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Da ich keine falschen Vorstellungen aufkommen lassen möchte,
gestehe ich lieber gleich, daß unser Hof in Wirklichkeit gar keiner war.
Jedenfalls nicht das, was man gemeinhin mit einem so bezeichneten Ort verbindet.
Man kann in dieser Bezeichnung den Wunsch erkennen, der sich in dieser verbalen
Aufbesserung zu erkennen gab: einen richtigen Hof zu besitzen. Räumlich, der
puren Platznot geschuldet, ließ sich dies jedoch nicht bewerkstelligen. Unser
Hof war nur ein halbwegs eben gemachter Gang vor der Längsseite des Hauses von
allenfalls doppelter Breite einer Heiste. Eingezwängt zwischen Garten und
Schuppen, der nur ein Schauer war. Dieser bescheidene Anbau war im rechten
Winkel ans Haus gesetzt worden. Bis in urgroßväterliche Zeiten hatte er als
Schmiedewerkstatt gedient. Ein paar vom Rost angenagte Ackerwagenreifen galten
als Beweisstücke für diese Behauptung. Das Mauerwerk war quer von stattlichen
Rissen durchzogen. Die nicht tief genug gesetzte Grundmauer auf der laufenden
Berglehne, die bestrebt war, nach Wettergüssen ins Tal der Wilden Sau zu
gelangen, wollte nicht aufhören, sich zu senken. Der zu gewärtigende Einsturz
ließ jedoch wunderbarerweise auf sich warten. Jahr um Jahr. Immerhin solange
meine Kindheit währte. Zuweilen wurden die Risse, von denen es halb scherzhaft,
halb verächtlich hieß, man könne durch sie einen Hut werfen, mittels saftiger
Kellenladungen zugeworfen, zugestopft und am Ende einigermaßen geglättet mit der
blanken Kellenunterseite und dem Streichbrett, das zur Hand zu sein hatte. Wie
sorgfältig auch ausgeschmiert wurde, es blieb auf Dauer ein vergebliches
Unterfangen. Denn bald zeigten die Risse ihr Geäder, das sich durch die
Bruchsteinwand zog, wieder in alter Schönheit.
Hinter dem auf einer teils meter-, teils mannshohen Trockenmauer stehenden
Lattenzaun, der so lawede geworden war, daß er längst einer Erneuerung bedurft
hätte, fiel der Berg sogleich ab bis in den Talgrund, aus dem das geschwätzige
Gemurmel des Baches heraufdrang, das alle Zuhörer auf eine mildherzige Weise zu
beruhigen und zu besänftigen wußte. Für alle Dorfbewohner blieb das über ein
steinernes Geröllbett schlürfende Wasser immer und ewig nur die Bach. Dieser
stete, festgewordene Genusgebrauch prägte diese Form so hart, daß ich späterhin
in anderen Regionen meine Schwierigkeiten haben sollte, mich an den Gebrauch des
maskulinen Artikels zu gewöhnen. Und ich muß gestehen, in meinen Ohren klingt
die Bach auch heute noch viel passender und schöner als der Bach.
Das normalerweise ausgesprochen friedfertige Neben-flüßchen der Elbe wußte eine
beachtliche Fülle vokalisierter Wasserzustands- und Befindlichkeitsformen von
sich zu geben. Je nach Wasserführung. Wir verstanden die Sprache des fließenden
Wassers, das es unterhalb unseres Hauses ein wenig eiliger hatte als andernorts,
ganz gut. So wie bei lang anhaltender Sommertrockenheit die Bach ganz verstummen
konnte, ließ sie nach starken Regenfällen ein geradezu leidenschaftliches
Rauschen und Gurgeln vernehmen. Ganz zu schweigen von jenen gefährlichen Tagen,
an denen sie Hochwasser mit sich führte und zum reißenden Strom wurde, der breit
über die Ufer trat und die Brückenbögen zu zerstören trachtete. Dann lag das
harmlose Flüßchen den Anliegern im Tale bedrohlich genug in den Ohren, während
wir oben auf dem Berge nichts von ihm zu befürchten hatten. Unser Teil war und
blieb immer nur sein Gesang.
Der mit Apfel- und Birnbäumen geschmückte Wiesenhang, auf den sich zwei Eichen
und eine Salweide selbsttätig eingeschmuggelt hatten, gehörte zur Rittermühle
und wurde als Futterfläche genutzt. Nutznießer waren die beiden Pferde, die vor
den Brotwagen gespannt wurden und sich als Feldbesteller zu bewähren hatten. Im
Mai schäumte die Berglehne zu einem einzigen weißen Blütenmeer auf. Wer würde
heutzutage noch an einem solchen Hang die Sense schwingen wollen? Wozu auch? Auf
den Bandstegen, die sich in gleichmäßig gewellten Linien am Bergrücken
entlangzogen, ließ sich der Schiebbock nur mit großem Geschick bugsieren. Wenn
er hoch mit Gras bepackt war, Sense, Gabel, Rechen tief in die Ladung gestochen,
mußten der Müller oder seine Viehmagd höllisch aufpassen beim Schieben und
Balancieren mittels der beiden Holme, um nicht samt Ladung und Gefährt von der
schmalen Fahrbahn abzukommen.
Auf diesem abschüssigen Gelände, in dessen Umzäunung sich immer wieder ein
Durchschlupf fand, hatten sich die Kinder der Nachbarschaft unveräußerbare
Besitzerrechte eingeräumt. Der Wiesenhang zwischen dem Mühlgraben und unserem
Gartenzaun war ein Ort, an dem es sich wunderbar ungestört spielen ließ. Aber
auch einfach dazusitzen, zu beobachten, ins Tal und ins Dorf zu blicken, dem
blanken Müßiggang zu obliegen, geriet, wenn ich es leibhaftig bin, den ich da in
meiner Erinnerung sehe, zu intensiver Weltbetrachtung aus eigenem Anschauen, wo
nichts im Husch vorüberflog, wo man vielmehr alles schön langsam in sich
einziehen lassen konnte.
Der wettergeschützte Hof wäre ein idealer Ort für Sonnenbäder gewesen. Des
öfteren schlugen Besucher meinen Eltern vor, die Freilandterrasse zu überdachen
und in eine Veranda zu verwandeln. So dachten Städter. Der Hof blieb ein
Arbeitsplatz. So wie er dem Gelände abgerungen und eingerichtet war, schien er
die einzig mögliche Fasson zu haben. Die vielen Gegenstände und Materialien, die
auf dem Hof ihren Platz finden und halten mußten, warteten darauf, gebraucht zu
werden. Schubkarre, Hackstock, Wäscheböcke und gegabelte Wäschesteifen standen
auf Armlänge jederzeit griffbereit. Mittendrin noch eine Schattenmorelle. Eine
selbstverständliche Ordnung, die sich aus Unordnung zusammensetzte. So wie minus
mal minus plus ergibt. Ein phantastisches Ergebnis dieser Umschlag. Enge und
Schlichtheit wurden nie als solche wahrgenommen. Etwa mit einem Gefühl des
Bedauerns. Großzügigkeit konnte unter solchen Umständen allerdings schwerlich
gedeihen. Erst viel später ging mir auf, welcher Reichtum und welche
bereichernde Dingfülle in dem so bescheiden di-mensionierten Geviert beschlossen
lagen und welchen Schutz dieser Platz bot. Nicht nur vor den rauhen Winden, die
sich dem Haus auf dem Berge klangreich mitteilten, besonders deutlich, wenn sie
im Ofenrohr winselten und wir diese Ankündigung eines Wetterwechsels sehr wohl
zu deuten und zu berechnen wußten. Die Enge des zusammengedrückten Hofes, eine
Faltschachtel, die sich nicht entfalten ließ, war das alltägliche Maß, an das
man von klein auf gewöhnt war und das man widerstandslos hinnahm.
Die Sicht reichte weit über das Tal hinweg. Ins Dorf hinein und bis zum
Sachsdorfer Gemeindebusch hinüber, aus dem Kuckuck und Pirol riefen, bis zur
Ochsenwiese, auf der wir im Winter rodelten, solo und in Kette. Die sich
jenseits des völlig zerfahrenen Schimmricher Weges aufbuckelnden Felder reichten
bis zum Horizont und schienen sich in der Unendlichkeit zu verlieren. In diesem
Gefühl wurde man vor allem dann bestärkt, wenn die riesigen Getreideschläge
eingepuppt standen. Hocke an Hocke, Reihe neben Reihe. Die ansonsten einförmig
geglättete Landschaft war dann mit einem grobkörnigen Raster überzogen. Im
Mittelpunkt des Gesichtsfeldes thronte das Rittergut mit den
Wirtschaftsgebäuden. Einen Flügel davon nahm das Schloß ein, das allerdings nur
wenig Ähnlichkeit mit einem der sonst üblichen, meist prächtigen feudalen
Landsitze hatte. Jedenfalls architek-tonisch gesehen. Dieser Herrensitz
erinnerte sehr stark an den voluminösen Kornspeicher mit mehrstöckigen
Schüttböden, in dem sich nach dem Bauernkrieg zunächst die Herren und Damen von
Ziegler und Klipphausen, später im Wechsel eine Reihe anderer dem sächsischen
Landadel zugehörige Geschlechter herrschaftsmäßig etabliert hatten, um die
Bauern besser im Blickfeld zu haben und leichter dämpfen zu können, wenn es sie
noch einmal gelüsten sollte, sich unbotmäßig zu zeigen und an den
Herrschaftsverhältnissen zu rütteln. Der Schreck muß tief gesessen haben.
Der zum Schloß umfunktionierte Kornspeicher blieb durch die Jahrhunderte in den
auf profane Zweckmäßigkeit ausgerichteten Betrieb eingebunden. So befand sich
denn auch im Zentrum des vorderen Gutshofes anstelle eines dekorativen
Springbrunnens als einziger Zierat ein bemooster Sandsteintrog. Jederzeit mit
klarem Wasser gefüllt, das eine nie versiegende und versagende Röhrfahrt von
weither zuführte. Dort tränkten die Kutscher die Ackergäule und Zugochsen, wenn
die Tiere den Weg nicht von selbst dorthin fanden. Hoch über der Hofeinfahrt
verband ein überdachter Fachwerkbau das Schloß mit dem Inspektorhaus. Diese auf
Balken ruhende Brücke mit den vier kleinen Fenstern auf jeder Seite ist in
meiner Erinnerung in den Rang eines Triumphbogens aufgerückt, unter dem hindurch
die Rittergutskutscher mit angeklatschten Mistfuhren oder tropfenden
Jauchefässern auf die Felder zockelten.
Vor dem Schloß duckten sich die Gärtnerei mit den Gewächshäusern, die Mühle, zu
der eine Bäckerei gehörte und die gleichzeitig Bauernhof war. Um die Mühle herum
wie mit einer Hand verstreut die Häuser des Winkels. Wohnung und Stall unter
einem Dach. Am Ende stand das unsere, von der Straße ein Stück zurückgesetzt.
Das Stück Land vor dem Haus blieb ein ewiges Streitobjekt. Der Inspektor
erklärte es zum Eigentum des Ritterguts. Vater hingegen behauptete steif und
fest, es gehöre zum Haus. Diese Fläche wurde als Wendeplatz und Zugang zum
Feimenplatz beansprucht, weil benötigt. Über dem Mühlteich erhob sich die
ehemalige Brauerei, die halb in den Berg hineingesetzt worden war. Eine hohe
Steintreppe führte zum Hauseingang. Darüber gleich eine zweite, die scharf am
Haus vorbei auf die Schäferei hinaufführte. Ein zweiflügliges Rundbogentor,
gerahmt von einem romanischen Sitznischenportal, führte in den Keller, den zu
betreten ich nie Gelegenheit fand. Im Winter sollen darin die Fledermäuse
büschelweise gehangen haben. Über der Brauerei und dem von Roßkastanien
gesäumten Mühlteich stieg eine schanzenartige Böschung hinauf. Darüber stand,
nicht zu übersehen, ein langgestrecktes Gebäude, der Schafstall. Obwohl da oben
noch zahlreiche andere Behausungen, Stallungen und Speicher standen, hieß der
gesamte Komplex nur »Auf der Schäferei«. Überragt wurde diese Anhöhe von zwei
Feldscheunen, deren Fassungsvermögen beträchtlich war. Daneben die allherbstlich
neu erbaute gewaltige Strohfeime. Exakt quadriert und mit Hilfe eines Elevators
und vieler Gabeln einsturzsicher in die Höhe gezogen. An die Umfassungsmauer des
herrschaftlichen Bereichs gelehnt, das Reich des Obstpächters, ein Labyrinth
bretterner Bruchbuden, in denen sein Faktotum hauste, der alte Lange, dem es
oblag, geflügelte und von kleptomanischen Zwängen beflügelte Obstdiebe zu
verscheuchen. Da aber die mit Obstbäumen bestandenen Feldränder und Wiesenpläne
von einer Person nicht zu übersehen waren, vermochte er nur wenig auszurichten.
Ließ er sich im Revier unserer Diebeszüge blicken, waren wir auf und davon, so
daß er fast nie einen zu fassen bekam. Gefährlicher war es da schon, bei den
Streifzügen durchs Geäst vom scharfen Auge des Obstpächters erblickt zu werden.
Mit ihm war nicht gut Kirschen essen. Ältere Jahrgänge wollten wissen, in
Friedenszeiten, auf die so vieles Rühmliche zurückgeführt wurde, habe er mit der
Schrotflinte nach Kirschdieben geschossen, ganz gleich, ob ihnen Flügel
gewachsen waren oder nicht.
Jeder dieser Blickpunkte war ein Stück meiner Welt. Ausgeforscht bis in den
hintersten Brennesselwinkel. Ausgekostet jeder fruchttragende Baum und Strauch.
Pferdeställe, Heuböden, Wagenremisen, Schirrkammern durchstöbert. Jedes
Schlupfloch durch lebende Hecken und Staketenzäune gefunden. Jedem Fußpfad
nachgegangen, die glitschigen Mühlwehre gequert, Koppeln, Lehmgruben,
Steinbrüche samt Pulverkammern erkundet. In jedem Tümpel und Tonloch gegründelt,
nahezu durch jedes Schleusenloch gekrochen. Kein Flurstück blieb unentdeckt. Wir
liefen uns die Heimat an den nackten Fußsohlen ab. Auf Dauer vermochte sich vor
uns nicht eines er sechzig Häuser, aus denen das Dorf bestand, zu verstecken.
Kein Tag verging, an dem die Augen nicht wenigstens einmal dieses Blickfeld im
Halbkreis abnahmen und durchmusterten. Man hätte am Ende schon gar nicht mehr
hinsehen brauchen. Das Auge wußte die Bilder längst im voraus. Dennoch wurde es
dieser Okularinspektionen nie überdrüssig.
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