Entgleisungen von Patrick Kkontis, 2001, Ammann

Patrick Kokontis

Entgleisungen
(Leseprobe aus:
Entgleisungen, Erz., 2001, Amman)

Es ist ein Tag, der die Nacht nicht aus dem Zwielicht der Morgendämmerung entläßt, der Wahrnehmung und Gefühl in ein diffuses Licht taucht, welches Grenzen verwischt, Weite und Tiefe verschlingt, und mancher in einen Schwebezustand zwischen nicht mehr und noch nicht schlingert, in eine schlaftrunken aussichtslose Wachheit, die keinen Halt, kein Halten mehr findet und einen ins Bodenlose stürzt. Und für die am Todesmut dieser Tage Gereiften zu spät werden dann an der Münsterplattform die Netze gespannt. An einem solchen, ans Dunkel verratenen Tag flattert irgendwo auf dem Perron zwischen Sektion A und B ein vom Wind gebeutelter Mantel mit aschgrauem Fischgratmuster um ein bräunliches Kostüm, und ein Paar knotige Hände nesteln an den schwarzen Knöpfen des schweren Gewebes, an dem der Wind wie an einer Fahne nach allen Richtungen derart zerrt, dass die Ellbogen mit heftiger Bewegung an den Rumpf, den Tanz des Stoffes eindämmen müssen, bis dass von unten nach oben alle Knöpfe ihrer Bestimmung zugeführt, das Ensemble zusammenhält, aus dem ein dünner Hals herauswächst, darauf ein mit Plastikhaube geschützter Kopf, auf dessen Gesicht man seine letzten Tage herauszulesen glaubt, wären da nicht diese von Schlupflidern merkwürdig geschlitzten, blitzenden Augen, die Blicke wie Feuerspeere nach einer halb abgewandten, hageren Gestalt schleudern. Es ist Pavlos, der nur ein paar Schritte von der aufgebrachten Dame entfernt den stummen Vorwurf nicht bemerkt, der auf ihn niederprasselt. Selbst jetzt, wo die Brille auf seiner geraden, ebenmäßigen Nase vom herangepeitschten Nieselregen mit kleinsten Wasserpartikeln eingetrübt wird, sollte ihm diese deutliche Zuwendung nicht entgehen, trotz einer partiell zerstörten Netzhaut, die den Glaskörper in Mitleidenschaft gezogen hat, dass seine Trümmer aus Myriaden von mikroskopisch kleinen schwarzen Punkten bestehen, die sich immer genau dort sammeln, wohin ihn seine Aufmerksamkeit lenkt. Dann tanzen sie, purzeln durch den Glaskörper, immer auf dem Sprung, lauernd, darauf wartend, dass er etwas genau betrachten, haarscharf sehen möchte und sich dafür, Gesetz der Natur, die Linse verengt. Schon schwirren sie an wie ein Mückenschwarm, der sich magisch angezogen vor die Lichtquelle der Betrachtung schiebt. Dann rollt er ein-, zweimal mit den Augen, und schon stiebt der Haufen auseinander. Wie störend aber diese Prozedur, welche von außen als ein läppischer Tick erscheinen muß, wenn er aus einer gewissen Ferne den Blick in einen anderen senken und darin stöbern, lesen will wie in einem Buch. Auch die Botschaften und Fragen fremder Augenpaare, die die Ouvertüre zu einer Annäherung spielen, Lust und Neugier aufeinander wecken, kann er nur aufschnappen und dechiffrieren, wenn Distanz, Lichtstärke und deren Einfallswinkel eine ständig wechselnde Toleranzgrenze nicht überschreiten. Aus einer alltäglichen Selbstverständlichkeit wird so ein kompliziertes, riskantes Spiel, das er nach ein paar Fehlschlägen resigniert ad acta gelegt hat.

Die über Nacht aufgetretene Sehstörung gab sich an jenem Morgen wie zufällig zu erkennen, als er, den Sandmann noch in den Augen, sich an seinen gewohnten Platz am Tisch setzte, eine Tasse Kaffee eingoß, und mit Verblüffung feststellte, daß auf dem frischen Tischtuch ein brauner Fleck immer größere Kreise zog. Irritiert hielt er inne und beugte sich über das Mißgeschick. Fast ein bißchen belustigt schob er dem tief einfallenden Licht, das ihn durch die sanft bewegten Vorhänge für kurze Augenblicke grell blendete die Schuld in die Schuhe. Zur Sicherheit führte er beim zweiten Versuch die Tasse zum Einschenken an den Schnabel der Kanne, schlürfte vom heißgeliebten Gebräu und vertiefte sich wie üblich in die Tageszeitung. Das Morgenritual war gerettet. Am selben Tag stolperte er über etliche Türschwellen und schlug zu guter Letzt beim Treppensteigen derart heftig mit dem Schienbein auf die Stufen, daß es blutete. An diesem Abend konnte er lange nicht einschlafen. Irgendwo hatte er gelesen, daß wiederholtes Anschlagen und Stolpern psychische Ursachen hätten, deren Rätsel er nun zu ergründen suchte und floß, als die Gedanken anfingen sich im Kreis zu drehen, langsam deren Bewegung aufnehmend, hinab in den Strudel eines unruhigen Schlafs. Als er am nächsten Morgen am Bahnhof einen Dreikäsehoch frontal rammte, ihn auf die Gleise abdrängte und keine Erklärung für sein rücksichtsloses Verhalten fand, beschlich ihn eine unheimliche Ahnung, die in die angsteinflößende Gewißheit mündete, daß etwas Schwerwiegendes, Unerklärliches mit seinen Augen geschehen war. Tatsächlich stellte sich bald heraus, daß die zentrale Sehkraft eines Auges durch ein Virus zerfressen worden war. Nichts war mehr da, wo er es zu sehen glaubte. Die ganze Welt und damit sein Bild von ihr war mit einemmal ver-rückt. Das optische Sehen war bis anhin, ganz wörtlich, eine zu offensichtliche Selbstverständlichkeit gewesen, so daß er ihm, völlig zu unrecht, nicht soviel Bedeutung beimaß wie dem Riechen und Hören, die bei ihm einen größeren Eindruck hinterließen, weil sie, eben nicht offensichtlich, sein Bewußtsein in der Welt schärften und würzten. Wie Salz und Pfeffer. Dies gab ihm die Fähigkeit, "Atmosphäre” zu riechen und in der Stille das Tosen der Welt zu hören. Das war für ihn ein wichtiger, intimer Teil seiner Persönlichkeit. Seine Welt war also die der Gerüche und Klänge, welche, sobald sie ihn einfingen oder er sie, wahre Kaskaden von Assoziationen und Gefühle über ihn ergossen. Dann stockte er, sei’s auch nur für den Bruchteil einer Sekunde, in seinem Tun, und wurde entführt in die Welt der Erinnerung und der Erfahrung, die zusammen das Raster von Geschichte ausmachen. Jetzt aber, beim drohenden Verlust seiner Sehkraft, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen, wie beiläufig er die Welt wahrgenommen hatte, und wie viel von ihr ihm genommen werden könnte. In den folgenden Monaten ertrank er schier in den Augenblicken, im Rausch der Farben und im Spiel des Lichts. Er konnte nicht genug davon kriegen wie ein Raubtier, daß sich gierig an seiner Beute überfrißt, weil es nicht weiß, ob es vor der nächsten Dürre noch etwas zum Beißen gibt. Blindheit wurde ihm als letzte Aussicht gestellt, doch ließ diese sich bis heute Zeit, so daß er endlich sehen und verstehen lernte, wie das Gehirn den Raum zwischen den Dingen richtig einmaß und das Bild komplettierte. Bilder, gleich welche, entstehen im Kopf. Das leuchtete ihm jetzt ein, und zur neu gewonnen Scharfsicht gesellte sich nun ein gesundes Mißtrauen vor dem Gesehenen, denn Wahrnehmung und Wirklichkeit sind ein unheimliches Zwillingspaar, das ohne einander nicht leben kann und uns mit seinen Verwechslungsgeschichten oft foppt und unsicher läßt, wo denn nun die Grenze zu ziehen sei. Von diesem Imaginationszauber ist im Laufe der Zeit und ihren Abnützungen nicht mehr viel übrig geblieben, und die alten Sehgewohnheiten haben weitgehend das Zepter wieder übernommen, ohne freilich die Erinnerung an das Lichttrinken gänzlich zu verdrängen. Und so kommt es, daß er an gewissen Tagen, ganz allgemein sensibler und gleichzeitig offener für die Welt und ihre optischen Reize ist, und, wenn es noch ein Tag ist, an dem die Luft frisch und rein bläst, die einzelnen Gerüche klarer unterscheidbar in die Nase steigen, er in eine Art atmosphärischen Erregungszustand gerät, den er als Tagtraum, als gleichzeitiges Hinein- und Hinausschauen, als doppelt belichtetes Bild erlebt.

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