Stadt des Windes
(aus: Vor der Wüste, Roman,
2004, dtv)
»Ich dürfte gar nicht hier sein«,
sagte er mir später.
Es sei eine laute, deutliche Stimme in ihm. Aber je länger er unter dieser
Sonne lebe, desto mehr vermindere sich die Stimme zu einem Flüstern, das die
Worte unaufhörlich wiederhole: »Nicht hier sein. Nicht hier sein«, bis er, so
erzählte er und starrte mich aus dem gesunden Auge an, bis er die Faust balle
und sage: »Ich. Bin. Hier. Und... sie... ist auch hier. Irgendwo.« Und das
sage er mit einer Stimme, die keinen Widerspruch mehr zulasse.
»Schon wieder so ein Essaouira Freak«, dachte ich, als ich den Mann zum ersten
Mal sah. »Ein Verrückter mehr.«
Ich schaute durch die Dampfschlieren über dem Teeglas. Der Mann humpelte aus
dem Schatten der Tunnelgasse auf den sonnengefluteten Platz. Er zog das linke
Bein nach. Sein Oberkörper wankte. Trotzdem hatte sein Gang etwas
Entschiedenes. Der Mann beugte sich dem Wind entgegen. Er trug einen
Tropenanzug, sandfarben, mit aufgesetzten Taschen, dazu halbhohe Lederstiefel
mit einer Schutzlasche über der Schleife. Sein rechtes Auge war von einer
Klappe bedeckt. Das mattschwarze Material stanzte ein Loch in das Gesicht des
Mannes. Ich konnte nicht erkennen, was außer der Augenklappe noch in das
Gesicht gezeichnet war. Irgend etwas stimmte nicht. Der Mann ging bis zur Mitte
des Platzes, sah sich um und blieb stehen. Einen Moment lang verharrte er, dann
spreizte er die Hände von den Hüften weg und drehte sich einmal um sich
selbst.
»Wen haben wir denn da?« Eine segensreiche Frage für mich, über deren
schriftliche Beantwortung mir schon viele Euros aus Deutschland auf mein
marokkanisches Konto überwiesen worden sind.
Wie es um meine eigene Verrücktheit bestellt ist, weiß ich nicht zu sagen. Als
ich vor fünf Jahren, aus Deutschland angereist, vor dem Bab Sbaa aus dem Taxi
gestiegen bin, vier Koffer auf einen Eselskarren laden ließ und wochenlang in
den leeren Räumen wohnte, die heute meine Galerie sind, machte mich das in den
Augen der Einheimischen zweifellos zu einem Sonderling. Aus dem Paradies
wegzugehen, und Deutschland gilt vielen hier als Paradies, sei so unbegreiflich
wie ohne Wasserkanister die Wüste durchqueren zu wollen.
Der Mann stand still. Er hatte die Hände in die Hosentaschen gesteckt. In
seinem Tropenanzug schien er einem Abenteuerfilm entstiegen, in dem er eine
Gruppe unerfahrener Europäer durch die Wüste führte.
Die meisten Menschen unterschätzen die Wüste.
Nachdem ich als junger Mann eine unbestimmte Zeit in der Wüste gewesen war,
hatte sich ein vollkommen neuer Gedanke von Endgültigkeit in mein Leben
genistet. Mein Leben erschien mir seitdem sauberer. Vor wenigen Monaten wollte
eine Familie aus Deutschland mit dem Auto einen Teil der Sahara durchqueren.
Soweit ich mich an den Zeitungsartikel erinnere, war es irgendwo in Tunesien.
Sie sind nach etwa hundertfünfzig Kilometern von der Piste abgekommen. Eine
Karawane fand die Leute. Der Vater lag zehn Meter vom Auto entfernt mit
ausgestreckten Armen im Sand. Die Mutter lehnte mit dem Rücken am glühenden
Blech. Die beiden Kinder, ein Junge und ein Mädchen, waren Hand in Hand auf dem
Rücksitz zusammengesunken. Ihre Blechtassen sollen nach Ammoniak gerochen
haben.
Der Mann näherte sich der Terrasse des Essalam. Mit jedem Nachziehen seines
Beines verringerte sich meine Irritation über sein Gesicht. Die seltsame
Zeichnung stammte von rotschwarzen Schrammen, die sich von der Augenklappe aus
über seine Wange zogen. Auf seinen Händen klebten Pflaster.
Der Hal durchwehte die Hitze.
Die Menschen an den Tischen vor den Cafés beobachteten den Mann. Ihre Gesichter
wandten sich einander zu, ich sah sie sprechen. Der Kellner des Café de France
wies mit dem Zeigefinger auf den Mann und sagte etwas. Ein Mann mit weißem Hemd
und schwarzer Weste hielt sich den Bauch und lachte lauthals. Der Fremde ging in
Richtung Hafenmauer weiter. Er drehte regelmäßig den Kopf nach rechts, in die
Richtung, in die er wegen seines eingeschränkten Gesichtsfeldes nicht sehen
konnte. Er war ein Neuankömmling. Ganz sicher. Ich sitze jeden Vormittag hier
unter der Markise des Essalam. Ich beobachte die Menschen auf dem Platz. Ich
trage immer und überall einen Notizblock bei mir.
»Das Fremde ist eine Sucht«, schrieb ich. »Es ist ein Korrektiv, ein beglückender
Wahn, ein Rausch. Es kann einen Menschen ängstigen bis zur Katastrophe. Es kann
verstörend sein bis zur Krankheit. Es ist manchmal ganz nah. Menschen lieben
oder hassen es. Das Fremde ist extrem.«
Dieser Mann war hier fremd. Seine Drehung um die eigene Achse hatte etwas von
einem »Ich faß es nicht«, dieses Ausdrucks der Begeisterung und des
Schreckens. Ich habe ähnliche Reaktionen schon bei vielen Europäern, Asiaten
oder Amerikanern hier in Essaouira gesehen. Erst war es nur eine fixe Idee
gewesen, über meine Beobachtungen zu schreiben, aber nachdem ich anderthalb
Jahre hier war und die Galerie nur schleppend in Gang kam, schickte ich meine
kleinen schriftlichen Porträts an verschiedene Magazine in Deutschland. Und
siehe da, einige der Chefredakteure schlugen mir vor, regelmäßig über Fremde
in Marokko zu schreiben, über europäische Hoteliers, Diplomaten, über
Lifestyle, über arabische Gärten und »Bitte Paul, wenn Sie möchten, dann hängen
Sie das immer an einem Ihrer kleinen Porträts auf.« So verdiente ich mir ein
stattliches Zubrot.
Ich zündete mir eine Zigarette an. Ich konnte dem Mann von meinem Platz aus
bequem nachblicken.
Die Fischer haben ihre Grillstätten entlang der Hafenmole aufgebaut und ein
Sonnensegel darüber gespannt. Sie grillen den auf schrägen Holzflächen
dargebotenen Fisch in Eisenkörben. Hunderte von Möwen zerhacken den Himmel über
dem Rauch. Die großen Krebse bewegen sich in salzwassergefüllten
Plastikeimern.
Der Mann guckte in einen der Eimer.
Immer wieder versuchen einzelne Tiere, aus dem Eimer zu klettern. Manchmal, wenn
der Krebsfang gut war und die Eimer voll sind mit klackenden Bewegungen, schafft
es eines der Tiere: es kämpft sich über die Panzer der anderen so weit nach
oben, daß es eine Schere über den Rand legen kann. Die Männer schubsen es
dann zurück oder opfern diesen Krebs der Gaumenfreude.
Ein Fischer in blutverschmiertem Kittel sprach den Mann an. Erst reagierte er
nicht und starrte in den Eimer. Dann nickte er. Er sah zu, wie einem Krebs die
Beine abgedreht wurden, Blut und Salzwasser aus den Löchern quoll, wie er
aufgeknackt, auf eine feuer und fettgeschwärzte Grillgabel gesteckt und
auf die Glut gelegt wurde.
Der Mann schwang das gesunde Bein über die Bank, griff mit beiden Händen um
das verletzte Bein und hob es über die Sitzfläche. Einer der Fischer lief mit
ausgestreckten Armen auf ihn zu. Aber der Mann hob abwehrend die Hände und
schien etwas zu entgegnen.
Er aß den Krebs und drei Fische. Doraden, glaube ich. Und währenddessen drehte
er immer wieder den Kopf und die Schultern und blickte über den Platz und an
der Hafenpromenade entlang.
Als ein Tellerwäscher das Geschirr abräumte, sprach der Mann ihn an. Er zeigte
ihm ein Foto, das er aus der Brusttasche der Jacke gezogen hatte. Der Tellerwäscher
streckte die Hand nach dem Bild aus. Der Mann zog es zurück und hielt es mit
beiden Händen fest. Der Marokkaner schüttelte den Kopf. Ein weiterer Mann kam,
sah sich das Bild an und kratzte sich am Bart. Der Fremde hielt dem Betrachter
das Bild näher vor
die Augen. Aber dann schüttelte auch der bärtige Mann den Kopf.
Ich bezahlte Couscous und Tee. Ich wollte den Mann nicht aus den Augen
verlieren. Für jemanden wie mich kann solch ein Mensch allein durch sein
Aussehen und seine Bewegungen den seltsamen Apparat des Geschichtenerzählens
anwerfen. Mehr brauche ich nicht. Nur etwas, das mich berührt, ohne daß ich
mir Gedanken über einen Sinn oder eine Moral mache: eine Blechtasse, eine
interessante Frau, ein Mann im Tropenanzug.
Ich folgte dem Mann. Er humpelte unter dem Kanonenturm hindurch in den Hafen.
Schiffsskelette bogen ihre Spanten wie Rippen ausgeweideter Dinosaurier in den
blauen Wind. Er ging weiter zur Uferpromenade vor dem Sandstrand. Kamelreiter
beugten sich aus dem Sattel zu ihm hinab. Der Mann schüttelte den Kopf. Er ging
an der Nachtbar vorbei, deren Fenster und Türen vernagelt waren, und humpelte
hinunter zum Sand. Als ich bei dem ersten Kameltreiber ankam, deutete ich mit
dem Kopf nach dem Fremden.
»Deutsch«, sagte der Mann. Auf so etwas kann man sich hier verlassen.
Marokkaner haben einen für mich bis heute unerklärlichen Blick für die
Nationalität von Fremden.
»Hast du ihn sofort auf deutsch angeredet?«
»Ja. Hat ihm nicht gefallen. Mochte er nicht. Der will nicht als Deutscher
erkannt werden.«
»Sehr sympathisch«, sagte ich.
Nach etwa fünfzig Metern ließ sich der Mann in den Sand fallen. Er streckte
die Beine aus und legte die Hände auf die Knie.
Ich setzte mich auf die Mauer und wartete.
»Was muß man tun, um das Bild eines Menschen zusammenzusetzen?« fragte er
mich später. »Ich bin Ethnologe. Zu meinem Beruf gehört es, genau das zu tun.
Aber... wie viel von sich selbst muß man aufgeben, wie weit muß man von sich
selbst weggehen, um den anderen erkennen zu können? Vor allem, wenn er – oder
besser gesagt: sie – wenn sie aus einer anderen Kultur zu stammen scheint? Wie
machen Sie sich das Bild von einem Menschen?«
»Ich höre zu, ich beobachte, ich denke. Und ich erfinde. Merkt ja keiner. Ich
reichere meine Porträts ein wenig an.«
»Beobachten. Erfinden... tja. Erfinden. Etwas so sagen, daß andere glauben, es
sei so gewesen. Wissen Sie, mein Sohn Thomas will unbedingt Schriftsteller
werden. Irgendwann habe ich ihm gesagt, daß vielleicht jeder Schriftsteller
auch Ethnologe sein muß: Fremdenkundler.«
»Sie sind ein cleverer Kerl.«
»Ja. Und was habe ich davon?«
Wir lachten. Anfangs hätte ich nicht gedacht, daß dieser Mann mich zum Lachen
bringen könnte.
Dieser Mann, der jetzt Schritt für Schritt auf mich zukam. Trotz der Sonne
stach sein Bild klar, hochgewachsen und schwankend vom Strand ab. Die Gürtelschnalle
der Jacke blitzte.
Die Wunden in seinem Gesicht sahen schlimm aus. Sein Haar war blond, er war groß
und trug ein Piratenbärtchen. Er sah mir in die Augen. Ich lächelte ihn an. Er
verzog keine Miene. Er ging in Richtung Stadtmauer. Ich folgte ihm in sicherem
Abstand. Er bog in eine Seitengasse ein. Ich lugte um die Mauerecke. Der Mann
schloß eine Tür auf und verschwand. Jack Oswalds Essaouira-Appartements.
Morgen also, Fremder. Ich wette, ich sehe dich am Mittag wieder bei den
Fischern.
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