...in die weite Welt hinein von Michael Klaus, 2006, AssoMichael Klaus

BRILON-WALD
(Leseprobe aus: ...in die weite Welt hinein, 2006, Asso Verlag).

Ich steige in Gelsenkirchen in den Zug, steige in Dortmund um, steige in
Schwerte um, fahre über Fröndenberg, Wickede, Neheim-Hüsten, Arnsberg,
Meschede. Sitze mit einer Lupe über einer zurechtgefalteten Straßenkarte.
Weiß so, dass ich an der Ruhr entlangfahre.
1952, als mein Vater drei Mal diese Strecke fuhr, kam immer in Bestwig
wegen der Steigung eine zweite Lok dazu.
Jetzt die auf der Karte schwarz gestrichelte Linie, ein Tunnel. Direkt
nach dem Tunnel der Bahnhof Brilon-Wald. Nach dreistündiger Fahrt
steige ich aus. Es ist 10 Uhr 42.
Ich fotografiere den langgestreckten Fachwerkbahnhof und die qualmende
Batteriefabrik. Als Hintergrund sehe ich immer bewaldete,
herbstlich bunte Berge.
Ein schmales Tal. Ich frage den einzigen Schalterbeamten, ob es die
Klinik Hoheneinberg noch gibt. Aus dem Bahnhof links, über die Brücke,
dann sei sie ausgeschildert.
Die Straße steigt leicht an. Links die Batteriefabrik, die wegen der hohen
Schornsteine nicht stinkt. Rechts der eigentliche Stadtteil Brilons in
den Hang gebaut. Ich sehe die weiße Kirche und die hellen Häuser in
ihren akkurat aufgeteilten Parzellen. Darunter ein Werk, von dem ich nur
sehe, dass es bergeweise Kleinholz braucht.
Der Anstieg zur Klinik. Nadelwald. Davor ein paar kleine Birken. Ich
fotografiere.
Meine Eltern sind beide in Gelsenkirchen geboren. Als Lungenkranke
wurde meine Mutter zur Entbindung sechs Wochen vor der Geburt nach
Brilon-Wald geschickt. Den Eltern meines Vaters hatten meine Eltern
verheimlicht, dass da plötzlich eine Lungenkranke in der Familie war.
Hatten vorgegeben, die dürre Mutter müsse zur Erholung ins Sauerland.
Und der Großvater hat noch gesagt: Hoffentlich wird das Kind nicht gerade
dann geboren.
Ich fotografiere den Weg zur Klinik, als müsste ich alles kartografieren.
Es ist der einzige Weg in Brilon-Wald, der mich etwas angeht.
Die Klinik kommt schneller, als ich denke, und ist kleiner, als ich dachte.
Wenn man auf sie zugeht, sieht man sie von einer schmalen Seite, und
sie ist dann nicht imposant. Geht man an ihr vorbei den Berg hoch, hat
man sie schnell unter sich, eine zusammengeklebte Miniatur einer Klinik.
Hier hat mich meine Mutter geboren und durfte mich nach der Geburt
drei Wochen lang nicht berühren, nur durch eine Fensterscheibe sehen.
Die Nonnen haben meine Mutter überredet, mich in Brilon-Wald taufen
zu lassen, denn ein ungetauftes Neugeborenes nahm man damals nicht
mit auf eine Zugfahrt. Zur Tauffeier fuhr ich auf dem Arm eines Mädchens
in der einen Ecke, meine lungenkranke Mutter in einer anderen
Ecke des Fahrstuhls.
Ich gehe einmal um die Klinik herum, heute ein Erholungsheim des
Reichsbundes. Will mich auf eine Bank setzen. Aber die ist nass. Gehe
den Weg hinunter, den mich mein Vater Ende März 1952 hinuntergetragen
hat. Da holte er meine Mutter und mich Getauftes ab nach Gelsenkirchen.
Und die Ansteckungs- und Unfallgefahr lag außerhalb der Klinik
prompt nur noch in Gottes Hand. Ich gehe hinüber in diesen merkwürdigen
Stadtteil Brilon-Wald mit den auf Distanz stehenden, wenigen Häusern.
Ein Cocker-Spaniel ist nur so wütend auf mich, dass er dabei nicht
von der in den Berg gebauten Garage fällt. Die Pizzeria und die Kirche
sind geschlossen. Die Bücherei öffnet jeden Freitag von 16 bis 17.30 Uhr.
Von hier aus kann ich die Klinik nicht sehen. Ich bin in einem Versteck
geboren worden. Außer den Dampffahnen des Batteriewerkes bewegt
sich jetzt nichts. Natürlich überall auf hohen Bergen bunter Herbstwald.
Hätten meine Eltern mich nicht nach einundzwanzig Tagen aus diesem
Ort weggetragen, säße ich jetzt irgendwo in Brilon-Wald nachts auf
dem Dach meines Eigenheims und würde schreien oder mit Steinen
schmeißen.

Rezension I Buchbestellung III07 LYRIKwelt © Asso Verlag