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Großes Spiel
(aus:
Doppelpass, Geschichten aus dem geteilten
Fußballdeutschland, Kookbooks,
hrsg. von Jan Brandt)
Musst hingehen. Weiß Gott, zu Fußball muss man hingehen.
Wegen dem Gras allein schon musst du hingehen. Weil du das Fußballgras gar nicht
zu sehen kriegst im Fernsehen. Die Kameras sind von Geburt an blind fürs Gras.
Stockblind fürs Fußballgrün des Spielfelds. Weiß Gott, weiß man, weißt du. Falls
einer das nicht weiß, ist er selbst blind und taub und stumm fürs Gras und für
den Fußball. Sitzt da als allerärmstes Schwein von Fan. Ist unser Fernsehfan.
Ist Fernsehfan total.
Bleibt Fernsehfan ein Leben lang. Da sollte keiner drüber lachen. Musst aber
auch nicht groß beweinen. Wäre zu viel der Ehre für das blinde Fernsehschwein.
Ein Tröpfchen Mitleid reicht. Bisschen Barmherzigkeit, sofern Gelegenheit, für
unseren Fernsehfan. Weiß ja nicht einmal, was ihm entgeht. Kann schreien, wie er
will, auf seiner Fernguckcouch. Bleibt stumm. Kann schmeißen mit Chips, mit
Fernbedienung auf Frau und Kind und Hund und Katz. Bleibt inoperabel blind fürs
Fußballspiel. Ist taub. Er kennt das große Spiel nicht mal vom Hörensagen.
Musst also hingehen. Hundertmal hingehen, um schönes Spiel zu sehen. Tausendmal
hingehen, bis großes Spiel aufgeht. Ist eine ungefähre Zahl. Mit Glück heißt sie
neunhundertneunundneunzig. Und mit bisschen weniger vom selben Glück gehst du
tausendundeinmal hin. Kannst losmarschieren mit deinem besten Kumpel. Noch
besser ist ganz langsam latschen im Pulk mit zwei, drei gut gestimmten Kerlen.
Falls du so viele Fußballfreunde hast. Bist du allein, schlurf einfach mit den
Haufen von den vielen anderen, die ebenso alleine sind. Macht nichts. Die ganze
Kumpanei ist Krücke. Bedeutet nichts als eine prima Krücke fürs Gehumpel durch
die Zeit, bis wieder großes Spiel kommt. Bis großes Spiel heraufkommt, um uns
gleich als erstes unsere Krücken wegzuhauen.
Wenn großes Spiel kommt, wirst du ein Knöchlein, wird man ein hohles Beinlein,
werden wir Federchen vom großen Spiel. Mit einem zarten Ruck reißt großes Spiel
uns aus dem Männerpech, das noch am Spielfeldrand die letzten zähen Blasen
wirft. Wirst schon verstehen, wenn‘s so weit ist. Hat bisher jeder noch
verstanden, wenn es schließlich dazu kam. Wie jeder Sperling sogleich genug vom
ersten Flug kapiert, sobald er Hals über Kopf aus seinem vollgeschissenen Nest
fällt.
Versprochen: Nach tausendzweimal Hingehen ist es garantiert so weit. Na gut,
vielleicht wird’s tausenddreimal. Vielleicht musst du auch tausendviermal hin
mit elend müden Beinen. Auch tausendfünfmal ist leider Gottes nicht ganz
ausgeschlossen. Nimm’s mir nicht krumm, wenn’s tausendsechsmal wird. Hab einfach
genug Geduld mit mir, mit unseren treuen Füßen und vor allem mit dem Fußball.
Kommt schon. Es kommt so bombensicher wie Beinbruch oder Armbruch, kommt ganz
gewiss wie große, unglückliche Liebe, kommt todsicher wie unser Tod zu uns. Ist
aber schöner, weil viel größer. Und das ist keine Übertreibung. Wenn großes
Spiel kommt, wächst es uns über alle Köpfe, ist größer als jeder Armbruch,
größer als eine unglückliche Liebe, größer als Beinbruch oder Tod.
Deutschland ist gut für Fußball. Die deutschen Ausländer, die deutschen
Inländer, wir alle wissen, Deutschland ist wirklich gut für Fußball. Andere
Länder sind natürlich auch nicht übel. Haben selbst prima Gras. Fast überall auf
unserem Globus, sogar auf Grönland gibt es gutes Gras für guten Fußball.
Eisgras, Salzgras und Elefantengras. Unglaublich, aber wahr: Sogar auf einer
dürren Insel, westlich vor Afrika, auf einem Hartplatz, gelb und kahl, nur ein
paar braune Anstandshalme, kann großes Spiel passieren. Hab’s selbst erleben
dürfen, dort in meinem Urlaub. Es war ein großer Erholungsschock für mich. War
schmerzhaft herzerweitend. Hab auf der sonnengrellen Insel genauso wenig wie
daheim vorhergesehen, dass großes Spiel kommt. War aber doch soweit. Es wurde
tausend. Hab Zahl wieder nicht kommen sehen. Kannst mitzählen wie Adam Riese
oder wie Computer. Du wirst es nicht erzählen mit Gewalt.
Deutschland, das Land, das unsere Heimat birgt, ist gestern, heute, morgen
wundergut für Fußball. Gott sei gedankt. Wenn Deutschland eines schlimmen Tages
schlecht für Fußball ist, muss man sich auf die Socken machen. Gnadenlos hauen
wir dann einer nach dem anderen ab. Wir gehen für immer fort. Kommst mit? Komm
mit! Lernen wir besser Amerikanisch oder Chinesisch oder gar Albanisch auf
unsere alten Tage noch. Hauptsache, unsere fremde neue Heimstatt ist gut für
Fußball. Dann gibt es eines Tages, nach viel Müh und Not und Zeit, ein frisches
Fußballglück da in Albanien. Wenn Deutschland eines bösen Tages schlecht für
Fußball, darf uns nichts halten können, keine Mauer nicht. Egal wie hoch. Gib
mir dein Ehrenwort. Nimm meins. Selbst eine Totmachmauer wie die alte Mauer, die
damals so viele stoppen konnte, vermag uns nicht zu halten – falls so ein neues
Stacheldraht- und Minendeutschland schlecht für Fußball ist.
Sag mal, weißt du: Gab’s guten Fußball in dem alten Mauerdeutschland? Bin selbst
nie dort gewesen, nicht mit Füßen, nicht mit Augen. Du weißt es auch nicht? Muss
aber so gewesen sein. Muss manchmal tausend geworden sein hinter der
Rundumblende aus Beton. Sonst wären denen alle Männer abgehauen, und
Mauerdeutschland wär nur noch ein Weiberstaat gewesen, der prompt von selber
ausstirbt. Musst dir mal vorstellen solche Schrecklichkeit. Ganz Deutschland
eine mäuschenstille Steppe. Nur Wind pfeift noch durch schief gesunkene Tore,
und eine letzte Grille zirpt dazu mit ihren Hinterbeinen. Ganz armes deutsches
Gras wartet und wartet auf die Wiederkehr des Fußballgetrampels, wartet auf die
Wiederkunft von freier Männerfröhlichkeit. Wartet und wächst umsonst und wächst
sich blöd. Und Maulwürfe zergraben alle Fußballrasen, graben und graben,
wurmdumm ihr Leben lang. Soll Gott verhüten so was. Verzeih. Solch schlimmes
Deutschland ohne Spiel und Spiel und großes Spiel, so ganz und gar verfluchtes
Deutschland soll sich keiner erdenken wollen.
Fragst du: Gab’s nicht mal Deutschland gegen Deutschland? Gibt’s immer noch.
Egal, wie viele Deutschländer sich unsere Wiesen teilen. Wir-gegen-Uns ist immer
eins der anstehenden Spiele. Ach, Wir-gegen-Uns gibt’s allzu oft. Ist immer
schlimmer Hickhack. Ist nichts als Krampf und Mittelfeldgeknüppel. Wir spielen
gegen uns wie ewig null zu null. Manchmal auch null zu eins. Manchmal auch eins
zu null. Ach, Deutschland gegen Deutschland. Bleibt auch mit solchem Sparsieg
bitterarmes Spiel. Bleibt Waten durch kaltes, trübes, salzig schweres Wasser.
Wir müssen da wohl durch mit unseren Füßen. Wir müssen fröstelnd hin und
durchgefroren wieder weg.
Musst hingehen. Du musst wieder hingehen. Solang das Gras noch grün ist. Solange
Gras noch Gras ist. Sogar wenn jeder Halm aus Polyesterfaser, wirst du noch
hingehen. Hast Zeit. Ein ganzes Leben hat man Zeit. Der Fußball ist ein Spiel
fürs ganze Männerleben. Dein Männerleben. Dein deutschländriges Männerleben. Gib
es ruhig zu. Gib’s mir, gib’s dir, gib es uns allen zu. Geh hin. Kommt Zeit. Geh
hin. Wird Zeit. Ist Zeit. Ich bin so weit. Du kommst allein, ich komm allein,
und dann spielt Deutschland. Deutschland spielt Deutschland. Tausend mal
tausend. Deutschland spielt Deutschland. Noch ist es unerzählt. Deutschland
spielt Deutschland. Großes Spiel.
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