Die Ehe der Ruth Gompertz von Lili Körber, 1984, Persona

Lili Körber

Die Ehe der Ruth Gompertz
(Leseprobe aus: Die Ehe der Ruth Gompertz, Roman, 1984, Personaverlag).

"Und wirklich, es gibt noch Wunder auf der Welt...Kaum, daß die Eingangstür zuschlägt, Arnolds helle Stimme: 'Ist meine Frau zu Hause?' Genau wie früher...Ach, was für Glück! Ruth hängt an Arnolds Hals, zerrt ihn am Schopf, lacht vor Wiedersehensfreude, als sei er weggewesen...Und auch er lacht, ruft: 'Au!', hebt sie in die Höh', schaukelt sie hin und her...Der alte Ton ist wiederhergestellt. Und dann sagt Arnold ernst - so ernst er kann: 'Also denk dir, Maus, die große Neuigkeit: ich werde wahrscheinlich Direktor bei Böller & Co. Haste 'ne Sprache, Mensch?' Nein, sie hat keine Sprache. Tüchtig ist Arnold ja - zumindest nimmt sie es an, versteht ja von seinem Fach ebensowenig wie er von dem ihrigen. Aber, daß es so plötzlich gekommen ist? 'Ist ja gar nicht plötzlich gekommen, Maus. Der Direktor sollte schon längst entlassen werden. Die Zeiten sind jetzt nicht mehr so, daß Juden deutsche Firmen vertreten können. Und die Böllers sind überhaupt Antisemiten - Göring ist judenfreundlich dagegen, auf Ehre. Na, das finde ich aber übertrieben, habe ich ihm gesagt, das ist der einzige Punkt, in dem ich mit unserem Führer nicht ganz mitgehen kann, und er darauf...' 'Wer denn - er?' 'Ja, richtig, du weißt ja noch gar nichts. Also der Böller junior, der Sohn vom Oberbonzen, ist bei Herberts Sturm, und Herbert hat ihm von mir erzählt, weil sie junge Kräfte suchen, die alten Onkels haben alle den Kopf voller liberalistischer Ideen oder sind bestensfalls deutschnational. Der alte Böller nicht. Ist ein patenter Kerl, ein firmer Bursch, wie man in Wien sagt. Gestern abend war ich bei ihm zu Besuch. Eine Villa, Maus, die solltest du dir anschauen, wirst wahrscheinlich bald die Gelegenheit dazu haben. Als die ersten Wahlresultate verkündet wurden, ließ er Schampus aus dem Keller holen...Darauf haben wir gleich angestoßen. Und wie ich dann weggehe, klopft er mir wieder auf die Schulter und sagt: 'Aber nicht vor Mai! Zuerst muß ich den Alten auf anständige Weise loswerden! Und noch eins, mein Sohn: Sie sollen unbedingt zur SA! Nicht abseits stehen, Deutschland braucht junge Männer, wie Sie einer sind!' Darauf habe ich ihm die Hand gegeben. Ein Mordskerl, wie man in Wien...ja, was hast du denn, Maus?... Ja, um Himmels willen, Frau Müller...' Frau Müller läßt fast die panierten Schnitzel fallen, die sie eben hereinträgt, und den grünen Salat, den Arnold ungezuckert bestellt hat, wie Arnold es von Wien aus gewöhnt ist...sie stützt Ruth, die käsebleich sich Arnolds Hilfe entzieht: 'Es ist nichts, wirklich nichts, es vergeht gleich...' Und plötzlich wird Frau Müller energisch und sagt: 'Nur een Oojenblick hinlejen', führt Ruth ins Schlafzimmer, wehrt energisch ab, als Arnold auch hinein will. Ahnt sie etwas? Sie flüstert so mütterlich, indem sie Ruths Füße mit einem Plaid zudeckt: 'Müssen sich nich alles jleich so zu Herzen nehmen, Frau Borchardt.' Und Ruth hält ihre Hand zurück, ihre von der Arbeit angeschwollene, harte Hand und sagt mit zitternder Stimme: 'Er bekommt die Stelle eines entlassenen Juden und soll in die SA eintreten, Müllerchen...' Darauf weiß die Alte nichts zu erwidern, für so was jibts keene Trostworte nich..."

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