Mein Bruder
„Was wirst du mit so vielen Tagen,
die dir verbleiben, anfangen, und vor allem
mit so vielen Tagen, die dir fehlen?“
Pablo Neruda
Mein Bruder
Ich will meine Augen schließen.
Mit bloßem Auge sichten, den 14. Februar 1985.
Sechs Dinge will ich sehen
Sechs eingewurzelte Erinnerungen.
Eine ist die unendliche Liebe.
Die zweite ist die Angst.
Wenn ich aus deinen Haaren im Waschbecken
mir eine Knotenschrift dichtete-
meine erste Kritzeleizuflucht -
und gleichzeitig das Ende
unserer Luftballonkindheit.
Die dritte ist die Trauer.
Das in hohen Kissen verborgene Hüsteln.
Etwas kaum mehr Atmendes.
Etwas kaum mehr merkbar Knitterndes.
Das letzte lautlose Wimmern.
Deine kleinen Hände in den meinen.
Dann Narkose, OP
und schließlich Seziertisch.
Viertens die Sehnsucht.
An jenem Tage ging ich zu jedem abfahrenden Zug,
um meine Tränen zwischen denen der anderen zu verstecken.
DEIN Gleis war schräg in den Himmel gebaut.
Fünftens der Schmerz.
Und der Sonnenblumenstaub an meinen Fingern.
Als das Amen geschnürt wurde.
In deine Flügel gesprochen.
Erde über nicht-mehr
Lebendiges.
Die sechste Erinnerung ist die Einsamkeit
Und das, was sich umdreht in mir und warte doch! ruft.
Wir saßen auf der Holzbank vor der gemähten Wiese.
Ich hörte jeden Ton in deinem Ohr, so nah war ich dir.
Über den Rauchfängen des Krematoriums
werden wir uns wiederfinden
schwörten wir.
und wir wusstest noch nicht einmal wie Mädchen schmeckten...
Ich war dreizehn und
du hattest dich elf Jahre in mein Herz gefressen
Geben wir doch endlich brüllend zu,
dass wir nicht einverstanden sind
mit dem Tod.
Sechs Dinge sehe ich jeden Tag.
Keine Kraft mehr, außer diese:
zu SCHREIBEN.
So wie jetzt:
Eine Geschichte
von Dir
und mir.
(2006)
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