Madalyn
(Leseprobe aus:
Madalyn, Roman, 2010, Hanser).
I
m Frühling 09 war Madalyn noch nicht vierzehn Jahre alt.Ich kannte sie seit ihrer Geburt. Als ihre Eltern in unser Haus in
der Heumühlgasse zogen, war Frau Reis mit ihr schwanger. Herr
Reis arbeitete in einem Unternehmen, das Maschinen zur Herstellung
von Computerchips konstruierte und – allerdings nicht
in Wien – auch baute; er war Techniker oder Manager oder beides.
Sowohl die Firma als auch er hätten einiges in petto, hieß es. Ich
erfuhr davon über das Gerede im Haus, an dem ich mich gern beteiligte,
vor allem, wenn es sich um die Kombination von Geld und
Zukunft drehte. Es war die Zeit, als fast jeder Aktien kaufte, ich für
eine Million Schilling aus einem brasilianischen Telekommunikationsfond,
die fünf Jahre später nur noch knapp ein Zehntel wert
waren. Herr Reis und seine Frau investierten klüger, sie kauften die
Wohnung ein Stockwerk unter mir; woraus ich außerdem schloss,
dass sie vorhatten, hier zu bleiben. Von meinem Arbeitszimmer aus
konnte ich auf ihren Balkon schauen. Dort standen eine Bank aus
silbrig grauem Holz und ein Tischchen, dessen Platte den Venuskopf
von Botticelli, zusammengefügt aus Mosaiksteinchen, zeigte.
Ich hatte nie jemanden dort sitzen sehen. Einmal war ich mit der
Hochschwangeren allein im Lift gefahren und hatte gesagt, weil
mir nichts anderes einfiel und weil es auch stimmte, dass wir uns
auf das Kind freuten, wir alle im Haus, und hatte hinzugefügt, dass
sie hier reichlich Auswahl an Babysittern fände. Sie war nicht sehr
gesprächig, und ich bin mir hinterher töricht und aufdringlich
vorgekommen. Das Ehepaar Reis – sagte mir Frau Malic, die Koordinatorin
allen Geredes im Haus – gehöre irgendeiner christlichen
Abspaltung an. Darüber wollte ich nichts wissen; ich wehrte mich
gegen meine eigene Neugierde und war durchaus erfolgreich. Aber
mit ihrer Tochter, mit Madalyn, verband mich durch deren Kindheit
hindurch eine besondere Freundschaft, und dafür gab es einen
Grund.
Zu ihrem fünften Geburtstag bekam Madalyn ein Fahrrad geschenkt.
Es war Herbst. Sie brachte sich das Fahren ganz allein bei,
schob das Rad jeden Nachmittag nach dem Kindergarten über den
Naschmarkt in den kleinen Park an der Linken Wienzeile und rollte
dort über den flachen künstlichen Hügel hinunter. Und zufällig war
ich der erste, dem sie ihre fertige Kunst vorführte. Manchmal setzte
ich mich auf eine Bank unter den Ahornbäumen zwischen Schaukeln
und Rutschen – eigentlich nur im Herbst und im Winter tat
ich das, wenn keine Kinder anwesend waren, dann wurde der kleine
Park auch von den Erwachsenen vergessen, und es war still wie im
Wald und das mitten in der Stadt. So saß ich und las, als Madalyn
mit ihrem Rad daherkam. Im Gegensatz zu ihren Eltern redete sie
gern, sehr gern sogar, schüchtern war sie nicht. Sie hatte mir bereits
im Stiegenhaus ausführlich von ihrem ersten Tag im Kindergarten
erzählt und mir bei jedem weiteren Treffen Zwischenberichte geliefert,
hatte mir die Papierflieger gezeigt, die sie in der Kreativgruppe
gefaltet hatten, und wir haben sie durch das Stiegenhausfenster in
den Innenhof geschickt. Sie spielte gern im Stiegenhaus, und sie
spielte immer allein. Sie redete laut mit sich selbst, offenbar gefiel
ihr die Akustik. Es war Evelyn und mir oft eine Freude gewesen,
sie dabei zu belauschen. Wir mochten ihre heisere Stimme, die gut
zu ihren wilden, krausen, kaum frisierbaren Haaren und zu ihrem
Gesichtchen passte, das ein wenig derb war. Evelyn erinnerte sie
an sich selbst – nicht nur wegen des Gleichklangs der letzten Silbe
ihrer Namen, wie sie sagte –, sie habe als Kind ebenfalls die meiste
Zeit allein gespielt und dabei laut gesprochen, ganze Nachmittage
hindurch, und wie Madalyn im Dialog mit einer fiktiven Freundin.
Madalyn sagte, sie wolle mir zeigen, was sie könne, setzte sich
aufs Rad und fuhr los und kreischte dabei, trat in die Pedale und
fuhr Kurven über den Rasen. Mit dem Absteigen hatte sie allerdings
Probleme. Sie lenkte zu mir hin und rief, ich solle sie aufhalten.
Sie war stolz, weil sie bisher nur ohne zu treten gefahren
war. Ich sagte, das bedeute, von heute an könne sie tatsächlich
Fahrrad fahren, denn ohne zu treten sei nicht wirklich Fahren, erst
bei Treten
könne man von Fahren sprechen. Und in der folgenden
Stunde – ich war Zeuge – lernte sie auch, zu bremsen und abzusteigen.
»Kann ich jetzt wirklich Radfahren?« fragte sie.
»So gut wie jeder andere auch«, sagte ich.
Ich hätte es nicht so kräftig betonen sollen. Ein paar Tage später
raste sie, ohne auf die Straße zu achten, aus der Einfahrt unseres
Hauses und direkt vor ein Auto. Sie wurde in die Luft geschleudert
und landete fünf Meter weiter auf der Fahrbahn. Was ein Glück
war. Sie hätte ebensogut unter die Räder kommen können – wie
ihr Fahrrad. Und zufällig war ich wieder Zeuge gewesen. Ich kam
die Straße vom Naschmarkt herauf und habe alles gesehen. Ich
bin gleich zu ihr hingelaufen. Die Fahrerin blieb einfach in ihrem
Wagen
sitzen, die Hände am Lenkrad, und drückte die Augen zu.
Madalyn hatte das Bewusstsein verloren, sie blutete an der Innenseite
ihres Unterarms. Ich hatte mein Mobiltelefon nicht bei mir
und rief laut um Hilfe. Aus einem der Fenster schaute ein Mann,
ich rief, er solle die Rettung holen. »Hundertvierundvierzig wählen!
Hundertvierundvierzig wählen!«
Madalyns Arm blutete so stark, dass sich eine Lache auf dem
Asphalt bildete. Ein Stück Haut war an der Innenseite aufgerissen.
Ich zog mir einen Schuh aus und band ihr mit meinem Strumpf
den Arm ab. Sie öffnete die Augen, und als sie mich sah, verzog sie
den Mund und begann zu schluchzen. Ich sagte, es sei alles gut, ich
sei bei ihr, die Mama werde gleich kommen und in ein paar Tagen
werde sie darüber lachen.
»Das verspreche ich dir, Madalyn. Ich sag es, weil ich es weiß.«
Ich traute mich nicht, ihren Oberkörper hochzuheben, um sie in
den Arm zu nehmen.
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