Himmel, Polt und Hölle von Alfred Komarek, 2001, Haymon-VerlagAlfred Komarek

aus: Himmel, Polt und Hölle

Im Wiesbachtal tun sich seltsame Dinge. Zuerst schaut alles eher nach Bubenstreichen aus, dann überschreiten der oder die Täter eine Grenze, die Schlimmes befürchten läßt.

Am Waldrand legten Karin Walter und Simon Polt ihre Fahrräder ins Gras. Die Lehrerin schaute den Gendarmen prüfend an. „Was fällt dir auf, an so einem Übergang zwischen zwei Lebensräumen?“
„Nicht viel.“ Polt war noch ein wenig außer Atem. „In Naturkunde war ich ziemlich schwach. Aber man lernt ja nie aus, nicht wahr?“ Simon Polt war auch jetzt kein guter Schüler. Er achtete kaum darauf, was die Lehrerin sagte, aber er fand den Klang ihrer Stimme außerordentlich reizvoll. Auch hielt er es für pure Zeitverschwendung, Grünzeug zu betrachten und dabei womöglich Karin Walter aus den Augen zu verlieren.
„Mir nach, Simon! Der Weg ist fast zugewachsen um diese Jahreszeit. Wir gehen geradeaus. Ich will dir was zeigen.“
Nach einer Weile blieb Karin stehen und schaute sich suchend um. „Da muß es irgendwo sein. Dieser Graben linker Hand ist ein aufgelassener Hohlweg. Komm, wir müssen auf die andere Seite.“
Abseits des Weges war es mühsam voranzukommen, hüfthoch wucherte das Grün. „Wir sind gleich da, Simon ... Diese kleine Lichtung da vorne: Fällt dir was auf?“
Polt sah Stauden und hohes Gras, aus dem Blumen leuchteten. Die tiefstehende Sonne legte lange Baumschatten darüber. „Was soll mir hier auffallen, Karin? Schön ist es.“
„Ja, das auch. Außerdem stehst du vor einem Tatort, mein Lieber!“ Die Lehrerin lief auf die Wiese und teilte mit beiden Händen das Gras. Der rundliche Buckel eines flach behauenen Steines kam ans Licht. Aus der Nähe erkannte Simon Polt dann ein Kreuz und verwitterte Schriftzüge.
„Ein Grabstein, Karin?“
„Ja. Der Fürst Franzl hat ihn entdeckt, und ihm ist es auch gelungen, die Inschrift zu entziffern. Unter der Jahreszahl 1638 wird berichtet, daß hier ein gewisser Georg von Datschit begraben liegt, der von drei Personen unerbärmlich ist ermerdert worden.“
„Na das sind Raubersgschichten!“ Der Gendarm betrachte fasziniert den Stein. Dann stutzte er. „Du Karin, da, an der Rückseite, ist noch etwas, nur oberflächlich eingekratzt!“
„Tatsächlich, Simon. Ein Hut mit Feder! Kommt mir übrigens bekannt vor. Ein wenig wächst schon Moos darüber. Muß lange her sein, daß sich hier jemand verewigen wollte.“
„Stimmt. Allerdings ist mir diese Zeichnung in den letzten Tagen auch anderswo untergekommen.“
„Erzähl!“
„Später einmal. Ist wahrscheinlich halb so wichtig. Du solltest dich lieber um die Auffrischung meiner botanischen Kenntnisse bemühen.“ „Gern! Dieser einzeln stehende Baum da ist eine Wildkirsche, leicht zu erkennen an den Querstreifen der Rinde.“ Die Lehrerin nahm Simon Polt an der Hand. „Komm, wir nehmen einen anderen Weg zurück. In ein paar Minuten sind wir am Saugraben. Der führt geradewegs zur Brunndorfer Kellergasse.“
Entschlossen drang sie durch dichtes Gehölz vor. Dann blieb die Lehrerin so plötzlich stehen, daß der Gendarm fast gegen ihren Rücken prallte. „Simon, um Himmelswillen!“
Sie schaute nach oben, Polt folgte ihrem Blick und sah ein totes Reh. Eine Drahtschlinge hatte sich tief in den Hals eingeschnitten, After und
Maul waren von Fliegenschwärmen bedeckt.


Dann wird die Pfarrersköchin Amalie Pröstler mit vergiftetem Meßwein ermordet. Polts Recherchen führen ihn auch in den Weinkeller des Mesners und kleinen Weinbauern Firmian Halbwidl:

„Hast du gewußt, daß die Amalie drauf und dran war, den Pfarrhof zu
verlassen?“ Der Mesner stellte sein Glas so hastig auf den Tisch, daß der Wein überschwappte. „Nein! Und sie hätte es mir doch sagen können. Ich versteh’s nicht. Wir waren so gut miteinander.“
„Wer kennt sich schon aus mit den Weibern. Naja, jedenfalls hat der Pfarrer sogar in der Frauenrunde darüber gesprochen. Und es ist ihm geraten worden, die Köchin mit einem Geschenk zu versöhnen. So viel
steht fest.“
„Ich trau mich gar nicht weiterzudenken.“
„Ich tu’s für dich. Es könnte immerhin sein, daß der Pfarrer auf die Idee kommt, den alten Rotwein herzuschenken, und daß die Frauenrunde davon weiß. Gut möglich, daß unter den Frauen die eine oder andere ist, die mit der Amalie eine Rechnung offen hat. Und jetzt hört sie, wie der von ihr so verehrte geistliche Herr beinahe die Fassung verliert, weil ihn seine Köchin verläßt. Sie erkennt, daß er die Amalie sehr gern hat oder sogar liebt. Frauen spüren so was, hab ich mir sagen lassen. Zur alten Eifersucht kommt also plötzlich ein neuer Schmerz.“
„Und sie gibt Gift in die Flasche oder tauscht sie mit einer aus, die sie zu Hause präpariert hat. Problem wär’s keines. Aber tut das eine fromme Frau?“
„Frag mich was Leichteres. Ich werd noch einmal mit dem Pfarrer reden müssen. Eine andere Frage, Firmian. Kennst du den Peter Paratschek, den Wiener?“
„Den? Ich bin so ziemlich der einzige, der ihn noch in den Keller einlädt. Macht sich nicht gerade beliebt mit seiner Art. Vor ein paar Tagen erst war er hier und ist über den Kameradschaftsbund hergezogen.“
„Geht er am Sonntag in die Messe?“
„Früher hat er sogar die Fürbitten gelesen. Seit ein paar Jahren ist er ausgetreten, wegen der Kirchensteuer. Warum fragst du?“
„Nur so.“
„Dann komm einmal mit. Ich laß dich was Besonderes kosten.“
In einem mit Ziegeln ausgemauerten Seitengang stand ein kleineres Faß. Der Mesner strich bedächtig mit der Hand darüber. „Da hab ich seit drei Jahren einen Blauburger drin. War schön kräftig, als ich ihn eingefüllt habe. Wollte wissen, wie er sich so entwickelt.“ Firmian Halbwidl füllte erst den Weinheber, dann die Gläser. Feierlich hob er das seine. „Ordentlich dicht ist er.“
Dann führte er das Glas zur Nase, zuckte zusammen und kostete rasch. Im nächsten Augenblick schmiß er das Glas gegen die Wand und wandte sich ab.
„Was ist, Firmian? Geht’s dir nicht gut?“
„Der ist hin. Essigstich! Das gibt es nicht, das kommt nicht von selber. Nicht bei diesem Wein.“ Der Mesner drehte sich um. Sein Gesicht hatte scharfe Konturen bekommen, die Lippen zitterten, er hatte den Finger von der Öffnung des Weinhebers genommen, sein rechtes Hosenbein glänzte naß.
„Wer tut mir so was an, Simon?“


Die nächste Szene spielt am Abend beim Höllenbauern:

„Ein Essigstich sagst du? Bei einem Blauburger, drei Jahre im Faß und vor zwei Wochen noch in Ordnung? Da geb ich dem Halbwidl allerdings recht.“ Der Höllenbauer saß am Küchentisch, Polt ihm gegenüber.
„Angenommen, jemand legt es darauf an, den Wein zu verderben ? wie soll das funktionieren?“
„Ein halber Liter Essigsäure aus der Drogerie und fertig. Eine schwere Gemeinheit. Kann einem leid tun, unser Sakristeidirektor. Hat fast nichts zum beißen, und dann auch noch das.- Wie geht’s weiter?“
„Die Kollegen von der Kriminalabteilung und auch die Weinbauschule haben Proben bekommen. Aber es wird schon stimmen, was du sagst.“
„Und wer den Wein vom Mesner ruiniert hat, wird auch den Giftsaft in den Wein gemischt haben, meinst du?“
„Ist doch irgendwie logisch.“
„Und warum das alles?“
„Manchmal mein ich, daß ich es lieber nicht wissen möchte.“
„Dann hast aber den falschen Beruf, Simon.“
„Sag ich mir auch. Alsdann. Gute Nacht, Ernstl. Wo sind übrigens deine Frau und die Kinder?“
„Beim Fernsehen.“
Simon Polt ging zu seiner Wohnung im rückwärtigen Teil des Hofes. Ob der Firmian noch immer in seinem Keller stand, in seinem nunmehr entweihten Königreich? Polt sperrte die Tür auf, streichelte gedankenverloren seinen Kater, fütterte ihn, setzte sich ans offene Fenster und dachte nach. Plötzlich spürte er einen bitteren Geschmack im Mund. Unwillig schüttelte er den Kopf, holte tief Atem und stand auf. Er ging nach draußen, in den Hof.
Das Licht aus dem Fenster fiel auf Sträucher, hohes Gras und Unkraut. Der alte Höllenbauer hatte hier einen kleinen Gemüsegarten gepflegt, bis er vor ein paar Jahren gestorben war. Simon Polt ließ alles verwildern, und es gefiel ihm gut so. Grillen zirpten, oder waren es Heuschrecken? Irgendwo raschelte ein Igel im Laub.
Dann hörte Polt Schritte von der Hoftür her. Gleich darauf erkannte er Karin Walter. Sie kam langsam näher, bewegte sich anders als sonst. Eine Armeslänge von Polt entfernt blieb sie stehen. „Karin! Was ist?“ Er schaute in ein vertrautes, fremdes Gesicht.
„Tot ist er.“ Die Stimme der Lehrerin klang dünn.

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