Die jüdische Mutter von Gertrud Kolmar, 1999, Wallstein

Gertrud Kolmar

Die jüdische Mutter
(Leseprobe aus: Die jüdische Mutter, 1999, Wallstein)

Er stieß eine Tür im Hinterflur auf: »Hier wohn' ich.« Es war ein ganz nettes, räumiges Zimmer; sie hatte darauf nicht acht.
»Albert -« begann sie.
»Hier. Zunächst setz' dich. Und dann laß mich erst mal reden. Ich werde mich kurz fassen, sehr kurz. Also: Ich bin kein Flegel, ich bin kein Weib - na, das hast du inzwischen gemerkt - und ich versteife mich nicht darauf, wenn ich Unsinn schwatze, so dummes Zeug, das nachher noch vernünftig zu finden. Ich hatte mich neulich schwer geärgert, Grund genug war vorhanden, und schließlich bin ich in Hitze geraten und hab' dir da ein paar Hiebe versetzt ich möchte uns alle beide nicht gern dran erinnern. Du verzeihst mir, ja? Deshalb bist du auch hergekommen oder Nein?«
»Nein,« sagte sie leise. »Ich ich hab' dir nichts nachgetragen, ich kann dir auch nichts vergeben, Albert,« sie sprach und schaute ihn an, als wär' es zum ersten Male, »ich habe dich lieb. Komm wieder.«
Sie warf die Hand übern Tisch. Er zuckte zurück. Nach einem Schweigen:
»Martha. Es tut mir leid; aber ich muß dir auch das noch sagen, ich kann dir nicht helfen. Mein Benehmen am Sonntag war unrecht. In der Sache selbst - hatt' ich recht. Und da liegt was tot, und ich bin kein Zaubrer, ich mach' es nicht wieder lebendig.«
Sie flüsterte: »Ja. Mein Armes «
Er trommelte auf der Tischplatte mit den Fingern. »Ich meinte dein Armes nicht. Ich meinte unser unsere Liebe. Die ist dahin. Und was sie zu guter Letzt umbringen mußte: Es hat immer nachts zwischen mir und dir diese Kindesleiche gelegen.«
Ihre Augen dunkelten. »Ich werd' es begraben. Das verspreche ich dir.«
»Du kannst nichts versprechen.«
»Doch.« Sie zeigte ihm einen sehr großen umschnürten Brief. »Weißt du, was das ist? Ursas Bild. Ich möcht' es nur nicht aus dem Umschlag nehmen du wirst mir's ersparen du kannst ja nachher die Schnipsel prüfen, damit du mir glaubst. Sieh her!« Sie faßte wie mit Klauen das Ding und riß es in Stücke.
Er starrte sie an. »Du Und du fragst, warum ich dich nicht mehr liebe? Übrigens -« er brach plötzlich ab, verstummte. Nach einer Weile, sehr ernst: »Du bist keine gute Mutter. In der ersten Zeit hast du Götzendienst mit deiner Ursa getrieben; jetzt schlägst du den Götzen entzwei. Eins ist so falsch wie das andre.«
»Was soll ich denn tun,« bat sie demütig, »sag' mir doch, was ich tun soll. Damit du weißt, daß ich nicht lüge.«
Er erwiderte mit einer nachlässig wegschiebenden Gebärde. »Nur darum ? Ich behaupte ja nicht, daß du lügst. Immer dies Maßlose « Er fügte hinzu: »Du bist jetzt erregt. Wenn du zur Ruhe kommst, wirst du einsehn -«
»Ich will nichts einsehn. Ich will dich lieben, ich will dir gehorchen ach Gott. Du verstehst mich nicht.«
Er bestätigte hart:
»Nein, ich verstehe dich nicht. Du läufst mir nach. Wenn du noch einen Funken von Ehrgefühl hättest -«
»Ich habe keins mehr.«
Sie sank zusammen. Dann aber ruckte sie, hob den Kopf, ein banges Flattern irrte im Blick; sie flehte wie in Bedrängnis:
»Albert !« Und als wäre er fern: »Albert - hörst du mich? - Du meinst am Ende, ich spiel' mich nur auf, ich mach' solchen Sums, um dich festzuhalten, weil du brauchbar bist für meinen Zweck Du du irrst dich. Du hattest von einem Handel gesprochen. Das war auch einer, so ein Vertrag, damals. Jetzt Ich will das nicht mehr: Ursa rächen. Du sagst: ich bin eine schlechte Mutter. Nein. Bloß Heut denk' ich an meine Ursa nur so, so lau und ein bißchen wehmütig wie andere Mütter auch an ihre toten Kleinen. Früher ach Gott, wie hab' ich mein Kind geliebt mehr als mein Leben. Ihr hattet zu zweit keinen Platz in mir, und du hast es hinausgedrängt. Da ist es gestorben. Vor kurzem wurde es sieben Jahr, da hab' ich es auf den Friedhof getragen und in die Erde bestattet. Albert. Ich muß dir noch etwas erzählen «
Sie stockte. Er betrachtete schweigend seinen Bleistift, zog Striche auf einem Papier. Sie wollte fortfahren, beichten: »Ich habe mein Kind ermordet, Albert. Das bekenne ich dir. Nun bin ich in deinen Händen.« Aber sie fühlte den meerkalten Blick, einen eisigen Tropfen, auf ihren Scheitel rinnen. Klar: Spar' dir das, Martha. Du wirkst nicht sehr überzeugend. Eine gute Schauspielerin magst du sein; aber als »große Verbrecherin« machst du mir keinen Eindruck. Oder noch härter: Das bildest du dir ein. Du bist überspannt. Ich bin kein Freund von übergeschnappten Weibern. - Da hob er das Kinn, zuckte herb die Lippen, fast herausfordernd:
»Nun?«
Sie hörte sich wiederholen:
»Ich muß dir etwas erzählen. Du sollst wissen Ich will mich in deine Hände geben, du kannst mich dann ins Gefängnis bringen, wenn ich dir lästig bin. Ich habe mein Kind - getötet. Es lag im Krankenhaus, und ich sah, daß es nicht mehr gesund werden könnte, und hab' ihm ein Mittel eingeflößt, ein Schlafmittel. Und als nachher alles zuende war, sagten die Schwestern, es sei das Beste Du glaubst mir nicht -«
Er stand auf. »Ich glaube dir ganz und gar. Du bist dazu fähig. Nur Wenn uns irgend etwas noch schärfer trennt, ist es das. Du hast mich zum Mitwisser deiner Handlung gemacht ohne meinen Willen. Ich kann keine Frau zur Geliebten haben, von der ich das weiß. Ich würde vielleicht eines Tages Strychnin im Kaffee vermuten.«
Sie schrie: »Albert!«
»Sei still. Es ist nicht nötig, daß hier die Leute zusammenlaufen. Und bitte, geh. Ich möchte dir nicht die Türe weisen; aber ich habe Angst vor deinen weitern Geständnissen.«
Sie richtete sich wie voll Mühe empor, griff das Gefetz, das zerstückelte Bild, und schob es in ihre Tasche. Und sprach mit ihrer niedergehaltenen, seltsam geduckten Stimme:
»Du liebst eine andere. Ja?«
Er sah aus dem Fenster. Er meinte, daß sie ihn nochmals anrufen, ihm Lebewohl sagen würde. Aber er hörte nur ihren Schritt und das Klappen der Tür. Er stand mit gekreuzten Armen und starrte so vor sich hin. Ihm fiel plötzlich ein, daß er sie begleiten, die Wohnung aufschließen müßte. Er eilte nach vorn. Aber sie war schon gegangen.

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