Nachts um eins am Telefon von Michael Köhlmeier, Deuticke, 2005Michael Köhlmeier

Nachts um eins am Telefon
(Leseprobe aus: Nachts um eins am Telefon, Roman, 2005, Deuticke)

Bis zu ihrem siebzehnten Lebensjahr war Jetti ein hübsches Mädchen gewesen, unauffällig und unbeteiligt. Aber über die Sommerferien wurden ihre Haare lockig und der Mund und die Augen fanden zu einander. Sie wurde schön, man konnte zusehen, wie sie schön wurde, und sie wußte es auch und machte sich vor dem Spiegel noch schöner. Ihrem Bruder war das unheimlich.

Religion war bei ihnen zu Hause nie ein Thema gewesen, obwohl ihre Großeltern geschworen hatten, wenn sie den Hitler überleben, gute Juden zu werden und ihre Kinder und Kindeskinder zu guten Juden zu erziehen. Jettis Bruder war der einzige in der Familie, der sich manchmal innerlich über das Irdische hinaus erhoben fühlte - immer ausgelöst durch den Anblick seiner kleinen Schwester. Als wäre es seine gottgewollte Aufgabe, über ihr Glück zu wachen.

Es war ganz klar, dass Jetti mit Glück vergoldet war, das war allen in der Familie ganz klar. Die ganze Familie lebte auf das Glück zu, das Jetti hieß.

Nach diesen Sommerferien haben sich die Lehrer in Jetti verliebt und auch der Schuldirektor, sogar der Schulwart. Ihre Mitschüler haben das Werben nach wenigen Tagen verzweifelt aufgegeben. Einer von ihnen wartete vor dem juristischen Institut auf ihren Bruder, faßte ihn am Ärmel und zog ihn in eine Nische neben der steinernen Treppe, er konnte die Tränen nicht halten. Es hat ihn geschüttelt wie einen Geisteskranken. Er hat Robert Geld angeboten, wedelte mit dem Sparbuch in der Hand vor seinem Gesicht herum, und ist dann weggelaufen und drei Tage nicht mehr aufgetaucht, die Polizei hat ihn gesucht.

Die Frau des Mathematiklehrers schickte einen eingeschriebenen Brief an Robert Lenobel, bat ihn ins Café Sperl zu einer Aussprache.

Robert fragte: „Hat Jetti etwas mit Ihrem Mann?“

„Nein“, sagt sie, „bis jetzt noch nicht.“

„Lassen Sie meine Schwester in Ruhe“, sagt er.

„Was will Ihre Schwester eigentlich“, fragt sie.

„Was soll sie wollen? frage Robert. „Muß sie etwas wollen? Muß sie Rechenschaft ablegen? Ich frage Sie doch auch nicht, was Sie wollen!“

„Es ist ein Unterschied“, sagt die Frau. „Wenn jemand so aussieht wie Ihre Schwester, gelten andere Richtlinien.“

Robert tat, als wäre er empört, aber in Wahrheit gab er ihr recht.

Jetti war oberflächlich, und ihr Bruder fürchtet, sie ist es noch immer. Sie sieht nicht den Sturm hinter dem Gesicht eines Menschen. Jetzt ist sie zweiundvierzig und wartet immer noch auf den Richtigen. Sie ist einsam und weiß es nicht. Sie ist so diesseitig, das kritisiert ihr Bruder am meisten an ihr. Sie kratzt sich am Hintern, und wenn sie lacht, platzt sie heraus, und was man für Anmut hält, ist die bloße Schönheit, und wenn die nicht mehr ist, dann wird aus Jetti Lenobel ein grauer Fleck.


Als Robert gegangen war, blieb ich noch eine halbe Stunde am Küchentisch sitzen. Die Nacht blühte vor mir auf wie in einem Film mit Fred Astaire und Ginger Rodgers. Jetti ist meine große Liebe, dachte ich. Die vielen Haare, die sie hat! Ein Flammenbogen von Schulter zu Schulter! Nichts Diesseitiges hatte sie für mich, wir haben nie miteinander geschlafen.

Ich wählte ihre Handynummer. „Jetti, wo bist du?“

„In Prag bin ich, im Hotel. Wo bist du?“

„Ich bin in München, auch im Hotel. Ich würde gern bei dir sein.“

„Ich würde auch gern bei dir sein.“

„Es war eine große Liebe.“

„Es war eine große Liebe.“

Die Rettung fuhr draußen vorbei. Jetti und ich, keine hundert Meter von einander entfernt, hörten das Martinshorn auf der Straße und im Hörer.

„Wenn wir beide zu Hause wären“, sagte ich, „dann würde ich zu dir kommen.“

„Das wäre schön“, sagte Jetti.

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