Peter Kirchberger

Objektiv? Subjektiv!


Herr Gesswagner verließ sein Haus in der Stadt, um sich ein wenig die Beine zu vertreten und seinen Verstand zu klären. Er hatte gerade einen heftigen Streit mit seinem Bruder hinter sich, bei dem wieder einmal er trotz der besseren Argumente den Kürzeren gezogen hatte. Und das ärgerte ihn, dass er sich immer mehr anstrengte, aber immer weniger erreichte. Der Mensch stritt und stritt und debattierte, aber im Prinzip war es völlig einerlei, was einer sagte, weil immer das Mehr an Liebe siegte. Der Mensch glaubte also an etwas, das gar nicht existierte. Er lebte sozusagen mit einem riesigen Trugschluss. Gesswagner wusste noch nicht, was er mit diesen Gedanken anfangen solle.

So kam es, dass sein schizophrener Freund Hans des Weges kam und gleich in diese Richtung weitermachte. Hans blähte sich auf und sprach:

„Weißt du, mein Freund, was das Übel dieser Welt ist? Das ist wahrhaftig einfach gesagt – so wahrhaftig, wie der Mensch werden soll. Der Mensch, dieser Trottel, glaubt, dass er objektiv ist, doch das ist er ganz einfach nicht! Und alle Schlechtigkeit und Unnatürlichkeit folgt aus diesem Trugschluss!“

Da war Gesswagner wie weg. Er wünschte sich eine Antwort herzensmäßig herbei, und schon präsentierte sie ihm einer. Hans glaubte also, dass der Mensch NICHT objektiv war, sondern subjektiv, und das der Trugschluss war.

Er war Hans dankbar, wechselte noch ein paar Belanglosigkeiten mit ihm und zog ein Häuschen weiter. Ja, dieser Hans war ein gescheiter Teufel, aber dennoch und gerade deswegen viel mehr in diesem Trugschluss gefangen als der sogenannte Faschist.

Auf einer Bushaltestelle beobachtete Gesswagner einen Mann, der in seinen Laptop Mathematik eintippte. Der Spaziergänger hatte nicht den Eindruck, dass dieser Mann über diese Dinge Bescheid wusste. Aber dennoch und gerade deswegen wirkte er glücklicher und stärker. Wenn Hans recht hatte, lebte dieser sozusagen mit mehr Fehlerpotential. Und nach dem Eindruck, den Ge gewann, hatte er recht.

Ja, dieser Hans. Ge hatte selbst immer vermutet, dass das Geheimnis dieser Welt hinter der „sogenannten“ Objektivität liege.

Doch warum sollte der Mensch da einen falschen Schluss begehen? Objektivität hieße, alle Bilder zu sehen, also im Fluss des Lebens völlig hängen zu bleiben. Völlig hängen bleiben. Nur das Geistige.

Ja, da musste wirklich ein falscher Schluss vorhanden sein. Und Ge wusste jetzt auch warum. Er hatte nämlich einmal heraus philosophiert, dass es ohne Angst keine Liebe, ohne Gefühl keinen Verstand und ohne Mann keine Frau gebe.

Wäre der Mensch also objektiv, wäre da nur das Geistige, und nichts Sinnliches, und ohne Beidem wäre da nichts. Doch WARUM?

WARUM Mann und Frau als Gegenspieler?

Und jetzt wurde Gesswagner leichter in der Brust. Er war bereits auf ein Axiom gestoßen, und zwar auf das größte philosophische. Der Mensch lebte tatsächlich mit einem Trugschluss, und zwar mit dem, nur aus der geistigen Komponente zu bestehen, nur Mann oder nur Frau zu sein, dabei war aber jeder Mensch Mann und Frau in einem.

Und Arbeit und Geld bedingten solche Schlechtigkeit.

Und der, der das am besten verstanden hatte, war ein junger Mann vor ihm im Mega-Ecstasy-Flash, der sagte:

„Ja, was soll man wissen?“

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