Stephan Kister

Marie - die lebendige Erinnerung

Five Years Ago.

Es ist fünf Jahre her. Fünf Jahre, seit Du gingst. Du hast mich verlassen,
und Du hast mich gar ohne ein Wort des Abschieds verlassen. Aber ich denke
immer noch jeden Tag an Dich, Marie.
Du warst die Frau meines Lebens, die Liebe meines Lebens. Unser Glück war
vollkommen, wir zwei beide haben die pure glückselige ewige Liebe erlebt.
Wir waren eins. Wir waren ein Paar. Wir waren immer zusammen, selbst dann,
wenn wir grad nicht beieinander waren. Wir verstanden uns blind, durch das
Gefühl, durch das Band zwischen uns, als gäbe es eine unsichtbare
Nabelschnur, die unsere Herzen gegenseitig verband und mit Liebe und
Verständnis nährte. Unser Leben war schöner, als wir beide es uns vorher
jemals zu erträumen gewagt hätten. Marie.

Five Years Ago.

Warum musstest Du gehen? "Es muss sein", hast Du gesagt. "Du findest eine
andere Frau", hast Du gesagt. "Eine bessere als mich vielleicht sogar", hast
Du gescherzt. Aber Du kanntest genau meine Gefühle. Und Du wusstest genau,
in welch unsagbarem Schmerz Du mich zurücklassen würdest. Es war dumm von
mir, Dich nach dem Warum zu fragen. Du wusstest ja selbst keine Antwort
darauf und das hat es Dir nur schwerer gemacht. Ich bitte Dich um
Verzeihung, Marie, dass ich nicht so stark war, wie ich hätte sein sollen,
aber zum Teufel, wie hätte ich stark sein können? Du warst doch meine Frau,
meine grosse Liebe, wie hätte ich den Abschied zulassen können? Du warst und
bist die eine, die einzige, die wahre für mich.

Five Years Ago.

Als ich kürzlich im Bad stand und mich rasierte, da roch es plötzlich nach
Pfirsichshampoo. Es war genau dieses seltene Shampoo, welches Du immer
benutztest, genau jenes, mit dem Du immer Dein wunderschönes, langes,
tiefschwarz glänzendes Haar wuschst, während ich mich rasierte. Es roch
plötzlich danach, es war derselbe Geruch, den ich früher so sehr gewohnt war
von Dir. Seit Jahren schon befindet sich kein Pfirsichshampoo mehr in meinem
Bad. Woher kam dieser Geruch? Woher? Warum?
Es gibt kein Pfirsichshampoo mehr in meinem Bad, kein langes schwarzes Haar
... Ich glaube, Du warst da.

Five Years Ago.

Es ist eine lange Zeit vergangen, seit Du gingst und nie mehr hörte ich ein
Wort von Dir. Nie mehr fühlte ich eine Berührung von Dir, die mir immer und
immer wieder eine Gänsehaut verursacht hatte. Nie mehr sah ich Dein
wunderbares, fröhliches Lachen, welches Dein Gesicht zu dem schönsten
Kunstwerk der Welt machte. Nie mehr fühlte ich Deinen leichten Atem auf
meiner Brust, wie ich ihn immer gespürt hatte, wenn Du in meinem Arm
einschliefst. Nie mehr spürte ich die Weichheit Deiner Lippen und die
Verspieltheit Deiner Zunge während unserer leidenschaftlichen Küsse ....
Es gibt so viele Dinge, die ich nie mehr spürte und die ich doch immer noch
jeden Tag erinnere.

Five Years Ago.

Nachdem Du fort warst, stürzte ich mich in Ablenkung. Arbeit vor allem. Ach,
die Arbeit ist eine vollkommene Ablenkung, und so gesehen war mein Schmerz,
den ich betäuben musste, dem Geschäft äusserst zuträglich. Ich vermeide es,
mich nach dem Sinn meiner Tätigkeit zu fragen, ich weiss nur allzu genau,
dass mir alles Geld der Welt vor fünf Jahren nicht dazu verholfen hätte,
Deinen Abschied auch nur hinauszuzögern. Aber gibt es was besseres? Die
Arbeit ist mein Morphium.
Gewiss, ich habe andere Frauen kennen gelernt, und manche haben mir
gefallen. Ja, ich habe auch wieder andere Frauen geküsst, mit anderen Frauen
getanzt, mit anderen Frauen geschlafen. Ja, all das. Aber da ist keine wie
Du, Marie! Es gibt keine wie Dich, Marie! Komm zurück, Marie, bitte komm
zurück!

Five Years Ago.

Marie, ich schlafe immer noch in demselben Bett wie damals. Jeden Abend,
wenn ich zu Bett gehe, ordne ich Dein Kissen und Deine Decke so an, wie Du
es gern hattest. Jede Nacht verbringe ich neben dieser unsagbar
schmerzhaften Leere neben mir. Und jeden Morgen vermisse ich Deine
stürmische Umarmung mit der Du mir soviel Schwung für jeden Tag verliehen
hattest. Ach, ich vermisse sogar den schlecht aufgebrühten Kaffee, an dem
Dein sonst so grosses Universaltalent einfach seine Grenzen fand. Marie, ich
vermisse Dich, jeden Tag, jede Nacht, ich vermisse Dich so sehr!

Five Years Ago.

Es gibt immer noch drei Tage im Jahr, die ich feierlich begehe: Deinen
Geburtstag, den Tag unseres Kennenlernens und den Tag, an dem Du gingst.
Inzwischen sind diese drei Tage alle gleich feierlich und gleich traurig für
mich, und ich begehe sie allein. Allein, aber in Gedanken bei Dir.
Acht Jahre, Marie, so lange waren wir ein Paar, ein so glückliches Paar. Und
in unserem letzten gemeinsamen Jahr sprachen wir von Heirat, von Kindern.
Die Welt war so schön, ich erinnere mich kaum noch, wie glücklich ich damals
war. Es kommt mir so irreal vor, dieses Glück und diese Liebe, die es
zwischen uns gab! Marie.

Five Years Ago.

Der Tag, an dem Du gingst, läuft immer noch wie ein Film in mir ab. Ich
weiss noch alles ganz genau, jede Minute. Es schien alles in Ordnung zu
sein, Du warst so fröhlich gewesen, hast mit mir gescherzt und wir hatten
sogar Pläne gemacht, für ein gemeinsames Wochenende in Paris, der Stadt, die
Du so liebtest. Es war ein gemeinsamer Tag von uns, es war ein glücklicher
Tag gewesen, nichts schien auf Abschied hinzudeuten; doch Du, Du musst es
gewusst haben, durch Deine Leichtigkeit wolltest Du es mir leicht machen.
Marie. Wie hätte es leicht sein können für mich? Es ist noch heute so schwer
wie damals, Marie.

Five Years Ago.

Marie, mein Leben ist so leer und sinnentleert ohne Dich. Marie, ich kann
mich nicht verlieben und ich will es auch nicht mehr versuchen. Marie, es
ist mir egal, wie dumm es ist, aber meine Liebe gehört noch immer Dir, und
nur Dir!
Marie, ich habe keine Freunde mehr, denn alle Freunde rieten mir früher oder
später, ich solle Dich vergessen, etwas Neues anfangen. Stell Dir das vor!
Aber ich will Dich nicht vergessen! Und ich will keine andere lieben! Nein,
Marie, ich will Dich weiter lieben und nur Dich und Dich nie vergessen und
niemanden hören, der etwas anderes sagt, ich will es nicht! Ich will nur bei
Dir sein! Marie!

Five Years Ago.

Es ist fünf Jahre her. Ich besuche noch immer täglich ihr Grab. Auch im
Winter, auch bei Regen.
Marie starb an Bauchspeichdrüsenkrebs als sie 29 Jahre jung war.

(2003)

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