|
|
aus: Der Paß
Der Felsbrocken, groß wie eine Kommode, löste sich ein paar Hundert Meter über uns aus dem Schutt kurz unterhalb der Abbruchkante. Alle sahen ihn. Wir hatten aufgeblickt, als wir das Poltern hörten. Ein riesiger Felsblock zwar, ein heimtückisches Ge schoss, aber weit über uns, also Zeit zum Ausweichen, so dachten wir wohl alle, und wir standen und schauten nach oben, Augenblicke, vielleicht sogar Sekunden, wertvolle Zeit, die wir verstreichen ließen. Und der Klotz, der da auf uns zukam, gewann an Fahrt, raste tiefer. Dann geschah das Unvorhergesehene: der Felsblock zersprang. Die Trümmer, manche fußballgroß, andere wie Wagenräder, meterhoch springend nach jedem Aufschlagen, jagten auf uns zu, unberechenbar wie ein Sternschnuppenschwarm. Im Schutz eines Schuttkegels warf ich mich bäuchlings zu Boden. Dann hörte ich die Schreie derer, die vor mir gingen, sah hilflos, wie die Felsbrocken durch die Rinne sprangen, die die anderen gerade querten, wie riesige, todbringende Ping-Pong-Bälle, sah die vergebliche, blinde Flucht, sah Roswitha fallen, sah Rainer straucheln, von Roswitha zu Boden gerissen, sah ihn den Halt verlieren, dann stürzen vom Weg, der hier keiner mehr war, hinunter zur Schlucht, ohne Schrei, fünf, sechs Meter tief, wo er liegen blieb. Aber Rainer richtete sich wieder auf, vorsichtig im losen Schutt und Geröll.
---------
Wie ich mich fühlte nach dem Banküberfall? Es war fürchterlich. Was ich auch tat in diesen Tagen, immer wieder sah ich einen Mann im Kugelhagel zusammenbrechen, sah Jan und Madeleine aus der Bank stürzen, die Pistolen noch in der Hand, sah uns davonrasen, sah mich am Steuer, sah die schnurgerade Straße durch das Moor, die wimmernde Madeleine. Und nachts, wenn ich träumte, war ich es selbst, die in die Mündung der Pistole blickte, bis ich von Jans Schüssen getroffen zusammenbrach. Ich glaube, nur die Schuld am Tod eines Menschen ist schlimmer zu ertragen, als das, was ich in diesen Tagen durchmachte.
Dazu die unbezähmbare Angst, jemand könnte mich erkennen. Als einzige von uns dreien war ich nicht maskiert gewesen. Bei jeder lauten Stimme in meiner Nähe zuckte ich zusammen. Ich bildete mir ein, die Leute würden mich anstarren und mit dem Finger auf mich zeigen: ‚Das ist sie, da geht sie, die Bankräuberin’. Das Kainsmal der Mittäterschaft, das ich auf meiner Stirn zu tragen glaubte, musste jeder sehen. Tagelang traute ich mich kaum noch auf die Straße, nur von der Wohnung die paar Schritte zum Auto, dann zur Redaktion und so schnell wie möglich wieder zurück. Zu Hause ging ich nicht mehr zur Tür, wenn es schellte, das Telefon ließ ich klingeln ohne mich zu melden.
Einmal auf dem Weg zu meiner Wohnung war ein Polizeifahrzeug hinter mir. Es wechselte die Spur, fuhr dann neben mir. Die Beamten drehten sich zu mir um – es war keine Einbildung, dass sie mich musterten – überholten mich dann und bedeuteten mir anzuhalten. ‚Flucht!’, war mein erster Gedanke, aber ich sah keine Möglichkeit. Ein Polizist stieg aus und ging auf mich zu, eine Hand am Gürtel, ganz dicht bei seiner Pistole. Ich zitterte am ganzen Körper, als ich die Scheibe herunterdrehte.
"Wissen Sie, dass Ihr linkes Bremslicht defekt ist?"
Ich wusste es nicht und versprach es reparieren zu lassen. Meine Panik schien er nicht bemerkt zu haben. Nicht einmal meine Papiere wollte er sehen. Nein, die Polizei war uns nicht auf den Fersen, nicht jetzt und nicht später. Zwei maskierte Männer hätten die Bank überfallen, so hatte es in der Zeitung gestanden. Einer der beiden sei auffallend schmächtig gewesen, wahrscheinlich ein Jugendlicher. Vom Fluchtauto war nur bekannt, dass es sich um einen BMW gehandelt hatte, der von einer dritten Person gelenkt wurde. Die Frau mit dem Pudel schien sich gar nicht als Zeugin gemeldet zu haben.
--------------
Rainer musste gemerkt haben, dass ich nicht schlief. Er war aufgestanden und hatte sich auf die Kante meiner Holzpritsche gesetzt. Sein Gesicht, diesen hellen Fleck in der Dunkelheit, konnte ich nicht erkennen. Er saß einfach da, hatte sich über mich gebeugt und sagte kein Wort. Dann seine Hand auf meinem Gesicht, seine Lippen auf meinen Wangen, meinen Augen, meinem Mund. Es war unmöglich. Nicht jetzt, nicht gerade jetzt! Merkst du es denn nicht? Aber ich sagte nichts, erwehrte mich auch nicht seiner Zärtlichkeiten. Seine Hände berührten meinen Hals, glitten tiefer, strichen über meine Brust. Er suchte den Reißverschluss von meinem Schlafsack und zog ihn langsam auf, während sich seine andere Hand an meinem Körper abwärts tastete. Es war absurd.
Zuerst blieb ich steif und starr unter seinen Berührungen. Mein Verlangen nach ihm war mir entglitten, verloren zumindest für den Augenblick, vielleicht aber nicht für immer. Noch wusste ich es nicht. Ich lag da, die Arme neben mir ausgestreckt, bis ich, fast pflichtschuldig, meine Hände um seinen Nacken legte. Ich fühlte sein Haar unter meinen Händen, zog ihn an mich heran, bis sein heißes Gesicht dicht an meinem war und sein Mund wieder meine Lippen suchte.
Rainer ließ mir die Zeit, die ich brauchte um zu ihm zu finden. Als ich die Nähe und Wärme seines Körpers spürte, vergaß ich alles was früher einmal gewesen war und was mich von ihm trennte. Später lagen wir eng aneinandergeschmiegt auf der schmalen Pritsche. Als Rainer später noch einmal über mein Gesicht strich, fühlte er die Tränen auf meinen Wangen.
"Anne, was hast du denn?"
Ich schüttelte den Kopf unter seiner Hand. Ich wollte nicht reden. Er fragte noch einmal, aber als ich nicht antwortete, strich er mir über das Haar und küsste die Tränen von meinen Wangen.
"Ich möchte lieber allein sein," sagte ich zu ihm.
Ich merkte seine Besorgnis ohne sein Gesicht zu sehen. Ich wollte ihn beruhigen:
"Du kannst nichts dafür. Es ist etwas anderes."
Rainer forschte nicht weiter. Er richtete sich auf und setzte sich wieder auf den Rand meiner Pritsche. Dann hüllte er mich in meinen Schlafsack und zog den Reißverschluss zu wie bei einem kleinen Kind, das man zu Bett bringt. Eine Weile blieb er so sitzen, hielt meinen Kopf zwischen seinen Händen, küsste mich noch einmal, dann ließ er mich wieder allein. Ich presste meine Stirn gegen den kalten Lehm der Wand und weinte lautlos. Meine Schuld am Tod von Sarahs Mutter würde ich ihm niemals eingestehen können.
Rezension I Buchbestellung I home IV03 LYRIKwelt © Rotbuch