Von der niemand gehörenden Einsamkeit von Alice Koch, 1979, Gey

Alice Koch

Traum von der Großmutter aus Langepforte
(Leseprobeaus: Von der niemand gehörenden Einsamkeit, Gedichte in Prosa, 1979, Verlag
Gey)

Auf einem kleinen Grünplätzchen in der Großen Bockenheimer Straße zu Frankfurt am Main neben dem Zeitungskiosk befinde ich mich, als ich ein paar Mal meinen Namen rufen höre, aber ich sehe die rufende Person nicht und will schon weitergehen, da werde ich so dringlich angerufen, daß es mich durchschauert   und ich unbedingt zu erfahren strebe, wer mich da ruft, und weil mir die Stimme aus der Erde zu kommen scheint, schaue ich unwillkürlich das Pflaster und den Rasen der näheren Umgebung auf und ab und sehe nun endlich einen großen Kapotthut als Bedeckung eines überaus häßlichen alten hexenartigen Weiberkopfes, dessen hervorstechendster Zug die Zunge ist, welche wie ein Eberzahn
zwischen den Lippen bis zur Nase emporragt. Vergebens suche ich den übrigen Körper, nur der Kopf geht da mit dem ihn wohl verdecken sollen den Riesenschutenhut über die Erde. Als ich nähertrete, scheint der Kopf größer zu werden, jedenfalls sehe ich ihn nun überdeutlich
in seiner abschreckenden Häßlichkeit: die stocksteife, nach oben gebogene Nase, die vielen Runzeln, die mich bannenden rätselhaften
Augen, die eine Spur Mitgefühl in mir erregen. Bevor ich nach dem Begehr frage, kommt sie mir zutraulich näher und sagt streng:
"Ich bin doch deine Großmutter aus Langepforte."
Es ist, als ob sie meine Gedanken läse, mein Zweifeln bemerkte, denn sie wirft einen schrägen Blick seitwärts, und nun sehe ich neben ihr eine sehr altmodisch gekleidete Alte stehen, die sie anscheinend begleitet. Das sieht nun wieder aus, als ob diese Alte etwas an der Leine führe, aber das kommt wohl vom Höhenunterschied der Köpfe. Diese Begleiterin also wackelt en paar Mal bestätigend ihren Kopf hin und her und knarrt dazu: "Ja, das ist die Großmutter aus Langepforte." Sie erinnert mich an Frau Marthe. Ich schaue wieder hinunter zu dem großen Kopf und versuche vergebens den darunterliegenden Boden zu durchdringen.
Es ist mir, als ginge ihr Körper unter der Erde mit dem Kopf mit und es hindere ihn etwas, sich durchzustoßen, um sichtbarer Teil zu sein. (Jetzt im Wachen: oder der Kopf konnte nicht mit in  die Erde). Die Großmutter bemerkt hellsichtig meine Bemühungen, sie sich mir im ganzen vorzustellen, schüttelt traurig ihr Ganzes, das sie darstellt und sagt schicksalsschwer: "Ich bin der schlimmste Kopf der Welt."
Alsbald wippt der Kapotthut davon, in ziemlicher Eile, wie ein leerer vom Winde bewegter Hut, dreht sich noch einmal um, und ich entsetze mich ein letztes Mal vor der stocksteifen Zunge, die mir jetzt  wie ein vertrockneter Schwurfinger vorkommt.


(6.9.1942)

Rezension I Buchbestellung 0I01© LYRIKwelt