Die mechanischen Löwen von Danilo Kiš, 2007, Hanser

Danilo Kiš

Die mechanischen Löwen
(Leseprobe aus: Die mechanischen Löwen, Stücke, 2007, Hanser - Übertragung Peter Urban und Ilma Rakusa).

MÁRIA RIGÓ: Andreas Sam! Andreas Sam … (Mit Tränen in den

Augen) Herr du mein Gott, wie konnte ich mich nicht früher

erinnern! Der kleine Andreas Sam, der Sohn von Herrn Eduard Sam,

der kleine Sam, der sich immer mit Julija Szabó amüsiert hat …

Andi, Andi, wer könnte sich nicht erinnern … Und ich habe so oft an

euch gedacht … (Verwirrt) An dich, an deine Schwester, an euch

alle. Kaum hattest du Julija Szabó erwähnt, habe ich mich sofort

erinnert… (Droht ihm mit dem Finger) Du meinst wohl, deine gute

alte Lehrerin wäre schon völlig verkalkt und erinnerte sich an gar

nichts mehr. Oh, du warst ein großer Taugenichts… Ein Taugenichts,

wie mein Oto, bei Gott … Ich weiß, du hast der kleinen Julija den

Kopf verdreht … Das habe ich schon damals gewußt … Ach, wie

wird sich der Emil freuen, wenn er hört, wer da zu Besuch

gekommen ist. Ich weiß nur wirklich nicht, wo er so lange bleibt …

Vielleicht sollte ich jemanden nach ihm schicken, damit man weiß,

was mit ihm ist … damit er endlich nach Hause kommt … Wie

konnte ich mich bloß nicht erinnern … Als wäre es gestern, so genau

sehe ich alles vor mir. Du hast dich wirklich sehr verändert … Ich

erinnere mich, du bist immer mit so einem großen Hund

spazierengegangen, am Flußufer entlang … Und hast dich mit Julija

im Heuschober versteckt… Ich kenne dich, habe ich dich jetzt

endlich erwischt… Andi, Andi… Also darauf muß auch ich ein

Gläschen trinken, obwohl der Arzt es mir verboten hat, sogar vor

dem Essen, ein Gläschen Raki zu trinken, trotzdem, bei solch

seltenen Anlässen trinke auch ich einen Tropfen. Auf dein Wohl …

JUNGER MANN: Auf Ihr Wohl, Frau Lehrerin …

MÁRIA RIGÓ: Ah nein, warte einen Augenblick … (Horcht. Man

hört, wie die Wohnungstür geöffnet wird) Das ist sicher Emil … Wir

trinken das Gläschen zu dritt …

Emil … Emil?

EMIL (off): Wieder haben die uns gequält mit ihren ewigen

Versammlungen …

MÁRIA RIGÓ: Emil, sieh nur, wer uns besuchen gekommen ist …

Einer von Otos Freunden.

EMIL (off): Immer findet sich jemand, der die Parteilinie nicht

kapiert, und deswegen mußt du und deine Genossen deine kostbare

Zeit verschwenden …

Emil tritt ein, reicht dem jungen Mann die Hand, küßt Mária auf die

Stirn.

EMIL: …Verzeihen Sie, ich bin ein bißchen müde… Um Gottes

willen, Mária, warum hast du dem Genossen nichts zu essen gegeben

… sicher habt ihr auf mich gewartet …

JUNGER MANN: Oh, nein, meine Lehrerin hat mich äußerst

liebenswürdig bewirtet, aber glauben Sie mir…

MÁRIA RIGÓ: Emil, das ist ein Schulfreund von Oto …

JUNGER MANN: Eigentlich, um genau zu sein: von Anton.

EMIL: Von der Universität?

MÁRIA RIGÓ: Aber nein, Emil, um Gottes willen, ein Schüler von

mir von vor zwanzig Jahren. Er ging mit Anton zusammen in die

Grundschule …

JUNGER MANN: Ja, Herr Emil, von vor zwanzig Jahren …

MÁRIA RIGÓ: Natürlich, Emil, kannst du dich nicht an Andreas

erinnern, den kleinen Andreas …

EMIL: Wieso eigentlich nicht, ich habe den Eindruck, als komme mir

das Gesicht ganz bekannt vor… Ehrlich gesagt, kann ich mich nicht

genau erinnern … hm … an die elementaren, um es so zu sagen, die

biographischen Daten, aber daß der Genosse einer von Otos …

MÁRIA RIGÓ: Von Antons …

EMIL: Von Antons Schulfreunden ist, ist mir ganz klar, das heißt, ich

habe in Ihnen einen der … aber ehrlich gesagt…

MÁRIA RIGÓ: Gib dir keine Mühe, Emil … Glaube mir, auch ich

habe ihn nicht wiedererkannt, und stell dir vor, bis vor kurzem, bis du

kamst, hat er mich im Ungewissen gelassen, wie in einem

Kriminalfilm … Er war so geheimnisvoll, bis er sich endlich zu

erkennen gab… Und weißt du, wie?…

Mária Rigó geht in die Küche.

MÁRIA RIGÓ (off): Die Kartoffeln sind ein bißchen zerfallen, aber

das Fleisch schmeckt sehr gut … Emil, mein Gott, du bist selber

schuld … Aber mir tut es leid …

JUNGER MANN: Frau Rigó ist wirklich äußerst liebenswürdig zu

mir … Und ich habe wirklich Ihre Gastfreundschaft nicht

mißbrauchen wollen …

EMIL: Oh, bitte, bitte, kein Wort vom Mißbrauch der

Gastfreundschaft … Bitte sehr … im Gegenteil …

Frau Rigó kommt mit dem Essen herein.

MÁRIA RIGÓ: Oh, nein, Emil, du mußt dich noch ein Momentchen

wollte ich trinken auf das Wohl des kleinen Andreas Sam, meines

Schülers … Das wollten wir, gerade als du kamst …

EMIL: Wie sagtest du? (Zum jungen Mann) Ah! (Klopft ihm auf die

Schulter) Natürlich, Andreas S?ram, Otos Freund, der …

MÁRIA RIGÓ: Du hast danebengetappt, Emil … Du meinst Otos

Freund Andor S?ram, aber das hier ist Andreas Sam … Also, Andi,

Emil … (Alle greifen zu den Gläsern) … auf das Wohl meines

Schülers Andreas Sam …

Alle trinken aus.

EMIL: Wie sagten Sie, Sam, Andreas Sam …

JUNGER MANN: Ja, mein Herr, Andreas Sam.

MÁRIA RIGÓ: Natürlich kannst du dich kaum an ihn erinnern … Du

hast ihn nur unterrichtet, wenn du mich vertreten mußtest, was vor

allem besagt …

JUNGER MANN: Ja, Herr Emil, Sie haben uns immer Kopfnüsse

gegeben …

EMIL: Das kann ich nicht glauben … Kopfnüsse?

JUNGER MANN: Ja, Herr Emil, Sie gaben uns Kopfnüsse, mit dem

Mittelfinger, an dem sich ein Siegelring befand …

MÁRIA RIGÓ: Andi, vielleicht übertreibst du auch… Soviel ich

weiß, war Emil sehr gutmütig zu den Schülern.

EMIL: Wissen Sie, ich will Ihnen jetzt nicht widersprechen, aber,

ehrlich gesagt, was Sie da sagen, das heißt, daß ich jemals, jemals in

meinem Leben meinen Schülern Kopfnüsse gegeben haben soll, und

das mit dem Siegelring, das erscheint mir geradezu phantastisch! …

Nein, nein, ich weiß, daß in der kindlichen Psyche entstehen kann, in

diesem Fall auf der Linie des Widerstands, daß also eine Art

psychischer Deformation entstehen kann, eine Art deformierter

Erinnerung, die ihrerseits Folge eines Schocks ist, einer Art, wie soll

ich sagen, einer Art infantiler fixen Idee…

MÁRIA RIGÓ: Also setzen wir uns zu Tisch und essen wir endlich,

es wird nichts mehr aufgeschoben …

JUNGER MANN: Ich bleibe bei meinem, gnädige Frau, und setze

mich mit Ihrer Erlaubnis hierher, während Sie essen…

MÁRIA RIGÓ: Gut, Andi, aber daß du weißt, daß es mir sehr leid

tut, daß du nicht mit uns essen kannst … Aber wenn der Mensch

keinen Hunger hat …

Emil setzt sich zu Tisch, stopft sich eine weiße Serviette in den

Hemdkragen und beginnt zu essen. Die ganze Zeit spricht er mit

vollem Mund, ißt langsam, aber wie ein Gourmand.

EMIL: Tut uns wirklich leid … aber, wie der Volksmund sagt, man

soll den Menschen nicht zwingen… Schenken Sie sich nur ein … der

Raki ist nicht schlecht… Aber es erscheint mir geradezu phantastisch,

weil ich seit eh und je, also seit ich mich mit dieser pädagogischen

Praxis beschäftige, also noch zu der Zeit, als ich Dorfschullehrer war,

und das ist ziemlich lange her, also seit eh und je physischen Zwang,

physische Strafen als unpädagogisch und inhuman angesehen habe,

was in diesem Falle ein und dasselbe bedeutet, denn gerade die

Pädagogik ist letzten Endes auf Humanität zurückzuführen und

umgekehrt …

JUNGER MANN: Glauben Sie mir, ich habe das nur so ganz

nebenbei erwähnt, als Erinnerung aus meiner Kindheit, die Frau Rigó

und ich …

EMIL: In Ordnung, in Ordnung, ich fühle mich nicht beleidigt, weit

davon entfernt, aber ich will nur erklären, wie gewisse Dinge sich

durch das Prisma der Erinnerung verändern, und besonders, wenn es

sich um Kindheitserinnerungen handelt … Einfacher gesagt: Ihnen

erschien mein Ring in einem Augenblick, als, sagen wir, in einem

Augenblick, wo Sie ein schlechtes Gewissen hatten wegen

irgendeines völlig naiven und kindischen Vergehens, damals erschien

Ihnen mein Ring als irgendwie bedrohlich, sogar gefährlich, als

irgendein gefährliches Mittel zur Bestrafung mißratener Schüler …

MÁRIA RIGÓ: Und ob, Emil, er hatte wahrlich Grund für ein

schlechtes Gewissen. Er hat sich doch immer mit den kleinen

Mädchen herumgedrückt …

EMIL: Sehen Sie, und so ist es zu dieser Deformation gekommen, zu

dieser kleinen psychischen Deformation, daß Ihnen mein Ring im

Traum erschien oder daß Sie sich einfach eingebildet haben, wie der

Lehrer, dieser ewig strenge Lehrer, die Kinder bestraft, indem er

ihnen Kopfnüsse gibt, und das – bitte, das ist sehr interessant – mit

dem Mittelfinger, an dem sich ein Siegelring befindet.

JUNGER MANN: Sie haben recht, Erinnerungen, besonders

Kindheitserinnerungen sind schwer zu überprüfen und noch weniger

zu beweisen, denn der Zeuge, sozusagen, der einzige Zeuge ist tot …

EMIL: Sehen Sie … ein hervorragendes Beispiel …

JUNGER MANN: Aber Sie müssen mir verzeihen, diese Geschichte

mit dem Siegelring sitzt in mir, fest und unverbrüchlich…

MÁRIA RIGÓ: Ihr redet wirklich von sehr unwichtigen Dingen. Wie

dem auch sei, Emil, du mußt zugeben, du warst schon immer nervös,

obwohl ich, ehrlich gesagt, Andi, weiß, daß Emil ein Vorkämpfer

anderer pädagogischer Maßnahmen ist und daß er gegen jegliche

physische Bestrafung von Schülern ist.

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