Sara tanzt von Erwin Koch, 2003, Nagel & Kimche

Erwin Koch

Sara tanzt
(Leseprobe aus: Sara tanzt, Roman, 2003, Nagel & Kimche).

Sie kam nicht. Meist kam sie um halb drei, spätestens um drei, um das Zimmer zu putzen, den Boden zu wischen, der schon glänzte, bevor sie ihn zu wischen begann, die Sockelleisten, die Heizung. Ich wartete, wartete. Stumm saß ich auf dem Stuhl, auf dem ich immer saß, irgendwo ging eine Tür, Wasser spülte, ich dachte, es gibt nichts zu denken, ich wunderte mich, dass ich an nichts dachte. Im Gegenteil, es war Lust, es war Angst, eine Form von Leben in mir, die ich bis dahin, ich war vierunddreißig Jahre alt, nicht gekannt hatte. Ich wartete, und ich wusste, sie würde kommen, in einem grünen hässlichen Trainingsanzug, Löwenkopfschuhe an den Füßen, lächerlich. Ich dachte, bei Gefahr stellen gewisse Tiere sich tot. Sie kam um zwanzig nach drei. Sara sah mich an und schaute nicht
weg. Ich sagte, was ich immer sagte, wenn sie ins Zimmer vier kam und ich tat, als stimmte ich mein Violoncello, ich sagte: ‹Heute ist der siebzehnte Februar, zwanzig nach drei.›
Sara lächelte. Sie stieß Luft durch die Nase, sie rieb ihre
Handgelenke und sagte: ‹Danke.›
Was sollte ich sagen? Ich sagte: ‹Rosa centifolia.›
Wir lächelten.
‹Wie heißen Sie?›, fragte Sara.
‹Frits›, flüsterte ich. ‹Mit s.› Der rosa Hai saß in der Küche und sprach mit Ekzem, er sagte: ‹Scheiße, irgendwas ist los mit dem Laden, die Zentrale hat befohlen, Akten zu verbrennen.›
‹Und Sie?›, flüsterte ich und zupfte eine Saite, damit sie mich nicht hörten. Ich musste lachen. Sara auch.
‹Frau Broffe, haben Sie ein liebstes Stück?›, fragte ich. Sie hob die Schultern, mir schien, sie sehe mich länger an, als ihre Antwort verlangte, sie hob die Schultern und lächelte, bis der Mund sich öffnete, ich sah ihre Zähne.
‹Ich habe kein Lieblingsstück, doch Ihr Spiel›, sagte sie, ‹wärmt mich, Frits›, sie sagte ‹Frits›.
Dann nahm sie den Besen und begann zu wischen, ich streichelte den Hals des Cellos, führte meine Finger über den Frosch, strich den Bogen über die Saiten und drehte an den Wirbeln.
Sie ging in die Knie und wischte den Boden mit einem nassen Tuch, sie wischte in langsamen gleichen Kreisen, ihr Rücken, als sie jetzt den Boden wischte, schwingt hin und her, ihr Gesäß, die Schultern, der Hals, ihr ganzer schmaler Leib – ein Pendel, eine Glocke, das Haar, das ihr in die Stirn fällt, fliegt hin und her und hin und her, Sara wischt in gleichen schönen Amplituden, Sara tanzt, Frau Broffe tanzt in Zimmer vier, Sara tanzt, langsam, in Andacht, ich begann mit dem Ton c, wechselte zu einem a, zu einem f, ich spielte, spielte zum Tanz auf, nie zuvor hatte ich zum Tanz aufgespielt, ich spielte, ich spielte ex tempore, eine Minute oder zehn, Sara tanzte in langsamen gleichen Kreisen.
Irgendwann drehte sie sich zu mir, sie weinte, ich glaube, sie weinte.
‹Steh auf.›
Sie sah mich an.
‹Bitte›, sagte ich.
Jetzt stand sie auf, ja, sie weinte.
Ich schob mit dem Pernambucobogen die Tür zu, wenig nur, damit man uns von der Küche aus nicht sah, ich tat, als stimmte ich mein Instrument, Sara stand vor mir, sie rieb sich die Gelenke, roch nach Rosenöl und Schweiß.
‹Hören Sie gut zu›, sagte ich.

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