Nur Gutes von Erwin Koch, 2008, Nagel & Kimche

Erwin Koch

Florian
(Leseprobe aus: Nur Gutes, Roman, 2008, Nagel & Kimche).

‹Danke, Herr Mangold, dass ich reinkommen durfte›, sagte Anna.
Albert zog einen Schal um den Hals und warf den langen blauen Mantel über, er öffnete die Tür ins Treppenhaus und zögerte, kam zurück in die Küche.
‹Um elf den Braten wenden. Danach jede Viertelstunde. Und Ihnen, Anna, von Herzen alles Gute.›
Albert verließ das Haus, Grundstraße 9, die Heiterkeit in Gott auf kleinen weißen Karten.

Paul hatte es ihm verboten, Anna je zu erzählen, wie sehr er sie liebte: Erzähl das bitte Anna nie, ich will sie nicht beladen, nicht erpressen.

So schnell, dachte Albert, als er zur Kirche eilte, so schnell wird einer, der das Schweigen nicht erträgt, zum Schwätzer und Verräter.

Alberts Vater, Laborchef in einer Farbenfabrik, hatte es zu etwas Geld gebracht und damit ein Pferd gekauft, den braven Braunen Florian, den er sonntags über die Wiesen trieb, in die Wälder der Gegend, oft bis zum Abend. Manchmal nahm der Vater Albert mit in den Stall, damit er ihm half, den Zaum zu fetten, Stirnriemen, Backenstück, Genickstück, und den Sattel, Sattelblatt, Sattelpolster, Sattelriemen. Seinem Vater war Albert nie näher als dann, wenn sie stumm auf alten rohen Holzkisten saßen, das kalte Leder in den Händen, das langsam warm und weich wurde und nach frischen Nüssen roch.

Einmal, beim Putzen des Zaumzeugs, sagte Albert zu seinem Vater: Wenn du willst, Papa, sing ich dir ein Lied, wenn du willst.
Ein Lied?
Wünsch dir ein Lied, Papa.
Kein schöner Land.
Das kenn ich nicht.
Was für Lieder kennst du also?
Soll ich sie dir singen, Papa, alle Lieder, die ich kenne?
Albert, elfjährig, saß auf einer Kiste und sang die Lieder, die er kannte, Der Kuckuck und der Esel, Maus im Haus, Der Mond ist aufgegangen, Die liebe Maienzeit, Stille Nacht, Ein Jäger aus Kurpfalz, Zehntausend Mann, Hoch auf dem gelben Wagen, alle seine Lieder, zweimal, dreimal. Dann, vom Singen heiser, sagte Albert: Papa, so lange hat mir noch kein Mensch zugehört.

Wochen später, der Vater kämmte den Braunen, fand Albert in der Satteltasche ein Stück Papier. Albert, ohne zu wissen weshalb, erschrak und steckte das Papier zurück. Zwei Nächte lang dachte er daran, und endlich schlich Albert, der Vater in der Fabrik, in den Stall, zog das Papier ans Licht, ein weißes Blatt, grüne Tinte: Heute Abend bis zehn bin ich allein, R. hat Sitzung, Barbara Ballett, kommst du hoch? Ich will dich spüren, Deine Brigitte. Brigitte Schöffling aus dem dritten Stock, Mutter von Barbara, die mit Albert in derselben Klasse saß. Wochen später fiel der Vater vom Pferd. Der Zügel, normalerweise festgemacht am Trensenring, riss plötzlich ab, der Braune scheute, es war Sonntag, Albert elf Jahre alt. Den Sturz hatte er nicht gewollt.

Sie brachten den Vater nach Hause und legten ihn auf das Sofa, ein Arzt kam, zwei Wochen lang blieb der Vater im Krankenhaus, Albert, an der Hand der Mutter, besuchte ihn jeden Tag. Dann ging der Vater wieder zur Arbeit, sprach noch weniger und war oft zornig ohne Grund, seine rechte Hand, vom Fall gebrochen, war steif geworden und schmerzte.

War Alberts Vater zornig, griff er sich seinen einzigen Sohn, zog ihm die Hose herunter und schlug ihn mit seiner rechten krüppeligen Hand und hörte erst auf, wenn Albert weinte und um Verzeihung schrie für alles. Albert aber hielt länger aus von Mal zu Mal. Albert verbot sich jeden Lärm und begann erst zu schreien, wenn ihm der Vater leidtat, der längst stöhnte vor Schmerz.

Es war zwanzig nach zehn. Ich rief meine Eltern an, Dagmar und Albert Mangold, um ihnen zu sagen, dass ich allein käme, ohne Charlotte und Tim, ihre Enkel, weil sie lieber einen Schneemann bauten.

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