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Landstrasser
Stiftungshaus, Altbau - eine Abbruchgenehmigung
(Leseprobe aus: Kalte
Herberge, 2004, Deuticke)
Das Haus Hetzgasse Nr. 8 im 3. Wiener Gemeindebezirk wird man durch eine in das Haustor eingelassene, stets grob fahrlässig unversperrte Haustüre betreten haben, über eine gepflasterte Toreinfahrt, auf der im Herbst die Blätter treiben, an zu mehr als zwei Drittel kaputtgemachten, zerbrochenen Hausbrieffächern vorbei und einer seit Kriegsende, es könnte auch der erste Weltkrieg gewesen sein, geschlossenen Tischlerei; geradeaus weiter, würde man, durch eine vielfach geflickte, vom Wind aber immer aufs neue kaputtgeschmissene Holz-Glastüre in den Innenhof mit Waschküche, Klopfstange, Mülltonne und Resten früherer Ziergärten gekommen sein; auf den in einem Halbkreis verlaufenden Flur des Erdgeschosses aber, des Parterres, wird man über drei Stufen rechterhand gelangt sein, vorbei an seit einem Jahrzehnt oder länger schon leerstehenden Wohnungen, namentlich an den Wohnungstüren der früheren Hausparteien Maier, Lottergstötter, Delfinus Wagner und, um die Ecke, auch an der Wohnungstüre der einstigen Hauspartei Prohaska; die einzige im Parterre noch besiedelte Wohnung wird die des Frächters Holzer gewesen sein, der, wie in Berlin, hätten die Berliner nicht andere Sorgen, gesagt würde, in Alteisen macht. – Die Gangbeleuchtung wird aus bloßen Glühbirnen bestanden haben; eine spiralenförmige Steintreppe mit abgetretenen, fleckigen Stufen wird nach oben, bis in den dritten Stock geführt haben; im ersten Stock – nein, kein Hochparterre, kein Mezzanin, hier nicht – im Halbrund des Flures, rechterhand, an der Türe des früheren Hausmeisters Schilck vorbei, die Wohnungen der früheren Hauspartei Zelenka, genauer: der Frau des Raubmörders Zelenka, und des Ernst Macht, Vizeleutnant a.D., linkerhand, an der Türe des älteren Hausmeisterssohnes Schilck vorbei, zwei weitere leere Wohnungen früherer, schnell wechselnder Parteien, an deren Türen sich nie ein Namenschild befunden haben wird; auch das zweite Stockwerk wird, von einer geringfügigen und doch, wie sich herausstellen wird, schwerwiegenden Ausnahme abgesehen, seit etwa zehn Jahren nicht mehr bewohnt gewesen sein, rechterhand die leerstehenden Wohnungen der früheren Hausparteien Bittner, Grün und einer weiteren, namenlosen, linkerhand die der Parteien Freistätter, Heinzl und Le Belle. – In jedem Stock derselbe Grundriß: zwei Herrschaftswohnungen mit hohen Doppeltüren und Innentoiletten, Parkettböden, flankiert von je zwei Elendswohnungen, Zimmer, Küche, Kabinett, Fenster zum Gang, vergittert; einfache, niedrige Türen direkt in die Küche, Gangklosett, Gangwasserleitung. – Weiter in den dritten Stock, wird man an feuchtem Mauerwerk, an einem immer größer gewordenen Fleck nassen, Blasen bildenden, ausblühenden und abbröckelnden Verputzes vorbei gemußt haben - aber wer wird sich so weit hinauf gewagt haben, bis zum Taubenschlag, in die dünne Luft unter dem Dach, zur hohen Flügeltüre der Hauspartei Nummero 24, zum Vorzimmer mit den frei verlegtenen Gasleitungen, zum GASLICHT, wer, außer ungebetenen nächtlichen Besuchern, Mördern und Irren.
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