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Herr M.
Teil 1:
Wie Herr M. vergaß, wer er war
Es war an einem Dienstag.
Es muss an einem Dienstag gewesen sein, denn es gab
grüne Prinzessböhnchen in Kräuterbutter gebraten
mit Pellkartoffeln, wie jeden Dienstag in Herrn M.s
Leben, seit er vor zwei Jahren bei seiner Mutter ausgezogen
und in die kleine Dachgeschosswohnung in der
Keplerstraße 23 eingezogen war.
Es muss also ein Dienstag im Leben von Herrn M.
gewesen sein, als er vergaß, wer er war.
Herr M. hatte eigentlich ein sehr gutes Gedächtnis.
Doch an diesem Dienstag war etwas anders.
Er war gerade dabei, die Kräuterbutter für seine
Prinzessböhnchen in der Pfanne zu schmelzen, er sah
noch, wie das Butterbröckchen an den Rändern gelblich
und durchsichtig wurde und die graugrünen
Kräuterstückchen auf die Oberseiten der vielen winzigen
Butterbläschen trieben. Das kannte Herr M., jeden
Dienstag sah er Kräuterbutter beim Schmelzen zu, die
Dose mit Bohnen hatte er schon aufgemacht, abgegossen
und neben den Herd gestellt.
Aber heute glaubte er, in den Spiegelungen in den
Butterbläschen jemanden zu sehen. Er sah sich diesen
Mann an, hunderte von Buttertröpfchen mit graugrünen
Kräuterstückchen, hunderte von verwunderten
Gesichtern, die nach oben schauten. Herrn M. kam
einfach nicht mehr in den Sinn, wer diese Person war.
Und warum die Bohnen neben dem Herd standen.
Und was der Mann, den er als Spiegelung der
Butterbläschen gesehen hatte, mit den Bohnen vorhatte.
Herr M. wusste noch, dass er vor einem Herd stand,
vor einer Pfanne. Und er wusste, dass neben dem Herd
eine Dose mit Bohnen stand, die er geöffnet hatte.
Aber alles andere hatte er vergessen.
Herr M. beugte sich über die Pfanne und schaute sich
den Mann in den Bläschen an, überlegte, ob er hungrig
war, ob er überhaupt Prinzessböhnchen mochte,
aber sogar das wollte ihm beim besten Willen nicht
mehr einfallen.
Herr M. hätte jetzt einfach den Herd ausstellen können,
sich etwas Zeit nehmen können, um zu überlegen,
wer er war. Doch er stand nur still da und beobachtete
die Butter, wie sie braun wurde und die grünen
Kräuterstückchen schwarz.
Sogar, als die Pfanne anfing, ein wenig zu rauchen
und zu stinken, blieb Herr M. stehen und stellte weder
die Dunstabzugshaube an noch den Herd ab. Herr M.
stand nur da, wunderte sich über sich selbst und fragte
sich, wie ihm das passiert sein konnte, dass er vergessen
hatte, wer er war.
Bisher hatte Herr M. immer alles im Griff gehabt.
Montags gab es sechs kleine Würstchen aus der
Zwölferpackung, dazu Kartoffelbrei mit Erbsen und
Möhrchen aus der Dose in weißer Soße. Die restlichen
sechs Würstchen fror Herr M. ein, er kaufte auch
immer gleich zwei Dosen feine Erbsen und Möhrchen
auf einmal. Herr M. war klug, er plante gern im
Voraus: Weiße Soße gab es im Vierer- , Kartoffelbrei
sogar im Sechserpack, das hielt dann noch länger.
Herr M. plante jeden Tag, Herr M.s Leben hatte eine
Ordnung. Herr M. lebte nach System.
Es wäre ihm nie passiert, dass er an einem Dienstag
keine Prinzessböhnchen mehr im Haus gehabt hätte.
An jedem Wochentag gab es ein neues Gericht, jede
Woche das Gleiche. Herr M. mochte es ordentlich.
Jeden Morgen stand er um 7.30 Uhr auf, trank einen
Becher Kaffee mit zwei Würfeln Zucker und zwei
Esslöffeln Milch. Er schmierte sich ein Brot mit
Schmelzkäse und eines mit Marmelade, und während
er seinen Kaffee trank, las er dabei genau eine halbe
Stunde lang Zeitung. Dann putzte er sich die Zähne
und verließ das Haus. Um 8.20 Uhr, genau zehn
Minuten, bevor es losging, war er an seinem
Arbeitsplatz im Büro.
Herr M. arbeitete für eine Lebensversicherung in
einem Großraumbüro in der Karl-Theodor-Straße 2.
Seine Etage war für das Aktualisieren von
Kundenlisten zuständig, in seiner Abteilung arbeiteten
sieben Mitarbeiter, die das Alphabet untereinander
aufgeteilt hatten: Jeder der sieben Mitarbeiter hatte
vier Buchstaben zu verwalten, was sehr fair war, denn
in den Kundenakten gab es genau 28 Buchstaben.
Jemanden, dessen Nachname mit Ü begann, versicherte
Herr M.s Versicherung nicht. Herr M. hatte die
Buchstaben J, D, K und Ö.
Herr M. mochte seinen Job und machte ihn sehr gut,
er mochte Listen, er mochte es, eine Ordnung noch
ordentlicher zu machen. Er trug die Neuversicherten
ein und die Verstorbenen aus, jeweils die, deren
Nachnamen mit seinen Buchstaben begannen.
Langsam wurde Herr M. in seiner Küche eingenebelt
vom Rauch der Butter, die in der Pfanne verbrannte.
Etwas fiepte sehr, sehr laut. Herr M. schaute sich um
und sah eine kleine weiße Dose an der Küchendecke,
die bereits seit seinem Einzug dort hing. Jetzt blinkte
sie rot. Und, so meinte Herr M. festzustellen, auch das
Fiepen hatte in ihr seinen Ursprung. Herr M. stellte
den Herd aus und die Dunstabzugshaube an, nahm
sich einen der beiden Stühle, die neben seinem
Küchentisch standen, schob ihn zum Herd, stellte sich
darauf und sah sich die Dose an der Decke genauer an.
Ja: Wenn Herr M. sein Ohr gegen die kleinen Schlitze
an der Seite der Dose hielt, wurde das Fiepen lauter,
sehr viel lauter sogar. Herr M. schaute die kleine Dose
an der Decke finster an und suchte nach einem
Schalter, um sie zum Schweigen zu bringen. Doch es
gab nur die Schlitze, die fiepten, ein kleines rotes
Licht, das hektisch blinkte, und eine Aufschrift Made
in Sweden. Obwohl Herr M. vergessen hatte, wer er
war, wusste er ganz genau, dass er diese kleine Dose an
der Decke seiner Küche noch nie bemerkt hatte.
Warum auch, es hatte ja noch nie gebrannt in Herrn
M.s Wohnung, warum hätte es brennen sollen bei
jemandem wie Herrn M. ?
Herr M. stand auf einem Stuhl in seiner Küche und
wusste nicht, was er gegen das Fiepen dieser Dose
unternehmen sollte. Es schien immer durchdringender
zu werden. Dieses Fiepen war ein Geräusch, was
Herr M. vorher noch nie gehört hatte. Er wurde
wütend, fühlte sich von der Dose verspottet. Herr M.
hatte immer alles im Griff gehabt, bis zu dem
Zeitpunkt, als er vergaß, wer er war. Und jetzt stand er
auf diesem Stuhl und diese Dose an der Decke seiner
Küche blinkte ihn hämisch an. Sie blinkte und fiepte
und Herr M. wusste nicht, wie er sie zum Aufhören
bringen konnte. Und da machte Herr M. etwas, was er
noch nie getan hatte: Er sprang vom Stuhl, nahm die
noch heiße Pfanne vom Herd und schlug mit ihr auf
die Dose ein, immer und immer wieder, solange, bis sie
in kleine Stückchen zerbrochen war und auf den
Boden fiel. Herr M. stand auf seinem Stuhl in der Mitte
der Küche, hatte eine Pfanne in der Hand, die langsam
abkühlte, und nur das leise Surren der
Dunstabzugshaube war zu hören. Wenn Herr M. noch
gewusst hätte, wer er war, dann hätte er auch gewusst,
weshalb er sich gerade so seltsam fühlte: Er hatte
zum ersten Mal in seinem Leben etwas absichtlich
zerstört.
Herr M., der nicht mehr wusste, wer er war, war
nicht mehr Herr M., denn er hatte mit einer Pfanne
auf einen Rauchmelder eingeschlagen. Das machte
Herr M. nicht, Herr M. war nicht mehr Herr M.!
Der Rauchmelder lag in kleine Stückchen zerbrochen
neben dem Stuhl, als Herr M. herunterstieg, um
sich anzuschauen, was er getan hatte. Er kannte, dass
Dinge kaputt gingen, aus der Zeitung oder auf dem
Weg zur Arbeit hatte er das schon gesehen. Wüsste
Herr M. noch, wer er einmal gewesen war, dann hätte
er sich daran erinnern können, als Kind einmal einen
Teller fallen gelassen zu haben.
Doch nun schaltete er die Dunstabzugshaube aus,
denn das Surren störte ihn beim Nachdenken. Herr M.
überlegte: Er hatte den Hauch einer gewissen
Vorstellung davon, was man tun musste, wenn man
sich selbst verloren hatte. Er beschloss rauszugehen
und sich wiederzufinden, ohne zu wissen, dass der
Herr M., den er suchte, niemals so einfach solche
Dinge beschlossen hätte.
Herr M. sah sich um. Er wollte nur das Allernötigste
zusammenpacken zum Losziehen.
Da Herr M. aber noch nie losgezogen war, hatte er
nicht die geringste Vorstellung davon, was das sein
sollte, das Allernötigste.
In der Wohnung war alles korrekt zurechtgeschoben,
und alle Gegenstände gab es doppelt: Je zwei
Stück, wie Zwillinge in den Schränken und Regalen
der Küche, selbst neben der Kaffeemaschine stand eine
zweite Kaffeemaschine, ebenso erwartungsfroh und
weiß wie die erste und so sauber, dass sich Herr M. im
Plastik gespiegelt sehen konnte. Offenbar hatte der
frühere Herr M. vorgesorgt für den Fall, dass einmal
etwas kaputt gehen würde. Offenbar war dem früheren
Herrn M. nie etwas kaputt gegangen.
Er wagte nicht, diese Zwillinge voneinander zu trennen:
Einzeln erschienen sie ihm nutzlos und
unbrauchbar für die Außenwelt.
Er ging durch die für ihn plötzlich fremde Wohnung.
Selbst das Telefon war zweimal vorhanden. Herr M.
packte die Gelben Seiten aus dem Jahr 1989 in seine
Tasche. Auch die waren Zwillinge, aber da die
Ausgaben aus den folgenden Jahren doppelt vorhanden
waren, war das eigentlich kein Unterschied.
Telefonbücher, dachte sich Herr M., waren praktisch:
Immer, wenn man nicht weiterwusste, konnte man
nachschlagen, wen man anrufen sollte, um Hilfe zu
bekommen. Herr M. trank sich mit einem kräftigen
Schluck H-Milch Mut an.
Als er die Wohnung verließ, ließ er die offene
Milchpackung neben dem Kühlschrank stehen.
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