unterwegs verloren von Ruth Klüger, 2008, ZsolnayRuth Klüger

wiener neurosen
(Leseprobe aus: unterwegs verloren, Erinnerungen, 3. Kapitel, 2008, Zsolnay).

Für eine, die wie ich zurückkehrt, bleibt sie die Stadt der Vertreibung.

Wien hat sich verändert, es blüht und leuchtet, frisches Obst kommt aus aller Welt, die internationalen Kommissionen tagen, und Fiaker fahren staunende Kinder aus aller Herren Länder an den restaurierten Sehenswürdigkeiten vorbei. Das ist nicht die düstere Stadt, die sie im gekränkten Kopf und im beschädigten Herzen trägt, und doch kommt’s der Heimkehrerin vor, als ob dieses, das heutige Wien voller Schlaglöcher sei, als könne sie auf der Mariahilferstraße stolpern und im Prater im Gebüsch versacken, in einem Schönbrunner Brunnen ertrinken und am Graben verschluckt werden.

Will sagen, daß es für die Touristin, die eben keine Fremde, sondern gebürtige Wienerin ist, zwar ein heutiges und ein damaliges Wien gibt, denn man hat ja Verstand und kann unterscheiden, aber die beiden lassen sich vom Gedächtnis her nicht so auseinanderhalten, wie man gern möchte. Das Gedächtnis ist hartnäckig und will nicht verdrängt werden, oder ist, wie wir von Sigmund Freud wissen, besonders ekelhaft, wenn es verdrängt wird.

Ich bin in Wien geboren, meine Familie, auch die Großfamilie, lebte in Wien, meine Muttersprache ist das wienerische Hochdeutsch der jüdischen Mittelklasse. Die ersten Eindrücke waren die Straßen und Häuser und die Parks dieser Stadt. Bin ich heute in Wien, so kommt es immer wieder vor, daß ein geometrisches Muster oder eine Verzierung an einer Kaffeehaustüre, auf einem Fußboden, an einer Haustreppe eine verschüttete Erinnerung heraufruft, ein Déjà-vu, ein Das-kenn-ich-doch. Es sind Eindrücke, an die ich Jahrzehnte nicht gedacht habe, die ich mir nie auf den Bildschirm der Erinnerung gerufen habe, die aber auf der Festplatte gespeichert waren und sich plötzlich wie alte Bekannte, die man nicht unbedingt begrüßen will, vordrängen.

Warum will ich sie eigentlich weder umarmen noch fortschicken? Es sind doch sozusagen neutrale Begegnungen. Ihre Wirkung ist jedoch nicht angenehm, auch nicht gerade unangenehm, sie hat eine gewisse Faszination und ist doch ein Teil dessen, was man in den Jahren, die inzwischen verflossen sind, abschütteln wollte. Sie stellen die Frage, wo hört die alte Heimat auf, wo fängt das alte Feindesland an? Hier habe ich einmal dazugehört und gleichzeitig wurde mir und den Meinen auf unvorstellbar krasse und ordinäre Weise klargemacht, daß wir nicht dazugehörten.

Der Wiener Dichter Theodor Kramer schrieb, nachdem er 1957 aus dem Londoner Exil nach Wien zurückgekehrt war: »Nur in der Heimat bin ich ewig fremd.« Ich war schon im Alter von sechseinhalb Jahren, als die deutschen Truppen im März 1938 einmarschierten, bis September 1942, als ich mit meiner Mutter nach Theresienstadt verschleppt wurde, so fremd in der Heimat wie nirgends wieder danach auf der Welt – außer in Auschwitz: Dort war’s noch fremder.

Im Grunde stellt mir Wien die Aufgabe, der rationale Mensch zu bleiben, der ich an anderen Orten bin. Unvernünftige Ressentiments überfallen mich hier wie die Gelsen an einem feuchten Abend; etwa gegen Kindergruppen, die durch die Museen oder durch den Prater geführt werden. Da durfte ich als Kind nicht hin. Ich durfte überhaupt nirgendwo hin, war an ein dunkles Zimmer in einer Wohnung gebunden, die meine Mutter und ich mit anderen Familien teilten, eine Sammelwohnung für Juden, die einander gar nicht kannten. Auf der Straße mußte man den Judenstern tragen, da war’s kein Vergnügen, spazierenzugehen. Der Vater war schon verjagt worden, und ich sollte ihn nie wiedersehen.

Für eine Frau mit Kind gab es keinen Ausweg mehr. Wir warteten auf den Abtransport in einer desolaten Stätte der Vereinsamung, die für mich getränkt war mit nichts als Verlusten, die man irgendwie verkraften mußte, denn Verwandte und Freunde verschwanden, einer nach dem anderen. Es gab immer weniger Menschen, zu denen man Zutrauen hatte. Wien war ein Ort der schnürenden Verengung, eine Welt- und Kulturstadt, wie ich vom Hörensagen wußte, in der es nicht erlaubt war, sich etwas Interessantes anzuschauen oder irgendwo mitzumachen. Zuletzt war es auch mit der Schule vorbei, und übrig blieb nur einsames Lesen und Gedichte auswendig lernen. Die anderen Kinder lebten weiter, spielten ihre Spiele, gingen in ihre Schulen, trugen die Uniformen ihrer neuen Jugendgruppen und sangen gehässige Lieder über Menschen, die ihnen anders und minderwertig vorkamen, wie ich.

Und doch erinnere ich mich nicht, damals die nichtjüdischen Kinder um ihre Freiheit, um ihre Chancen beneidet zu haben. Ich sah sie als Feinde, die mir die Tatsache, daß ich existierte, übelnahmen und die mich unbestraft beschimpfen durften. Man mußte ihnen aus dem Weg gehen und aufpassen. Erst jetzt, wenn ich als alte Frau zu Besuch in Wien bin, überkommt mich die Wut gegen diesen Widersinn und auch eine merkwürdig distanzierte Sympathie mit dem Kind, das ich längst nicht mehr bin, wegen dieser Ausgrenzung, und daß Menschen, die nicht mehr und nicht weniger Wiener waren als wir, sogar noch ihre Kinder auf uns hetzten. Damals schien’s selbstverständlich: So war das Leben für Juden. Heute scheint’s unbegreiflich. Wie ein Hund, der seinen Schwanz jagt, laufe ich im Kreis um den Ring und frage: Warum?

Ja, der Ring. Die Rückkehrerin geht an der Universität vorbei, die sich auf dem Teil der Ringstraße befindet, der nach einem berüchtigten Antisemiten benannt ist. Wenn sie ihren Spaziergang fortsetzt, um schließlich im Café Prückel einzukehren, so stößt sie dort noch einmal auf ihn, oder gleich zweimal, erst als Denkmal und dann als der Platz, auf dem das Denkmal steht. Für die unbefangeneren Wiener wiegen die anderen Verdienste des Bürgermeisters Karl Lueger wohl schwerer, als daß er ein Vorläufer und Vorbild für Adolf Hitler gewesen ist. Schämt sich denn niemand ein bissel für die dreifache Ehrung? Die Rückkehrerin schlendert weiter Richtung Zentrum und findet am Judenplatz das Denkmal für die Vertriebenen und Ermordeten. Gut gemeint, aber wie verträgt sich diese treuherzige Wiedergutmachung mit der Lueger-Verehrung an der Ringstraße?

Woran soll man da glauben? Die Österreicher haben sowohl den Juden Bruno Kreisky zum Bundeskanzler als auch den alten Nazi Kurt Waldheim zum Bundespräsidenten gewählt. Man nimmt’s halt nicht so genau. Dabei sind sich die Wiener, mit denen ich zu tun habe, immer bewußt, daß ich Jüdin bin, ob sie mir nun mit Abneigung oder mit Sympathie begegnen. Wo ich jetzt lebe, kommt diese Tatsache nur dann ins Gespräch, wenn’s wirklich paßt, und das ist nicht oft, da mich Religion nicht interessiert. Hier in Wien geht man noch immer davon aus, daß Juden grundsätzlich anders sind.

Eine Dame, die ein Gespräch mit mir im ORF gehört hat, schrieb mir, ich solle doch ein »bahnbrechendes Werk« verfassen »und erforschen, welche Charakteristika für die ethnische Gruppe der Juden man als bezeichnend nennen könnte«. Denn das »Märchen von der Gleichartigkeit« lehnt sie ab. Man wisse doch, schreibt sie, die Juden seien sowohl schlampiger als auch intellektueller als die Nichtjuden. Was mich stutzig macht, ist weniger dieser uralte Schleim von Voreingenommenheiten als ihre Meinung, es sei meine Aufgabe, diesem Unsinn, den sie für Sinn hält, nachzugehen und über ihn zu forschen. Daß ich amerikanische Hochschullehrerin und vierfache Großmutter bin, über das barocke Epigramm promoviert habe und gerne Kriminalromane lese, all die Lebensinhalte, Eigenschaften und Interessen, die eine Person ausmachen, sind in ihren Augen unwichtig im Vergleich zu meiner jüdischen Herkunft. Dieser Tatbestand hat mein geistiges Hauptanliegen zu sein.

Ich stehe an der Haltestelle und warte auf die Straßenbahn. Sie hat dieselben Farben wie in meiner Kindheit, dieses leuchtende Rot, nur die Schaffner gibt es nicht mehr, und das Interieur ist jetzt moderner. Auf dem Dach steht in Riesenlettern: »Die Stadt gehört Dir.« Die Stadt gehört mir, wie eine Wunde, die nicht heilt, mir gehört. Und umgekehrt, gehöre ich der Stadt? Im Standard las ich einen Satz von Ilse Aichinger, dem grüble ich nach: »Wie läßt sich der Abschied qualifizieren, vor einem Ausmaß schützen, das ihn aus der Reihe bringt und aus der Bodenlosigkeit reißt? Wie wird die Lücke, die jahrzehntelang klafft, konstruktiv, ohne Querverbindungen und Rettungen zu suchen, die nicht möglich sind?«

Seit dem September 1942 hatte die Stadt eine Geschichte, an der ich keinen Anteil hatte. Und ich hatte meine Lebensgeschichte, die anderswo war. Gehören wir einander? Mit Absicht habe ich mir die Stadt nicht oft ins Gedächtnis gerufen, aus Wehleidigkeit, könnte man sagen, und sie hat es mit der Erinnerung an mich und meinesgleichen jahrzehntelang auch nicht eilig gehabt, bis sie sich endlich aus ihrem selbstverschuldeten Dornröschenschlaf aufrappelte. Wo immer ich in Wien hingehe, berühre ich eine wunde Stelle. Darum schauen mich die Leute oft schief oder, wie man hier sagt, schiach an. Wiens Wunde, die ich bin, und meine Wunde, die Wien ist, sind unheilbar. Läppisch gerät jeder Versuch, Versöhnung anzustreben.Nur eitern und den ganzen Körper infizieren müssen und sollen solche Wunden nicht, das kann durch Nachdenken und Reden verhindert werden; das wäre doch schon was, und zwar gar nicht wenig. Die Straßenbahn hält. Ich steige ein.

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