Ostersonntag von Harriet Köhler, 2007, KiWi

Harriet Köhler

Heiner
(Leseprobe aus:
Ostersonntag, Roman, 2007, Kiepenheuer & Witsch)

Da fläzt du also auf der alten Wohnzimmercouch. In der Küche hockt deine Frau, du kannst ihre Bitternis riechen. Sie hasst dich dafür, dass du hier sitzt und Zeitung liest, aber noch mehr würde sie dich hassen, wenn du in der Küche geblieben wärest. Genau genommen fällt dir kein Ort ein, an dem sie dich nicht hassen würde, aber daran gewöhnt man sich, und die Zeitung ist nicht das schlechteste Versteck. Eigentlich hat sie dich von Anfang an nicht so richtig gemocht, aber daraus hast du dir nie viel gemacht. Du bist schließlich Professor gewesen, hattest an der Uni genug zu tun und hast immer dafür gesorgt, nicht ohne einen Kopf voller Gedanken oder einen Stapel Arbeit unterm Arm nach Hause zu kommen.

Du machst das absichtlich: Lässt Ulla glauben, du läsest die Meinungsseite. Breitest sie vor dir aus, als gälte es ein konzentriertes Gesicht zu verstecken oder eine gerunzelte Stirn. Dabei ist es viel ernster: Im Schutz der wissensgeschwärzten Seiten sitzt du da und stirbst. Heute ist es besonders schlimm.

Heute ist es schlimm, und es wird mit jedem Heute schlimmer für einen, der gestern noch Forschungsberichte geschrieben hat. Für einen, der einst in vier Monaten aus 386 Büchern über Insektenforschung das Standardwerk zur Entomologie gemacht hat. Für einen, dem sie bei der Emeritierung gesagt haben, dass sein Verstand so fein sei wie die Pheromonrezeptoren des Eudia pavonia L., des kleinen Nachtpfauenauges, das ein Weibchen über die Distanz von mehreren Kilometern hinweg orten kann und das du öfter gesehen hast als die Augen deiner Kinder bei Tag. Wenn also einer, der nie groß, nie kräftig, nie blond oder braun gebrannt, sondern immer nur schlau war, vor einer Zeitung sitzt und sie nicht lesen kann, ist das Wort schlimm ein Euphemismus.

Immerhin: Du versuchst es. Du setzt an, aber schon fängt dein Blick an zu flattern. Du strengst dich an, aber deine Konzentration rutscht einfach ab. Du versuchst, dich an einer Überschrift festzunageln, dir die Schlagzeile einzuhämmern, um so suk-zes-si-ve! zu begreifen, was da eigentlich steht, so groß, dass es doch wichtig sein muss, aber: Die Buchstaben könnten auch chinesisch sein. Sie entgleiten dir. Deine Aufmerksamkeit perlt von der Zeitung ab wie der Schweiß von deiner Stirn, wenn du im Auto spürst, dass du das Wasser nicht halten kannst.
Ahnt Ulla etwas davon? Dass das Alter nicht nur an deiner Fußgesundheit, sondern auch an deinem Hirn nagt? Nein, nicht solange du jeden Morgen so tust, als läsest du die Meinungsseite, während sie wie immer nur diese idiotischen Werbebeilagen studiert. Wenn dein kränkliches Herz wie ein ängstliches Kaninchen in der ergrauten Brust hoppelt, sieht sie nur die Zeitung zittern, hinter der das Ende versucht zu verbergen, dass es angefangen hat.

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