Totenvogel,Liebeslied von Michael Klaus, 2006, AssoMichael Klaus

Totenvogel, Liebeslied
(Leseprobe aus: Totenvogel, Liebeslied, Roman, 2006, Asso Verlag).

1 Ich hatte nicht vor, eine Truhe zu kaufen. Sah sie zwischen Gerümpel,
fragte nach dem Preis, versuchte, den Preis zu drücken, was mir nicht
gelang, und nahm sie mit. Transportierte sie sorgsam nach Hause. Wusch
sie ab und setzte mich daneben. Ich rauchte, trank Kaffee und starrte sie
an.
Minuten später war sie vollgestopft mit Zeitungsseiten und Schnipseln,
Notizen auf Briefkuverts, Disketten mit Sicherheitskopien von Romananfängen,
mit vor Jahren herausgerissenen Illustriertenseiten, und schloss
nur so gerade eben, weil der Deckel gewölbt war. Wenn alles beieinander
ist, statt zwischen und hinter Büchern zu stecken oder in Schubladen unter
Nähgarn und fast vergessen in Telefonbüchern, wenn all die Pläne,
die hinter Regale gerutscht waren oder im Portemonnaie vergammelten,
erst einmal an einem Ort versammelt sind, dachte ich, Zettel aus Taschen
lange nicht getragener Anzüge, alte Bandaufnahmen unterm Bett hervorgeholt,
verblasste Fotos voller Erzählungen, wenn das alles zusammengefegt
und in die Truhe gekippt ist, dann, so mein Traum von der Ordnung,
wird alles ganz leicht.
Ich rauchte und gab mich dem Trugbild hin, einmal ganz in Ruhe arbeiten
zu können. Oder noch naiver: Eines Morgens, dachte ich dann,
werde ich meine grüne Truhe auf den Buckel nehmen oder sie auf einen
kleinen dickköpfigen Esel schnallen und damit von Haus zu Haus ziehen:
Wer will was erzählt kriegen? Wer bietet was wofür?
Ich hatte sie nicht kommen gehört.
»Na, triffst du wieder Vorbereitungen?«
Meine Frau stand im Türrahmen.
»Du und mich verlassen? Du kommst keine zehn Schritt weit!«
Ich wollte aufspringen und ihr eine knallen. Ließ es. Dachte stattdessen
sorgfältig Wort für Wort: Du bist mir ein letztes Mal ins Hirn gekrochen!
Ich fand, sie hatte zu oft gemeint, meine Gedanken lesen zu können,
war der Meinung, wir hatten genug gestritten, zog mir die Schuhe an. Da
warf sie sich lang aufs Sofa, war sofort außer Atem, und fasste sich ans
Herz.
»Soll ich einen Arzt rufen?«
Meine Frau, die meinte, eine Prinzessin zu sein, stöhnte, schnappte nach
Luft und schrie. Ich telefonierte gegen ihr Schreien an. Klickte danach das
Gespräch weg. Der Arzt würde kommen, das sagte ich ihr, mehr nicht.
Ihre Sicht unserer zwanzigjährigen Ehe schoss in schneidenden, unerbittlichen
Bildern aus ihr heraus. Ich lächelte. Da weinte sie wie ein kleines
Kind. Ich gab ihr Tempos, holte mir saubere Socken und Wäsche.
»Bleib, bis der Arzt da ist!« flehte sie.
Ich legte ihr meine Hausschlüssel vor das Sofa.
Ich schob den rostigen Drahtesel unseres Nachbarn. Irgendwann käme
sicher die Gelegenheit, mich zum Diebstahl zu bekennen. Es war warm.
Meine linke Hand am Lenker, die rechte auf der Truhe. Ich war nicht
mehr schwerfüßig. An jeder Ampel hob ich vorsichtig den Deckel, linste
hinein: Zwischen Notizbüchern mit Personenbeschreibungen von Menschen,
die ich mit Genuss in Zügen beobachtet hatte, hingen die Schreie
vom 11. September. Zwischen Polizeiberichten merkwürdiger Todesfälle
glänzte das Lächeln einer rothaarigen Frau in Berlin Tiergarten, schimmerten
kleine Romanzen, lauerten Internetadressen abgebrochener Recherchen
zu Themen, die mich auf der Stelle so faszinierten, dass ich am
liebsten in einer Stunde einen dicken Roman geschrieben hätte, die mir
trotzdem aus den Augen kamen, vielleicht nur, weil gerade jemand anschellte.
Dazwischen meine Socken. Und Notizen über meine stickige
Ehe. Ich freute mich über die vielen Stoffe, Arbeit genug. Einiges schien
sich gerade im Moment zu ordnen, rutschte sogar schon im Kopf zu
Sätzen zusammen.
Ich schob das Rad direkt zu Insas Reisebüro. Sie saß mit strenger schwarz
gerandeter Brille am ersten Tisch, den man vom Eingang erreichte. Ich
blieb vor ihr stehen. Ihre Kollegen hoben die Köpfe. Ich sagte, wenn sie
immer noch wolle, könnten wir es ab jetzt miteinander versuchen.
»Um sechs hab ich Feierabend»« sagte Insa. »Wo kann ich dich treffen?«
Ich wartete auf sie in einem Biergarten unter Kastanien. Die Gäste hatten
ihre Gläser und Tassen mit Bierdeckeln gegen Taubenscheiße gesichert
und sich selbst aus Zeitungspapier gefaltete Hütchen aufgesetzt.
Eine Kellnerin in roten Stiefeln wirbelte Staub auf. Ich bat sie um eine
der Tischdecken aus Papier. Ich hatte die Truhe neben mich gestellt und
wollte sie schützen.

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