Das weiße Schweigen
(Leseprobe aus:
Das weiße
Schweigen, Jack Londons Weg durch das Eis, Roman, 2001, Zsolnay).
Am Strand von Dyea, wo
Zelt an Zelt, Proviantstapel an Proviantstapel, Ausrüstungsberg an Ausrüstungsberg,
aufgetürmte Kisten an aufgetürmten Kisten, Säcke an Säcken, Ballenhaufen an
Ballenhaufen liegen, ist der Teufel los. Der Strand von Dyea war ein kreischendes
Irrenhaus. Zehntausend Tonnen Ausrüstung lagen aufgehäuft und verstreut, und zweimal
zehntausend Mann rangen damit herum und machten Geschrei. Jeder war jedem im Wege, und
keiner verfehlte, das der Welt mit aller Kraft seiner Lungen zu verkünden. Manchmal
identifizierten zwei oder drei Leute ein und denselben Gegenstand als zu ihrer Ausrüstung
gehörig, und schon gab es handgreiflichen Streit. Urplötzlich sah man sich mitten aus
der Zivilisation gerissen und mitten in urzeitliche Verhältnisse hineingeschleudert. Und
die Düsternis des subarktischen Winters kam mit jedem Tag näher. Alle wußten es, und
alle wußten, daß von den zwanzigtausend von ihnen nur wenige über die Pässe kommen
sollten, während die übrigen hier überwintern und auf das Tauwetter des späten
Frühlings warten mußten.
Die Atmosphäre von Dyea und des sechs Kilometer entfernten Skagway - auch hier hat vor
wenigen Wochen nur ein einziges Haus gestanden, und auch hier drängeln sich mittlerweile
Menschenmassen, Pferde, Hunde auf immer enger werdendem Raum - ist erfüllt von Hast, von
hektischer, konfuser Betriebsamkeit. Alles muß schnell, am liebsten noch schneller gehen,
und weil alles schnell gehen muß, steht jeder jedem im Weg. Auf den überfüllten
Schiffen, an den mit Menschen vollgepackten Stränden ist noch dem letzten unausweichlich
klargeworden, daß der Weg zum Gold ein purer Wettlauf ist. Gewiß, das Gold liegt in
rauhen Mengen wie auf dem Präsentierteller am Klondike, man muß es nur aufheben. Aber
schon auf einem einzigen Schiff treiben sich Hunderte herum, die das gleiche Ziel haben
und verwegen, vielleicht viel verwegener als man selbst, in die Gegend blicken; der Strand
von Dyea ist hoffnungslos überfüllt, und wer ankommt, sieht als erstes unmittelbar
diejenigen vor sich, die bereits weiterziehen, in Richtung der Pässe, viele mit
Unterstützung von Trägern und Pferden oder gar Pferdewagen. Was nützt es, als
tausendster oder fünftausendster an den Klondike zu kommen, wenn die 999 oder 4999
Schnelleren bereits das Gold in ihre Waschpfannen schaufeln und sich die besten Stellen
unter den Nagel gerissen haben? Ja, der Weg zum Gold ist nichts anderes als ein Wettlauf,
den man gewinnen muß, und jede kleinste Zeitverzögerung kann entscheidend sein. Die
Panik, es nicht früh genug zu schaffen, sitzt den Männern im Genick, und in dieser
inneren Aufgewühltheit ist kein Platz für Rücksicht oder kühles Räsonieren. Nur
vorankommen! Weiter! Weiter! Schneller!
Mitten im Getümmel von Dyea
stehend, blicken Jack London, Shepard und die Gefährten hinauf zu den nebelverhüllten
Bergesgipfeln. Vierzig Kilometer gilt es zu überwinden, dann haben sie den Paß
überquert, und das Schlimmste, heißt es, liegt hinter ihnen. Und sie sehen die Männer
mit ihren Packen auf dem Rücken aufbrechen und sehen die vollbeladenen Pferde und
Pferdewagen durch die schlammigen Wege Dyeas ihre Spur ziehen. Vierzig Kilometer im
ganzen, und von diesen vierzig Kilometern, wenn man sie doch offenbar mit Pferden und
Pferdewagen angehen kann, scheinen viele nicht besonders strapazenreich zu sein.
Jeden hier in Dyea drängt es zum Aufbruch - daß nicht jeder sofort aufbrechen kann, hat
andere Gründe als die des Zögerns oder Rastens. Manch einer hat seine Nahrungsvorräte
oder Ausrüstung noch nicht komplett beisammen und verdingt sich derweil als
Lastenträger, Packer oder Pferdeführer, um das Geld dafür zu verdienen. Andere hatten
das Anheuern indianischer Träger fest auf ihrer Rechnung - und sehen, kaum daß sie in
Dyea angekommen sind, daß sie in seliger Naivität die Vor-Goldrausch-Preise in Anwendung
gebracht haben. Denn die Chilkoot- und Chilkat-Indianer haben das Prinzip von Angebot und
Nachfrage rasch begriffen. Sie boten - wie schon immer, seit die ersten Weißen ins Land
gekommen waren - ihre Dienste als Lastenträger über die Pässe an, und in ihren Augen
spielte ein frohlockendes Leuchten, als sie die immer noch nachströmenden Hundert- und
Tausendschaften von Männern sahen, die mit Bergen von Ausrüstung ans Land gerudert
wurden und sich händeringend nach indianischen Trägern umsahen, die ihnen halfen, sie im
Wettlauf an den Klondike um ein paar Stunden oder Tage in Vorteil zu bringen. Nichts
treibt die Preise derart unerbittlich in die Höhe wie eine Notlage, und infolgedessen
hatten die Indianer im Handumdrehen festgestellt, daß sie astronomische Summen nicht nur
verlangen, sondern auch das außerordentliche Vergnügen haben konnten, sie zu bekommen.
Die finanzielle Kalkulation der meisten Klondiker brach bereits in Dyea vollständig
zusammen, und wer nicht stante pede wieder nach Hause fuhr, ergab sich seufzend in sein
Schicksal. Auch die Arbeitsmoral der Indianer hatte ihre Tücken. Sie verdingten sich
nicht nur beim Meistbietenden, sondern nahmen die Angewohnheit an, mitunter auf halbem
Wege zu streiken und die Preise durch die Zwangslage noch weiter in die Höhe zu pressen,
und nicht selten kam es vor, wenn das Gerücht umging, die Trägerlöhne seien durch die
Ankunft neuer, wohlhabender, trägersuchender Goldgräber noch einmal höher geklettert,
daß die Indianer kurzerhand ihre Lasten von der Schulter nahmen, ihren Geldgeber grußlos
und überaus verdutzt stehenließen und zurück nach Dyea eilten, um mit frisch
angepaßten Forderungen bei Healys Handelsstation, wo die allgemeine Lastenwaage stand,
neue Aufträge einzuholen. Doch der über sie hereinbrechende Reichtum war für die
Indianer alles andere als ein Glücksfall. Es sollte nicht lange dauern, bis die Augen der
Indianer aus anderen Gründen leuchteten: Von der Kultur der Weißen gefiel ihnen am
meisten, was am wenigsten taugte und ihre eigene Kultur und Würde am schnellsten
untergrub: der Alkohol.
Und ein dritter Grund, warum nicht jedermann von Dyea eilends aufbrach: Manch einer
begriff, daß das Gold nicht nur in Form von Nuggets am Klondike liegen mußte, der
Goldrausch trug sein eigenes Gold in sich. Als Lastenträger zu arbeiten brachte ein
passables Einkommen. Einen Zeltladen aufzumachen, in dem Vorräte und
Ausrüstungsgegenstände an- und verkauft wurden, brachte mitunter schwindelerregende
Gewinne. Ein Zelt errichten, "Bar" darauf schreiben, für die kalten Abende
zwei, drei Yukon-Öfen aufstellen und mit Wasser gepanschten Whisky ausschenken - und man
konnte glatt ein gemachter Mann sein.
Die frischgebackene kleine
Goldgräbertruppe um Jack London säumt nicht lange. Zunächst ist eine wichtige
Entscheidung zu treffen: Welchen Weg, neuerdings noch präziser: welchen Weg zu welchem
Paß sollen sie einschlagen? Die traditionelle, von den Indianern und Alaska-Veteranen
seit Jahrzehnten bevorzugte Route ist die über den Chilkoot, aber seit sie in Dyea
angekommen sind, hören sie immer öfter von einer überraschenden Alternative, vom White
Pass, der in einigen Meilen Entfernung beinahe parallel zur Chilkoot-Route verlaufen und
gewichtige Vorteile haben soll. Zwar ist die Strecke insgesamt um einiges länger, die
Steigungen wie auch die Paßhöhe selbst sind jedoch bedeutend geringer, obendrein die
Wege breit und ohne Schwierigkeiten vollständig von Pferden und Pferdewagen zu meistern.
Das klingt verlockend und verlockt bald immer mehr. Daß London und seine Gefährten nicht
lange über dieser Alternative brüten, liegt nicht zuletzt an ihren pekuniären
Verhältnissen. Das Geld würde nie und nimmer reichen, Pferde zu kaufen oder gar einen
Lastzug zu mieten, und es reicht ebensowenig, indianische Träger zu verpflichten.
Wozu es reicht, ist, ein Boot zu kaufen, um den ersten Streckenabschnitt auf dem Dyea
River zurückzulegen. Immer wieder rudern und staken sie die zehn Kilometer mit Ladung
flußaufwärts, lassen sich von der Strömung zurücktreiben und machen den Weg mit den
nächsten Packen und Ballen und Kisten erneut.
Die Arbeit, wenn auch langwierig und ermüdend - vier Tage dauert dieses Verfahren, bis
die Ausrüstung vollständig unterhalb des Dyea Canyon versammelt liegt -, ist
Allerweltsarbeit. Die Herausforderung beginnt jetzt: dreizehn Kilometer Aufstieg durch
unwegsames Gelände hinauf bis Sheep Camp, dem letzten Lager unterhalb des entscheidenden
Anstiegs.
Er hatte sich für den weiten Weg bis zur Paßhöhe des Chilcoot vernünftigerweise nur
mit achtzig Pfund beladen. Sie waren noch keinen Kilometer gegangen, da war er überzeugt,
daß er keinen Schritt mehr tun konnte. Nach der doppelten Strecke wunderte er sich, daß
er noch am Leben war. Er focht einen verzweifelten Kampf mit der Versuchung, sich nach San
Francisco zurückzuschleichen. Tränen liefen ihm über die Wangen, Tränen der
Erschöpfung und Wut auf die eigene Schwäche, aber er biß die Zähne zusammen. Die
dritte Meile tötete
ihn fast.
Kilometer um Kilometer geht es ein ums andere Mal mit schwerem Gepäck den Canyon hinauf,
über die scharfgeschliffenen Klippen des Dyea-Ufers, über felsige, unebene, sperrige
Pfade durch die dunklen Wälder der Schlucht, über lebensgefährliche Brücken, die
einfach nur aus einem Baumstamm bestehen, der sich, wenn man ihn betreten hat, tief ins
Wasser biegt und von dem abzugleiten häufig Tod durch Ertrinken bedeutet: weil man in
einen reißenden Strom stürzt, niedergedrückt vom Gewicht der Last auf dem Rücken, die
von mehreren Tragegurten verhängnisvoll fest um den Körper gezurrt ist. "Da
versaufen täglich drei oder vier Mann", versichert einer vor einem Fichtenstammsteg
über den Dyea, "neulich war ich selbst mit dabei. Wir fischten einen Deutschen
heraus. Er hatte viertausend Dollar in schönen Scheinen bei sich."
Rezension I Buchbestellung IV01 LYRIKwelt © Zsolnay