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Entgleisungen
(Leseprobe aus: Entgleisungen,
Erz., 2001, Amman)
Es ist ein Tag, der die Nacht nicht aus dem Zwielicht der Morgendämmerung
entläßt, der Wahrnehmung und Gefühl in ein diffuses Licht taucht, welches
Grenzen verwischt, Weite und Tiefe verschlingt, und mancher in einen
Schwebezustand zwischen nicht mehr und noch nicht schlingert, in eine
schlaftrunken aussichtslose Wachheit, die keinen Halt, kein Halten mehr findet
und einen ins Bodenlose stürzt. Und für die am Todesmut dieser Tage Gereiften
zu spät werden dann an der Münsterplattform die Netze gespannt. An einem
solchen, ans Dunkel verratenen Tag flattert irgendwo auf dem Perron zwischen
Sektion A und B ein vom Wind gebeutelter Mantel mit aschgrauem Fischgratmuster
um ein bräunliches Kostüm, und ein Paar knotige Hände nesteln an den
schwarzen Knöpfen des schweren Gewebes, an dem der Wind wie an einer Fahne nach
allen Richtungen derart zerrt, dass die Ellbogen mit heftiger Bewegung an den
Rumpf, den Tanz des Stoffes eindämmen müssen, bis dass von unten nach oben
alle Knöpfe ihrer Bestimmung zugeführt, das Ensemble zusammenhält, aus dem
ein dünner Hals herauswächst, darauf ein mit Plastikhaube geschützter Kopf,
auf dessen Gesicht man seine letzten Tage herauszulesen glaubt, wären da nicht
diese von Schlupflidern merkwürdig geschlitzten, blitzenden Augen, die Blicke
wie Feuerspeere nach einer halb abgewandten, hageren Gestalt schleudern. Es ist
Pavlos, der nur ein paar Schritte von der aufgebrachten Dame entfernt den
stummen Vorwurf nicht bemerkt, der auf ihn niederprasselt. Selbst jetzt, wo die
Brille auf seiner geraden, ebenmäßigen Nase vom herangepeitschten Nieselregen
mit kleinsten Wasserpartikeln eingetrübt wird, sollte ihm diese deutliche
Zuwendung nicht entgehen, trotz einer partiell zerstörten Netzhaut, die den
Glaskörper in Mitleidenschaft gezogen hat, dass seine Trümmer aus Myriaden von
mikroskopisch kleinen schwarzen Punkten bestehen, die sich immer genau dort
sammeln, wohin ihn seine Aufmerksamkeit lenkt. Dann tanzen sie, purzeln durch
den Glaskörper, immer auf dem Sprung, lauernd, darauf wartend, dass er etwas
genau betrachten, haarscharf sehen möchte und sich dafür, Gesetz der Natur,
die Linse verengt. Schon schwirren sie an wie ein Mückenschwarm, der sich
magisch angezogen vor die Lichtquelle der Betrachtung schiebt. Dann rollt er
ein-, zweimal mit den Augen, und schon stiebt der Haufen auseinander. Wie
störend aber diese Prozedur, welche von außen als ein läppischer Tick
erscheinen muß, wenn er aus einer gewissen Ferne den Blick in einen anderen
senken und darin stöbern, lesen will wie in einem Buch. Auch die Botschaften
und Fragen fremder Augenpaare, die die Ouvertüre zu einer Annäherung spielen,
Lust und Neugier aufeinander wecken, kann er nur aufschnappen und dechiffrieren,
wenn Distanz, Lichtstärke und deren Einfallswinkel eine ständig wechselnde
Toleranzgrenze nicht überschreiten. Aus einer alltäglichen
Selbstverständlichkeit wird so ein kompliziertes, riskantes Spiel, das er nach
ein paar Fehlschlägen resigniert ad acta gelegt hat.
Die über Nacht aufgetretene Sehstörung gab sich an jenem Morgen wie zufällig
zu erkennen, als er, den Sandmann noch in den Augen, sich an seinen gewohnten
Platz am Tisch setzte, eine Tasse Kaffee eingoß, und mit Verblüffung
feststellte, daß auf dem frischen Tischtuch ein brauner Fleck immer größere
Kreise zog. Irritiert hielt er inne und beugte sich über das Mißgeschick. Fast
ein bißchen belustigt schob er dem tief einfallenden Licht, das ihn durch die
sanft bewegten Vorhänge für kurze Augenblicke grell blendete die Schuld in die
Schuhe. Zur Sicherheit führte er beim zweiten Versuch die Tasse zum Einschenken
an den Schnabel der Kanne, schlürfte vom heißgeliebten Gebräu und vertiefte
sich wie üblich in die Tageszeitung. Das Morgenritual war gerettet. Am selben
Tag stolperte er über etliche Türschwellen und schlug zu guter Letzt beim
Treppensteigen derart heftig mit dem Schienbein auf die Stufen, daß es blutete.
An diesem Abend konnte er lange nicht einschlafen. Irgendwo hatte er gelesen,
daß wiederholtes Anschlagen und Stolpern psychische Ursachen hätten, deren
Rätsel er nun zu ergründen suchte und floß, als die Gedanken anfingen sich im
Kreis zu drehen, langsam deren Bewegung aufnehmend, hinab in den Strudel eines
unruhigen Schlafs. Als er am nächsten Morgen am Bahnhof einen Dreikäsehoch
frontal rammte, ihn auf die Gleise abdrängte und keine Erklärung für sein
rücksichtsloses Verhalten fand, beschlich ihn eine unheimliche Ahnung, die in
die angsteinflößende Gewißheit mündete, daß etwas Schwerwiegendes,
Unerklärliches mit seinen Augen geschehen war. Tatsächlich stellte sich bald
heraus, daß die zentrale Sehkraft eines Auges durch ein Virus zerfressen worden
war. Nichts war mehr da, wo er es zu sehen glaubte. Die ganze Welt und damit
sein Bild von ihr war mit einemmal ver-rückt. Das optische Sehen war bis anhin,
ganz wörtlich, eine zu offensichtliche Selbstverständlichkeit gewesen, so daß
er ihm, völlig zu unrecht, nicht soviel Bedeutung beimaß wie dem Riechen und
Hören, die bei ihm einen größeren Eindruck hinterließen, weil sie, eben
nicht offensichtlich, sein Bewußtsein in der Welt schärften und würzten. Wie
Salz und Pfeffer. Dies gab ihm die Fähigkeit, "Atmosphäre” zu riechen
und in der Stille das Tosen der Welt zu hören. Das war für ihn ein wichtiger,
intimer Teil seiner Persönlichkeit. Seine Welt war also die der Gerüche und
Klänge, welche, sobald sie ihn einfingen oder er sie, wahre Kaskaden von
Assoziationen und Gefühle über ihn ergossen. Dann stockte er, sei’s auch nur
für den Bruchteil einer Sekunde, in seinem Tun, und wurde entführt in die Welt
der Erinnerung und der Erfahrung, die zusammen das Raster von Geschichte
ausmachen. Jetzt aber, beim drohenden Verlust seiner Sehkraft, fiel es ihm wie
Schuppen von den Augen, wie beiläufig er die Welt wahrgenommen hatte, und wie
viel von ihr ihm genommen werden könnte. In den folgenden Monaten ertrank er
schier in den Augenblicken, im Rausch der Farben und im Spiel des Lichts. Er
konnte nicht genug davon kriegen wie ein Raubtier, daß sich gierig an seiner
Beute überfrißt, weil es nicht weiß, ob es vor der nächsten Dürre noch
etwas zum Beißen gibt. Blindheit wurde ihm als letzte Aussicht gestellt, doch
ließ diese sich bis heute Zeit, so daß er endlich sehen und verstehen lernte,
wie das Gehirn den Raum zwischen den Dingen richtig einmaß und das Bild
komplettierte. Bilder, gleich welche, entstehen im Kopf. Das leuchtete ihm jetzt
ein, und zur neu gewonnen Scharfsicht gesellte sich nun ein gesundes Mißtrauen
vor dem Gesehenen, denn Wahrnehmung und Wirklichkeit sind ein unheimliches
Zwillingspaar, das ohne einander nicht leben kann und uns mit seinen
Verwechslungsgeschichten oft foppt und unsicher läßt, wo denn nun die Grenze
zu ziehen sei. Von diesem Imaginationszauber ist im Laufe der Zeit und ihren
Abnützungen nicht mehr viel übrig geblieben, und die alten Sehgewohnheiten
haben weitgehend das Zepter wieder übernommen, ohne freilich die Erinnerung an
das Lichttrinken gänzlich zu verdrängen. Und so kommt es, daß er an gewissen
Tagen, ganz allgemein sensibler und gleichzeitig offener für die Welt und ihre
optischen Reize ist, und, wenn es noch ein Tag ist, an dem die Luft frisch und
rein bläst, die einzelnen Gerüche klarer unterscheidbar in die Nase steigen,
er in eine Art atmosphärischen Erregungszustand gerät, den er als Tagtraum,
als gleichzeitiges Hinein- und Hinausschauen, als doppelt belichtetes Bild
erlebt.
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