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Die mechanischen Löwen
(Leseprobe aus: Die
mechanischen Löwen, Stücke, 2007,
Hanser - Übertragung Peter Urban
und Ilma
Rakusa).
MÁRIA RIGÓ: Andreas Sam! Andreas Sam … (Mit Tränen in den
Augen) Herr du mein Gott, wie konnte ich mich nicht früher
erinnern! Der kleine Andreas Sam, der Sohn von Herrn Eduard Sam,
der kleine Sam, der sich immer mit Julija Szabó amüsiert hat …
Andi, Andi, wer könnte sich nicht erinnern … Und ich habe so oft an
euch gedacht … (Verwirrt) An dich, an deine Schwester, an euch
alle. Kaum hattest du Julija Szabó erwähnt, habe ich mich sofort
erinnert… (Droht ihm mit dem Finger) Du meinst wohl, deine gute
alte Lehrerin wäre schon völlig verkalkt und erinnerte sich an gar
nichts mehr. Oh, du warst ein großer Taugenichts… Ein Taugenichts,
wie mein Oto, bei Gott … Ich weiß, du hast der kleinen Julija den
Kopf verdreht … Das habe ich schon damals gewußt … Ach, wie
wird sich der Emil freuen, wenn er hört, wer da zu Besuch
gekommen ist. Ich weiß nur wirklich nicht, wo er so lange bleibt …
Vielleicht sollte ich jemanden nach ihm schicken, damit man weiß,
was mit ihm ist … damit er endlich nach Hause kommt … Wie
konnte ich mich bloß nicht erinnern … Als wäre es gestern, so genau
sehe ich alles vor mir. Du hast dich wirklich sehr verändert … Ich
erinnere mich, du bist immer mit so einem großen Hund
spazierengegangen, am Flußufer entlang … Und hast dich mit Julija
im Heuschober versteckt… Ich kenne dich, habe ich dich jetzt
endlich erwischt… Andi, Andi… Also darauf muß auch ich ein
Gläschen trinken, obwohl der Arzt es mir verboten hat, sogar vor
dem Essen, ein Gläschen Raki zu trinken, trotzdem, bei solch
seltenen Anlässen trinke auch ich einen Tropfen. Auf dein Wohl …
JUNGER MANN: Auf Ihr Wohl, Frau Lehrerin …
MÁRIA RIGÓ: Ah nein, warte einen Augenblick … (Horcht. Man
hört, wie die Wohnungstür geöffnet wird) Das ist sicher Emil … Wir
trinken das Gläschen zu dritt …
Emil … Emil?
EMIL (off): Wieder haben die uns gequält mit ihren ewigen
Versammlungen …
MÁRIA RIGÓ: Emil, sieh nur, wer uns besuchen gekommen ist …
Einer von Otos Freunden.
EMIL (off): Immer findet sich jemand, der die Parteilinie nicht
kapiert, und deswegen mußt du und deine Genossen deine kostbare
Zeit verschwenden …
Emil tritt ein, reicht dem jungen Mann die Hand, küßt Mária auf die
Stirn.
EMIL: …Verzeihen Sie, ich bin ein bißchen müde… Um Gottes
willen, Mária, warum hast du dem Genossen nichts zu essen gegeben
… sicher habt ihr auf mich gewartet …
JUNGER MANN: Oh, nein, meine Lehrerin hat mich äußerst
liebenswürdig bewirtet, aber glauben Sie mir…
MÁRIA RIGÓ: Emil, das ist ein Schulfreund von Oto …
JUNGER MANN: Eigentlich, um genau zu sein: von Anton.
EMIL: Von der Universität?
MÁRIA RIGÓ: Aber nein, Emil, um Gottes willen, ein Schüler von
mir von vor zwanzig Jahren. Er ging mit Anton zusammen in die
Grundschule …
JUNGER MANN: Ja, Herr Emil, von vor zwanzig Jahren …
MÁRIA RIGÓ: Natürlich, Emil, kannst du dich nicht an Andreas
erinnern, den kleinen Andreas …
EMIL: Wieso eigentlich nicht, ich habe den Eindruck, als komme mir
das Gesicht ganz bekannt vor… Ehrlich gesagt, kann ich mich nicht
genau erinnern … hm … an die elementaren, um es so zu sagen, die
biographischen Daten, aber daß der Genosse einer von Otos …
MÁRIA RIGÓ: Von Antons …
EMIL: Von Antons Schulfreunden ist, ist mir ganz klar, das heißt, ich
habe in Ihnen einen der … aber ehrlich gesagt…
MÁRIA RIGÓ: Gib dir keine Mühe, Emil … Glaube mir, auch ich
habe ihn nicht wiedererkannt, und stell dir vor, bis vor kurzem, bis du
kamst, hat er mich im Ungewissen gelassen, wie in einem
Kriminalfilm … Er war so geheimnisvoll, bis er sich endlich zu
erkennen gab… Und weißt du, wie?…
Mária Rigó geht in die Küche.
MÁRIA RIGÓ (off): Die Kartoffeln sind ein bißchen zerfallen, aber
das Fleisch schmeckt sehr gut … Emil, mein Gott, du bist selber
schuld … Aber mir tut es leid …
JUNGER MANN: Frau Rigó ist wirklich äußerst liebenswürdig zu
mir … Und ich habe wirklich Ihre Gastfreundschaft nicht
mißbrauchen wollen …
EMIL: Oh, bitte, bitte, kein Wort vom Mißbrauch der
Gastfreundschaft … Bitte sehr … im Gegenteil …
Frau Rigó kommt mit dem Essen herein.
MÁRIA RIGÓ: Oh, nein, Emil, du mußt dich noch ein Momentchen
wollte ich trinken auf das Wohl des kleinen Andreas Sam, meines
Schülers … Das wollten wir, gerade als du kamst …
EMIL: Wie sagtest du? (Zum jungen Mann) Ah! (Klopft ihm auf die
Schulter) Natürlich, Andreas S?ram, Otos Freund, der …
MÁRIA RIGÓ: Du hast danebengetappt, Emil … Du meinst Otos
Freund Andor S?ram, aber das hier ist Andreas Sam … Also, Andi,
Emil … (Alle greifen zu den Gläsern) … auf das Wohl meines
Schülers Andreas Sam …
Alle trinken aus.
EMIL: Wie sagten Sie, Sam, Andreas Sam …
JUNGER MANN: Ja, mein Herr, Andreas Sam.
MÁRIA RIGÓ: Natürlich kannst du dich kaum an ihn erinnern … Du
hast ihn nur unterrichtet, wenn du mich vertreten mußtest, was vor
allem besagt …
JUNGER MANN: Ja, Herr Emil, Sie haben uns immer Kopfnüsse
gegeben …
EMIL: Das kann ich nicht glauben … Kopfnüsse?
JUNGER MANN: Ja, Herr Emil, Sie gaben uns Kopfnüsse, mit dem
Mittelfinger, an dem sich ein Siegelring befand …
MÁRIA RIGÓ: Andi, vielleicht übertreibst du auch… Soviel ich
weiß, war Emil sehr gutmütig zu den Schülern.
EMIL: Wissen Sie, ich will Ihnen jetzt nicht widersprechen, aber,
ehrlich gesagt, was Sie da sagen, das heißt, daß ich jemals, jemals in
meinem Leben meinen Schülern Kopfnüsse gegeben haben soll, und
das mit dem Siegelring, das erscheint mir geradezu phantastisch! …
Nein, nein, ich weiß, daß in der kindlichen Psyche entstehen kann, in
diesem Fall auf der Linie des Widerstands, daß also eine Art
psychischer Deformation entstehen kann, eine Art deformierter
Erinnerung, die ihrerseits Folge eines Schocks ist, einer Art, wie soll
ich sagen, einer Art infantiler fixen Idee…
MÁRIA RIGÓ: Also setzen wir uns zu Tisch und essen wir endlich,
es wird nichts mehr aufgeschoben …
JUNGER MANN: Ich bleibe bei meinem, gnädige Frau, und setze
mich mit Ihrer Erlaubnis hierher, während Sie essen…
MÁRIA RIGÓ: Gut, Andi, aber daß du weißt, daß es mir sehr leid
tut, daß du nicht mit uns essen kannst … Aber wenn der Mensch
keinen Hunger hat …
Emil setzt sich zu Tisch, stopft sich eine weiße Serviette in den
Hemdkragen und beginnt zu essen. Die ganze Zeit spricht er mit
vollem Mund, ißt langsam, aber wie ein Gourmand.
EMIL: Tut uns wirklich leid … aber, wie der Volksmund sagt, man
soll den Menschen nicht zwingen… Schenken Sie sich nur ein … der
Raki ist nicht schlecht… Aber es erscheint mir geradezu phantastisch,
weil ich seit eh und je, also seit ich mich mit dieser pädagogischen
Praxis beschäftige, also noch zu der Zeit, als ich Dorfschullehrer war,
und das ist ziemlich lange her, also seit eh und je physischen Zwang,
physische Strafen als unpädagogisch und inhuman angesehen habe,
was in diesem Falle ein und dasselbe bedeutet, denn gerade die
Pädagogik ist letzten Endes auf Humanität zurückzuführen und
umgekehrt …
JUNGER MANN: Glauben Sie mir, ich habe das nur so ganz
nebenbei erwähnt, als Erinnerung aus meiner Kindheit, die Frau Rigó
und ich …
EMIL: In Ordnung, in Ordnung, ich fühle mich nicht beleidigt, weit
davon entfernt, aber ich will nur erklären, wie gewisse Dinge sich
durch das Prisma der Erinnerung verändern, und besonders, wenn es
sich um Kindheitserinnerungen handelt … Einfacher gesagt: Ihnen
erschien mein Ring in einem Augenblick, als, sagen wir, in einem
Augenblick, wo Sie ein schlechtes Gewissen hatten wegen
irgendeines völlig naiven und kindischen Vergehens, damals erschien
Ihnen mein Ring als irgendwie bedrohlich, sogar gefährlich, als
irgendein gefährliches Mittel zur Bestrafung mißratener Schüler …
MÁRIA RIGÓ: Und ob, Emil, er hatte wahrlich Grund für ein
schlechtes Gewissen. Er hat sich doch immer mit den kleinen
Mädchen herumgedrückt …
EMIL: Sehen Sie, und so ist es zu dieser Deformation gekommen, zu
dieser kleinen psychischen Deformation, daß Ihnen mein Ring im
Traum erschien oder daß Sie sich einfach eingebildet haben, wie der
Lehrer, dieser ewig strenge Lehrer, die Kinder bestraft, indem er
ihnen Kopfnüsse gibt, und das – bitte, das ist sehr interessant – mit
dem Mittelfinger, an dem sich ein Siegelring befindet.
JUNGER MANN: Sie haben recht, Erinnerungen, besonders
Kindheitserinnerungen sind schwer zu überprüfen und noch weniger
zu beweisen, denn der Zeuge, sozusagen, der einzige Zeuge ist tot …
EMIL: Sehen Sie … ein hervorragendes Beispiel …
JUNGER MANN: Aber Sie müssen mir verzeihen, diese Geschichte
mit dem Siegelring sitzt in mir, fest und unverbrüchlich…
MÁRIA RIGÓ: Ihr redet wirklich von sehr unwichtigen Dingen. Wie
dem auch sei, Emil, du mußt zugeben, du warst schon immer nervös,
obwohl ich, ehrlich gesagt, Andi, weiß, daß Emil ein Vorkämpfer
anderer pädagogischer Maßnahmen ist und daß er gegen jegliche
physische Bestrafung von Schülern ist.
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