Alexander Kluge und Heiner Müller
Ich bin ein
Landvermesser
(aus:
Ich bin ein Landvermesser,
Gespräche Alexander Kluge
und Heiner Müller, Rotbuch).
Kluge
Eigentlich machst du etwas, was ein Schauspieler macht.
Müller
Ja,
ich muß sprechen lernen. Ein Vokal ist ganz schwer. A, das kann ich noch nicht, ich kann
es mit Ha, aber das ist eben der Fehler. Ha ist leicht, aber Ah ist sehr schwer. Es
braucht offenbar eine geschmeidige Stimmritze, um Vokale richtig anzusetzen. Kluge
Und
O und U?
Müller
Das
ist das gleiche. Beim I ist das auch das gleiche. I ist vielleicht etwas leichter.
Kluge
Nun
kommen einzelne Vokale in der Sprache auch nicht vor, ganz selten jedenfalls.
Müller
Aber
als Wortanfänge kommen sie sehr oft vor.
Kluge
Beschreib
mir doch mal die Situation an so einem Vorabend. Wie wird man auf so eine Radikaloperation
vorbereitet?
Müller
Im Grunde ist es so, man weiß, daß man täglich sterben kann aus irgendeinem Grund oder Zufall. Aber die Situation ist natürlich ganz anders. Wenn du weißt, es gibt einen Termin, an dem du entweder stirbst oder lebst, ist das eine ganz neue Situation, eine neue Erfahrung. Und es hat mich schon interessiert als Erfahrung. Ich muß gestehen, ich hab mir ständig suggeriert, daß ich leben werde. Und so was ist auch wichtig, und das hilft natürlich. Es hängt doch sehr viel vom Willen ab. Was heißt vom Willen, vielleicht eher von der Einbildungskraft als vom Willen. Du wirst vorher eigentlich nicht wirklich darüber informiert, was passiert.
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