manchmal/olykor von Paul Alfred Kleinert, 2008, ArgumentumPaul Alfred Kleinert

tristia moderna, Budapest 1978
(Leseprobe aus: manchmal/olykor, Gedichte deutsch/ungarisch, 2008, Argumentum Verlag Budapest/Leopold Brachmann Verlag Wien/Lyrik unserer Zeit - Übertragung Sándor Tatár, Nachwort von Tzveta Sofronieva)

zurück von Constanţa, dem alten Tomi – erfrischt nun im Bad
auf der Insel der heiligen Margit mit einem Band
der tristiae Ovids – zu dieser unversehens geraten
in ein Gespräch mit einem von Leid gezeichneten Mann
jetzt ein Wärter des hiesigen Bades – einst doch ein Lehrer
für die Sprache Ovids an einem Gymnásion der Stadt;
im Anschluß ging das Gespräch über die Briefe ex ponto
(von dem ich gerade geschieden) und kam auf das Jahr  ´56;
er wies seine Zähne, die meisten verschandelt von billigen Plomben
´angebohrt jene für unbotmäßiges Tun: die Strafe 
der Mächtigen in jenem düsteren Jahr´ – wie er erklärte

Aus Liebe zu diesem wollte er nicht verlassen das Land
(blando patriae retinebar amore klang auf die Sentenz)
ertrug so lieber Verbannung und Absatz vom lehrenden Amt
ward kundig denn wiederholt der nicht versiegenden Trauer
und dann, wie einer, der auch die Zeiten also überdauert
sprach er von Ovids Verbannung in seinem Wiener Deutsch
und: das Schreiben von Briefen sei heute wie damals gefährlich
vor allem, wenn sie dergleichen aufnehmen und sei’s im Gedicht...

Nach Jahren nun denk ich zurück an die Gestalt des Mannes
Was wohl geworden aus ihm und welcher Anteil am Geist
Seines Volkes ihm noch beschieden – tristia moderna
zurück, ex ponto, im Budapest des Jahres 1978

(IX.2004)

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