Paradiso
(Leseprobe aus:
Paradiso,
Roman, 2009, Berlin Verlag).
1
Es ist noch früh am Nachmittag und glühend heiß, und ich stehe hier an einer Raststätte gleich bei Potsdam und warte darauf, bald wegzukommen. Obwohl ich im Schatten des Tankstellendachs stehe und nur eine kurze Hose und ein ärmelloses T-Shirt trage, schwitze ich, als hätte ich Gewichte gestemmt. Das Shirt klebt mir im Nacken, und weil es neu ist und ich vergessen habe, es zu waschen, juckt es am Saum ganz schlimm. Ich bekomme sicher einen Ausschlag davon, weil ich eine sehr empfindliche Haut habe, die so etwas nicht verzeiht. Über mir schnarrt ein Gebläse, das den Benzingeruch mit warmer Toilettenluft mischt, und während ich den Gestank einatme, schaue ich immer wieder zu den Zapfsäulen. Ein paar Leute tanken dort ihre Autos voll, und ich bin mir sicher, dass mich jeder einzelne von ihnen für einen Tramper hält. Wie ich neben meinem Rucksack an der Wand des Tankstellenshops lehne und dauernd so verstohlen hinüberblinzele, muss das auch so wirken: Als würde ich gerade eine Pause machen und im nächsten Moment schon wieder mein bemaltes Pappschild raus strecken, an alle möglichen Scheiben klopfen und betteln, dass ich einsteigen darf. Würde ich mich nicht so matt fühlen, ich glaube, ich würde den Leuten reihum erzählen, dass ich hier auf meine Mitfahrgelegenheit warte und übrigens selbst ein Auto habe, das momentan bloß in der Werkstatt ist. Das wäre nicht einmal gelogen, meine Eltern haben mir vor kurzem eins geschenkt, so ein kleines Rotes mit Schiebedach, und vor ein paar Tagen hat es meine Freundin dann zu Schrott gefahren. Ihr selbst ist nichts passiert, nicht einmal eine Schramme hat sie abgekriegt, nur das Auto war hinüber. Sie ist gegen einen Baum gefahren oder vielleicht war es ein Laternenmast. Ich bin mir nicht ganz sicher, ich habe nicht weiter nachgefragt. Johanna hat andauernd geweint und sich dabei hysterisch entschuldigt, und ich wollte nicht den Anschein erwecken, als ginge es mir ums Blech. Ehrlich gesagt war es mir tatsächlich egal, dass das Auto kaputt war und jetzt Reparaturkosten anfallen und die Versicherungsgebühren höher werden und so weiter. Mein Vater kümmert sich um solche Sachen, er kennt da alle Tricks.
Damit hier auch wirklich keiner auf falsche Gedanken kommt, lehne ich mich extra unbeteiligt gegen die Wand und schaue konsequent nur auf meine Schuhspitzen hinunter und auf die eingetretenen Kaugummis im Asphalt. Nur ab und zu schaue ich hoch, und zwar wenn Frauen und Mädchen in kurzen Kleidern und Röcken vorbei laufen, was recht häufig passiert, ich stehe nämlich gleich neben dem Toiletteneingang. Ich kann die Aussicht aber gar nicht genießen, weil das Jucken immer penetranter wird und ich mich mit aller Kraft konzentrieren muss, nicht zu kratzen; sonst rubbeln die Fingerspitzen die gefärbten Baumwollfasern noch tiefer in die Haut, und dort fangen sie erst richtig zu brennen an. Das ist dann wirklich unerträglich, so als würde man barfuss in einen Ameisenhaufen steigen oder mit kurzen Hosen durch Brennnesselstauden waten. Mein Opa hat das manchmal gemacht, gegen sein Rheuma glaube ich. Und während ich noch meinen Opa vor mir sehe, wie er mitten im Wald in einem Ameisenhaufen steht und mich dauernd zu überreden versucht, mit hinein zu steigen, fällt mir ein, dass meine Mitfahrgelegenheit ein Förster ist. Ein Starnberger Förster mit einem gelben Passat, das hat er zumindest gesagt. Wir waren um Punkt Eins verabredet, und wenn ich mich nicht täusche, ist es schon mindestens zwanzig nach.
Ich warte noch zehn Autos ab, dann gehe ich auf einen silbernen Sportwagen zu, so ein Audi TT-Modell mit diesen kompakten Tankdeckeln an der Seite, der weiter vorne neben den Mülltonnen parkt. Auf dem Beifahrersitz kramt eine ziemlich hübsche Blondine in ihrer Handtasche herum, und ich lächle ihr freundlich entgegen und frage sie, wie spät es ist. Das heißt, ich will sie das fragen, komme aber überhaupt nicht dazu, weil sie direkt vor meiner Nase den automatischen Fensterheber betätigt. Mit einem leisen Surren fährt die Scheibe hoch, und darin spiegelt sich zuerst mein Körper und dann mein Gesicht. Die Blondine schaut jetzt in die andere Richtung, so als hätte sie mich gar nicht bemerkt und als wäre die Sache mit der Scheibe reiner Zufall. Zuerst bin ich noch von meinem Gesicht irritiert, ob das wirklich so unangenehm breit aussieht wie in der Spiegelung, aber dann werde ich wütend. Ich kenne das schon von mir, so eine jähe, abgrundtiefe Wut, die mich zu allem fähig macht, und ich denke mir, wie traurig es ist, dass die Natur so absolut widerliche Menschen hervorbringt, die leider auch noch schön sind und reich. Die guten Menschen, denke ich, sollten schön sein und Glück haben mit allem und die Schlechten hässlich und bald sterben. Was ja leider nicht der Fall ist, aber ich wünsche es mir trotzdem, und vor allem wünsche ich mir, das dieser Frau zu sagen. Stattdessen drehe ich mich um und murmle das Wort Schlampe in mich hinein. Genau gesagt murmle ich das Wort erst in mich hinein, nachdem ich mich umgedreht habe, so dass die Frau es auch bestimmt nicht hört.
Ich stelle mich wieder in den Gestank hinein und fluche leise vor mich hin, dann schnüre ich den Rucksack auf und wühle nach meinem Telefon. Ich ertaste es ganz unten zwischen den Hemden und Socken, und als ich es herausziehe und die Zeit ablese, rutscht es mir fast aus der Hand. Weiter links, um genau 13:14 Uhr, geht die Tür des Tankstellenshops auf, und ein komplett kahl rasierter Typ kommt heraus. Er dreht den Kopf in meine Richtung und schnalzt dabei laut mit der Zunge, und dann läuft er auf mich zu. Er ist nicht besonders groß, aber ziemlich muskulös und starrt mich durch die verspiegelten Gläser seiner Pilotenbrille an. Die oberen zwei Hemdsknöpfe sind geöffnet, so dass man seine gebräunte Brust sehen kann, und ich denke, dass ich sicher gleich Ärger und vielleicht sogar ein paar aufs Maul bekomme – wieso ich das denke, weiß ich nicht, ich habe ja nichts getan –, jedenfalls ducke ich mich schon ein bisschen, da schiebt der Typ seine Brille hoch und sagt: Mensch Böhm, ist ja derb, dass du immer noch trampst! Vor Schreck schüttle ich den Kopf, aber dann drücke ich mein Rückgrat durch und sage: Konrad, na aber Hallo. Und tatsächlich: Vor mir steht Konrad, der Computerkonrad aus der Schule, zwei oder drei Klassen über mir.
Konrad boxt mir gegen die Schulter und grinst mich an. Er grinst wie besessen, so wie der Familienvater auf dem Antiraserplakat auf der anderen Seite der Autobahn, und das Unheimliche ist: Seine Zähne sind mindestens so weiß und gerade wie die von dem toten Mann. Ich schaue ehrlich zweimal hin, Konrads Zähne sind mir nämlich unbekannt. Früher hat er immer diese Spange getragen, sogar zum Abi hatte er die noch im Mund, aber die Briketts und Gummis sind alle verschwunden, und jetzt steht er vor mir mit seinem Gletschergrinsen und sagt, dass er nach Süden fährt und mich mitnehmen kann. Ich sage erst einmal gar nichts sondern schaue an ihm vorbei zur Tankstelle rüber. An den Zapfsäulen stehen ein paar BMWs und Toyotas und ein rotzgrüner Opel aber kein einziger gelber Passat.
Astrein, sage ich und will mich bedanken, aber er greift sich schon meinen Rucksack vom Boden und läuft damit los. Er läuft an den Mülltonnen vorbei auf den silbernen Sportwagen zu, wirklich schnurstracks in Richtung der blonden Frau. Ich bin mir sicher, dass das ein Irrtum ist, weil er die unmöglich kennen kann. Das tut er aber doch. Er bleibt tatsächlich neben der Beifahrertür stehen, klopft gegen die Scheibe und gibt ihr ein Zeichen, dass sie aussteigen soll. Ich stehe zwei Schritte hinter ihm und spanne wie besessen meine Bauchmuskeln an, aber als die Frau die Tür öffnet und aus dem Wagen steigt, ist die Situation überhaupt nicht unangenehm. Sie lächelt mich an, ich lächle zurück und dann sagt sie: Hi, ich bin die Verena. Alex, sage ich und gebe ihr die Hand. Wir drücken beide kräftig zu, wie zwei Politiker, die Gott und der Welt beweisen wollen, dass zwischen ihnen alles in bester Ordnung ist, und dafür möchte ich ihr beinahe die Füße küssen. In ihrem weißen Kleid sieht sie wirklich phantastisch aus, und auf Konflikte habe ich ja prinzipiell keine Lust.
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