Der traurige Blick in die Weite von Michael Köhlmeier, DeutickeMichael Köhlmeier

Der traurige Blick in die Weite
(Leseprobe aus: Der traurige Blick, Roman,
Deuticke)

"Den einfachen Sauerbraten", sagte meine Mutter, "gab es durchaus auch manchmal mitten im Jahr an einem gewöhnlichen Sonntag. Den großen Sauerbraten aber gab es nur am Ostersonntag."
"Auch zu Pfingsten", sagte meine Großmutter.
"Schon", sagte meine Mutter, "Aber dann gab es den Sauerbraten zusammen mit rohen Klößen. Den Sauerbraten mit Serviettenkloß, wie er eigentlich gehört, den gab es, wenn du ehrlich bist, nur zu Ostern."
"Wenn es Fleisch gab."
"Gab es immer."
"Ja, wo denkst du hin, Paula!" rief meine Großmutter aus. "Wo denkst du hin!"
"Wieso?" tat meine Mutter überrascht. "Sogar '44 zu Ostern gab es noch Fleisch. Auch '45 noch."
"'45? Kann ich mich nicht erinnern!"
"Doch! Erinnere dich! Das Montags Marichen hat zu Ostern '44 Fleisch mitgebracht. Und sie hat bei uns mitgegessen."
"Ich kann mich nicht erinnern, daß das Montags Marichen zu Ostern '44 bei uns mitgegessen hätte. Nicht Sauerbraten mit Serviettenkloß, nicht zu Ostern."
"Doch hat sie."
"Das bildest du dir ein, Paula!"
"Das bilde ich mir doch nicht ein! Ich sehe doch das Fleisch noch vor mir! Eingewickelt in einen Kopfkissenbezug."
Ich hörte zu. Mir erzählten sie, meine Mutter und meine Großmutter. Einen brauchten sie zum Zuhören. Warum hätten sie sich auch gegenseitig Dinge erzählen sollen, die sie ohnehin wußten. Aber wenn sie mir erzählten, konnten sie sich gegenseitig erzählen. Am Küchentisch saßen wir, tranken Bohnenkaffee, aßen Windmühlen aus Hefeteig, die mit Staubzucker bestreut waren. Meine Mutter hatte ihren Stützapparat entsichert. Sie saß beim Fenster, zwischen Spüle und Küchentisch. Meine Großmutter trug ihre Schürze mit dem Blümchenmuster. Ich saß im Eck unter dem Medikamentenkasten.
"Der große Sauerbraten", sagte meine Mutter zu mir, "benötigt einige Vorbereitungen."

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