die Stuhllehne, bevor sie nackt durch die Wohnung ging, um zu sehen, wo im Leben sie gestern Abend angelangt waren, ob es etwas gab, an dem sie anknüpfen konnte. Sie bog um Türrahmen und Zimmerecken, während ihre Füße die Kälte der Fliesen einsogen.

Zwei Kaffeetassen und ein halb leeres Bier standen neben dem Bildschirm, auf dem Couchtisch ihre eigenen Zettel: Regieanweisungen und choreographische Notizen. Donnerstag, dämmerte es ihr, Premiere in zwei Tagen, und Melissa hatte noch immer Probleme mit einigen Textpassagen.

Unter dem Sofa sah sie eine Rolle Toilettenpapier und die angebrochene Schachtel Kondome. Dabei hatte sie geglaubt, Sigi sei in seine Arbeit vertieft gewesen, als er den Rechner ausschaltete, zu ihr aufs Sofa kam und seinen Kopf in ihren Schoß legte. Lag so da mit angezogenen Knien, ohne sich zu rühren, ohne sie zu berühren, bis mit der Schwere auf ihren Beinen und seinem warmen Atem an ihrem Bauch auch ihre Gedanken vom Theater abließen.

Sie liebte Sigi, seitdem er sich nach einer schlechten Premiere um sie gekümmert hatte.

– Ein Erfolg, was hast du nur? hatten sie alle gesagt und ihr mit überschwappenden Sektgläsern zugeprostet. Sie hatte ihre Stirn in Falten gelegt, in der Hoffnung, sie würden etwas daraus lesen. Schließlich war sie geflohen.

Im Lune schob Gero ihr seine schieläugigen Cocktails über die Theke. Er war kein schöner Mann, vielleicht war er deshalb so ein Trost, der sie in ihren schwarzen Momenten in die Bar lockte. Und bei Gero hatte Sigi gesessen, der ihr auch nicht wegen seines Aussehens aufgefallen war, saß nur da. Auch schwarz, dachte sie, kurz bevor sie sich einer Blue Lady hingab, und hatte doch das Gefühl, dass sie mit Sigi und Gero eine Einheit bildete. Ab dem siebten Glas ließ Sigi sie nicht mehr aus den Augen, von da ab klebte sein Blick an ihr wie der Zucker an den Glasrändern, den sie beim Wegwischen von den Lippen nur im Gesicht verteilte. Weiß der Teufel, warum sie noch wusste, dass es genau das siebte war. Havanna Dream oder Claire de Lune.

– O.k. das war’s, hatte Sigi gesagt und ihre Rechnung bezahlt. Dann zog er sie auf die Straße hinaus. Sie gingen nebeneinander her, als sei es nicht das erste Mal.

– Ich heiße Sigmund, sagte er.

Sie müssten schon zu ihr, hatte Juliane gesagt, sie ging nicht einfach so mit zu fremden Männern. Darüber diskutierten sie eine Weile und es war noch nicht klar, ob Sigi einfach so mit zu fremden Frauen ging, als sie vor ihrer Haustür standen. Die Schwärze in ihnen wich mit den Umarmungen, wenn sie nicht überhaupt schon im Lune geblieben war. Am nächsten Morgen frühstückten sie bei einem Mittelgrau.

Damals glaubte sie noch, irgendwo würde für jeden ein Platz freigehalten. Wenn sie auf den gekennzeichneten Wegen bliebe, würde sie ihren schon finden. Doch bisher war ihr Leben wie ein Puzzlespiel, Juliane immer auf der Suche nach den fehlenden Teilen und hatte erst spät bemerkt, dass Sigi eines dieser Teile war. Seit sie das wusste, hatte sie Angst, er könnte sterben, plötzlich und unerwartet, mitten heraus, dann bliebe auch seine Stelle leer, so wie andere.

Juliane ging durch die Diele. Ihr Blick fiel auf den Kalender neben dem Telefon. Schon von weitem konnte sie Sigis Handschrift sehen mit den aufrechten Buchstaben und Linien, so dass allem, was er schrieb, etwas Unbedingtes anhaftete. Das Datum von heute war rot umrandet und quer über die ganze Seite stand: Martinstag.

Also auch noch zur Familie, dachte Juliane, das war unmöglich. Die Premiere lag wie ein Knoten vor ihr, nicht zu entwirren in den noch verbleibenden Stunden. Doch wenn sie absagte, würde bald ihr Vater anrufen.

– Es wäre schön, wenn die ganze Familie beisammen wäre, würde er sagen mit seinem warmen Gebetston, ohne Vorwurf, aber bestimmt.

– Tu deiner Mutter den Gefallen, würde er sagen.

Immer schob er Sigrid vor. Die eigenen Wünsche zählten nicht. Wie sollte sie da widersprechen.
Und sie konnte es beinahe verstehen. Die Familie war nicht groß, wenn einer fehlte, fiel das erheblich ins Gewicht.
Sie könnte einfach wegbleiben. Dann käme Alberts Anruf erst am nächsten Morgen. Ganz sicher käme er, und die Gewissensbisse würden die nächsten Tage beschweren, die Tage vor der Premiere.

Juliane drehte im Bad die Heizung an und ging zurück ins Wohnzimmer. Sie nahm das gebrauchte Geschirr mit in die Küche und machte Tee. Auch hier standen noch die Töpfe vom Abend, Soßenreste und zu Krallen erstarrte Spaghetti. Sie leerte die Reste von den Tellern und stellte sie in die Spülmaschine.

Und dann auch noch die Technik, daran dachte sie immer viel zu spät. Ihre Knie gaben ein wenig nach und sie trank im Stehen zwei Tassen Tee schnell hintereinander. Mit dem allerletzten Schluck spülte sie ihren Mund aus und spuckte in das Becken, als könne sie die aufkommende Panik mit ihrem bitteren Geschmack einfach wegspülen.

Der Martinstag war das Herz, dachte Juliane.

– Weil’s so schön zu unserem Namen passt, sagte ihr Vater immer. Und Justin hatte am einen Ende des Gewebes gezogen, das die Familie war, und damit alle anderen zu einem festen Knäuel verschnürt. Es ist so, dachte sie, Justin hatte eine Tür gefunden, um einfach das Zimmer zu verlassen. Er hatte sie gefunden, nicht sie.

– Hast du mal daran gedacht, einfach abzuhauen? fragte Justin sie eines Tages. Sie saßen auf der Vorgartenmauer und hatten ihre Taschen auf dem Gehweg abgestellt.

– Abhauen, ein schönes Wort. Ich haue ab – oder: ich haue etwas ab, einen Kopf? Einen Ast? – Ich haue mich von der Familie ab.

– Lass das doch.

– Wo willst du leben?

– Nicht wo ist die Frage. Wann willst du leben?

– Was?

– Wann, wann endlich?

– Ist das unsere Entscheidung?

– Gehst du?

– Du denn?

Sie stellte sich das Gespräch mit wechselnden Rollen vor. Wie immer sie dorthin gekommen waren, es war das einzige Mal, dass sie so zusammengesessen hatten. Justin hatte das Spiel gewonnen, das sie auf der Mauer zu spielen begonnen hatten, also würde sie zur Familie gehen.

Juliane nahm sich vor, um Großvater einen weiten Bogen zu machen. Das war nicht schwer, er blieb die meiste Zeit starr an seinem Platz sitzen und Sigrid bediente ihn mit Zigaretten und Likör. Juliane stellte sich um seinen Stuhl einen Graben vor, mindestens zwei Meter breit, der verhinderte, dass sie zufällig auf eine nähere Distanz zu ihm geriet. Das beruhigte. Sie ging ins Bad.

Sie schob den Duschvorhang zur Seite und stieg in die flache Wanne, als sich ihr ganzer Körper schon vor Kälte spannte und die Härchen auf der rauen Haut abstanden. Sie goss Shampoo in die Höhlung ihrer Hand und rieb es in den kurzen Haaren zu einer Haube aus Schaum. Mit ihrem Vater kam sie ja ganz gut klar. Tat manchmal Dinge, die gar nicht zu ihm passten. Wie er letzte Woche anrief, um ihren fachlichen Rat zu erbitten. Von Schauspieler zu Schauspieler sozusagen.

Solange Juliane sich erinnern konnte, ritt Albert als Heiliger durch die Gemeinde, jedes Jahr am Gedenktag, alle Kinder hinter sich wie der Rattenfänger, mit rotem Mantel, der im Wind wehte oder vom Regen am Hinterteil des Pferdes klebte.

Der heilige Martin, geboren 317, Soldat und Kämpfer für das Gute, getauft, zum Christen berufen und als Bischof von Tours vor über 1600 Jahren gestorben. Albert hatte ihnen als Kinder die Fakten eingetrichtert.

Früher brachte er lebendige Gänse nach Hause. Im Karton in der Waschküche durften sie das Tier einige Tage füttern, wie ein Haustier. Justin und Jette und sie. Sie hatten immer schon angefangen es zu lieben, wenn der Metzger kam.
Es war das Fest der Mertens, darauf bestand Albert, als wolle er damit alle auf seine Seite ziehen.

Das Wasser der Dusche regnete wie feine Nadeln auf Julianes Rücken. Sie schloss die Augen.

Den Martinsmantel hatte Tante Ruth genäht. Sie kam abends mit ihrer Reisenähmaschine, rote Stoffmassen flossen über die Wohnzimmercouch, soviel Rot, dass das Licht sich färbte. Tagelang grübelten sie über einen Teilungsmechanismus, es müsse leicht gehen, damit das Spiel nicht behindert wurde. Albert nahm den Schürhaken wie ein Schwert und zerteilte eine Reihe von Druckknöpfen in ihrem Wohnzimmer. Juliane saß auf dem Sessel und kicherte. Ihre Mutter kam herein und schimpfte, dass Justin nicht schlafen könne. Auch den schönen großen Perlmuttknopf ihrer ausrangierten Kostümjacke wollte sie nicht so einfach hergeben. Seit damals träumte Juliane vom Theater.

Sie drehte den Hahn ab, rubbelte sich die Haare trocken und ging zurück ins Schlafzimmer. Sie warf sich auf das formlose Deckengewirr, unter dem Sigi lag.

– Frühstück? fragte sie. Als Antwort erhielt sie einen Ruck, mit dem er sich umdrehte, und Juliane rollte von ihm herunter. Sigi rührte sich nicht mehr. Juliane blieb hinter seinem Rücken liegen und betrachtete, auf die Ellbogen gestützt, das Wäscheregal an der gegenüberliegenden Wand. Feiertag. Was darf’s denn sein? Kostüm oder Hosenanzug? Besaß sie nicht. Nur die Arbeitshosen, armeegrün mit unzähligen Taschen für Notizen, Zigaretten und was sie sonst noch so brauchte. Aber die waren heute unpassend. Blieb noch der Mini. Sie stand auf und suchte in der Schublade nach Unterwäsche. Body, Seidenstrümpfe. Sie trug diese Dinge selten. Zur Premierenfeier vielleicht oder wenn sie mal mit Sigi ausging. Sie zog den Rock über die Hüften und strich ihn glatt, Pullover, fertig. Es würde kalt sein, dachte sie und rollte schwarze Wollstrümpfe über die Knie. Nur zwischen Bündchen und Rocksaum schimmerte die Haut ihrer Schenkel durch die Strumpfhose.

Die Maske sei ihm wichtig, hatte Albert am Telefon gesagt, dass das Make-up auch im Regen hielte, und Juliane fing schon an ihm ernstgemeinte Ratschläge zu geben, dann fragte er doch noch:

– Du kommst am Donnerstag?

Alberts Fragen wie Feststellungen, schlicht, nur durch ein leichtes Heben der Stimme markiert. Damit war er auch bei Gericht erfolgreich.

Juliane setzte Kaffee auf und deckte den Küchentisch, bevor sie auf Strümpfen aus der Wohnung lief, die Treppe hinunter, um die Zeitung und die eingeklemmte Post aus dem Briefkasten zu ziehen. Die Schlagzeilen überfliegend kehrte sie zurück. Sie suchte die Termine heraus, blätterte den Samstag auf, begierig ihren Namen zu lesen und die Ankündigung ihres Stücks. Dort stand es: Das Leben der Ulrike M. in fünf Szenen.

– Warum die Meinhof? hatte Sigi gefragt.

– Weil ich in sie verliebt war.

– Verliebt.

– Ja, verliebt.

Juliane war zehn oder elf, als die Verhandlungen in Stammheim begannen.

– So eine würdest du doch nicht verteidigen, hörte sie Sigrid zu Albert sagen. Ihre Eltern fingen an zu streiten, weil ihr Vater die falsche Antwort gab. So eine, da war ihre Neugier geweckt und sie suchte jede Zeitung nach der Frau ab, die im Gefängnis saß. Sie fand den Bericht einer Illustrierten mit dem Foto einer jungen Frau in Rock und Bluse. Die Beine in Nylonstrümpfen übereinandergeschlagen spielte sie mit ihren Fingern und blickte mit weichen Lippen in die Kamera.

Noch öfter hatten ihre Eltern über diese Frau gestritten. Juliane war zu jung, sie verstand den Sinn der Gespräche nicht. Doch um so stärker hatten sie sich eingeprägt, die Aura von Angst und Ernsthaftigkeit blieb untrennbar verbunden mit dem Gesicht auf dem Foto, das so aussah, als könne man ihm vertrauen.

Juliane zweifelte wieder. Konnte sie so ein Leben ins Rampenlicht setzen oder war sie eine Voyeurin? Kalte Luft zog von der Haustür herauf. Sie nahm zwei Stufen auf einmal und schlug die Wohnungstür hinter sich zu. Doch das nützte nichts, der Zweifel würde wiederkommen mit der gleichmütigen Beständigkeit wie dieser Traum.

Sie hatte schon einen Teil der Zeitung gelesen, als Sigi endlich in die Küche kam. Es würde spät werden. Erst am Abend würden sie wieder an die Vertrautheit der letzten Nacht anknüpfen können. Juliane riss eine Seite aus dem Anzeigenteil, faltete ein Schiffchen daraus und legte es auf Sigis Teller.

– Ich muss jetzt los, sagte sie.

Sigi nahm sie in den Arm. Sein Körper köderte sie mit seiner Wärme, sie durfte sich nicht darauf einlassen, sonst kam sie nicht weg.

– Du schaffst das schon, sagte er, volle Kraft voraus.

Juliane machte sich los, vielleicht eine Spur zu schroff, so dass er sie ansah.

– Ich schaff das, klar.

Juliane ging noch einmal durch die Wohnung, in der es nicht heller geworden war, als hätte der Tag seine blasse Kraft bereits vertan, nichts aufgespart für das, was noch kommen sollte. Sie packte ihre Zettel in die Umhängetasche und zog den langen Mantel über. Mütze und Schal ließen nur einen eckigen Ausschnitt ihres Gesichts übrig, als sie aus der Wohnung ging.

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