Mandalyn von Michael Köhlmeier, 2010, HanserMichael Köhlmeier

Madalyn
(Leseprobe aus: Madalyn, Roman, 2010, Hanser).

Im Frühling 09 war Madalyn noch nicht vierzehn Jahre alt.

Ich kannte sie seit ihrer Geburt. Als ihre Eltern in unser Haus in

der Heumühlgasse zogen, war Frau Reis mit ihr schwanger. Herr

Reis arbeitete in einem Unternehmen, das Maschinen zur Herstellung

von Computerchips konstruierte und – allerdings nicht

in Wien – auch baute; er war Techniker oder Manager oder beides.

Sowohl die Firma als auch er hätten einiges in petto, hieß es. Ich

erfuhr davon über das Gerede im Haus, an dem ich mich gern beteiligte,

vor allem, wenn es sich um die Kombination von Geld und

Zukunft drehte. Es war die Zeit, als fast jeder Aktien kaufte, ich für

eine Million Schilling aus einem brasilianischen Telekommunikationsfond,

die fünf Jahre später nur noch knapp ein Zehntel wert

waren. Herr Reis und seine Frau investierten klüger, sie kauften die

Wohnung ein Stockwerk unter mir; woraus ich außerdem schloss,

dass sie vorhatten, hier zu bleiben. Von meinem Arbeitszimmer aus

konnte ich auf ihren Balkon schauen. Dort standen eine Bank aus

silbrig grauem Holz und ein Tischchen, dessen Platte den Venuskopf

von Botticelli, zusammengefügt aus Mosaiksteinchen, zeigte.

Ich hatte nie jemanden dort sitzen sehen. Einmal war ich mit der

Hochschwangeren allein im Lift gefahren und hatte gesagt, weil

mir nichts anderes einfiel und weil es auch stimmte, dass wir uns

auf das Kind freuten, wir alle im Haus, und hatte hinzugefügt, dass

sie hier reichlich Auswahl an Babysittern fände. Sie war nicht sehr

gesprächig, und ich bin mir hinterher töricht und aufdringlich

vorgekommen. Das Ehepaar Reis – sagte mir Frau Malic, die Koordinatorin

allen Geredes im Haus – gehöre irgendeiner christlichen

Abspaltung an. Darüber wollte ich nichts wissen; ich wehrte mich

gegen meine eigene Neugierde und war durchaus erfolgreich. Aber

mit ihrer Tochter, mit Madalyn, verband mich durch deren Kindheit

hindurch eine besondere Freundschaft, und dafür gab es einen

Grund.

Zu ihrem fünften Geburtstag bekam Madalyn ein Fahrrad geschenkt.

Es war Herbst. Sie brachte sich das Fahren ganz allein bei,

schob das Rad jeden Nachmittag nach dem Kindergarten über den

Naschmarkt in den kleinen Park an der Linken Wienzeile und rollte

dort über den flachen künstlichen Hügel hinunter. Und zufällig war

ich der erste, dem sie ihre fertige Kunst vorführte. Manchmal setzte

ich mich auf eine Bank unter den Ahornbäumen zwischen Schaukeln

und Rutschen – eigentlich nur im Herbst und im Winter tat

ich das, wenn keine Kinder anwesend waren, dann wurde der kleine

Park auch von den Erwachsenen vergessen, und es war still wie im

Wald und das mitten in der Stadt. So saß ich und las, als Madalyn

mit ihrem Rad daherkam. Im Gegensatz zu ihren Eltern redete sie

gern, sehr gern sogar, schüchtern war sie nicht. Sie hatte mir bereits

im Stiegenhaus ausführlich von ihrem ersten Tag im Kindergarten

erzählt und mir bei jedem weiteren Treffen Zwischenberichte geliefert,

hatte mir die Papierflieger gezeigt, die sie in der Kreativgruppe

gefaltet hatten, und wir haben sie durch das Stiegenhausfenster in

den Innenhof geschickt. Sie spielte gern im Stiegenhaus, und sie

spielte immer allein. Sie redete laut mit sich selbst, offenbar gefiel

ihr die Akustik. Es war Evelyn und mir oft eine Freude gewesen,

sie dabei zu belauschen. Wir mochten ihre heisere Stimme, die gut

zu ihren wilden, krausen, kaum frisierbaren Haaren und zu ihrem

Gesichtchen passte, das ein wenig derb war. Evelyn erinnerte sie

an sich selbst – nicht nur wegen des Gleichklangs der letzten Silbe

ihrer Namen, wie sie sagte –, sie habe als Kind ebenfalls die meiste

Zeit allein gespielt und dabei laut gesprochen, ganze Nachmittage

hindurch, und wie Madalyn im Dialog mit einer fiktiven Freundin.

Madalyn sagte, sie wolle mir zeigen, was sie könne, setzte sich

aufs Rad und fuhr los und kreischte dabei, trat in die Pedale und

fuhr Kurven über den Rasen. Mit dem Absteigen hatte sie allerdings

Probleme. Sie lenkte zu mir hin und rief, ich solle sie aufhalten.

Sie war stolz, weil sie bisher nur ohne zu treten gefahren

war. Ich sagte, das bedeute, von heute an könne sie tatsächlich

Fahrrad fahren, denn ohne zu treten sei nicht wirklich Fahren, erst

bei Treten

könne man von Fahren sprechen. Und in der folgenden

Stunde – ich war Zeuge – lernte sie auch, zu bremsen und abzusteigen.

»Kann ich jetzt wirklich Radfahren?« fragte sie.

»So gut wie jeder andere auch«, sagte ich.

Ich hätte es nicht so kräftig betonen sollen. Ein paar Tage später

raste sie, ohne auf die Straße zu achten, aus der Einfahrt unseres

Hauses und direkt vor ein Auto. Sie wurde in die Luft geschleudert

und landete fünf Meter weiter auf der Fahrbahn. Was ein Glück

war. Sie hätte ebensogut unter die Räder kommen können – wie

ihr Fahrrad. Und zufällig war ich wieder Zeuge gewesen. Ich kam

die Straße vom Naschmarkt herauf und habe alles gesehen. Ich

bin gleich zu ihr hingelaufen. Die Fahrerin blieb einfach in ihrem

Wagen

sitzen, die Hände am Lenkrad, und drückte die Augen zu.

Madalyn hatte das Bewusstsein verloren, sie blutete an der Innenseite

ihres Unterarms. Ich hatte mein Mobiltelefon nicht bei mir

und rief laut um Hilfe. Aus einem der Fenster schaute ein Mann,

ich rief, er solle die Rettung holen. »Hundertvierundvierzig wählen!

Hundertvierundvierzig wählen!«

Madalyns Arm blutete so stark, dass sich eine Lache auf dem

Asphalt bildete. Ein Stück Haut war an der Innenseite aufgerissen.

Ich zog mir einen Schuh aus und band ihr mit meinem Strumpf

den Arm ab. Sie öffnete die Augen, und als sie mich sah, verzog sie

den Mund und begann zu schluchzen. Ich sagte, es sei alles gut, ich

sei bei ihr, die Mama werde gleich kommen und in ein paar Tagen

werde sie darüber lachen.

»Das verspreche ich dir, Madalyn. Ich sag es, weil ich es weiß.«

Ich traute mich nicht, ihren Oberkörper hochzuheben, um sie in

den Arm zu nehmen.

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