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Die Gehilfin
(Leseprobe aus: Die Gehilfin, Roman, 2006, DuMont)
Henrietta Mahlow ist Laufbotin
des Kaiserlichen Gesundheitsamts an diesem Heiligabend in Berlin: Auf dem Weg in
die Charité besucht sie an der Ecke Keibelstraße noch ihren besten Freund, den
Friseur des Armenviertels. Es ist ein besonderer Tag – in den Labors der
Klinik steht Robert Koch kurz vor einer epochemachenden Entdeckung. Und auch für
Henrietta selbst hält der Abend eine entscheidende Begegnung bereit: Sie trifft
den Mann, der einmal die Liebe ihres Lebens werden soll.
‘Vielleicht sollte ich Hunde frisieren und nicht diese Barbaren.
Reserveleutnant Retzlaff will, daß ich ihm einen Cäsarenkopf mache aus dem bißchen
Schnittlauch auf seiner Omme, man stelle sich vor. - Woher weißt du, daß er
Italienisch sprach?’
‘Ich weiß es eben.’
‘Also Madame spricht jetzt auch Sprachen. Und was für ein Hund war das? Ich
hoffe doch ein vornehmer.’
‘Ein Riesenhund mit langen Fransen, man kann die Augen nicht sehen.’
‘Ein Hirtenhund.’
‘Ich weiß nicht, wie ein Hirtenhund aussieht.’
‘Du schläfst zu wenig. Kein Wunder, daß du Alpträume hast. Und diese Leute,
für die du arbeitest, scheinen mir auch nicht ganz richtig im Oberstübchen zu
sein. Leichenschneider. Bazillenfärber. Mach die Augen auf, schau dich um, sie
reden uns ein, es sei eine tolle Zeit, aber es sind nur Bahnhöfe, Hunger und
Heuchelei, da hilft kein Arzt mehr. Kartoffelschalen fressen und sonnabends
Schlange stehen vorm Kaiserpanorama und sich die nackten Neger anschauen.
Bazillenfärber. Wird kein Schwein von gesund, das prophezeie ich.’
‘Es ist die Zukunft, wirst schon sehen.’
‘Hunde frisieren, das ist die Zukunft.’
‘Wirst schon sehen. Das neueste sind unsere Nährböden. Die brauen wir
zusammen und vermischen sie mit dem kranken Gewebe und färben sie.’
‘Hunde färben, noch besser. Rote Pudel, blaue Terrier, silberne Dackel. Das
Weihnachtsgeschenk für die Spitzen der Gesellschaft. Apropos, was gibt’s bei
euch zu futtern heute? Falls dein Vater mal wieder unpäßlich ist, ich mache
einen warmen Kartoffelsalat mit Speck, und du bist eingeladen.’
‘Vater ist nicht unpäßlich, er arbeitet. Es geht ihm gut.’
‘Was tut er eigentlich? Die fallen doch tot um, wenn er sie nur anhaucht, eure
Bazillen.’
‘Niemanden vorlassen, einkaufen, ausfegen, putzen, polieren. Und die Gaslampen
unterstehen ihm, das ist das Wichtigste.’
‘Die Bussmutter und die Busstöchter kommen auch und ein paar lustige Leute
vom Alex.’
‘Danke, aber ich muß arbeiten.’
‘Am heiligen Abend?’
‘Präparat zweihundertsiebzig sieht vielversprechend aus.’
‘Wenn du dich reden hören könntest. Fressen mit guten Freunden ist
vielversprechend, sonst nichts.’
‘Im KG gibt es Bratäpfel,’
‘Anna wird traurig sein.’
‘Anna ist traurig auf die Welt gekommen.’
Max Biele saß in seinem Frisörstuhl vor seinem Frisierspiegel und zog einen
Seitenscheitel in sein beneidenswert seidiges, blondes, schulterlanges Haar.
Henrietta hatte ihre hoffnungslos wirbeligen und zerlockten Haare aufgegeben,
verschwendete keine Zeit mehr auf sie, trug das Jägerhütchen wie eine
Tarnkappe, den Rand mit Schwung.
‘Du weißt zuviel, du siehst zuviel, du bist unmöglich’, sagte Max und
formte aus seinem Spitzbart einen Tannzapfen.
‘Ich glaube, ich bin möglich.’
Max lachte glöckchenhell, er war verliebt in sein Lachen, hatte daran
gearbeitet im Lauf der Zeit wie an Frisuren und Rasuren, er nannte es sein
Fraukommerzienratslachen. Weil er Frisör war, also ein Filou, der einem am Kopf
herumfummelte, also den meisten Menschen peinlich, ließ man es ihm durchgehen.
Keiner in der Keibel wußte, wo Max herkam, er machte ein Geheimnis daraus, seit
er vor Jahren den Eckladen an der Kreuzung Schützenstraße eröffnet und dem
Vermieter das Geld bar auf die Hand gezählt hatte. Auch wenn sie schroff,
abgebrüht und abweisend taten, kannten die Keibelmenschen die Verhältnisse der
Nachbarn genauestens und bis ins dritte Glied und waren wie vernarrt in die
Sorgen der anderen. Max schien keine Sorgen zu kennen, in seinem Stübchen
hinter dem Vorhang regierte der Firle-fanz, türmten sich Romane und Annoncen
neuester Moden und Maschinen, hinter die er mal Ausrufe-, mal Fragezeichen
gekritzelt hatte, hing ein Flitterkaleidoskop vom Haken und ein langer weinroter
Morgenmantel mit verblassendem Planetenmuster und ein scharfzähniger, maiglöckchen-duftender
Damenfuchspelz, war der Ofen goldfarben angemalt und stand eine abgeschabte grüne
Chaiselongue, auf der er Sonntags verbotene Zeitungen las und dabei mit der
Zunge schnalzte. Manche Keibelfrau machte ihm heimlich Augen, die er nicht sah,
die Keibelmänner versuchten vergeblich, ihn zum Trinken zu verführen, und
Vater, der permanent drei Mark Schulden bei ihm hatte, hielt ihn für einen
Spion der Blauen, dessen Auftrag es war, den neuen Menschen auszuspionieren, der
sich vorausschauend selbst vernichtete. Wie Paul Ehrlich sprach Max nie von
sich, nur über sich, er war sein eigener spöttischer Beobachter. ‘Was bin
ich schon?’ lautete seine Lieblingsbeobachtung, ‘nur ein Veilchen auf einem
Misthaufen.’ Seine ‘lustigen Leute vom Alex’ applaudierten leise, als trügen
sie Wattehandschuhe, sie besuchten ihn bei Nacht und Nebel und nannten flüsternd
ihre Namen, Schneider-Puppe, Dichter-Stift, Börsen-Ratz. Wie Koch und Henrietta
fielen auch Max aus heiterstem Himmel dunkle Schatten und Launen an, die so
undurchdringlich, so unüberwindlich waren, daß man sich die Haare einzeln
ausreißen wollte. Er gehörte zur Familie der Nicht-Gang-und-Gäben, und sie
vertraute ihm.
‘Frohe Weihnachten. Alle Welt liebt dich, Jette.’
‘Geheimrat Virchow haßt mich.’
‘Na und, wer ist er schon? Hält sich für einen Heiligen, schenkt uns eine
neue Kanalisation, aber da schwimmt dieselbe Kacke durch wie vor hundert Jahren.
Besoffen von der eigenen Güte und Großartigkeit, das sind die Schlimmsten. -
Such Anna, bevor du arbeiten gehst, gib ihr einen Kuß.’
‘Aber er ist großartig. Er hat die Zellen entdeckt. Wir wissen jetzt, wie der
Organismus innen zusammengesetzt ist.’
‘Wer ist wir?’
‘Die Menschheit’, sagte Henrietta. Sie dachte: Ich darf nicht alles
ausplaudern, nicht einmal vor Max, nicht einmal an einem Tag wie heute. Sie
hatte das Wort, das die Schranken zerbrechen und die Fassaden einstürzen und
die Eisenbahnen entgleisen lassen würde, noch nie laut gesagt. Ihr ganzes Leben
hing davon ab.
‘Auch Anna gehört zu Menschheit, auch Anna hat Zellen. Aber du behandelst sie
wie einen Wurm.’
Anna hatte zweimal am Wegesrand gestanden in Henriettas Traum, verkleidet als
Pierrot in weißem Gewand mit weißer Halskrause und dicken weißen Knöpfen,
als sei sie plötzlich eine Fasching feiernde Fassadenbewohnerin. Sie trug eine
schwarze Larve, hinter der ihre immerfeuchten Mäuseaugen Zeichen gaben: hier
bin ich, erkennst du mich nicht? Doch Henrietta mußte sich sputen, sie jagte
den fransigen Hund durch ein fremdes Land, vorbei an Bäumen oder Mistgabeln,
die wie zum Himmel gehobene Hände aussahen. Der Himmel war tintenblau und lief
oben spitz zu, und Wolken standen in Reihen still und weiß wie wunderschöne
kleine Betten. Aus einem dieser Betten war sie in das fremde Land auf eine
staubige Landstraße gefallen und wieder eingeschlafen. Und wieder aufgewacht
vom Lecken eines Lamms, das Lamm leckte nickend und wissend und hingebungsvoll
ihre Hand, erst jetzt bemerkte sie, daß ihre Hand blutete, aber nicht
schmerzte, die andere Hand schmerzte, und als sie langsam den Kopf drehte, lag
dort der fransige riesige Hund, der in die andere Hand biß. Sie erinnerte sich,
daß sie eine dritte Hand besaß, mit der sie dem Hund auf die Schnauze hauen
konnte und schaute hilfesuchend an sich hinab und sah, daß sie nackt war und
ihr Bauch durchsichtig und leer und die Landstraße übersät mit Fußspuren,
die alle in dieselbe Richtung führten. Sie trat nach dem Hund und traf das
Lamm, das bähend starb. Sie wurde fürchterlich traurig und konnte ihr Herz
sehen, es schlug langsam und allein in ihrer Brust, und keine Blutadern führten
zu ihm. Der Hund spuckte ihre Hand aus und sagte etwas in einer fremden Sprache
und lief fort, Blut tropfte in seine Pfotenspuren, denn er schleppte ihre
Eingeweide, und sie wollte im Boden versinken, so sehr schämte sie sich ihrer
Entblößung. Sie suchte den Hund im ganzen Land, das viel kleiner war, als es
den Anschein gehabt hatte, etwa so groß wie der Charitéhof, aber sie fand ihn
nicht, alle Spuren führten im Kreis herum. Nur Anna wartete am Wegesrand, sie
trug wieder ihren alten Flickenkittel, ihr Kopf steckte in einer Glaskugel, und
aus ihren Haaren wuchsen Primeln.
Was für einen Unsinn ich zusammenträume, wenn ich mich vor dem Einschlafen
nicht auf dich konzentriere, die technischen Zeichnungen, mit denen du Vaters
Handgriffe und Arbeitsschritte aufgezeichnet und numeriert hast, um seine Kunst
des Tischemachens zu verbessern, deinen Weitblick.
‘Überleg’s dir noch mal mit heute Abend’, sagte Max. ‘Die Straße muß
doch zusammenhalten.’
Henrietta, die auf einem der drei Wartestühle gesessen und ihre bunt
gesprenkelten Hände betrachtet hatte, deren ursprüngliches Bernsteinbraun auch
Maxens Seife nicht mehr zutage schrubben konnte, stand auf und ging zur Tür des
Frisörladens und öffnete sie. Der Dreiklang der Türglöckchen, wie oft hatte
sie mit Anna die Tür auf und zu, auf und zu gemacht, um diese glückliche Musik
zu hören, wenn das Gassenhauergrölen der Väter sich unaufhaltsam der Ecke näherte.
Doch das war lange her.
‘Die Straße stirbt an Schwindsucht und Halsbräune und Krankheiten, die wir
noch gar nicht kennen’, sagte sie. Vermummte Wintermorgengestalten tasteten im
Schneegestöber nach Händen und Wänden, als hätten sie sich in ein fremdes
Land verirrt. ‘Die noch kommen.’
‘Vielleicht suchen sie dann zur Abwechslung die oberen Klassen heim’, sagte
Max. Er schüttelte sein Seidenhaar und deutete ein Gähnen an. ‘Tür zu, du
Neunmalkluge, es zieht.’ Wenn er wirklich Sozialdemokrat war ‘oder
Schlimmeres’, wie er behauptete, fehlte es diesen selbsternannten Rettern und
Wunschdenkern der Keibelstraße an Weitblick.
Sie stülpte die Kapuze ihres Laufbotenmantels über den Kopf, den sie nach
eigenen Entwürfen aus dunkelgrün gefärbten Kartoffelsäcken mit zwei
verborgenen Innentaschen genäht hatte und prüfte die ledernen Senkel ihrer
wundervollen neuen gebrauchten, eine Nummer zu kleinen, inzwischen geweiteten
und weichgeklopften Rodelstiefel, einem ‘anonymem’ Nikolausgeschenk, das für
sie vor Ehrlichs Kabuff abgestellt worden war, gefüllt mit je einem
Apfel, je einer Zuckerstange, einem Marzipanklümpchen in Pergamentpapier,
bereits angeknabbert (Ehrlich war eine schlimme Naschkatze), und silbern
bemalten Nüssen; der Kinder- kram hatte ihr am Gendarmenmarkt summa summarum
neunzig Pfennige eingebracht. Wenn die Mutter des Trudchens glaubte, sich mit Süßigkeiten
einschmeicheln, das verhaßte Berlin mit Naschwerk erobern zu können, hatte sie
sich geschnitten. Die Rodelstiefel, von denen das Trudchen gewiß noch ein Paar
mehr ihr eigen nannte, waren natürlich Kochs Idee gewesen, sollten seine
Laufbotin sicher und schnell durch den Schnee tragen und im Frühling durch den
Matsch (im Sommer würde die Botin die Keibelstraße aus den Angeln heben, aber
das wußte er noch nicht) und waren nebenbei vorzügliche Waffen gegen Lümmel
und Eckensteher.
Alles verlief nach Plan. Immer öfter übernachtete Henrietta jetzt allein auf
dem Fußboden neben dem grünen Kachelofen in Vaters Dienstkemenate im KG, wie
Koch und seine Leute zeitersparnishalber das Kaiserliche Gesundheitsamt nannten.
Wenn sie ihren Kopf durch das schießschartenkleine Fenster in die Winternacht
streckte, konnte sie die Lichter der Charité sehen. Sie liebte entfernte
Lichter, blinkende Sehnsucht, die Verheißung von Menschenwärme und Ziel und
Zukunft.
Zur allerfrühesten Morgenstunde fegte, putzte und polierte sie sich durch die
Laboratorien des KG und beobachtete das leise, unergründliche Vor und Zurück
der enormen Experimente, die ein eigenartiges Nachtleben führten. Als hielten
sie geheime Aussprache miteinander, beschlossen die Experimente in der Nacht,
welches von ihnen den Forschern ein Zipfelchen Hoffnung zeigen und welches sich
stur stellen sollte. Bald begann Henrietta, mutterseelenallein mit den
Experimenten, deren Stimmen zu hören, Zeichen zu lesen, sah, wie die
entscheidende violette Schweißperle sich auf Kartoffelscheibe achtundvierzig
formte und schmale graue Schatten auftauchten aus der Tiefe der Braunfärbung
von Meerschweinchen-Wrobel-Präparat zweihundertfünfzig, hörte das Blut im
Laborofen brodeln, hörte in den Meerschweinchen das Murmeln der Weltnatur, die
ihre Geheimnisse hütete. Im Halbschlaf schnitt sie Bazillensilhouetten, einen
Reigen grillenförmiger Todesbringer, den sich Koch rahmen ließ und über
seinen Schreibtisch hängte. Im Halbschlaf, noch vor Beginn der Schulstunden,
begleitete sie Vater bei seinen Einkäufen für das KG, bewachte die Münzen in
seiner armen, schwitzenden Hand, bewachte die Zukunft.
Das Trudchen und ihre Mutter, die nutzlose Arztfrau, blieben unsichtbar, wohnten
in der Chausseestraße hinter sechs hohen blankgeputzten Fassadenfenstern, in
denen sich kurze Stunden die kleine Wintersonne spiegelte, gingen dem Vernehmen
nach nie aus, sondern warteten still und vorwurfsvoll. Koch, der mit Henrietta fühlte
und nicht zu vergessen haben schien, wie tief man seine zukünftige Laufbotin im
Wollsteiner Haus beleidigt hatte, schickte Vater das Faktotum, ihn zu
entschuldigen, wenn es später wurde. Und es wurde alle Tage später. Dann trug
Vater den Korb der Dienstmagd, die Brote mit kalter Zunge und beleidigter
Leberwurst ins KG brachte. Während Henrietta noch eine kleine Weile unter der
Gaslaterne der vornehmen Straße stehenblieb, einen Bindfaden im Zickzack um
ihre Finger wickelte und zu den sechs abgedunkelten Fenstern hinüberlächelte,
in ihrem Bastbeutel das von Koch unterzeichnete Papier, für das die Diebin
Du-Nu-Wieda alles gegeben hätte und demzufolge sie sich zu jeder Nachtzeit in
jeder Straße aufhalten durfte. Nur mit einem Bindfaden locker an das Leben
gebunden, nicht an der Chausseestraße und feinen Möbeln festgenagelt, von
denen Vater meinte, fein seien sie höchstens an der Oberfläche, inwendig aber
vom Zusammensturz bedroht, weil allesamt schlampig fabrikgetischlert.
Vater war in seinem Element, war selig heute. Virchow hatte ihm erlaubt, auf der
Schwindsüchtigenstation Dienst zu tun, er durfte die Krankenbetten der vor sich
hin murmelnden Patienten richten wie einst im Mai, zwei sterbende Brüder betten
und ihre letzten Stunden mit seiner Lehre von der Selbstsabotage erhellen. Da
die Brüder, ein hungerleidender Musikant und ein besser gestellter Eisendreher,
seit Jahren nicht mehr miteinander sprachen, und selbst wenn sie gewollt nur ein
Röcheln herausbekommen hätten, übernahm Vater beider Rollen, redete und
antwortete für sie.
‘Denen haben wir’s gezeigt.’
‘Ja, wir haben’s ihnen gezeigt.’
‘Ich verzeihe dir alles, Erich.’
‘Und ich verzeihe dir. Denen haben wir’s gezeigt.’
Die Brüder lagen in identischer Haltung, kerzengerade, die Arme steif angelegt,
als erwarteten sie einen Appell, auf ihren Laken mit den verwaschenen Flecken
Lungenbluts der Menschen, die ihnen vorangestorben waren und starrten aus
violetten Augenschlitzen an die niedrige Decke der Mansardenstation, ‘dem
Himmel näher’, wie die Optimisten unter den Patienten sagten. Durch die
halbkreisförmigen, geschlossenen Fenster drang der vielstimmige, von Lust- und
Angstschreien unterbrochene Chor der Unruhigen, bei denen gelüftet wurde,
‘Stille Nacht’ sangen sie.
Auch Oberarzt Ehrlich hatte sich für den Dujour-Dienst einteilen lassen, um
nicht ganz allein in seiner Kemenate zu sitzen, war jedoch wie Henrietta mit
seinen Gedanken ganz bei Präparat zweihundertsiebzig, von dem sie melden mußte,
daß Koch es vor einer Stunde zu den anderen zweihundertneunundsechzig
Ergebnislosen in den Schrank gestellt hatte. Noch im dichtesten Schneetreiben
flitzte die Botin wie ein Hase im Sturm mit den in Seidenpapier gewickelten
Petrischalen zwischen Koch und seinem Färber in der Charité hin und her.
Anfangs hatte sie Kochs launige Sprüche (‘Sag ihm, die Karriere der Farbe
Blau ist nicht mehr aufzuhalten’) und Ehrlichs Witze (‘Sitzt ein Rabbi in
der Eisenbahn …’) mittransportiert, doch je länger der Tuberkulosebazillus
sich gegen seine Entdeckung wehrte, desto wortkarger, schwermütiger,
unleidlicher wurden Henriettas Herren.
‘Ist es nicht komisch’, versuchte sie Ehrlich aufzuheitern, der mechanisch
seinen Kricksel unter Krankenblätter setzte, die Grete ihm reichte, ‘seit
Jahren sprechen sie nicht miteinander, dann hat der Eisendreher aber Mitleid mit
seinem armen Bruder und lädt ihn nach Werder zur Baumblüte ein, und jetzt
liegen sie hier und sterben gemeinsam und schweigen.’
‘Ein Indiz für Kochs Überzeugung, daß der Bazillus von Mensch zu Mensch übertragen
wird’, sagte Ehrlich. ‘Einer hat den anderen infiziert.’
‘So habe ich das noch gar nicht gesehn. Dann ist es doppelt komisch, finden
Sie nicht? Der Eisendreher will seinem Bruder etwas Gutes tun und bringt ihm den
Tod.’
‘Wahrscheinlicher, daß der Musiker das Geschenk in sich trug. Er vegetierte
unter den Brücken.’
‘Aber anders herum ist es komischer.’
Ehrlich warf Henrietta einen sanften Blick aus seinen kleinen dunklen müden
Kinderaugen zu. ‘Natürlich’, sagte er und unterschrieb ein weiteres
Krankenblatt, ‘wenn es dich tröstet. Das Leben von uns Erdensöhnen entbehrt
nicht einer gewissen tückischen Komik.’
‘Heute ist unser Erlöser geboren, Herr Oberarzt’, sagte Grete.
‘Nicht mein Erlöser, Schwester, mit Verlaub.’
‘Er hat was gesagt’, sagte Vater. ‘Hört doch, er will was sagen.’
Ehrlich und Grete traten ans Bett des Musikanten, zwischen dessen paar fauligen
Zähnen Blut aus der zerfressenen Lunge hervorquoll. Grete tupfte seine Lippen
ab, die mühselig ein Wort formten. Das Dauergemurmel der anderen Patienten
verstummte augenblicklich, es wurde sehr still in Erwartung des Wortes, nur der
mißtönende Chor der Unruhigen im Gebäude gegenüber wollte nicht aufhören,
sie sangen jetzt ‘Schneeflöckchen, Weißröckchen’.
‘Rache’, hauchte der Musikant.
Ehrlich setzte das Hörrohr an und schüttelte den Kopf, der Musikant war tot.
Der Eisendreher wandte langsam den Kopf zur Bruderleiche, über der Grete das
Zeichen des Kreuzes
schlug.
‘Denen hat er’s gezeigt. Lieber den Darm verrenkt, als dem Wirt was
geschenkt’, sagte Vater zum Eisendreher, in Verkennung der wahren Wahrheit.
Auf dem Weg in die dämmerige Luisenstraße (Ehrlich verteilte seine letzten
Pfennige an das stumme Spalier der Leierkastenmänner, deren Kurbeln eingefroren
waren) und noch in Kochs Labor ging das Rätseln weiter, welcher der
verfeindeten Brüder den anderen angesteckt hatte; räumt der Tod nicht unter
den Menschen auf, so tut es das Leben, meinte Ehrlich, es war halt Weihnachten,
und Henrietta befand sich in einem kribbligen Zustand, einer Mischung aus
Luftigkeit und Vorfreude und verborgener Sorge, daß die Zukunft nicht halten könnte,
was sie versprach, daß sie keine Gestalt annehmen, sondern schemenhaft
vorbeisegeln könnte im Nebel, während Henrietta auf der Brücke stand und
hilflos, gestaltlos ihrem ungelebten Leben, ihrem unerfüllten Plan, ihrer
totgeborenen Epoche hinterherstarrte und verloren war, wie Virchow es
vorausgesagt hatte.
‘Ich komme mit dem wandelnden Weihnachtsbaum’, sagte Ehrlich, an Henriettas
grünem Laufbotenmantel zupfend. ‘Gibt es denn irgendwo ein Glas Glühwein für
mich?’
Henrietta sah, wie der bleiche Loeffler in der halbgeöffneten Tür den
Zeigefinger an die Lippen legte und warnend seinen Kopf schüttelte und sich auf
Zehenspitzen leise knarrend entfernte.
‘Ich stehe vor dem Nichts’, sagte Koch, vom Mikroskop aufschauend, durch das
er das zweihunderteinundsiebzigste Präparat aus Meerschweinchen-Wrobel-in-Nährboden
betrachtet hatte. Obwohl er als Leiter und Oberkopf des KG zwei oder drei
Laboratorien ganz für sich allein hätte beanspruchen können, arbeitete er in
einem kleinen, vollgestellten, übelriechenden Eckzimmer im ersten Stock am Ende
des schummrigen, knarrenden Korridors. Während Loeffler und die anderen
Assistenten einander immer öfter in ihren geräumigen Laboratorien besuchten
oder leise diskutierend im Treppenhaus standen, um nicht allein mit dem Nichts
zu sein, schloß Koch sich Wochen und Wochen bei heruntergezogenen Rouleaus ein,
blieb unsichtbar, als wollte er den Bazillus mit dessen eigenen Waffen schlagen.
Aber heute wollte er aufgeben, und das war ein tieferer Fall, eine schlimmere
Niederlage als alle Abstürze und Demütigungen der Keibelstraße, wo man nie
nach den Sternen gegriffen hatte, immer vor dem Nichts stand.
Es wurde sehr still. Koch setzte seine Brille auf und schloß die Augen. Er war
abgemagert, der weiße Kittel, den er in den ersten Berliner Monaten noch prall
gefüllt hatte, hing schlaff und knitterig herab. Henrietta warf einen Blick auf
die geöffnete Notizkladde neben dem Mikroskop und erschrak: quer über die
Seite hatte er ein Schiff gemalt, ein blaues Segelschiff. Irgendwo im KG begann
jemand ein Tanzlied zu pfeifen.
‘Lieber verehrter Doktor, Kopf hoch’, sagte Ehrlich. ‘Wie sagt Montaigne?
Wir müssen uns irren, damit wir uns nicht irren.’
‘Noch so eine französische Spitzfindigkeit. Was wir angeblich alles müssen
sollen. Ich soll auch leben, sagt meine Frau.’
‘Tja’, sagte Ehrlich.
‘Da lachen die Kinderlosen’, sagte Koch. ‘Heute ist Heiligabend, der Rest
der Welt sitzt familiär unterm Weihnachtsbaum, und was tun wir? Spalten uns ab
von der Gemeinschaft wie lichtscheues Gesindel. Als ich noch praktizierte, die
Krankenbesuche zu Weihnachten, die Herzen in den Augen der Patienten, selbst bei
schweren Fällen, die Wärme, der kümmerliche Punsch, den man mir reichte...’
‘Apropos Punsch ...’
‘Fragen Sie Mahlow, der ist zuständig für die Getränke.’
‘Vater hat Feiertagsdienst’, sagte Henrietta zur Ehrenrettung ihres
biologischen Erzeugers. Mein Auftauchen in der Welt, dachte sie, Zufall oder
Plan wie in der Legende vom Jesuskind? ‘In der 1ten Medizinischen. Bisher ein
Exitus bei den Schwindsüchtigen ...’
‘Ich beginne Farben zu hassen’, sagte Koch. ‘Sie verfolgen mich im
Schlaf.’
‘...ein Musiker.’
Der Assistent Gaffky, genannt ‘der stumme Diener’, pochte behutsam an die
halb geöffnete Tür, die so lange Zeit verschlossen geblieben war. Ehrlich
scheuchte ihn mit einer Handbewegung fort, noch ehe aus Gaffkys halbgeöffnetem
Mund die Pause kommen konnte, mit der er seine spärlichen Äußerungen üblicherweise
einleitete.
‘Es gibt zu viele Farben, ich sehe nichts mehr, auch die Schönheit sehe ich
nicht mehr.’ Koch legte seine bräunlich grünlich gelblich schillernde Hand
auf den Stapel Kladden, in denen er die Versuche protokollierte. Ehrlich legte
seine noch buntere Hand daneben.
‘Sie sind der Entdecker des Milzbrands’, sagte Ehrlich. ‘Sie sind ein großer
Forscher und kein Buchhalter. Vielleicht sollten Sie die ganze Kombinatorik über
den Haufen werfen und eine verrückte Weihnachtsmischung versuchen.’
‘Ach ja? Machen Sie es sich nicht zu einfach, Ehrlich? Dann könnte ja jeder
Narr diese Flasche Methylblaulösung nehmen und ...’, Kochs Blick schweifte
durchs Labor, er griff nach dem ersten besten Fläschchen, ‘... destilliertes
Wasser zusetzen und ...’
‘Vesuvin. Klingt doch gut.’ Henrietta nahm eine dicke Flasche mit rotbrauner
Flüssigkeit vom Regal.
‘Mit Vesuvin färbt man Leder. Das ist mir dann doch zu verrückt, Jette.’
Ehrlich griff nach einem anderen Fläschchen und stellte es daneben.
‘Kalilauge.’
‘Welche Prozentlösung schlagen Sie vor?’ sagte Koch.
‘Fünf?’
‘Sagen wir zehn...’ Ehrlich zwinkerte Henrietta zu, während Koch Nummer
zweihundert-einundsiebzig halbherzig mit der verrückten Mischung behandelte.
‘Das wird es zwar auch nicht bringen, aber navigare necesse est.’
‘Und danach gehen Sie nach Hause zu Ihrer lieben Gattin’, sagte Ehrlich.
‘Ach’, seufzte Koch. ‘Vivere non est necesse.’
‘Ich bleibe hier und passe auf zweihunderteinundsiebzig auf’, sagte
Henrietta.
‘Bis dein Vater dich abholt’, sagte Koch. ‘Wenigstens du sollst ein schönes
Fest
haben.’
Er spielte auf den Weihnachtsbonus an, den er Vater gezahlt hatte. (Natürlich
wußte Koch um das, was er Vaters ‘kleine Schwäche’ nannte, hatte aber
keinen blassen Dunst von dessen neuer Wahnidee der Selbstbefreiung durch
Selbstvernichtung.) Bar auf die Hand gezahlt hatte er für einen Braten und ein
Geschenk, Fliederseife wäre schön gewesen, mit der hätte sie sich gerne
gewaschen an den wichtigen Tagen, die in ihrem geheimen Plan rot angestrichen
waren und die unaufhaltsam näher rückten.
‘Entschuldigen Sie, wo gibt’s denn die Bratäpfel...?’
Ein weiterer junger Assistent, der Pfeifer des Tanzliedes, stand in der
halboffenen Tür. Da er vergessen hatte anzuklopfen, holte er es jetzt nach. So
war Dr. Cassini, Spezialist für Antisepsis und im KG ‘der Lumpensammler’
genannt, seine Handlungen waren wie Echos, kamen immer etwas verspätet, morgens
sammelte er rund um den Alex verseuchte Lumpen, abends besprühte er sie mit heißer
Luft, freitags begann er einen Satz, den er montags vielleicht zu Ende führte.
Außerdem war er Italiener wie der sprechende Hund in Henriettas unsinnigem
Traum.
‘Sie haben doch bei ihm studiert, Cassini. Stimmt es, daß Pasteur das
Mikroskop singen hörte?’ sagte Koch.
‘Ja, die Marseillaise.’
Koch nahm seinen alten, löchrigen Wollsteiner Umhang vom Kleiderhaken und
verhedderte sich darin. Er hatte noch keine Zeit gehabt, einen neuen zu kaufen.
Ehrlich half ihm hinein.
‘Alle guten Dinge des Lebens gehören anderen’, murmelte Koch, ‘uns bleibt
nur die Zeit.’ ‘Wo sind die Bratäpfel, Jette?’ murmelte er.
‘Würde ich auch gern wissen’, sagte sie.
‘Hast du keine gemacht?’
‘Ich?’
‘Wer denn sonst, das Christkind?’
‘Ich bin nicht die Köchin’, sagte sie.
Als Koch durch dichtes Schneetreiben linkerhand zur Chaussseestraße stapfte und
Ehrlich rechterhand zurück in die Charité, ließ sie die Rouleaus herunter, um
unabgelenkt von den fallenden Flocken und den vereinzelt aufquietschenden
Kurbeln der Leierkastenmänner Nummer zweihunderteinundsiebzig belauschen und
beschwören zu können, sich selbst zum Weihnachtsgeschenk. Sie drehte das
Gaslicht herunter, fischte aus einer der versteckten Taschen ihres Botenmantels
das angeknabberte, inzwischen steinharte Nikolausmarzipan des Trudchens, setzte
sich auf Kochs lehnenlosen Stuhl, denn einen Besucherstuhl gab es nicht, und
leckte an dem Marzipan. Sie hatte nur eine schnelle Grießsuppe bei Mariechen
Baltuttis im Magen, aber das machte nichts, denn die Gänsebraten und Lebkuchen
und mandel-duftenden frischen Marzipanscheiben von Feinkost Fricke in der
Leipziger waren ebenfalls fest eingeplant und würden, wenn schon nicht
herniederregnen, so doch den Rand ihres Weges zieren wie die Klöppelspitzen
ihre Blusen und die Silberspangen ihr Haar. Mein Ziel, so herrlich ohnegleichen,
werd ich zur rechten Zeit erreichen. Mariechen Baltuttis hatte ihr Mamas blaues
Kleid zurückgeben wollen, du siehst heute so schön und ernst und ganz
erwachsen aus, hatte sie gesagt, und ich kann es in der Wäscherei bügeln
lassen. Henrietta bat sie, das Kleid weiterhin im Diakonissenstift
aufzubewahren, für den Tag in der Zukunft (den der alte Drachen hoffentlich
noch erleben würde), wenn der Schwindsuchtbazillus längst entdeckt war und
Henrietta Mahlow im großen Auditorium dem König der Medizin die kleine Phiole
mit der Heiltinktur überreichte und Virchow den Saum ihres blauen Kleides küssen
und vor versammelter Charité erklären mußte, daß Henrietta Mahlow ihn nicht
enttäuscht hatte. Die Tinktur gegen die Geißel der Menschheit war gelb, nein
gelb mit blauen Sprenkeln, nein strahlend blau, und viele Jahre hatte sich
Henrietta Mahlow in ihrem extra für sie errichteten Laborhäuschen an der
Jannowitzbrücke eingeschlossen, um das Wundermittel zusammenzumischen, und
keinen Menschen sehen wollen außer Buss, ihre treue Dienstmagd, und Biele,
ihren Frisör und Faktotum.
‘Wach auf, er ist tot.’
‘Bei Gott, er ist tot.’
Henrietta schrak aus ihrem Halbschlaf. Vater und ein verdreckter, schwammiger
Bursche, die Hosen zu kurz, die Knöchel lila von der Kälte, standen zerwuselt
und rotäugig vor ihr wie zwei geradewegs den Verliesen von Konstantinopel
Entsprungene. Der Gestank des ‘Siechen’-Fusels war raumgreifender als sämtliche
Laborchemikalien. Vater langte nach der Petrischale, in der Nummer
zweihunderteinundsiebzig ruhte und hauchte sie an. Henrietta nahm ihm die Schale
aus der Hand und stellte sie zurück auf den Tisch neben die verschmähte
Flasche Vesuvin. ‘Wer ist tot?’
‘Der Bruder, der Eisendreher.’ Sein Blick wanderte unruhig durchs Labor, er
spuckte auf den Fußboden. ‘Kaminski, das ist meine mißratene Tochter. Jette,
mach einen Knicks für meinen Freund Kaminski von der Domäne Dahlem.’
Henrietta verrieb die Spucke mit ihrem Rodelstiefel.
‘Die ist doch nicht mißraten, Paul, die kauf ich dir ab.’ Der schwammige
Domänenknecht verbeugte sich übertrieben, geriet ins Schwanken, klammerte sich
am Ofen fest. ‘In meinem Zimmer rußt der Ofen, in meinem Herzen ruhst nur
du’, sagte er und lachte.
‘Was willst du hier, Vater?’
‘Kaminski mein Reich zeigen.’
‘Es ist nicht dein Reich.’
‘Deins aber auch nicht, du Suppenhuhn.’ Er gab ihr eine Kopfnuß, sie spürte
sie kaum, es war, als klopfe jemand an eine andere Tür. Er zeigte mit einem
fahrigen Finger in die Runde.
‘Was nützt dem Bruder nun der ganze Aufwand? Deine Ärzte belügen uns und
betrügen uns wie die Möbelfabriken. Und sie können nicht denken, das hab ich
in den Jahren gelernt, sie tun nur so, als ob sie denken. Darum müssen wir an
den Bruder denken, wir, die freien Menschen, Tag und Nacht müssen wir an ihn
denken, weil die Toten Asche sind, brauchen sie unsere Gedanken.’
‘Das hast du schön gesagt, Mahlow.’
Cassini stand in der Tür. Seine unwirklich weißen Zähne blitzten im
Halbdunkel. Wie Vater war er unbärtig. Henrietta drehte sich der Magen um.
Keinmal hatte Vater so über die tote Luise Mahlow geborene Wittig gesprochen,
deren Asche für immer verschwunden war, zerstoben, verschwenderisch verteilt
auf die Baugruben der Stadt. Überall und nirgends war sie wie die Schemen in
den Straßen. Aber Vater hat recht, dachte Henrietta, unsere Gedanken können
die Toten einfangen, so wie die Toten uns gefangen halten, nicht tot sind.
‘Kaminski, gib Herrn Doktor Pfötchen. Darf ich Ihnen meinen Freund Kaminski
von der Domäne Dahlem vorstellen, Herr Doktor?’ Seit er in seiner eigenen
Welt lebte, hatte Vater, ob nüchtern oder betrunken, jedes Gefühl für oben
und unten verloren. In der Charité und im KG lächelten sie milde über ihn, so
wie sie milde über Gottfried Neben gelächelt hatten, und Vater merkte nicht,
daß diese Milde mehr Macht ausdrückte und gefährlicher und zerstörerischer
war als alle seine Armeen von Schnapsflaschen. Cassini nahm die vorsichtig
ausgestreckte, feiste, lila Hand des Knechts und schüttelte sie. Sofort füllten
sich die Augen des Knechts mit Tränen, und er kniete vor Cassini nieder.
‘Euer Gnaden...’
‘Steh auf, du Rübensau!’ sagte Vater.
‘...ich hab eine Beule unter dem Arm, die wird immer größer...’
‘Dann mach dich mal, wie sagt man: oben herum frei.’
Der Knecht zog seine bepfifferte Jacke aus, faltete sie zusammen, legte sie auf
Kochs Stuhl und begann sein ranzig riechendes Wams aufzuknöpfen.
‘Muß daß jetzt sein? Mach hinne, im Siechen warten sie auf uns’, sagte
Vater. ‘Wir gedenken der toten Brüder’.
‘Aha’, sagte Cassini und betastete behutsam eine hühnereigroße Auswölbung
in der Achselhöhle des Knechts. ‘Tut das weh?’ Der Knecht schüttelte den
Kopf.
‘Seit wann hast du die Beule? Wie schnell ist sie gewachsen?’
‘Weiß nicht’, sagte der Knecht, ‘irgendwann war sie da.’
Cassini schwieg. Der Knecht schwieg. Sogar Vater sagte nichts mehr. Sonderbar,
wie diese Äußerung alle verstummen ließ: Irgendwann war sie da, die fremde
Beule, und der Knecht, Cassini und Vater wurden einander fremd in diesem
Augenblick.
Der Italiener war ihr fremd, seit sie ihm zum ersten Mal an einem
Novemberregenabend im Treppenhaus des KG begegnet war.
Sie wußte, Koch erwartete einen ausländischen Mediziner, der ihm bei seiner
Forschungüber Desinfektion und Wundbakterien helfen sollte, mit denen er sich
von der Jagd nach dem Tuberkulosebazillus erholte. Dutzende von Nährböden auf
Kartoffelbasis standen bereit, das Dachlabor war für ihn eingerichtet worden,
aus den Kellern der Charité hatte Vater verbannte, vergessene, wackelige Möbel
herangeschleppt, darunter einen Gebärstuhl aus alter Zeit mit der Inschrift
‘Salomon der Weise spricht: Frau erfülle deine Pflicht’, der dem Ausländer
als Schreibtischstuhl dienen sollte.
Henrietta hatte auf einer Stufe gesessen und eine warme Marone gegessen und sich
verschluckt und häßlich gehustet. Der olivhäutige Cassini mit den
beneidenswert wohlgeringelten schwarzen Locken war, einen teuren
messingberingten Regenschirm unter dem Arm, unwirklich weiß lächelnd an ihr
vorbeigestiegen, vorsichtig, fast auf Zehenspitzen, als sei eine im Treppenhaus
Sitzende etwas Unbotmäßiges oder Gefährliches. Viele Minuten später, es hätten
auch Stunden, Tage sein können, so sehr war der Mensch ihr bereits aus dem
Sinn, und ihr Husten hatte sich längst beruhigt, kam er zurück, um ihr einen
Ratschlag zu geben. Er schien sogar zu überlegen, ob er sich neben sie auf die
Treppenstufe setzen sollte, doch er ließ es bleiben, vermutlich wollte er sich
seine dunkelblauen Flanellhosen nicht schmutzig machen. ‘Fai un respiro
profondo’, sagte er lächelnd. Kein Mensch in ganz Berlin besaß derart unanständig
weiße Zähne. ‘Hol tief Luft’, übersetzte er seine Platitüde auch noch.
Immerhin wußte sie nun, welche Sprache der Hund in den Alpträumen sprach, die
sie heimsuchten, seit Hans-Ulrich Heinzelmann die Maus erhängt hatte.
‘Professor von Bergmann soll sich deinen Freund ansehen’, sagte Cassini
jetzt zu Vater, ‘der operiert das heraus.’
‘Ich muß aber arbeiten, Euer Gnaden’ sagte der Knecht.
‘Ich weiß’, sagte Cassini. Wußte er wirklich, oder tat er nur so?
Henrietta wurde nicht recht schlau aus ihm, er war zu nett, sie mochte keine
netten Menschen, es kam nichts Großes von ihnen, weder im Guten noch im Bösen.
Heute bepustete er Lumpen mit heißer Luft, morgen würde er in schwarzem Umhang
mit grün besticktem Rand lächelnd eine Blonde ausführen, die in einer Kutsche
vor dem KG wartete.
‘Gerettet.’
Koch stand in der Tür, die heute einen verkehrsreichen Tag erlebte. Er sah aus
wie ein glühender, bullernder Ofen, ein leichter Weinnebel stieg von ihm auf,
vermischt mit Zimt- und Nelkenduft. Koch zum Beispiel war mitfühlend,
hilfsbereit, aber nicht nett, kannte schwarzgallene Stimmungen, stand immer
wieder vor dem Nichts, und seine Zähne hatten auch bessere Tage gesehen.
‘Ich löse diese Versammlung augenblicklich auf’, sagte er. ‘Ich will
nichts hören, ich will nichts wissen, ich will nur arbeiten. Doktor Cassini,
machen Sie mir bitte einen Schnitt von Nummer zweihunderteinundsiebzig, meine Hände
sind taub vom Schütteln, meine Frau hat Gäste geladen, man stelle sich vor,
ohne mich zu fragen, heute, am Tag der Besinnlichkeit.’
‘Den Schnitt kann ich auch machen’, sagte Henrietta.
‘Ich weiß. Aber du feierst jetzt Weihnachten, wie es sich gehört.’
Noch in der geschlossenen Droschkenkutsche hörten sie, als sie vorbeifuhren,
das heisere Hallo, mit dem Vater und sein Kumpan im ‘Siechen’ begrüßt
wurden. Sie verwünschte ihn, wünschte ihn aufs Land, auf die Domäne Dahlem,
zu den Bauern und Barbaren, für den Rest seines Lebens. Gewiß, du hast ihn
anders gesehen, anders erlebt, er hat dir den Schnee vom Gesicht geküßt, er
war dein Ziel, du warst seine Brücke, er will zurück in die Vergangenheit, ich
will das andere Ufer erreichen, aber du hältst uns gefangen in der Mitte deiner
Brücke. Wäre er nicht im KG aufgetaucht vorhin, den Knecht mit der Beule im
Schlepptau, der wiederum diesen Cassini bleiben ließ, würde ich jetzt für
Koch das Präparat schneiden, er hätte mich nicht hinausgeworfen, ich gehöre
zum Inventar, zur Laboreinrichtung, ich bin die Laborluft, die ihn umgibt.
‘Du bist also nicht die Köchin’, sagte Cassini nach einer schweigsamen
Weile, während der nur das Glöckchen des Droschkengauls leise durch ihre
Gedanken klingelte. Sie hatte zu Fuß gehen wollen, er hatte darauf bestanden,
sie nach Hause zu fahren. Aus starr gefrorenen Gesichtern hatten die stummen
Leierkastenmänner der ansonsten menschenleeren, stockdunklen Luisenstraße
zugeschaut, wie Henrietta Mahlow die Tür der Kutsche aufgehalten wurde. Aus dem
Nichts war ein spillriges Lavendelmädchen aufgetaucht und hatte den Italiener
gefragt, ob er ‘frische Lumpen’ kaufen wollte, zehn Pfennig das Pfund, es
sei doch Heiligabend, und Cassini hatte ihr eine Münze gegeben.
Es sei ein Skandal, meinte er, als er zu ihr in die Kutsche stieg, diese Armut.
Nein, hatte Henrietta geantwortet, der Preis sei der Skandal, zehn Pfennig für
ein Pfund Lumpen.
‘Die Köchin?’
‘Ich machte nur einen kleinen Witz.’
‘Sie wissen doch, wer ich bin. Ich bin die Tochter des Faktotums.’
‘Ich glaube, du bist mehr als das.’ Natürlich war sie mehr als das, jeder
Blinde mit Krückstock konnte es erkennen, die ganze Charité wußte es. Er
wollte sich einschmeicheln.
‘Warum immer so wütend, ragazza? Du bist ja das reinste Quecksilber.’
Weil ihr mich alle aufhaltet, weil ich meine Haut ausziehen will wie ein Hemd
und neu vor die Welt treten will als diejenige, die ich wirklich bin, weil
dieses schreckliche Weihnachten sich hinzieht, die Festtage gehören
abgeschafft, und die Lavendelmädchen, und die Chöre. In der Zionskirche sangen
sie um die Wette, sie schaute hinaus und sah die Kerzen in den Butzenscheiben
flackern, angehaucht von hundert Mündern.
‘Ich? Wütend?’
‘Hör mal, Bachs Weihnachtsoratorium.’
‘Ich kann nicht singen, ich mag keine Musik.’
‘Du bist doch an Medizin interessiert. Musik ist auch eine Arznei. Die
bessere.’
‘Sagt wer?’
‘Sage ich.’
Einschmeicheln und wichtig machen. Sie warf ihm einen Blick aus den Augenwinkeln
zu. Er hatte die Augen geschlossen und lauschte den schwindenden Klängen. Seine
olivfarbenen, schwarz behaarten Hände waren gefaltet. Er trug einen goldenen
Siegelring am kleinen Finger. Wie und wo hatte dieser Geck so gut Deutsch
gelernt?
‘Ganze Generationen meiner Familie richteten ihre Fernrohre auf den Himmel.
Wozu? Wenn es doch Bach gibt.’
‘Fernrohre?’
‘Meine Vorfahren waren Astronomen. Sie erforschten Planeten und Kometen.’
‘Wem nützt das?’
‘Gute Frage.’
‘Aber Sie gucken lieber durch ein Mikroskop als in die Sterne.’ Leute, die
einer Familie mit ganzen Generationen entstammten, hatten es eben besser.
Fernrohre, Mikroskope, goldene Siegelringe, fremde Sprachen flogen ihnen zu.
Alle guten Dinge des Lebens gehörten anderen, wie Koch sagte, ihr blieb nur die
Zeit. Sie ließ ihn an der Ecke Schützenstraße halten. In Bieles Laden brannte
noch Licht. Vielleicht war etwas von dem warmen Kartoffelsalat mit Speck übrig
geblieben. Cassini stieg extra für sie aus und öffnete ihr galant die
Kutschentür. Gott sei Dank lag Anna bestimmt schon im Bett, eingequetscht
zwischen ihren grausamen Schwestern, nicht auszudenken, welche neuen
Traurigkeiten sie beim Anblick der Kutsche und des Italieners überkommen hätten.
Cassini streckte die Hand aus, sie schüttelte sie und spürte, wie ein großes
Geldstück, eine Goldmark, von seiner Handfläche in ihre wechselte. Sie hatte
die ungute Vorahnung, für all diese Nettigkeiten eines Tages noch bezahlen zu müssen.
Er hatte bei Pasteur studiert, war er womöglich Pasteurs Spion im KG?
‘Es ist übrigens ein- und dasselbe’, sagte er, in die Kutsche steigend.
‘Das Fernrohr. Das Mikroskop. Neue Welten. Schlaf gut.’
Henrietta trat zum Droschkengaul und lehnte ihren Kopf an den Kopf des Tieres
mit den klugen Augen und ließ das Glöckchen an seinem Zaumzeug.klingeln. Der
Kutscher schnalzte, die Kutsche mit Cassini setzte sich in Bewegung. Kein
Schneemann weit und breit in der Keibelstraße. Es schien, als hielte die ganze
Straße den Atem an und wartete. Die Goldmark brannte in ihrer Hand.
Max lag auf seiner grünen Chaiselongue und blätterte in einer Zeitung.
‘Hör dir an, was sie in Amerika erfunden haben. Einen Atemabhalter für Frisöre.
Das nenne ich eine epochale Entdeckung. Sag mal, du blutest ja aus der Nase
...’
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