|
|
Tagebuch einer
Verrückten
(Leseprobe aus: Maramba, Prosa, 2005, Zsolnay)
Ich habe vor drei Jahren geheiratet.
Einen Mann mit großen Händen und richtigen Gedanken. Richtige Gedanken passen
in eine Schublade. Die Schublade sieht von außen wie von innen ordentlich aus.
Sein Kopf ist nach Bereichen sortiert: Arbeit, keine Arbeit, Frau. Nie verirrt
sich ein Gedanke in einen falschen Bereich.
Das ist natürlich eine Übertreibung. Ich übertreibe immer und automatisch.
Das sagen mein Mann, mein Arzt und ich. Wir haben ein goldenes Türschild mit
Silberschrift. Tauber ist unser Name. Ich putze das Türschild einmal im Monat.
Das ist mein Beitrag zu unserer Ehe.
Mein Mann war zwölf, als sein Vater gestorben ist. Für seine Mutter war das
die Vertreibung aus dem Paradies. Mein Mann hat seine Mutter wieder aufgeblasen,
nachdem sie platt auf dem Boden lag. »Es war schwierig, aber ich habe uns
repariert«, sagt mein Mann.
Sein Vater war Bauer. Mein Mann verkaufte den Hof, schaffte neues Geld auf die
Bank, und seine Mutter steckte sich im Frühling wieder Blumen in die Haare.
Mein Mann ist ein Mechaniker für kaputte Seelen. Er hatte ein hartes Leben und
ist heute glücklich. Ich hatte kein hartes Leben und bin heute unglücklich.
Am Tag bin ich allein. Ich versuche, lange zu schlafen, damit der Tag kürzer
ist. Ich rauche im Bett Zigaretten und trinke viel schwarzen Kaffee.
Ich vermisse meinen Mann nicht, wenn er weg ist. Ich rufe ihn nicht an, wenn er
sich verspätet.
Allein gehe ich durch die Wohnung. Ich brauche fünf Minuten, wenn ich langsam
durch alle Zimmer gehe. Das ist meine Zeit. Fünf Minuten für eine Zigarette. Fünf
Minuten für meinen Rundgang. Das sind zusammen zehn Minuten. So vergeht meine
Zeit. Ich koche nicht. Wir leisten es uns, essen zu gehen. Wir haben genug Geld.
Das ist unser Glück.
Wir sind glücklich.
Mein Mann sagt: »Wir sind glücklich«, und ich verlasse mich auf das Glück.
Ich bin froh, daß er sich darum kümmert. Ich habe wenige Wünsche. Ich sage
nie: »Nein«. Weil ich nicht weiß, was ich nicht möchte. Ich sage nie aus Überzeugung:
»Ja«. Ich bin ein Mitläufer. Heute, früher bei meinen Eltern und in der
Schule. Ich wasche gern meine Haare. Meine Haare sind lang und schön. Männer
wollen meine Haare angreifen, und ich sage nicht nein. Ich kämme sie vor dem
Fenster.
Meine Gedanken sind sorgfältig verpackt in meinem Kopf, aber sie kommen
ungeordnet aus meinem Mund. Meine Gedanken sind wie ein Fallschirmspringer, der
nicht springen will. Ich habe Angst vor zuviel. Ich habe Angst vor zu wenig, und
mein Kopf meint, es gibt nichts dazwischen. Dann weine ich. Am liebsten allein.
Ohne Grund. So eine Eigenschaft ist furchtbar.
Ich nehme Tabletten gegen zu viele Gedanken. Mein Mann bringt mir die Tabletten.
Mein Mann liest die Packungsbeilage. Mein Mann spricht mit einem Arzt. Der Arzt
und mein Mann sagen, daß die Tabletten gut für mich sind.
Seit einem halben Jahr hat mein Mann eine Geliebte. Eine große Frau mit dicken
Haaren und breiten Hüften. Volksschullehrerin. Eine Frau, die den Kindern sagt,
daß sie nicht über vorgezeichnete Linien hinaus malen dürfen, und die Kinder,
die es doch tun, zum Psychologen schickt.
Mein Mann sagte: »Ich habe eine Geliebte.« Ich stand in der Küche und dachte:
Scheiße, jetzt muß ich etwas tun.
Ich lag zwei Tage im Bett. Am dritten Tag kam sie uns besuchen. Sie hatte einen
festen Händedruck. Sie heißt Susanne Knopf. »Wir sind doch erwachsene
Menschen«, sagte mein Mann. Er kochte Spaghetti mit Tomatensauce. Susanne Knopf
schnitt das Gemüse. Ich lag im Bett. Sie lachten in der Küche.
Ich war das Kind. Meine Eltern waren in der Küche. Ich stellte mir vor, wie es
wäre, das Kind von meinem Mann und seiner Geliebten zu sein.
Mir ist alles recht. Ich fühle mich keinem Gefühl zugehörig.
Mein Mann sagte, ich bekomme die Wohnung und jeden Monat Geld. Ich brauche nicht
zu arbeiten. Er wohnt bei Susanne Knopf. Susanne Knopf raucht keine Zigaretten.
Mein Mann sagt, er redet mit dem Arzt über mich. Der Arzt gibt mir stärkere
Tabletten. Ich sehe aus wie ein Geist. Das Türschild darf ich behalten.
Ich frage mich, wie ich das alles berichten soll. Ich muß berichten. Es wird
ein Mann in Uniform vor mir sitzen. Er wird einen Bericht schreiben. In
Handschrift auf ein weißes Blatt Papier wird er genau notieren, was ich sage.
Oder er tippt in eine Schreibmaschine. Eine grüne Schreibmaschine. Der Mann in
Uniform arbeitet acht, manchmal neun Stunden am Tag. Seine Lippen werden sich
auf und ab bewegen. Er wird klare Fragen stellen und klare Antworten erwarten.
Ich habe meinen Mann erstochen. Auf dem Küchentisch. Susanne Knopf lag auf ihm.
Bevor ich beide erstochen habe, lag sie auf ihm, und nachdem ich sie erstochen
hatte, lag sie noch fester auf ihm.
Ich hätte sie, vor meinem Mord, von ihm herunterrollen sollen. Ich hatte so
viel im Kopf. Jetzt liegen sie tot aufeinander. Ich bin nicht eifersüchtig auf
eine Tote. Ich hätte nur meine Arbeit richtig machen müssen.
Der Mann in Uniform will kurze und richtige Antworten. Nach diesen Fragen werde
ich nichts mehr gefragt werden. Das werden meine einzigen Worte zu meinem Mord
sein. Danach werde ich nichts mehr zu sagen haben. Nach diesem Verhör ist mein
Leben vorbei.
Die Haustür war angelehnt.
Ich ging in die Küche. Mein Mann lag nackt auf dem Küchentisch. Auf ihm
Susanne Knopf. Bleiche Haut. Ihre Haut sah wie Schweizerkäse aus.
Ich nahm das Küchenmesser und stach auf den Berg ein. Das muß ein komisches
Bild gewesen sein. Ich bin eine sehr kleine, unauffällige Frau. Ich falle nicht
auf. Wenn ich auf Partys eingeladen bin, was selten vorkommt, halte ich mich
meistens auf der Toilette auf. Ich sitze auf der kalten Kloschüssel und warte
vor mich hin. Ich wippe mit den Füßen. Ich warte, bis alles vorbei ist.
Von mir denkt keiner etwas Schlechtes. Von mir denkt man sich überhaupt nichts.
Es muß ein komisches Bild gewesen sein. Man wird sagen: Aber nein, die Frau
Tauber wurde in das Bild hineinretuschiert. Sie hat ihren Mann nicht getötet.
Sie hat nicht so viel Kraft.
Das wird der Mann in Uniform nicht wissen wollen. Nichts von all dem. Jetzt ist
es bald so weit. Ich bin gleich da. Ich werde sagen: Mein Name ist Rita Tauber.
Ich habe meinen Mann und seine Geliebte erstochen. Das war vor einer Stunde und
zehn Minuten. Sie liegen beide noch auf dem Küchentisch. Gehmanngasse 43.
Als ich gegangen bin, waren sie noch warm. Ich habe sie umgebracht, weil mein
Mann mich verlassen wollte. Wegen einer Geliebten, die richtige Gedanken hat und
nicht wie ich durch die Wohnung schleicht. Ich habe sie umgebracht, weil ich
wollte, daß etwas passiert in meinem Leben.
Rezension I Buchbestellung I home IV06 LYRIKwelt © Zsolnay