Wie ich meine ersten drei Frauen verlor von Michael Klaus, 2001, PendragonMichael Klaus

Klopstock
(aus: Wie ich meine ersten drei Frauen verlor, Geschichten, 2001, Pendragon-Verlag).

Es war Montag. Während ich versuchte, in der Bedienungsanleitung unseres Sonys den Passus über das Abspeichern mit Kanaldirekteingabe zu kapieren, dachte ich plötzlich, es sei an der Zeit, mich umzubringen. Ich legte die Bedienungsanleitung zur Seite und nahm mir meinen Terminplaner und dachte: Samstag wäre gut.

Sicher hatte ich mich manchmal geliebt, oft ein paar Monate lang auf Teufel komm raus, dann ab und zu noch zwei, drei Tage nicht mehr ganz so wuchtig, aber doch konzentriert. Daß nichts Dauerhaftes entstehen würde aus meiner Liebe zu mir, etwas mit längerem Atem, etwas Ununterbrochenes, hatte ich aber früh erkannt, ohne meine Erkenntnis begründen zu können.

Wie jeder, der als Kind in einem humanistischen Gymnasium dialektische Besinnungsaufsätze geschrieben hat, habe auch ich zwei Ichs. Ein Ich beschützt mich so gut es das kann, eins zieht mich runter.

Und das Ich, das mich runterzog, lachte mich aus, weil ich ja sogar den Zeitpunkt meines Todes mit dem Planer abgeglichen hatte. Dabei war alles einmal ganz anders geplant. Sofort nach meiner Geburt war meine Mutter in den Bertelsmann Lesering e i n g e t r e t en, damit der aufgeweckte Sohn später eine Riesenellipse durchs All ziehen sollte. Und wir bekamen mit der Post ins Haus die Goetheausgabe in braunem Kunstleder mit Goldprägung, Schiller in Blau mit Gold, Eichendorff in Grün mit Gold. Shakespeare in Rot mit Gold.

Schon mit zehn war ich zugedröhnt mit Situationen und Konstellationen und Zitaten, die ich meist nicht verstand, und gedrillt darauf abzurufen, was Julia, was Stella, was Faust und was Gretchen gefühlt und gesagt hatten. Allerdings fand ich wohl oft beim Blättern die falschen Stellen. Ich fand, was man sagt, wäre man Schillers stöhnende Luise: Sterben, sterben, Gottallbarmherziger! Was nicht gerade eine Initialzündung zum Flug ins All war.

Zwar fand ich im Kleist auch den Schrei: Zum Sieg! Zum Sieg! In Staub mit allen Feinden Brandenburgs! Persönlich hat der Aufschrei mir aber damals nichts gebracht.

Spätestens mit dreizehn war ich durch das Lesen halb-kunstlederner Bertelsmannbände ein gebildeter Sadomasochist geworden, der, obwohl es ständig weh tat, weiterlas, aber nichts dabei empfand, als immer wieder einen gräßlichen Mangel: Die Welt war voller prächtiger Dramen! Warum war das bei mir nicht so? Nichts färbte auf mich ab. Alles explodierte vor Lust, nur nicht ich.

Ich zerbrach ja fast an solchen Vorstellungen: Warum kann es bei mir nicht so sein wie bei Werther und Lotten? Ans Fenster treten, wenns abseitswärts donnert und herrlicher Regen säuselt, er sah ihr Auge thränenvoll, und wenn sie dann sagt: Klopstock! –

Dieses ’Klopstock’ war auch noch mit zackigem Ausrufezeichen und bedeutungsschwerem Gedankenstrich markiert, damit ja keiner der Leser diesen Auslöser übersah. Und es folgte sofort, was er ausgelöst hatte, dieser Name, daß sich Werther nämlich sogleich der herrlichen Ode erinnerte, die Lotten in Gedanken lag, und Werther versank in dem Strome von Empfindungen, den sie in dieser Losung über ihn ausgoß.

Aber jetzt, vor mir der Sony als, wie mir schien, von mir nicht beherrschbares Fenster zur Welt , mit Bedienungsanleitung und Terminplaner neben mir, sagte niemand: Klopstock! – Und ich dachte mit dem einen Ich, das mich runterziehen wollte: Mir ist kalt.

Du bist wehleidig, sagte ich mir mit dem anderen Ich.

Bin ich nicht, dachte ich. Mir ist nur kalt, das ist alles.

Du hast dich schon beschlabbert mit lauter Selbstmitleid, sagte ich mir. Dein ganzes Hemd ist vollgeschlabbert mit Selbstmitleid. Wer soll das jemals wieder rauskriegen?

Das Selbstmitleid hatte ich aus den Romanen, die ich Anfang der Siebziger las. Die begannen alle mit: Sie fläzten sich am Tresen. Oder: Er spürte das lastende Schweigen. Oder: Es ist wie eine Krankheit über mich gekommen. Romane, die schon mit dem Anfangssatz die Perspektive verengten und prickelnd spielten mit dem verlockenden Gefühl von Vergeblichkeit, und ich war ihr gläubiger Leser.

Und mich auch noch an diese Romane erinnernd, begannen die beiden Ichs in mir, sich anzugleichen. Das Ich, das mir eigentlich Mut zusprechen wollte, war nahe daran, eine Figur von Woody Allen zu werden, die, wenn sie vor einem Verzweifelten steht, sagt: Oh, das ist ja furchtbar ... aber ich weiß auch nicht ... also, wissen Sie, ich ... mir geht’s selbst nicht gut.

Ich zündete mir eine Zigarette an. Dann nahm ich meinen Planer und wie in der Stoffsammlung zu einem dialektischen Besinnungsaufsatz oder wie bei einer Bilanz, schrieb ich auf eine leere halbe Seite: Was hat in mir jemals etwas Ähnliches ausgelöst wie in Werther der Name Klopstock?

Denn das hatte es ja auch bei mir gegeben, daß ich versank in einem Strome von Empfindungen. Sicher waren nicht alle meine Pläne verwirklicht worden. Eigentlich kein einziger. Aber gemacht worden waren sie ja immerhin.

Das kannte ich doch auch: Ans Fenster treten, wenns abseitswärts donnert, und der herrliche Regen säuselte auf das Land, und der erquickendste Wohlgeruch stieg in aller Fülle einer warmen Luft zu mir auf. Nur daß ich dann eben nicht ‘Klopstock’ gehört hatte, sondern: Stuyvesant.

Und ich erinnerte mich sogleich, und ich sah mich wie damals wieder im Kino.

Zuerst war die Stuyvesant-Reklame. Da flog die Kamera über New York, und ihr Sog riß mich mit, und mir war so schwindelig, daß ich mich am Sitz festhalten mußte. Dann Zauberkreuz BH. Dann Langnese. Dann ging das Licht wieder an, und der Kartenverkäufer kam mit Eis. Dann ging das Licht wieder aus, und ich dachte immer nur: Stuyvesant.

Und dann der Gong für den Hauptfilm. Während das Licht langsam ausging, drei wunderbare Töne Gong. Diese drei dunklen Töne, die Töne immer dunkler, und ganz sanft das Licht dabei weg. Da waren die Sitze nicht mehr dreckig und der weinrote Samt an den Wänden hatte keine Risse mehr. Und der Vorhang ging auf, und alles war zum Sterben schön.

Nur daß die Filme beschissen waren.

Die sah ich aber sowieso nicht. Ich dachte immer nur: Mehr erleben! Ich muß mehr erleben in der großen weiten Welt der Peter Stuyvesant.

Ich wollte mit über die Wolkenkratzer hinweggerissen werden oder meinetwegen in die bodenlosen Straßenschluchten abstürzen mit Peter Stuyvesant – mit dem Duft der großen weiten Welt, der Welt, in der ich als Weltstar Weltruhm erwerben wollte. Ich wollte Dramatiker werden, ein Autor von Weltruf auf den Bühnen von Weltgeltung mit einem Stück von Weltrang. Ich wurde hinweggewirbelt damals und wollte endlich mitmischen in Halbwelt und Unterwelt.

Die zuckersüßesten Augenblicke meines Lebens empfand ich also nicht bei der Lektüre des Werthers und nicht bei den Worten Natur oder Gott oder All oder beim nachgeplapperten Ausruf: Es lebe die Revolution! Die süßesten Worte für mich waren, als ich jung war: Peter Stuyvesant!

Und in meinen Fingerspitzen ist bis heute noch konserviert das Gespür für die Frau, die im Kino neben mir saß, für ihre Strümpfe von ‘ergee’, glatt und faltenfrei, und ihr mondänes, herrlich arrogantes Bein.

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