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aus: Keinen Penny für nichts
Das war die Frage: Was sind wir?
»Wir sind jüdisch«, sagte meine Mutter, »aber nicht richtig.« Wir sind jüdischer
Herkunft, so wie andere von Engländern oder Norwegern abstammen. Wir haben uns
assimiliert, ganz bescheiden. Wir haben nicht nur den Glauben verlassen, wir
haben uns auch von Jüdischkeit distanziert, als ob alles daran - Sprachen,
Kultur, Gebräuche, der Humor - nach gefilte fisch roch. Niemand würde uns für
Juden halten, und wennn wir unser Erbe auch nicht verleugnet haben, betont haben
wir es jedenfalls auch nicht.
Bei einem Sonntagsausflug ins Mystic Aquarium sah ich zum ersten Mal Chassidim.
Obwohl ich wußte, daß es sich nicht gehörte, konnte ich nicht anders als
diese Familie anzustarren, die trotz der Julihitze völlig eingemummt war. Ihr
Sohn war etwa in meinem Alter, und seine Schläfenlocken kringelten sich und
klebten an seinem blassen, spitzen Gesicht. »Daß du dich bloß von ihnen fernhälst«,
ermahnte mich meine Mutter. »Sie sind schmutzig. Sie baden sich nicht.«
Wir feierten Weihnachten, hängten Santa-Claus-Strümpfe auf, beschenkten
einander unterm Weihnachtsbaum, aber so weit, eine Krippe aufzustellen, gingen
wir nicht, und auf den Weihnachtskarten, die meine Mutter verschickte, waren
verschneite Wälder abgebildet. Amerikanische Weihnachtskarten, die einen auf
die Idee brachten, Jesus sei so jemand wie Johnny Appleseed gewesen, der
bekanntlich den ganzen Mittleren Westen mit Apfelbäumen bepflanzte.
Eine Woche vor Ostern kaufte meine Mutter neue Osterkleidung für meine
Schwester und mich: bombastische Kleider, Mary-Jane-Lackschuhe, steife Strohhütte
mit Bändern, die den Rücken runterbaumelten.
Am nächsten Tag wurden meine Schwester Rose Anne und ich der Obhut einer
Nachbarin überlassen, weil meine Eltern einen Schiwe-Besuch machen mußten.
Daddys Großtante Sarah war gestorben. Ich stellte mir Schiwe-Sitzen so vor:
Erwachsene saßen zähneklappernd auf Eisblöcken. »Nun«, sagte meine Mutter,
»du liegst gar nicht so daneben. Es ist ähnlich lächerlich.«
Die Nachbarin nahm Rose Anne und mich mit in ihre Kirche zur jährlichen
Ostereiersuche. Rose Anne und ich waren hingerissen.
Jedes Kind bekam einen mit limonengrünem Kunstgras ausgelegten Korb, in den wir
die Eier tun konnten, die wir gefunden hatten. Nach einer Stunde gewann der, der
die meisten Eier gefunden hatte, einen riesengroßen Schoko-Hasen. Massiv
Schokolade, nicht hohl, mit einer lila Hagelzucker-Kette um den Hals.
Achtung! Fertig los! Der Pfarrer blies in seine Pfeife, und wir stoben in alle
Richtungen. Es war, als leitete mich Gott persönlich. Eier, Eier, überall.
Gegen Steine gebettet, unter Blättern hervorlugend, offenbarten sie sich mir in
wahren Farbexplosionen - blau vor einem Baumstamm, rot im Gras, gelb auf
Asphalt. Mein Korb quoll über.
Ich hatte bei weitem die meisten Eier gesammelt, ein gewaltiger Sieg, wie die
Richter bei der Auszählung feststellten. Sie zählten noch einmal. Dann
berieten sie sich und gaben folgendes bekannt: Während ich in der Tat die
meisten Eier hatte und man mir hierzu gratulieren mußte, so war ich doch ein
Gast. Nur ein Mitglied der Kirche konnte den Preis gewinnen. Ich bekam dieselbe
Handvoll billiger Süßigkeiten wie all die anderen Kinder.
Ich verstand es so: Gast war ein Euphemismus. Und jüdisch zu sein, aber nicht
richtig, bedeutete, daß man zwar bei einer Ostereiersuche mitmachen, aber den
Schoko-Hasen nicht gewinnen konnte.
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