Doppelpass, Geschichten aus dem geteilten Fußballdeutschland, Kookbooks, hrsg. von Jan Brandt

Georg Klein

Großes Spiel
(aus:
Doppelpass, Geschichten aus dem geteilten Fußballdeutschland, Kookbooks, hrsg. von Jan Brandt)

Musst hingehen. Weiß Gott, zu Fußball muss man hingehen. Wegen dem Gras allein schon musst du hingehen. Weil du das Fußballgras gar nicht zu sehen kriegst im Fernsehen. Die Kameras sind von Geburt an blind fürs Gras. Stockblind fürs Fußballgrün des Spielfelds. Weiß Gott, weiß man, weißt du. Falls einer das nicht weiß, ist er selbst blind und taub und stumm fürs Gras und für den Fußball. Sitzt da als allerärmstes Schwein von Fan. Ist unser Fernsehfan. Ist Fernsehfan total.
Bleibt Fernsehfan ein Leben lang. Da sollte keiner drüber lachen. Musst aber auch nicht groß beweinen. Wäre zu viel der Ehre für das blinde Fernsehschwein. Ein Tröpfchen Mitleid reicht. Bisschen Barmherzigkeit, sofern Gelegenheit, für unseren Fernsehfan. Weiß ja nicht einmal, was ihm entgeht. Kann schreien, wie er will, auf seiner Fernguckcouch. Bleibt stumm. Kann schmeißen mit Chips, mit Fernbedienung auf Frau und Kind und Hund und Katz. Bleibt inoperabel blind fürs Fußballspiel. Ist taub. Er kennt das große Spiel nicht mal vom Hörensagen.
Musst also hingehen. Hundertmal hingehen, um schönes Spiel zu sehen. Tausendmal hingehen, bis großes Spiel aufgeht. Ist eine ungefähre Zahl. Mit Glück heißt sie neunhundertneunundneunzig. Und mit bisschen weniger vom selben Glück gehst du tausendundeinmal hin. Kannst losmarschieren mit deinem besten Kumpel. Noch besser ist ganz langsam latschen im Pulk mit zwei, drei gut gestimmten Kerlen. Falls du so viele Fußballfreunde hast. Bist du allein, schlurf einfach mit den Haufen von den vielen anderen, die ebenso alleine sind. Macht nichts. Die ganze Kumpanei ist Krücke. Bedeutet nichts als eine prima Krücke fürs Gehumpel durch die Zeit, bis wieder großes Spiel kommt. Bis großes Spiel heraufkommt, um uns gleich als erstes unsere Krücken wegzuhauen.
Wenn großes Spiel kommt, wirst du ein Knöchlein, wird man ein hohles Beinlein, werden wir Federchen vom großen Spiel. Mit einem zarten Ruck reißt großes Spiel uns aus dem Männerpech, das noch am Spielfeldrand die letzten zähen Blasen wirft. Wirst schon verstehen, wenn‘s so weit ist. Hat bisher jeder noch verstanden, wenn es schließlich dazu kam. Wie jeder Sperling sogleich genug vom ersten Flug kapiert, sobald er Hals über Kopf aus seinem vollgeschissenen Nest fällt.
Versprochen: Nach tausendzweimal Hingehen ist es garantiert so weit. Na gut, vielleicht wird’s tausenddreimal. Vielleicht musst du auch tausendviermal hin mit elend müden Beinen. Auch tausendfünfmal ist leider Gottes nicht ganz ausgeschlossen. Nimm’s mir nicht krumm, wenn’s tausendsechsmal wird. Hab einfach genug Geduld mit mir, mit unseren treuen Füßen und vor allem mit dem Fußball. Kommt schon. Es kommt so bombensicher wie Beinbruch oder Armbruch, kommt ganz gewiss wie große, unglückliche Liebe, kommt todsicher wie unser Tod zu uns. Ist aber schöner, weil viel größer. Und das ist keine Übertreibung. Wenn großes Spiel kommt, wächst es uns über alle Köpfe, ist größer als jeder Armbruch, größer als eine unglückliche Liebe, größer als Beinbruch oder Tod.
Deutschland ist gut für Fußball. Die deutschen Ausländer, die deutschen Inländer, wir alle wissen, Deutschland ist wirklich gut für Fußball. Andere Länder sind natürlich auch nicht übel. Haben selbst prima Gras. Fast überall auf unserem Globus, sogar auf Grönland gibt es gutes Gras für guten Fußball. Eisgras, Salzgras und Elefantengras. Unglaublich, aber wahr: Sogar auf einer dürren Insel, westlich vor Afrika, auf einem Hartplatz, gelb und kahl, nur ein paar braune Anstandshalme, kann großes Spiel passieren. Hab’s selbst erleben dürfen, dort in meinem Urlaub. Es war ein großer Erholungsschock für mich. War schmerzhaft herzerweitend. Hab auf der sonnengrellen Insel genauso wenig wie daheim vorhergesehen, dass großes Spiel kommt. War aber doch soweit. Es wurde tausend. Hab Zahl wieder nicht kommen sehen. Kannst mitzählen wie Adam Riese oder wie Computer. Du wirst es nicht erzählen mit Gewalt.
Deutschland, das Land, das unsere Heimat birgt, ist gestern, heute, morgen wundergut für Fußball. Gott sei gedankt. Wenn Deutschland eines schlimmen Tages schlecht für Fußball ist, muss man sich auf die Socken machen. Gnadenlos hauen wir dann einer nach dem anderen ab. Wir gehen für immer fort. Kommst mit? Komm mit! Lernen wir besser Amerikanisch oder Chinesisch oder gar Albanisch auf unsere alten Tage noch. Hauptsache, unsere fremde neue Heimstatt ist gut für Fußball. Dann gibt es eines Tages, nach viel Müh und Not und Zeit, ein frisches Fußballglück da in Albanien. Wenn Deutschland eines bösen Tages schlecht für Fußball, darf uns nichts halten können, keine Mauer nicht. Egal wie hoch. Gib mir dein Ehrenwort. Nimm meins. Selbst eine Totmachmauer wie die alte Mauer, die damals so viele stoppen konnte, vermag uns nicht zu halten – falls so ein neues Stacheldraht- und Minendeutschland schlecht für Fußball ist.
Sag mal, weißt du: Gab’s guten Fußball in dem alten Mauerdeutschland? Bin selbst nie dort gewesen, nicht mit Füßen, nicht mit Augen. Du weißt es auch nicht? Muss aber so gewesen sein. Muss manchmal tausend geworden sein hinter der Rundumblende aus Beton. Sonst wären denen alle Männer abgehauen, und Mauerdeutschland wär nur noch ein Weiberstaat gewesen, der prompt von selber ausstirbt. Musst dir mal vorstellen solche Schrecklichkeit. Ganz Deutschland eine mäuschenstille Steppe. Nur Wind pfeift noch durch schief gesunkene Tore, und eine letzte Grille zirpt dazu mit ihren Hinterbeinen. Ganz armes deutsches Gras wartet und wartet auf die Wiederkehr des Fußballgetrampels, wartet auf die Wiederkunft von freier Männerfröhlichkeit. Wartet und wächst umsonst und wächst sich blöd. Und Maulwürfe zergraben alle Fußballrasen, graben und graben, wurmdumm ihr Leben lang. Soll Gott verhüten so was. Verzeih. Solch schlimmes Deutschland ohne Spiel und Spiel und großes Spiel, so ganz und gar verfluchtes Deutschland soll sich keiner erdenken wollen.
Fragst du: Gab’s nicht mal Deutschland gegen Deutschland? Gibt’s immer noch. Egal, wie viele Deutschländer sich unsere Wiesen teilen. Wir-gegen-Uns ist immer eins der anstehenden Spiele. Ach, Wir-gegen-Uns gibt’s allzu oft. Ist immer schlimmer Hickhack. Ist nichts als Krampf und Mittelfeldgeknüppel. Wir spielen gegen uns wie ewig null zu null. Manchmal auch null zu eins. Manchmal auch eins zu null. Ach, Deutschland gegen Deutschland. Bleibt auch mit solchem Sparsieg bitterarmes Spiel. Bleibt Waten durch kaltes, trübes, salzig schweres Wasser. Wir müssen da wohl durch mit unseren Füßen. Wir müssen fröstelnd hin und durchgefroren wieder weg.
Musst hingehen. Du musst wieder hingehen. Solang das Gras noch grün ist. Solange Gras noch Gras ist. Sogar wenn jeder Halm aus Polyesterfaser, wirst du noch hingehen. Hast Zeit. Ein ganzes Leben hat man Zeit. Der Fußball ist ein Spiel fürs ganze Männerleben. Dein Männerleben. Dein deutschländriges Männerleben. Gib es ruhig zu. Gib’s mir, gib’s dir, gib es uns allen zu. Geh hin. Kommt Zeit. Geh hin. Wird Zeit. Ist Zeit. Ich bin so weit. Du kommst allein, ich komm allein, und dann spielt Deutschland. Deutschland spielt Deutschland. Tausend mal tausend. Deutschland spielt Deutschland. Noch ist es unerzählt. Deutschland spielt Deutschland. Großes Spiel.

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