aus: Diese eine Nacht
Komm, sieh mich an, mach die Augen auf, komm schon, hörst du?... ich bins, der Vogel, dein Vogel... warum sagst du nichts, wo treibst du dich herum?... komm, wach auf, räum nicht das Feld, geh noch nicht fort... schon gar nicht jetzt, wo der Irrsinn in der Welt ausgebrochen ist... komm zurück aus deinem fernen Land... wo bist du nur?... weißt du eigentlich, was ich früher alles angestellt habe, um deine Stimme zu hören? ... es gab Zeiten, wo ich ohne deine Stimme verloren war, dann war mir jedes Mittel recht, selbst von den gottverlassensten Orten in der Welt, von dem einsamen Dorf in Columbien, der Bergsiedlung in Mexico, ja von einem Wüstencamp aus wollte ich dich anrufen, mich vergewissern, daß es dich noch gibt, mußte dich hören, und wenn der einzige Besitzer eines Telefons die Polizei war, dann hab ich mir eine Geschichte ausgedacht, etwa so:
...Bitte, ich flehe Sie an, es geht um Leben und Tod!... bis sie der Nervensäge den Hörer in die Hand drückten, und wenn ich dich einmal nicht erreichen konnte, wenn deine Frau behauptete, Er ist nicht da, tut mir leid, meine Liebe..., ich aber im Hintergrund das Gemurmel einer Abendgesellschaft zu hören glaubte, oder wenn deine Sekretärin sagte, du seist in einer wichtigen Besprechung und sie dürfe dich nicht stören, dann hab ich alles drangesetzt... du weißt ja, daß ich, wenn ich nicht wußte, was mir dir los war, in Panik geriet, nicht schlafen konnte, mich nachts in den Kissen wälzte und vergeblich versuchte, die Vorstellung zu verscheuchen, du lägst auf der Straße, im Regen, in der Kälte, niedergeprügelt, zunichte gemacht, im Stich gelassen... dann hab ich mir was einfallen lassen, sogar die Stimme deiner Mutter hab ich mal imitiert, Geben Sie mir meinen Sohn, ich muß ihn sprechen, ich liege im Krankenhaus... bis sie endlich da war, deine Stimme, der vertraute Klang wie das Aneinanderrollen von dunklen Holzkugeln...
Rezension I Buchbestellung 0I03 LYRIKwelt © Klett-Cotta