Lebensdauer
Der Fall Unterforsthuber war ihm,
Herrn Dr.jur. Schulz-Vorndran, noch gut im Ohr. Jener war der Meister der
Uhrmacherwerkstatt und für alles zuständig, was mit mechanischer Steuerung und
Uhren zu tun hatte. Ihn einen Könner zu nennen war eine schamlose
Untertreibung, gab es ein Problem, so schickte man nach ihm, er kam, ließ sich
mürrisch den Schaden schildern, bestellte beim Auszubildenden, den er stur
"Lehrbua" nannte Weißwurst, Brezen und Bier, ging äußerst
bedächtig daran dies alles zu verzehren, dann öffnete er den Uhrenkasten oder
was sonst nicht funktionierte und begann einen zähen Kampf mit Zahnrädern,
Federn, gebläuten Zeigern und winzigen Madenschrauben. Hin und wieder stöhnte
er, ließ auch einen Wind ab - mehr zum Verscheuchen seiner Zuschauer, denn aus
echter Notwendigkeit - irgendwann schraubte er das Gehäuse wieder zu und sagte:
"geht scho!" Und es ging.
In dem großen Werk gab es viele Geräte, die zu steuern waren. Einige hatte man
schon auf EDV umgestellt, wenn sie liefen, ging es schon schneller, nur sie
fielen ebenso oft aus wie die alten vollmechanischen und hier lag das Problem.
Bis der Service kam, vergingen einige ausfallträchtige Stunden, der sagte dann
entweder der Chip sei überholt oder der ganze Rechner ist schon so alt wie
Methusalem und das kostete. Der werkseigene Controller kam bald darauf, dass das
System Unterforsthuber zwar hoffnungslos veraltet aber wesentlich billiger war.
Das wiederum schmeckte Herrn Schulz-Vordran gar nicht. Er haßte jede Form der
Innovationsphobie, war überzeugter Computerfreak, kannte er doch den
Unterschied zwischen Festplatte und Arbeitsspeicher. Windows, Word und Excel
waren ihm geläufig, arbeiteten doch seine Sekretärinnen damit und auf seinem
Schreibtisch stand stets das neueste PC Exemplar mit einigen Gigabyte - oder
waren es Terabyte ? - auf dem Server. Die Programme mit den neusten Up Dates
waren selbstverständlich aufgespielt. Bevor er kam, hatte man den Computer
schon hochgebootet, damit er sich warmlaufen konnte; denn warten war
Schulz-Vorndran´s Sache nicht. Seine Tätigkeit am PC blieb in Grenzen,
er beschränkte sich darauf ein wenig im Internet zu surfen und die virtuellen
Speicher seiner Mitarbeiter zu durchstöbern.
Herr Unterforsthuber dagegen betrachtete die EDV weder mit den Augen des
Controllers, noch denen des Vorstands, sondern mehr von der praktischen Seite.
Er wunderte sich über deren Empfindlichkeit. So hatte ein größerer Batzen
Kunstharzemulsion eines der elektronischen Geräte umhüllt und dadurch in
kürzester Zeit die Funktion der gesamten Maschine lahmgelegt. Der herbeigeeilte
Kundendienst maulte irgend etwas von Hitzestau und zitierte immer wieder die
Bedienungsanleitung. In Herrn Unterforsthubers Augen war das keine
vertrauensbildende Maßnahme, das sagte er auch jedem im Werk.
Deshalb und aus einem weiteren Grund war er auf dem Kieker von Schulz-Vorndran.
Nämlich alle, die im Werk etwas zu sagen hatten, waren Besitzer von Uhren. Ob
Armband-, Taschen-, Kuckucks-, Stopp- oder Big Ben Schrankuhr, Erbstücke,
geschenkt oder auf dem Trödel als Rarität gekauft, sie existierten - aber mit
Macken. Herr Unterforsthuber kannte fast alle Macken - noch mehr aber kannte er
die Psyche der Besitzer, er reparierte die Kostbarkeiten oder Schrotthaufen -
während der Geschäftszeit - und dachte sich seinen Teil. Als Niederbayer war
er von Geburt aus maulfaul, Vielredner waren ihm ohnehin verhaßt, kamen sie zum
abholen ihrer Uhren, so stieg der Preis mit jeder Minute, die sie ihn
anlaberten. Zu seiner Gerechtigkeit sei gesagt, es traf keine Armen. So hatte er
im Werk Narrenfreíheit, er nutzte das nicht aus, keineswegs, er sah nur
seiner Rente mit gewisser Sorge entgegen und suchte den Zeitpunkt mit allen ihm
verfügbaren Mitteln hinauszuschieben.
Herrn Schulz-Vorndran war dies ein Dorn im Auge. Das Gehalt war keiner
Kostenstelle direkt zuzuordnen, die Nebentätigkeiten noch weniger, die ganze
Uhrmacherwerkstatt ein einziger Fall zum Outsourcen.
Denn die elektronische Steuerung der Maschinen hatte drei unbestreitbare
Vorteile. Das eine war ihre Größe, respektive das Gegenteil. Der ganze
Mechanismus, derzeit mit den Dimensionen einer Standuhr schrumpfte zu einem
Schnakenstich - na ja eigentlich war es mehr der Wespenstich eines Allergikers -
sie wog auch praktisch nichts, was Energie zur Bewegung der Masse ersparte und
vor allem, dank der raffinierten Fuzzy logic konnte sie Abläufe voraus ahnen,
damit wurden die Maschinen schneller und noch wirtschaftlicher. Außerdem hatte
die Konkurrenz ihre Mechanik schon längst auf den Müll geschmissen.
In einer Vorstandssitzung zückte Herr
Schulz-Vorndran diese Kostenargumente, ein Diagramm mit blau und rot überzeugte
und mit Herrn Unterforsthuber´s 62.ten wurde die letzte "Standuhr"
auf den Müllplatz gefahren, wo ein Sammler schon darauf wartete. Der folgende
Nervenkrieg dauerte ein halbes Jahr, dann wurde die gesamte Gruppe
"Uhrmacher" in den vorzeitigen Ruhestand geschickt.
So weit, so schlecht.
Kurz nach dem Krieg hatte das Werk eine Sonderanfertigung nach Togo exportiert
und man war darauf aus mehreren Gründen stolz. Einmal war´s der erste
derartige Auftrag für Bayern, zur Übernahme kamen Menschen schwarz wie
Ebenholz, die provencalisches französisch anstatt texanisch sprachen und die
Maschine lief seitdem fast fünfzig Jahre unaufhörlich ohne Mängel. An dem
Tag, wo Herr Unterforsthuber seinen Ausstand gab, kam der Hilferuf aus dem
Urwald. Die Maschine verweigerte den Dienst, der dortige Vorarbeiter schabte den
Dreck vom aufgenieteten Firmenschild, tippte die Nummer in´s Telefon und einige
Tausend Kilometer nördlich gab es ein
Problem.
Herr Schulz-Vorndran sprach sich dafür aus, einen exzellenten Verkäufer
hinunterzuschicken, das neueste Modell mit Elektronik ferngesteuert, samt einem
Vollwartungsvertrag zu verkaufen und das alte Gerät auf den Schrotthaufen zu
feuern. Die neue Maschine könnte man weit unter Selbstkosten abgeben, der
Gewinn kam über die Wartung mehrfach wieder herein. Ein reizvoller Entwurf,
zumal der dort zuständige Regierungspräsident augenscheinlich mit IBM
verbunden war. Der Senior dagegen grummelte irgend etwas von Arbeitsplätzen,
Firmenehre und ausgekochter Hühnerscheiße, meinte: d´ Unterforsthuber sei der
Richtige, um bayrische Wertarbeit unter Beweis zustellen. Natürlich gab sein
Wort den Ausschlag Schulz-Vorndran argwöhnte, der Patriarch wollte seinem
Schafkopfbruder eine Dienstreise als Abschluß seines Arbeitslebens zuschanzen,
sagte es aber wohlweislich nicht.
Und so kam Josef Unterforsthuber nach Wagaluga in Togo, wo die Einheimischen so schwarz sind, dass sie sich nachts mit Leuchtfarbe bemalen um nicht zusammen zu stoßen. Die Fabrik zu finden war ein Kinderspiel im wahrsten Sinn des Wortes, denn eine Schar Buben und Mädchen rannten dem Jeep fröhlich schreiend nach. Auf dem Werksgelände, bei der Erläuterung des Schadens hielten sie zwar gebührend Abstand, begleiteten aber jedes der Worte des Chefs mit lautem Gekichere. Unterforsthuber war es egal, Kinder hatten ihn noch nie gestört, Zuschauer, gleich welchen Alters und Bildungsgrad, war er gewohnt - nebenbei erstaunte ihn immer wieder, wieviel dummes Zeug gerade die sogenannten "Gscheiten Leut" daher redeten - und das, was der Chef als Schaden schilderte, verstand er sowieso nicht. Es war ein Gemisch aus Französisch, Deutsch und dem örtlichen Dialekt. Sie beide verband die Sprache der Technik, welche international ist. Er klopfte ihm beruhigend auf die Schulter, sagte: "Des werd´ scho´ wieder" und öffnete seine Werkzeugtasche. Ein Lederfleck klatschte in den Sand und darauf wurden Schraubenzieher, Schlüssel, Zangen und was sonst noch daher kam, in allen Größen ausgebreitet. Als die Kinder bedrohlich näher rückten, gar nach den blinkenden und nach Öl duftenden Utensilien greifen wollten, da zog Unterforsthuber die Notbremse, wickelte seine Mundharmonika aus, blies das Kufsteiner Lied an und reichte das Instrument einem ihm aufgeweckt scheinenden Mädchen. Es klappte. Während es mit dicken Backen seltsame Melodieen erzeugte, klatschten und stampften die anderen den Takt dazu und der Meister betrachtete in Ruhe seinen Patienten.
Die gesamte Steuerung, welche die 50 Jahre
klaglos funktioniert hatte, war in einem Stahlgehäuse seitlich an der Maschine
befestigt. Tropenregen jeglicher Qualität hatte sie wegsteckt, einen
Elefantentritt ebenso, dass Tiger öfters darauf pinkelten war riechbar, doch
die Fugen des Blechs waren dicht. Einmal hatte eine Schlange sie abzureissen
versucht, deshalb war das Blech verbogen, aber der deutschen Wertarbeit wurde
die Pyton nicht Herr. Obenauf - Herrn Unterforsthuber überkamen sentimentale
Gefühle - glänzte das Firmenschild aus Messing. Name mit Anschrift sowie
Fernrufnummer, Fabrikationsziffer, Herstellerjahr und dann ganz unten eine
römisch VII, die Punze seines ehemaligen Lehrherrn. Er nahm ehrfurchtsvoll die
Mütze ab. Die Fähigkeiten dieses Mannes - bei dem er gelernt hatte - waren so
überragend, daß man Schiffschronometer von Hamburg zu ihm ins tiefste Bayern
zur Reparatur sandte. Und im Werk raunte man sich zu, er könne sogar
Sonnenuhren in der Nacht zum laufen bringen.
Nach einer Minute der Besinnung begann er sein Werk. Den Kniff zum Lösen des
Deckels kannte er aus dem FF. Es ging etwas härter, daran war die Pyton schuld,
doch dann lag der Metallkasten auf der Lederdecke und Unterforsthuber blickte in
das Gehäuse in ein nur scheinbares Chaos aus Wellen, Zapfen, Rädchen, dicke
wie dünne Spiralen und gezackten Scheiben - eben die Steuerung - hinein.
Es wurde dunkel, auch war es beängstigend still, er drehte den Kopf, schaute
nach oben und sah einen Kreis von schwarzen Gesichtern, neugierigen Augen und
offenen Mündern mit weißen Zahnreihen. So ging es nicht. Er deutet auf den
Platz, die Kinder folgten sofort und er wand sich wieder den Innereien seines
Patienten zu. Ein Grund für den Stillstand des Werkes war nicht zu sehen,
selbst der Staub hielt sich in Grenzen - das sprach für die Qualität der
Dichtbänder aus Filz. Er klemmte sich die Lupe vor´s Auge, knipste die
Bleistifttaschenlampe an, senkte den Kopf in das Gerät hinein. Nichts
ungewöhnliches. Und so begann er langsam die Maschine auseinander zu nehmen.
Auf der Lederdecke lagen plötzlich Zahnräder aus Messing, dünne Federn aus
blauem Stahl, Wellen, die an den Enden spitz wie Nadeln zuliefen oder ballig
endeten, Stahlstifte mit ganzen oder halben Zahnradwalzen darum, Metallzylinder
in mehreren Größen, Schrauben dünne wie dicke mit Withworth- und metrischem
Gewinde, Messingplatten mit so dünnen Rillen, daß auf der Oberfläche sich das
Sonnenlicht in die Spektralfarben zerlegte.
Immer tiefer ging es in die Eingeweide. Plötzlich erklangen die Vier
Jahreszeiten, einmal, zweimal, dreimal, das Mädchen mit der Mundharmonika zog
sein Handy aus der Werkzeugtasche, hielt es ihm höflich hin. Herr
Unterforsthuber litt beileibe nicht an Innovationsphobie, jetzt aber störte die
neue Technologie wirklich. Er packte das Ding, stieß einen fürchterlichen
Fluch aus, warf es in hohem Bogen in den Urwald und zerlegte weiter. Dieser Wurf
hatte Folgen. Zum einen vergrößerten die Kinder ihre Distanz, denn diese Form
von Cholerik akzeptierten sie gerne, zum anderen hatte Schulz-Vorndran als
Anrufender einen Mordshass, weil er seinen Gedanken nicht los werden konnte.
Unterforsthuber derweil arbeitete mit feinsten Zangen und Schraubenziehern, die
mehr Haarnadeln glichen. Als das ganze Uhrwerk hinter ihm ausgebreitet lag, da
hatte er den, besser die, Übeltäter gefunden. Ein Termitenstamm war in die
Maschine eingedrungen und dann durch den schmalen Spalt zwischen Gehäuse und
Welle in die Steuerung gelangt. Dort baute er ein Nest und ernährten sich auch
von dem wenigen Öl der Uhr, beides tat der Genauigkeit nicht gut, mit den
vorher beschriebenen Folgen. Die Übeltäter töten, das Nest abzubrechen, die
ganze Uhr wieder zusammensetzen, neu zu ölen und den Deckel aufzuschrauben, war
Sache einer knappen Stunde. Dann aufziehen des Federwerks und siehe - die
Maschine begann wieder zu laufen.
Die Kinder klatschten während er sein Werkzeug einpackte. Der Chef schüttelte
ihm überschwenglich die Hände, Unterforsthuber dagegen sehnte sich nach einem
Weißbier. Der Jeep brauste davon und hinterließ eine im Klang einer
Mundharmonika sich wiegende Kinderschar, sowie ein Handy welches immer leiser
die Vier Jahreszeiten piepte, bis die Batterien erschöpft waren.
Die kalte Dusche erreichte Herrn Unterforsthuber
zwei Tage später im Werk, als er sofort zu Schulz-Vorndran zitiert wurde. Warum
hebe er nicht das Telefon ab? Ob er denn wahnsinnig sei, ein solch´ altes
Monstrum zu reparieren? Eine völlig obsolete Technik, so ´was gehört
in´s Museum. An dem Scheißding hat niemand in den letzten 50 Jahren ´was
verdient, weil es nicht einmal einer Wartung bedarf ! Ob er denn die Firma
ruinieren wolle? Diese Neger, für die Arbeitsstunde zahlen sie schon fast
nichts, die Maschinen laufen auch ununterbrochen, ohne kaputt zu gehen, wie soll
man dagegen noch konkurrieren? Und dann ist schon mal die Gelegenheit, man
schickt einen Servicetechniker hinunter für teuer Geld, und was macht der?
Anstatt Software und Hardware zumindest vorzuführen, repariert er das alte
Glump und wahrscheinlich so gut, daß es die nächsten zehn Jahren wieder
klaglos läuft. Bin ich denn nur von Vollidioten umgeben? Diese
Scheißtechniker, wollen alles perfekt machen, freuen sich, wenn die Maschine
ohne Störung läuft. Wer´ denkt da an den Profit? Wovon glaubt er eigentlich,
daß die Gehälter bezahlt werden?
Herr Unterforsthuber hörte schweigend zu. Das erste Mal in seiner Berufszeit
überfiel ihn eine große Müdigkeit. Hatte er anfangs noch geglaubt das dumme
Gewäsch rühre daher, daß Schulz-Vorndran Preuße war - damit hätte er einen
kleinen Bonus - so begann er jetzt zu spüren: Es war die neue Zeit. Gute
Arbeit, Qualität, ununterbrochene wartungsfreie Funktion - kurz, das was sein
Ethos ausmachte - hohle Worte, nichts mehr als Verkaufsargumente. Was zählte
war das Geld und sonst nichts. Und er erkannte, es war eine andere, jedoch keine
bessere Welt. So drehte er sich zum Gehen, sagte:" Is scho´guat,
Schulzinger; du host recht und i´mei Ruah"
Das Zitat beendete endgültig sein Arbeitsleben.
Rezension I Buchbestellung I home 0I04 © LYRIKwelt