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Liebeslohn
(aus: Liebeslohn, Roman,
Seite 39-41, 1998, Frankfurter
Verlagsanstalt)
Zur Geldknappheit kam dann noch der seelische Streß, die vielen Schwierigkeiten, die sie dem feinen Pärchen mit großer Geschicklichkeit bereitete. Die regelmäßigen Besuche ihrer Tochter in der Casetta: dem Häuschen, so nannte sie die schäbige Behausung ihres Mannes, waren auch so eine von ihr ersonnene Schikane. Unter ihrer Regie mußte Giulietta diese Besuche wie Peitschenhiebe verspüren. Auf die Idee der Besuche war sie erst seit kurzem verfallen. Nach dem Auszug ihres Gatten aus dem gemeinsamen Haus hatten sie lange Zeit nichts mehr voneinander gehört. Nur die wenigen Male, die er wagte, die Bibliothek zu betreten, hatte er sie sehen müssen. Ebensowenig hatte es noch einen Kontakt zwischen ihm und seiner Tochter gegeben. Jetzt fanden die Besuche ihrer Tochter mit großer Regelmäßigkeit statt, an genau im vorhinein festgelegten Tagen, immer zur gleichen Uhrzeit. Sie sollten für Giulietta hartnäckige, rücksichtslose und vor allen Dingen unvermeidliche Störungen sein. Daß die Besuche sich tatsächlich so auswirkten, zeigte schon Giuliettas Versuch, sie zu unterbinden. Und dann hatte sie sicher mit ihrem Mann deswegen gestritten, der bis jetzt nichts oder nur halbherzig etwas gegen die Besuche eingewandt hatte, schließlich liebte er seine Tochter, und im übrigen konnte er ja gar nichts mehr einwenden. Auch konnte ihre Tochter auf diese Weise ausspionieren, wie es Giulietta ging, ob sie noch schlechter aussah, noch düsterer geworden war in ihrer mißlichen Lage. Alles, die Geldknappheit und die anderen Unannehmlichkeiten, mußte mit der Zeit so bedrückend werden, daß Giuliettas Rechnung nicht mehr aufging, sie sich mehr Vorteile davon versprach, wenn sie diesen Mann verließ, als wenn sie bei ihm blieb. Um Giulietta noch vollends zu verunsichern, hatte sie die Putzfrau ihres Mannes dafür bezahlt, daß sie ihr täglich Dinge einredete wie: "Sie sind doch noch so jung. Wollen Sie denn Ihr ganzes Leben zerstören? Wenn dem Professore etwas passiert, was tun Sie dann? Sie sind ja nicht einmal verheiratet. Und so schnell wird er Sie auch nicht heiraten können. So ein Scheidungsprozeß ist gräßlich, ich kenne das, so was kann zwölf Jahre dauern. Da ist es wahrscheinlicher, daß der Professore vorher stirbt. Das ganze Geld und die Pension kassieren dann seine Frau und seine Tochter, und Sie stehen plötzlich ohne etwas da. Es zwingt Sie doch keiner zu bleiben. Kein Aas würde an Ihrer Stelle bleiben. Sie sind frei, Sie haben das Recht, an sich selbst zu denken..." Und die Putzfrau war nicht die einzige, frohlockte die Signora mit einem Flackern in den Augen, die Giulietta derart ins Gewissen redete.
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