Roons letzter Flug
(Leseprobe aus:
Roons
letzter Flug, Roman, 2009, Elfenbein).
Mit seinen aufgeworfenen Lippen, seinen weichen Zügen und
welligen Haaren, die in der Mitte gescheitelt waren, glich der Graf auf
verblüffende Weise jenem Porträt Oscar Wildes, das um die Welt gegangen war –
hätte nicht ein Schmiss in seinem Gesicht einen Strich durch die Rechnung
gemacht, von den riesigen Ohren ganz zu schweigen, die aufgeklappt weit nach
vorne standen, als hörte er nur, was er gleichzeitig sah. Hinter dem Scheitel
brach der Kopf steil und flach nach unten hin ab und ging dann in einen
Stiernacken über.
Wie der Richter hatte der Graf einen Stammplatz in einer Runde, zu der nicht
jeder Zutritt bekam: in dem dröhnenden Wohlbehagen des deutschen Klubs
Concordia, wo es die Kost seiner Heimat gab, welche der Graf, ein großer Esser,
auch in Shanghai nicht missen wollte (Sauerkraut, Eisbein und dicke Suppen,
Schweinebraten mit Semmelknödeln und was sonst deftig und sättigend war), dazu,
»ja, bitte!«, ein Bier vom Fass, das kühl und schaumig aus Tsingtao kam, gebraut
nach deutschem Reinheitsgebot. »Ihr Wohl«, hieß es dort und: »Ziehe mit!«
anstelle von »Cheers« und »Mud in your eyes«.
Der Graf war in China ein Heißsporn geblieben. Während des Boxeraufstands in
Peking, wohin er als junger Gesandtschaftsrat von Tokio aus versetzt worden war,
hatte er von den Wällen aus mit seiner Flinte Chinesen »erlegt«. Ein Spaß, von
dem er in seiner Runde immer noch oft und gerne erzählte – zur Musik von
Blaskapellen, die im Concordia Gastspiele gaben, wann immer ein deutsches
Kriegsschiff aufkreuzte und im Hafen vor Anker ging, um in China »Flagge zu
zeigen«: »Reste weg«, hieß dann das Kommando. »Kein Pardon für die gelbe Brühe!«
Nach dem Aufstand hatte er seinen Dienst quittiert und war ins Bankfach
übergewechselt: Die Deutsch-Ostasiatische Bank hatte große Pläne für China.
Seine Frau Hildegunde, mit den Frankfurter Rothschilds verwandt, hatte ihm die
Wege geebnet, ebenso ein Schwager, der zum Hof in Potsdam gehörte.
Sein Blick fiel auf das Geschwader im Hafen. Deutschland zu Lande und zu Wasser
– und auf einmal auch in der Luft. Ein Deutscher würde in ein paar Tagen den
ersten Flug über Shanghai wagen! Vor dem Fenster des Sitzungszimmers knatterte
im Nachmittagswind drohend die schwarz-weiß-rote Flagge. Der Graf nahm innerlich
Haltung an. An der Wand hing ein Bild des Kaisers, die Augen kühn in die Weite
gerichtet.
»Aber natürlich, mit Vergnügen.« Goldring, der darunter saß, nickte und verzog
sein Gesicht. »Schon der Völkerverbundenheit wegen.« Er meinte seine
Bereitwilligkeit, sich zum Vorsitzenden wählen zu lassen. Die Zuhörer
schmunzelten in sich hinein. »One touch of sport makes the whole world kin«,
fuhr er fort und verzog keine Miene. »Ein bisschen Sport, mehr braucht es nicht,
und jeder ist des anderen Nächster.« Wieder Gelächter in der Runde.
Der Graf öffnete seinen Mund:
»Oder setzt ihm den Fuß in den Nacken.«
Das Lachen erstarb mit einem Mal und machte verlegenem Schweigen Platz.
Rezension I Buchbestellung IV11 LYRIKwelt © Elfenbein-Verlag