Abendland von Michael Köhlmeier, 2001, HanserMichael Köhlmeier

Abendland
(Leseprobe aus: Abendland, Roman, 2007, Hanser)

Carl war mein Pate, das heißt, er war mein Taufpate nach
katholischem Ritus, aber er war viel mehr: Er war mein Schutzengel.
Dabei kann ich nicht einmal für mich in Anspruch nehmen, im
Kernschatten seiner Flügel gestanden zu haben; denn dieser Platz war
ausschließlich für meinen Vater reserviert gewesen. Meine Mutter
und ich, die wir uns an meinen Vater klammerten, damit er nicht
umstürzte, hatten lediglich die Ränder des Schattens bezogen. Ob der
Schutzengel das beabsichtigte? Oder hat er es bloß in Kauf
genommen? Die Lukassers – Agnes, Georg, Sebastian – riefen nach
ihm, und er verließ sein Institut in Innsbruck, um sich ihr Gejammer
und Geschrei, ihr Herumgedruckse, ihre Empörungen, Ressentiments,
Proteste, ihre Neid- und Mißgunstanfälle, ihre Aggressionen und
Geldsorgen, ihren Weltschmerz und ihre Frustrationen anzuhören.
Für uns war das Leben eine andauernde Aufeinanderfolge von
Problemen; er bot die Lösungen an. Durften wir darauf vertrauen, daß
er sich nicht von uns abwandte? Es sei das Geheimnis des
Charismatikers, sagt der englische Schriftsteller Gilbert Keith
Chesterton sinngemäß, daß große Gunst zu gewähren und große
Gunst vorzuenthalten aus seinen Händen zu ein und derselben Geste
werden. Das Vertrauen, das uns Carl entgegenbrachte, hätten wir uns
selbst niemals entgegengebracht; es war entweder übermenschlich
oder unglaubwürdig. Im ersten Fall hätten wir nur enttäuschen
können; im zweiten wäre sein Umgang mit uns nichts weiter als ein
Spiel gewesen, bei dem wir, weil wir Figur oder Würfel oder beides
waren, logischerweise nicht nachvollziehen hätten können, was daran
lustig sein sollte.
Am Anfang unserer Familie war Carl; ihr Keim war gepflanzt in
seiner ersten Begegnung mit meinem Vater. Als er meinen Vater zum
erstenmal gesehen habe, erzählte Carl, sei nach wenigen Minuten in
ihm beschlossen gewesen, daß er sich mit ihm anfreunden wollte, daß
er ihm – er betonte – »demütig« folgen und alle Schwierigkeiten
beiseite räumen wollte, die sich mit Sicherheit über dem Weg dieses
Mannes türmen würden.
Carl und mein Vater waren so verschieden, wie zwei Menschen nur
verschieden sein können. Sie lernten einander in Wien nach dem
Krieg kennen; mein Vater war vierundzwanzig, Carl bereits vierzig.
Wer schon einmal ein Bild des amerikanischen Folksängers Woody
Guthrie gesehen hat, dem brauche ich meinen Vater nicht zu
beschreiben – klein, sehnig, zäh, widerborstige dunkle Locken, das
Gesicht hager und blaß, im unteren Teil grau von den unbändig
nachdrängenden Bartstoppeln, ernste alte Augen, ernster Mund, sogar
wenn er bis über die Stockzähne lachte, was ansteckend war, aber
immer auch etwas Konspiratives, Rattenhaftes an sich hatte.
Irgendwann in den sechziger Jahren zeigte ich ihm ein Bild von
Woody Guthrie, und er glaubte selbst, er sei es. Guthrie hatte auf dem
Foto eine Gitarre im Arm – »Was ist das für eine Gitarre? Ich hab’
doch nicht so eine Gitarre!« –; an der Gitarre erkannte er, daß es ein
anderer war; meine Mutter und ich haben uns schief gelacht.
Wie Woody Guthrie war mein Vater Musiker, und er war nie etwas
anderes gewesen. Während des Krieges hatte er Miete, Essen und
Versicherungen für sich und meine Großmutter verdient, indem er als
der Contragitarrist in einem Schrammelquartett in den
Heurigenlokalen auftrat, in Grinzing und Döbling, nach dem Krieg
auch in den vom Bombenschutt freigelegten Kaffeehäusern und
Schanigärten der Innenstadt. Mein Großvater lebte nicht mehr. Auch
er war Musiker gewesen, auch er hatte die Contragitarre gespielt; das
Lukasser-Quartett war in den dreißiger und vierziger Jahren die
erfolgreichste Schrammelformation der Stadt gewesen. Mein Vater
hatte eine Handelsschule besucht, aber vorzeitig abgebrochen und
sich ab seinem sechzehnten Lebensjahr ganz der Musik verschrieben;
nach dem Tod meines Großvaters übernahm er das Quartett. Er
mochte es übrigens nicht, wenn man ihn einen Musiker nannte, er
sagte: »Ich bin ein Musikant. Mein Vater war ein Musikant, und ich
bin ein Musikant.« Später, als er längst schon keine Schrammelmusik
mehr spielte, bildete er sich eines Tages aus heiterem Himmel ein,
die »Fachwelt« (ein Wort, das er stets mit einer für mich
beschämenden Unterwürfigkeit aussprach) lache über Musikant als
Berufsbezeichnung – von da an bestand er darauf, Musiker genannt
zu werden.
Hauptsächlich aber trat er nach dem Krieg in den diversen
Jazzlokalen auf, die vor allem in den amerikanisch besetzten
Bezirken der Stadt eröffneten – in den ersten Monaten 1946 jede
Woche eines. Die bekanntesten Lokale waren im Keller vom Café
Landtmann, im Souterrain vom Rondell-Kino in der Riemergasse und
die Bijou-Bar in der Naglergasse; der Embassy-Club in der
Siebensterngasse im siebten Bezirk war der vornehmste Club, er
wurde von einem Amerikaner geführt und war ausschließlich für
amerikanische Soldaten gedacht. (Die Musiker, die hier spielten,
waren fast alle schwarz, die Zuhörer ohne Ausnahme weiß.)
Österreicher durften das Lokal nur in Begleitung oder unter Vorlage
einer schriftlichen Empfehlung eines (weißen) US-Bürgers besuchen.
Aber nur wenige Einheimische konnten sich Eintritt und Getränke
leisten, gern gesehen waren sie in jedem Fall nicht.
Im Embassy-Club hörte Carl meinen Vater zum erstenmal. Mein
Vater betrat allein die Bühne, für seine Musik ließ sich nicht so ohne
weiteres eine Band zusammenstellen. Der Besitzer bat die Gäste, ihre
Unterhaltungen, und die Kellnerinnen, ihre Arbeit zu unterbrechen.
»Ladies and Gentlemen, George Lukasser, the Genius!«
»Ein schwer definierbares Widerstreben ging von ihm aus«, erzählte
Carl. »Der Zauber öffentlich zur Schau gestellter schlechter Laune.
Er wirkte so hilflos. Wie ein Anfänger wirkte er. Als würde er zum
erstenmal vor einem Publikum spielen und niemand hätte ihm
gezeigt, wie das geht. Er war schon ein schlauer Hund und
berechnend! Er tat alles, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.
Und wenn ihn die Leute auch nur deshalb anstarrten, weil sie darauf
warteten, daß er das Übergewicht bekommt und vornüber von der
Bühne fällt, solange sie still waren und nicht in eine andere Richtung
schauten, war es ihm recht.«
Mein Vater war die Sensation des Abends; er war die Sensation des
Clubs für über ein Jahr.
Am Anfang galt er wohl als eine Kuriosität; er spielte ein Instrument,
wie die Amerikaner noch nie eines gesehen hatten, eine Gitarre mit
zwei Hälsen, mit einem normalen Gitarrenhals für sechs Seiten und
einem, der weiter oben aus dem Resonanzkasten trat, an dem sieben
Baßsaiten aufgespannt waren, die aber nicht über ein Griffbrett
liefen, also nicht gedrückt wurden, sondern nur angeschlagen oder
gezupft. Carl, der in Wien aufgewachsen und seit seiner Kindheit
selbstverständlich immer wieder in Heurigenlokalen gewesen war,
war dieses Instrument vertraut, darüber staunte er nicht; aber über die
Musik, die er zu hören bekam, staunte er. Dieser schmächtige Mann,
dessen Alter er nicht schätzen konnte, trug keine Schrammeln vor,
wie die Contragitarre erwarten ließ; er eröffnete mit Cole Porters In
the Still of the Night, tat dabei aber so, als wäre diese Nummer in
Wahrheit ein Schrammelstück, das erst er in ein Jazzstück
umkrempelte. Als zweite Nummer gab er einen Walzer von Lanner,
dessen Melodie er aber nur einen flotten Durchgang gönnte, ehe er
darüber zu improvisieren begann, und zwar in so aberwitzigen
polytonalen Bögen, daß Carl, wie er erzählte, der Kehlkopf weh
getan habe, so sehr habe alles in ihm darum gefleht, die Lannersche
Melodie singend aufrechtzuhalten, damit dieser tollkühne Gitarrist
dort auf der Bühne nur ja nicht den Weg durch das Minenfeld seiner
Improvisation verliere. Es folgte Ellingtons In a Sentimental Mood –
mein Vater habe den Titel mürrisch in fadenscheinigem Englisch
angekündigt und ein beiläufiges Entree hingelegt, bestehend aus, wie
Carl bei späteren Auftritten mitzählte, fünfundzwanzig Akkorden,
ehe er in diese so freundliche, sonnige Romanze einbog, die er
wieder in einer Weise interpretierte, daß man glauben wollte, der
Duke habe das Stück nach einem Heurigenbesuch in Grinzing
komponiert. Den weiteren Abend bestritt er mit eigenen
Kompositionen und Improvisationen zu spontanen Einfällen.
Die Zuhörer waren begeistert; begeistert von der Virtuosität und der
Vielfalt der musikalischen Einfälle und sicher auch von der sperrigen
Erscheinung meines Vaters. Carl aber war tief berührt, und er wäre,
wie er sagte, gern allein gewesen und hätte Stille um sich gehabt. Nie
vorher habe er einen Musiker gehört, dem es in solcher
Vollkommenheit gelungen sei, Ton und Empfindung in eins zu
setzen. Nicht Musik aus Musik habe er gehört; Bezugnahme auf
andere Gitarristen, Zitate aus anderen Stücken, wie sie bei den
Improvisationen des Bebop üblich waren, gab es in dieser Musik
nicht. »Ich hatte das angenehm unangenehme Gefühl, doch so etwas
wie eine Seele zu besitzen«, erzählte Carl immer wieder – mein Vater
wand sich vor Verlegenheit, wenn er mithörte; sicher war er auch
stolz, vor allem aber war er ungeduldig, weil es immer das gleiche
war, was ihm an Lob geboten wurde, und nicht einmal eine kleine
Steigerung oder wenigstens eine neue überraschende Wendung. »Es
war, als ob er zu uns spräche, ohne Umweg, sogar ohne den Umweg
über die Musik, so paradox das klingen mag. Nicht zu einem
Publikum sprach er. Publikum ist überall. Publikum ist ein Begriff,
der gleichmacht. Jeder im Club durfte sich sagen: Er spricht zu mir,
in Wahrheit spricht er nur zu mir. Und jeder hat ihn verstanden. Da
saßen Franzosen, Amerikaner, Briten, Österreicher, Ungarn,
Tschechen, und ich versichere euch, hätte sich einer der Mühe
unterzogen, jeden einzelnen nach dem Konzert zu bitten, er möge
aufschreiben, was der Bursche vorne auf der Bühne hinter der
komischen Gitarre seiner Meinung nach erzählt habe, man hätte
hinterher einen Packen Papier in der Hand gehalten, beschrieben in
einem halben Dutzend Sprachen, aber auf jedem Blatt wäre die
gleiche Geschichte gestanden.«

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