Herr M. und die Sache mit sich selbst von Jule D. Körber, 2008, Autumnus

Jule D. Körber

Herr M.
(Leseprobe aus: Herr M. und die Sache mit sich selbst.Eine Odysee, Kinderbuch, 2008, Autumnus-Verlag, mit Bildern von Lio Wirag)

Teil 1:
Wie Herr M. vergaß, wer er war

Es war an einem Dienstag.

Es muss an einem Dienstag gewesen sein, denn es gab

grüne Prinzessböhnchen in Kräuterbutter gebraten

mit Pellkartoffeln, wie jeden Dienstag in Herrn M.s

Leben, seit er vor zwei Jahren bei seiner Mutter ausgezogen

und in die kleine Dachgeschosswohnung in der

Keplerstraße 23 eingezogen war.

Es muss also ein Dienstag im Leben von Herrn M.

gewesen sein, als er vergaß, wer er war.

Herr M. hatte eigentlich ein sehr gutes Gedächtnis.

Doch an diesem Dienstag war etwas anders.

Er war gerade dabei, die Kräuterbutter für seine

Prinzessböhnchen in der Pfanne zu schmelzen, er sah

noch, wie das Butterbröckchen an den Rändern gelblich

und durchsichtig wurde und die graugrünen

Kräuterstückchen auf die Oberseiten der vielen winzigen

Butterbläschen trieben. Das kannte Herr M., jeden

Dienstag sah er Kräuterbutter beim Schmelzen zu, die

Dose mit Bohnen hatte er schon aufgemacht, abgegossen

und neben den Herd gestellt.

Aber heute glaubte er, in den Spiegelungen in den

Butterbläschen jemanden zu sehen. Er sah sich diesen

Mann an, hunderte von Buttertröpfchen mit graugrünen

Kräuterstückchen, hunderte von verwunderten

Gesichtern, die nach oben schauten. Herrn M. kam

einfach nicht mehr in den Sinn, wer diese Person war.

Und warum die Bohnen neben dem Herd standen.

Und was der Mann, den er als Spiegelung der

Butterbläschen gesehen hatte, mit den Bohnen vorhatte.

Herr M. wusste noch, dass er vor einem Herd stand,

vor einer Pfanne. Und er wusste, dass neben dem Herd

eine Dose mit Bohnen stand, die er geöffnet hatte.

Aber alles andere hatte er vergessen.

Herr M. beugte sich über die Pfanne und schaute sich

den Mann in den Bläschen an, überlegte, ob er hungrig

war, ob er überhaupt Prinzessböhnchen mochte,

aber sogar das wollte ihm beim besten Willen nicht

mehr einfallen.

Herr M. hätte jetzt einfach den Herd ausstellen können,

sich etwas Zeit nehmen können, um zu überlegen,

wer er war. Doch er stand nur still da und beobachtete

die Butter, wie sie braun wurde und die grünen

Kräuterstückchen schwarz.

Sogar, als die Pfanne anfing, ein wenig zu rauchen

und zu stinken, blieb Herr M. stehen und stellte weder

die Dunstabzugshaube an noch den Herd ab. Herr M.

stand nur da, wunderte sich über sich selbst und fragte

sich, wie ihm das passiert sein konnte, dass er vergessen

hatte, wer er war.

Bisher hatte Herr M. immer alles im Griff gehabt.

Montags gab es sechs kleine Würstchen aus der

Zwölferpackung, dazu Kartoffelbrei mit Erbsen und

Möhrchen aus der Dose in weißer Soße. Die restlichen

sechs Würstchen fror Herr M. ein, er kaufte auch

immer gleich zwei Dosen feine Erbsen und Möhrchen

auf einmal. Herr M. war klug, er plante gern im

Voraus: Weiße Soße gab es im Vierer- , Kartoffelbrei

sogar im Sechserpack, das hielt dann noch länger.

Herr M. plante jeden Tag, Herr M.s Leben hatte eine

Ordnung. Herr M. lebte nach System.

Es wäre ihm nie passiert, dass er an einem Dienstag

keine Prinzessböhnchen mehr im Haus gehabt hätte.

An jedem Wochentag gab es ein neues Gericht, jede

Woche das Gleiche. Herr M. mochte es ordentlich.

Jeden Morgen stand er um 7.30 Uhr auf, trank einen

Becher Kaffee mit zwei Würfeln Zucker und zwei

Esslöffeln Milch. Er schmierte sich ein Brot mit

Schmelzkäse und eines mit Marmelade, und während

er seinen Kaffee trank, las er dabei genau eine halbe

Stunde lang Zeitung. Dann putzte er sich die Zähne

und verließ das Haus. Um 8.20 Uhr, genau zehn

Minuten, bevor es losging, war er an seinem

Arbeitsplatz im Büro.

Herr M. arbeitete für eine Lebensversicherung in

einem Großraumbüro in der Karl-Theodor-Straße 2.

Seine Etage war für das Aktualisieren von

Kundenlisten zuständig, in seiner Abteilung arbeiteten

sieben Mitarbeiter, die das Alphabet untereinander

aufgeteilt hatten: Jeder der sieben Mitarbeiter hatte

vier Buchstaben zu verwalten, was sehr fair war, denn

in den Kundenakten gab es genau 28 Buchstaben.

Jemanden, dessen Nachname mit Ü begann, versicherte

Herr M.s Versicherung nicht. Herr M. hatte die

Buchstaben J, D, K und Ö.

Herr M. mochte seinen Job und machte ihn sehr gut,

er mochte Listen, er mochte es, eine Ordnung noch

ordentlicher zu machen. Er trug die Neuversicherten

ein und die Verstorbenen aus, jeweils die, deren

Nachnamen mit seinen Buchstaben begannen.

Langsam wurde Herr M. in seiner Küche eingenebelt

vom Rauch der Butter, die in der Pfanne verbrannte.

Etwas fiepte sehr, sehr laut. Herr M. schaute sich um

und sah eine kleine weiße Dose an der Küchendecke,

die bereits seit seinem Einzug dort hing. Jetzt blinkte

sie rot. Und, so meinte Herr M. festzustellen, auch das

Fiepen hatte in ihr seinen Ursprung. Herr M. stellte

den Herd aus und die Dunstabzugshaube an, nahm

sich einen der beiden Stühle, die neben seinem

Küchentisch standen, schob ihn zum Herd, stellte sich

darauf und sah sich die Dose an der Decke genauer an.

Ja: Wenn Herr M. sein Ohr gegen die kleinen Schlitze

an der Seite der Dose hielt, wurde das Fiepen lauter,

sehr viel lauter sogar. Herr M. schaute die kleine Dose

an der Decke finster an und suchte nach einem

Schalter, um sie zum Schweigen zu bringen. Doch es

gab nur die Schlitze, die fiepten, ein kleines rotes

Licht, das hektisch blinkte, und eine Aufschrift Made

in Sweden. Obwohl Herr M. vergessen hatte, wer er

war, wusste er ganz genau, dass er diese kleine Dose an

der Decke seiner Küche noch nie bemerkt hatte.

Warum auch, es hatte ja noch nie gebrannt in Herrn

M.s Wohnung, warum hätte es brennen sollen bei

jemandem wie Herrn M. ?

Herr M. stand auf einem Stuhl in seiner Küche und

wusste nicht, was er gegen das Fiepen dieser Dose

unternehmen sollte. Es schien immer durchdringender

zu werden. Dieses Fiepen war ein Geräusch, was

Herr M. vorher noch nie gehört hatte. Er wurde

wütend, fühlte sich von der Dose verspottet. Herr M.

hatte immer alles im Griff gehabt, bis zu dem

Zeitpunkt, als er vergaß, wer er war. Und jetzt stand er

auf diesem Stuhl und diese Dose an der Decke seiner

Küche blinkte ihn hämisch an. Sie blinkte und fiepte

und Herr M. wusste nicht, wie er sie zum Aufhören

bringen konnte. Und da machte Herr M. etwas, was er

noch nie getan hatte: Er sprang vom Stuhl, nahm die

noch heiße Pfanne vom Herd und schlug mit ihr auf

die Dose ein, immer und immer wieder, solange, bis sie

in kleine Stückchen zerbrochen war und auf den

Boden fiel. Herr M. stand auf seinem Stuhl in der Mitte

der Küche, hatte eine Pfanne in der Hand, die langsam

abkühlte, und nur das leise Surren der

Dunstabzugshaube war zu hören. Wenn Herr M. noch

gewusst hätte, wer er war, dann hätte er auch gewusst,

weshalb er sich gerade so seltsam fühlte: Er hatte

zum ersten Mal in seinem Leben etwas absichtlich

zerstört.

Herr M., der nicht mehr wusste, wer er war, war

nicht mehr Herr M., denn er hatte mit einer Pfanne

auf einen Rauchmelder eingeschlagen. Das machte

Herr M. nicht, Herr M. war nicht mehr Herr M.!

Der Rauchmelder lag in kleine Stückchen zerbrochen

neben dem Stuhl, als Herr M. herunterstieg, um

sich anzuschauen, was er getan hatte. Er kannte, dass

Dinge kaputt gingen, aus der Zeitung oder auf dem

Weg zur Arbeit hatte er das schon gesehen. Wüsste

Herr M. noch, wer er einmal gewesen war, dann hätte

er sich daran erinnern können, als Kind einmal einen

Teller fallen gelassen zu haben.

Doch nun schaltete er die Dunstabzugshaube aus,

denn das Surren störte ihn beim Nachdenken. Herr M.

überlegte: Er hatte den Hauch einer gewissen

Vorstellung davon, was man tun musste, wenn man

sich selbst verloren hatte. Er beschloss rauszugehen

und sich wiederzufinden, ohne zu wissen, dass der

Herr M., den er suchte, niemals so einfach solche

Dinge beschlossen hätte.

Herr M. sah sich um. Er wollte nur das Allernötigste

zusammenpacken zum Losziehen.

Da Herr M. aber noch nie losgezogen war, hatte er

nicht die geringste Vorstellung davon, was das sein

sollte, das Allernötigste.

In der Wohnung war alles korrekt zurechtgeschoben,

und alle Gegenstände gab es doppelt: Je zwei

Stück, wie Zwillinge in den Schränken und Regalen

der Küche, selbst neben der Kaffeemaschine stand eine

zweite Kaffeemaschine, ebenso erwartungsfroh und

weiß wie die erste und so sauber, dass sich Herr M. im

Plastik gespiegelt sehen konnte. Offenbar hatte der

frühere Herr M. vorgesorgt für den Fall, dass einmal

etwas kaputt gehen würde. Offenbar war dem früheren

Herrn M. nie etwas kaputt gegangen.

Er wagte nicht, diese Zwillinge voneinander zu trennen:

Einzeln erschienen sie ihm nutzlos und

unbrauchbar für die Außenwelt.

Er ging durch die für ihn plötzlich fremde Wohnung.

Selbst das Telefon war zweimal vorhanden. Herr M.

packte die Gelben Seiten aus dem Jahr 1989 in seine

Tasche. Auch die waren Zwillinge, aber da die

Ausgaben aus den folgenden Jahren doppelt vorhanden

waren, war das eigentlich kein Unterschied.

Telefonbücher, dachte sich Herr M., waren praktisch:

Immer, wenn man nicht weiterwusste, konnte man

nachschlagen, wen man anrufen sollte, um Hilfe zu

bekommen. Herr M. trank sich mit einem kräftigen

Schluck H-Milch Mut an.

Als er die Wohnung verließ, ließ er die offene

Milchpackung neben dem Kühlschrank stehen.

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