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Der liebe Gott geht auf Reisen
(Leseprobe aus: Der liebe Gott geht auf Reisen,
Weihnachtsgeschichten, 2004, Nagel
und Kimche).
Im Osten waren sie aufgebrochen, die drei älteren Herren, Meister
ihres Fachs, die Kings der Branche. Chasp fuhr im grünen Jaguar von
seinem Weingut in der Bündner Herrschaft nach Zürich, Melk im
roten Lamborghini von seinem Gestüt im Thurgau und Balz im
cremefarbenen Rolls aus seiner schlossähnlichen Villa mit Rundsicht
über den Bodensee. Seit über einem halben Jahrhundert kannten sie
einander, seit Jahrzehnten arbeiteten sie zusammen, seit Jahren
jedoch beschränkten sie sich auf eins, höchstens zwei ihrer
Bravourstücke pro Jahr. Letztes Jahr der Raub im Hauptsitz der
Nationalbank, der erst nach zwei Tagen bemerkt wurde, vorletztes
Jahr die lautlose Entfernung der Holbeinmadonna
in Solothurn und so fort, eine glänzende Perlenreihe. Der
Coup in den Tagen vor Weihnachten war eine liebe, alte Tradition.
Keiner von ihnen hätte ihn missen mögen.
"Ich fürchte, die schweizerischen Polizeicorps wären höchst
beunruhigt, wenn er ausbliebe";, sagte lächelnd Melk, als sie
am Vorabend unter den Augen von Varlins Mutter Zumsteg
standesgemäß in der ›Kronenhalle‹ speisten. Er logierte im Grand
Hotel Dolder, Chasp im Hotel Baur au Lac, Balz im Hotel Eden,
ebenfalls au Lac.
"Letztes Jahr haben sie in der Kurdenszene gesucht",
kicherte Balz in sich hinein.
"Vorletztes Jahr vermuteten sie Südostasiaten", fügte
Chasp nicht minder vergnügt hinzu.
Die Behörden auf eine falsche Fährte zur Herkunft der Täter zu
locken, war eine ihrer Spezialitäten. Dazu übten sie ausländische
Akzente, verwendeten ausgesuchte Accessoirs und eigneten sich
charakteristische Techniken an. ›Ethnolook‹ nannten sie es unter sich.
Dieses Jahr war Russenmafia angesagt. Im Visier hatten sie eins der
berühmten Juweliergeschäfte an der Zürcher Bahnhofstraße.
"Alles bereit?", fragte Melk in der ›Kronenhalle‹ und
roch an einem paradiesischen alten Cognac.
"Alles bereit", bestätigten die beiden andern.
"Dann also toi, toi, toi für morgen."
Melk, ganz der Herrenreiter in exquisiten englischen Stoffen, bestieg
am Bellevue ein Taxi. Chasp, in erstklassigem bayerischem
Lodengrün, schritt selbstzufrieden über die Quaibrücke, und Balz,
Mailänder Herrenmode bevorzugend, sagte, er nehme bis zur
übernächsten Station das Vierertram.
Es war gegen drei Uhr am folgenden Nachmittag, als der
Lieferwagen der Sicherheitsfirma sich einen Weg durch die dichte
Menge der vorweihnachtlich kauflustigen Fußgänger auf der
Bahnhofstraße bahnte und direkt vor dem Juweliergeschäft stehen
blieb. Heraus stiegen drei Männer in blauen Overalls mit
aufgedrucktem Firmenlogo auf dem Rücken, mit blauen Mützen auf
dem Kopf, und verfügten sich, Reparaturkoffer tragend, eilig ins
Geschäft.
"Ihre Alarmanlage ist nicht in Ordnung", sagte der
erste der Männer in gebrochenem Hochdeutsch, aber in bestimmtem
Ton zum Geschäftsführer und ließ sich ins Büro führen. Kaum
schloss sich die Tür hinter ihnen, räumten die zwei andern
wieselflink in kleine Jutesäcke zusammen, was in Schaufenstern und
Vitrinen lag.
"Was tun Sie da?", fragte eine Kundin empört. Die
Verkäuferin drückte wortlos, wie sie es gelernt hatte, den
Alarmknopf und hoffte auf die Polizei.
Das Ganze dauerte weniger als drei Minuten. Kein lautes Wort, kein
Schuss, keinerlei Gewalt. Nur, dass der eine der Räuber mehrmals
"Towarischtsch" zum andern sagte, registrierten die
später vernommenen Zeugen. Dann kam der Geschäftsführer zurück,
gefolgt vom ersten der drei Männer.
"Alles in Ordnung", sagte dieser in seinem fremd
klingenden Deutsch. "Muss ein Fehlalarm gewesen sein."
Rezension I Buchbestellung I home II07 LYRIKwelt © Nagel+Kimche