Der Fährenschreiber von Liblau von Hertha Koenig, Pendragon-VerlagHertha Koenig

aus: Der Fährenschreiber von Liblau

Auftakt

Im Herbst des Kriegsjahres 1940 fand sich der Brief eines Herrn Eduard Strasdowski unter meiner Gutspost, mit der Bitte, sein gestriges Reiseerlebnis mitteilen zu dürfen.

„ ... Als Flüchtling in ein Altersheim nahe Osnabrück verschlagen, saß ich im Vorortzug. Mein Gegenüber redete mich an und erkundigte sich mit hartnäckiger Ausdauer nach meinem Woher: ein kleiner Herr mit dünner Stimme, den das Übertönen des Zuggeräusches Anstrengung kostete.

‚Sie stammen?‘
‚Aus dem Baltikum.‘
‚Ihr Beruf?‘
‚Landwirt‘
‚Wo haben Sie gearbeitet?‘
‚In der russischen Ukraine.‘
‚Welche Gegend?"‘
‚Gouvernement Charkow.‘
‚Wie hieß Ihr Herr?‘
‚Koenig.‘

Da horchte jemand aus der anderen Ecke auf. Ein korpulenter Mann erhob sich, um näher an uns heranzurücken, und sagte: ‚Hier sind auch Koenigs.‘ Mein Gegenüber lachte auf und meinte, in Hamburg stehe dieser Name an jedem sechsten Haus.

Ich erklärte: ‚Die meinen waren von deutscher Abstammung, hatten jedoch zwei Generationen in Rußland gelebt.‘ – ‚Ja, ja‘, accordierte der andere, ‚das hier sind auch solche Koenigs.‘ Da der Zug in die Station einfuhr, bat ich schnell um den Wohnort. Ein Gut nahe der Stadt B . . .".

Ich mußte dem Schreiber auf seine Fragen antworten, daß von der vorigen Generation der Koenigs niemand mehr lebe. Es würde mir jedoch eine Freude sein, ihn bei mir zu begrüßen. Und eines Nachmittags stand ich der Hünengestalt meines unbekannten Gastes gegenüber. Er war damals hoch in den Siebzigern, aber beweglich, wie von einem inneren Feuer jugendlich wachgehalten. Bald wurde er durch seine angenehme Art der Unterhaltung der Mittelpunkt unseres kleinen Kreises: einige Flüchtlinge und Verwandte hatten sich zusammengefunden, die gleich ihm aus der Heimat vertrieben worden waren. Nur beiläufig er wähnte er das schöne Haus in Libau, das sein Vater, der Baumeister, ihm und seiner Frau errichtet hatte, aus dem sie dann mit nichts als einem Rucksack gen Westen fliehen mußten. Seine Gedanken waren dort nicht hängen geblieben. Sie hatten immer ein weites Feld vor sich, das, von Vergangenheit und Zukunft nicht abhängig, ihm unverlierbar gehörte.

Die Herbstabende wurden länger. Wir warteten ungeduldig auf den Augenblick nach dem Abendessen, da man sich zusammensetzte und seiner wohlklingenden Stimme zuhörte. Er hatte schon manches Erlebnis aus Südrußland erwähnt. Nun bat ich: "Erzählen Sie uns mehr von der Zeit bei meinem Großvater." – "Ja, vom Zuckerkönig", stimmten die anderen bei. Er legte sinnend die Hand ans Kinn. Ein kleines verneinendes Kopfschütteln: "Warten wir noch damit. Ich möchte vorher die Bände über sein Lebenswerk durchlesen, die ich hier in der Bibliothek fand. Dann wird mir alles von früher ins Gedächtnis kommen, und ich kann Ihnen genauer berichten."

Da er unsere Enttäuschung bemerkte, sagte er: "Ich werde Ihnen inzwischen aus dem Leben meiner eigenen Vorfahren mitteilen, wenn Sie daran Gefallen finden. Manche Einzelheit wird mir zwar entfallen sein. Man war noch ein Kind, als die Verwandten im Elternhaus von diesen Dingen erzählten; man hörte nur mit halbem Ohre zu. Weil sie aber immer wieder darauf zurückkamen, ist doch einiges haften geblieben. . . "

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