Die Abenteuer des Joel Spazierer von Michael Köhlmeier, 2013, HanserMichael Köhlmeier

Die Abenteuer des Joel Spazierer
(Leseprobe aus:
Die Abenteuer des Joel Spazierer, Roman, Anfang des 1. Kapitels, 2013, Hanser).

Die Männer, mit denen ich manchmal Bier trinke und die keine Ahnung

von mir haben, sagen, ich solle unbedingt mit etwas Lustigem

beginnen. Ein Mann kommt in eine Bank, hält der Frau am Schalter

die Pistole an die Stirn und sagt: Keine Angst, das ist kein Überfall, das

ist nur ein Amoklauf. Mein Freund, der Schriftsteller Sebastian Lukasser,

der mich mag und eine Ahnung von mir hat, rät mir zu einer literarischen

Anspielung als Einstieg. Er meint – spricht es aber nicht

aus –, das würde mir das Debüt bei den Kritikern erleichtern.

Meine Geschichte beginnt in einer Zeit, von der viele glaubten, sie sei

die letzte. Die besten Ärzte des größten Reiches waren für die Herren

der Partei und der Armee reserviert; die Besten der Besten für Stalin,

Molotow, Malenkow und Berija. Aber sie verkauften, was sie wussten,

ans Ausland und wurden verhaftet und vor ein Gericht gestellt. Die

Anklage lautete auf Hochverrat und Mord, denn sie hatten durch absichtliche

Fehlbehandlung den Tod einiger Herren herbeigeführt – sogar

solcher, die gar nicht gestorben waren. Man hat sie, wie Sie mir

glauben dürfen, allesamt abgeholt, verhört, gefoltert, hingerichtet, erschossen,

liquidiert und aufgehängt.

Meine Geschichte beginnt in Ungarn; auch dort existierten solche

Ärzte. Ihr Rädelsführer war Dr. Ernö Fülöp, der Leiter der internen Abteilung

an der Semmelweisklinik in Budapest. Er war mitten in einer

Operation, als drei Männer im Krankenhaus auftauchten. Er musste

einen Assistenzarzt bitten, seine Arbeit zu Ende zu führen. Man brachte

ihn in die Zentrale des Staatssicherheitsdienstes, wo ihn die ÁVHOffiziere

Major György Hajós und Oberst Miklós Bakonyi verhörten.

Dr. Fülöp wurde vorgeworfen, mit den Moskauer Ärzten unter einer

Decke zu stecken. Er habe versucht, den ersten Sekretär der Partei der

ungarischen Werktätigen, den Führer Mátyás Rákosi, während einer

Gallenblasenoperation zu ermorden; außerdem unterhalte er Kontakte

zum jugoslawischen Geheimdienst, der vermutlich hinter der Verschwörung

stecke, wenn es nicht sogar Josip Broz Tito persönlich sei.

Dr. Fülöp beteuerte, er sei dem Parteivorsitzenden Rákosi in seinem

Leben noch nicht begegnet, ganz bestimmt nicht im OP, und seit Ende

des Krieges sei er nicht mehr in Belgrad oder sonst irgendwo in Jugoslawien

gewesen, und Tito kenne er nur aus den Zeitungen wie jeder

andere Ungar auch. Nachdem man ihn eine Nacht lang verhört hatte,

gestand er, es bestehe doch eine Verbindung zum Parteivorsitzenden:

Seine Frau nämlich, Dr. Helena Fülöp-Ortmann – eine sehr bekannte

Ägyptologin, deren Buch über den Pharao Echnaton in Ungarn ein großer

Erfolg war und in mehrere Sprachen übersetzt wurde –, habe zusammen

mit einer Cousine von Rákosi die Volksschule besucht; aber

das sei dreißig Jahre her. Dieselben drei Männer – Janko Kollár, Lajos

Szánthó und Zsolt Dankó –, die schon Dr. Fülöp abgeholt hatten, wurden

abermals losgeschickt. Sie schlugen an die Tür der Wohnung Nummer

7 im zweiten Stock des Hauses Nummer 23 an der Báthory utca

und zerrten Frau Fülöp-Ortmann durch das Treppenhaus nach unten.

Sie schrie, ein Kind sei in der Wohnung, man solle ihr wenigstens erlauben,

die Mutter des Kindes zu verständigen. Die Männer meinten,

das sei eine Finte, sie wolle sich nur eine Gelegenheit verschaffen, um

aus dem Fenster zu springen. Sie wurde wie ihr Mann in das Hauptgebäude

der ÁVH in der Stalinstraße 60 gebracht und verhört.

Rezension I Buchbestellung 0I13 LYRIKwelt © M.K./Hanser