weiter leben von Ruth Klüger, 1992, Wallstein-VerlagRuth Klüger

weiter leben
(Leseprobe aus: weiter leben, 1992, Wallstein-Verlag)

Ich hab Theresienstadt irgendwie geliebt, und die neunzehn oder zwanzig Monate, die ich dort verbrachte, haben ein soziales Wesen aus mir gemacht, die ich vorher in mich versponnen, abgeschottet, verklemmt und vielleicht auch unansprechbar geworden war. In Wien hatte ich Ticks, Symptome von Zwangsneurosen, die überwand ich in Theresienstadt, durch Kontakte, Freundschaften und Gespräche. Es ist erstaunlich, wie kreativ gesprächig die Menschen werden, wenn sie nur das Gespräch als Ablenkung aus einer Not, die allerdings noch erträglich sein muß, haben. Sie hat doch recht gehabt, die Frau meines Kollegen, Theresienstadt war nicht so schlimm. Aber wie kommt sie dazu, so mit mir zu reden, wenn doch alles, was von den Deutschen kam, ein einziges Elend war, und das Gute nur von uns, den Gefangenen? Deren Stimmen mir noch immer im Ohr hängen, totschlagen mußte man sie, um sie zum Schweigen zu bringen, und gesegnet sei ihr Angedenken. Das meiste, was ich über soziales Verhalten weiß (und es ist gar nicht so wenig, ich bin ein verläßlicher Mensch geworden), habe ich von den jungen Sozialisten und Zionisten gelernt, die in Theresienstadt die Kinder hüteten - bis sie sie ausliefern mußten und selbst ausgeliefert wurden. Da war jede Menge an Mangel und keine Grenze der Beschränkung. Wenn das gut ist. Gut war nur, was die Juden daraus zu machen verstanden, wie sie diese Fläche von weniger als einem Quadratkilometer tschechischer Erde mit ihren Stimmen, ihrem Intellekt, ihrer Freude am Dialog, am Spiel, am Witz überfluteten. Was gut war, ging von unserer Selbstbehauptung aus. So daß ich zum ersten Mal erfuhr, was dieses Volk sein konnte, zu dem ich mich zählen durfte, mußte, wollte. Wenn ich mir heute die unbeantwortbare Frage vorlege, wieso und inwiefern ich Ungläubige überhaupt Jüdin bin, dann ist von mehreren richtigen Antworten eine: »Das kommt von Theresienstadt, dort bin ich es erst geworden«.

Ich hab Theresienstadt gehaßt, ein Sumpf, eine Jauche, wo man die Arme nicht ausstrecken konnte, ohne auf andere Menschen zu stoßen. Ein Ameisenhaufen, der zertreten wurde. Wenn mir jemand vorgestellt wird, der oder die auch in Theresienstadt gewesen ist, schäme ich mich dieser Gemeinsamkeit, versichere dem anderen gleich, daß ich bei Kriegsende nicht mehr dort war, und brech das Gespräch so rasch wie möglich ab, um einem etwaigen Angebot von Zusammengehörigkeit vorzubeugen. Wer will schon Ameise gewesen sein? Nicht einmal im Klo war man allein, denn draußen war immer wer, der dringend mußte. In einem großen Stall leben. Die Machthaber, die manchmal in ihren unheimlichen Uniformen auftauchten, um zu überprüfen, ob das Vieh nicht am Strick zerrte. Da kam man sich wie der letzte Dreck vor, das war man auch. Einem ohnmächtigen Volk anzugehören, das abwechselnd arrogant und dann wieder selbstkritisch bis an die Grenze des Selbsthasses war. Keine Sprache zu beherrschen als die der Verächter dieses Volkes. Keine Gelegenheit haben, eine andere zu lernen. Nichts lernen, nichts unternehmen dürfen. Diese Verarmung des Lebens.

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